Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1864)
- Date
- 1864-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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182 über das Treiben jener Anfeindung auch nur den leisesten Ausdruck zu geben, will ich mit der unbefangensten Ruhe die Thatsachen erzählen, welche jene Verurteilung hervorgerufen. Daß ich den Frieden und die Wahrheit liebe, dafür zeugen die nun nahezu 50 Jahre, die ich in ununterbrochener Eintracht mit meinen Gemeinden und Amtsgenosten bei meiner Wirksamkeit als Rabbiner gelebt, dafür spricht das Wirken meiner Söhne und Schwiegersöhne, welche, ebenfalls Rabbinen, meinem Beispiele folgend, in ihrem Berufe stets nur nach Frieden streben. Es wird also Niemand etwas Anderes von mir erwarten können als eine ruhige Abwehr. Eine solche Abwehr aber bin ich der so heftig angetasteten Ehre meiner Gemeinde und ihres Vorstandes schuldig. Dies der Beweggrund meines jetzigen Rundschreibens, welches gewiß in allen Gemeinden aufmerksame Leser finden wird. Fast in allen mehr oder minder bedeutenden Gemeinden ist bereits das Streben nach Neuerungen im Cultus zur Geltung gekommen; überall haben diese Neuerungen ihre Freunde gefunden, und auch in der hies. Gemeinde - an Größe die dritte in Ungarn — zählt dieses Streben eine sehr beträchtliche Menge von Anhängern, darunter vorwiegend Männer von Intelligenz und Ansehen. Schon in vielen Gemeinden hat der Neubau von Synagogen die schrecklichste Zwietracht hervorgerufen, obschon ohnehin leider verderbliche Parteiung genug im Judenthum herrscht. Ich fürchtete immer, es könnte dieser Dämon der Zwietracht auch in meiner Gemeinde Eingang finden, und seitdem vor zwei Jahren hier der Bau der neuen Synagoge begonnen wurde, verfolgte mich die Furcht vor ungesetzlichen Neuerungen und Veränderungen der Liturgie unablässig, welche Besorgniß durch die mehrfach mir gemachte Miltheilung, daß von Einigen sogar die Einführung einer Orgel beabsichtigt sei, nur gesteigert wurde. Doch nachdem ich sowohl mit mir selbst, als mit mehreren meiner Freunde zu Rathe gegangen war, hatte ich schließlich den unerschütterlichen Vorsatz gefaßt: jede Einrichtung, die nicht im Einklänge zu den Vorschriften des Schulchan-Aruch steht, mit dem Aufgebote aller Kräfte zu verhindern, jede Neuerung, welche aus unjüdischen Elementen besteht, mit aller Macht zu bekämpfen, solche Veränderungen des Cultus hingegen, die an und für sich nicht unstatthaft sind, stillschweigend mitanzusehen, und dieselben einzig und allein dem Willen der Gemeinde zu überlassen. Diesen Vorsatz habe ich auch ausgeführt. Als ich vernahm, daß man das Gitter der Frauengallerie nicht in der von den Poßekim vorgeschriebenen Höhe angebracht habe, machte ich dem Vorstande und der Baukommission meine dringlichsten Vorstellungen, und wurde der gerügte Uebelstand sofort beseitigt. Als nach vorhergegangener Bekanntmachung in der Gemeinde die Wahl eines Chorkantors zu Stande kam, wurde auch nicht eine Stimme dagegen laut. Schon längere Zeit vorher hatte ich mit dem damaligen Vorsteher der Gemeinde, den ich als einen abgesagten Feind aller Neuerungen kannte, die Verabredung getroffen, daß er bei dieser Gelegenheit nochmals alle Gemeindemitglie-! der befrage, ob sie mit der Einführung eines Chor's zufrieden wären; er jedoch hat dies zu thun unterlassen. Ich war nun zu der Einsicht gelangt 1) daß die Mehrzahl der hies. Gemeindeglieder durch ihre protokollarischen Unterschriften für die Einführung eines Chor's sicherklärten, und daß auch diejenigen, die es nicht wünschen, durchaus keinen Kampf und selbst keine Verhinderung desselben beabsichtigen, 2) daß bei dem in der neuen Synagoge eingeführten Choral auch nicht das Geringste vorhanden ist, was dem Schulchan-Aruch zuwiderläuft, daß der Cantor dem Vorstande angeloben mußte, unjüdische oder profane Melodiken niemals dem gottesdienstlichen Gesänge einzuverleiben, und daß dergestalt auch der Vorstand im Allgemeinen das Unstatthafte zu vermeiden sucht, und 3) daß in der alten Synagoge, die zu diesem Zwecke restaurirt worden ist, alle diejenigen, welche eine Abneigung gegen den Chor haben, ihre Andacht in gewohnter, althergebrachter Weise verrichten können. Demgemäß war kein Grund zu meinen anfänglichen Besorgnissen mehr vorhanden, um so weniger, als der Chor in der That sich ganz streng an die gesetzliche Gebetordnung bindet, und nicht das Mindeste daran verändert hat. Ich weiß es wohl, daß es Rabbinen gibt, welche selbst gegen eine solche innerhalb der Schranke des Erlaubten sich entwickelnde Neuerung, wie sie hiervorgekommen, mit aller Macht auftreten, und aus Furcht, es könnte diese zwar gesetzlich erlaubte Neuerung doch noch andere ungesetzliche nach sich ziehen, alles aufbieten würden, um dieselbe zu Hintertreiben; allein ich konnte, wenn ich den Frieden in meiner Gemeinde erhalten wollte, nicht anders handeln, und glaube von Jedermann nach dem Princip unserer Weilen beurtheilt zu werden, das uns verbietet, über unsere Nebenmenschen eher zu richten, als bis wir seinen Standpunkt eingenommen. Wenn nun benachbarte Rabbinen nichtsdestoweniger von ihrem Eifer sich zu Schmähungen gegen mich und meine Gemeinde haben Hinreißen lassen, anstatt die Angelegenheit mit taktvoller Rücksicht zu verfechten, so möge es ihnen der Gnadenvolle verzeihen. Wenn ich, Gott behüte, in dieser Angelegenheit irgendwie einen Fehler begangen habe, so hoffe ich ebenfalls auf Schonung, denn nur von meiner Friedensliebe habe ich mich in der ganzen Sache leiten lassen, und auch darin bin ich nicht blos meiner eigenen Ansicht gefolgt, sondern auch den Worten einer anerkannten rabbinischen Autorität, welche lauten: „das Zweckmäßigste bei solch minderwichtigen Dingen, damit zu keinem Zank und Hader Anlaß gegeben