Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1864)
- Date
- 1864-03-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Bald nachdem sich der Oozir verabschiedet hatte, erschien der Königliche Vice-Hofmarschall mit einem Gefolge von Cavallerie im Hofe unseres Palastes, um uns zur Audienz zu geleiten. Unsere Gesellschaft bestand außer meiner Person aus dem Kgl. engl. Consul Re ade, dem Capitän der Magicienne Armitage nebst zweien seiner Offiziere, aus meinen Mitreisenden vr. Hodgkin, Herrn Samson Samuel und Herrn Moses Nahon aus Tanger, der uns nach Marocko begleitete und dem wir vielen Dank schuldig sind; er unterzog sich freundlichst der Aufsicht über alle unsere Reiseanordnungen, deren oft mühevolle Besorgung er auf's Beste vollbrachte; seine Kenntniß der maurischen Sprache, seine Bekanntschaft mit den Sitten und Gewohnheiten der Gegend, seine geschickte und gute Manier, bei unserm maurischen Gefolge die Ausführung seiner Befehle durchzusetzen und die Liebenswürdigkeit, mit der diese Dienste von ihm geleistet wurden, trugen wesentlich dazu bei, die Gefahren unserer Reise zu verringern und die Unannehmlichkeiten derselben zu Mildern. — In meinem vorigen Briefe habe ich vergessen, mitzutheilen, daß Signor John Daniel Colaco, portugiesischer Minister zu Tanger, mir seine Sänfte zur Verfügung stellte und daß ich in dieser die beschwerliche Reise durch das Innere von Marocko zurücklegte; sie wurde von zwei Maulthieren getragen; ungewohnt, zu Pferde zu reisen, hätte ich in anderer Weise den weiten Weg nicht zu ertragen vermocht, der auch so ermüdend und erschöpfend genug war. — In einer Viertelstunde erreichten wir den Vorhof des Königl. Palastes; vor demselben waren lange Reihen von Infanterie der verschiedenartigsten Gattungen aufgestellt, durch die wir hindurchpassirten; im Hofe selbst befanden sich über 6000 Mann von allen Truppengattungen. Vor dem Palaste kamen uns der Oozir, der Oberhosmarschall und andere hohe Würdenträger des Reiches entgegen. Ich stieg ab von meiner Sänfte und meine Gefährten sprangen von ihren Pferden, um ihnen eutgegenzugchen; wir wurden herzlich bewillkommt. Wir stellten uns in eine Reihe, um die Ankunft des Sultans zu erwarten. Zuerst kam dann eine Reihe weißer Handpferde und des Sultans Wagen, mit grünem Tuch ausgeschlagen. Die Ankunft seiner MaMät ward durch Trompetenstöße verkündet. Dann erschien der Sultan auf einem herrlichen weißen Rosse, dessen lebhafte Bewegungen er mit großer Geschicklichkeit bändigte. Die Farbe des Pferdes war ein Beweis, daß wir mit, großer Auszeichnung empfangen wurden. Die Erscheinung des Kaisers macht einen sehr günstigen Eindruck; in feinem Gesichte ist Geist und Wohlwollen zu lesen. Der Sultan sagte: es mache ihm Vergnügen, mich an feinem Hofe zu erblicken; mein Name sei ihm wohlbekannt, ebenso wie mein Wunsch, die Lage meiner Brüder zu verbessern; er hoffe, daß mein Aufenthalt in seiner Hauptstadt ein angenehmer mi; auch wies er mit großem Nachdruck auf die freundschaftlichen Verhältnisse zwischen ihm und unserem Lande (England) hin. Nun überreichte ich ihm meine Denkschrift in Betreff der jüdischen und christlichen Unterthanen keines Reichs. Darauf wurden wir mit denselben Ehren zu unserm Gartenpalaste zurückbegleitet, die uns auf unserem Hinwege zu Theil geworden waren; beide Male schritt vor meiner Sänfte ein weißes, königliches Roß einher, welches für ein hohes und vorzügliches Ehrenzeichen gilt. (Wer denkt hiebei nicht an das Roß des Königs Ahasver, auf welchem Mardechai reiten durfte, zum Zeichen, daß der König ihn ehren wolle! Red.) Für den Abend desselben Tages hatte uns der Oozir zu sich in seinen Palast eingeladen; wir wurden mit wahrhaft orientalischer Gastfreundlichkeit unterhalten. Im Laufe des Gesprächs versicherte uns der Oozir, daß es ebenso des Sultans wie sein eigener Wunsch sei, die Juden Marockos zu schützen. Er nahm Notiz von einigen besonder» Uebelständen und Klagen, von denen wir ihm Mittheilung machten, und versprach, die nothwendigen Untersuchungen einleNen zu lassen, um all diese Uebelftände abzuftellen. Andere Maßregeln wurden noch besprochen, wie die Erweiterung des engen Judenviertels in Mogador, die Schenkung eines Hauses zu einem Hospital u. s. w.; allem dem versprach der Oozir eine günstige Fürsorge zu widmen. Bereits waren Anordnungen getroffen, daß die „Magicienne" am 8. d. M. von Saffi auslaufen sollte, weil wir an diesem Tage den genannten Hafen bei unserer Rückkehr von der Hauptstadt zu erreichen hofften. Allein ich wollte erst die Antwort des Sultans auf die ihm überreichte Denkschrift abwarten. Nun wurde es aber doch rvünschenswerlh, daß wir nach Saffi abreisten. Die Brandung geh! hier zu allen Zeiten sehr hoch, und wir würden uns durch den Versuch, sie zu durchschneiden, großer Gefahr ausgesetzt haben, wenn dieser Versuch überhaupt ausführbar gewesen wäre. Unter diesen Umständen beschloß Capitän Armitage mit einem feiner Offiziere, Donnerstag, den 4. d. M., Marocko zu verlassen, zur bestimmten Zeit in Saffi zu Schiffe zu gehen, nach Mazagan zu fahren und dort unsere Ankunft abzuwarten. Wir alle begleiteten Mittwoch, den 3. d. M., die beiden Herren bei ihrem Abschiedsbesuche, den sie dem Oozir abstatteten- Bei dieser Gelegenheit empfing er uns in einem Kiosk oder Pavillon seines Gartenpalastes. Die Scene war höchst malerisch. Ich sprach zu dem Minister von meiner Angst, daß mir die Antwort des Sultans derart verspätet zukommen möchte, daß ich das Schiff nicht zur rechten Zeit erreichen könnte.