Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1864)
- Date
- 1864-03-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage z« Nr. 11 des Israelit. Aeitnngsrrachrichten und Correspondenzen. Preußen. Königsberg, Ende Februar. Unser Vorstand, heißt es, wird nächstens eine Concurrenz um das hier erledigte geistliche Amt ausschreiben, die ihres Gleichen sucht. Die gesuchte Persönlichkeit soll nicht nur die gewöhnlichen Eigenschaften des Rabbinats und des Doctorats besitzen, sondern soll auch die schwere Kunst verstehen: am Sonnabend und am Sonntag, d. h. für die Frommen und die Reformirten, in einem Gotteshause zu predigen. Ob sich eine solche Person in Deutschland wird ermitteln lassen, ist schwer zu sagen. Hier in Königsberg scheint sie nicht vorhanden Zu sein. Lehrer Wollfberg hält zwar hin und wieder Vorträge in der Synagoge, hat aber keine Horaah. Sonst würde sich derselbe, der neben seinem geistlichen Amte auch noch das eines — christlichen Sängervorstandes verwaltet, schon zu jener doppelten Funktion gern bereit erklären. Einige reflectiren auch auf Hrn. Jolowicz, der jetzt durch seine öffentlichen Vorlesungen über die Entwickelung des Judenthums wieder die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf sich gezogen hat. Im Ganzen verherrlichen diese Vorlesungen unfern Glauben und tragen viel zur Berichtigung von Vorurtheilen bei. Was derselbe jedoch über den Talmud und das Buch Sohar gesagt hat, dürfte die Rechtgläubigen nicht gerade für ihn einnehmen. Wir berichten jedesmal darüber gewissenhaft im „Versaffungsfreund". — Unsere berühmten beiden Deputirten aus der geschloffenen Berliner Kammer, die Doctoren Ko sch und Jacoby, sind längst wieder heimgekehrt. Letzterer ist nun auch als Mitglied der Königsberger Stadtverordneten-Versammlung gewählt und bereits eingetre- 1m. ein Beweis, daß er das Verträum seiner Mitbürger wie das seiner politischen Freunde besitzt. Daß er für die ganze Dauer der Kammersession nicht die Diäten erhoben hat ,ist eine folgerichtige Handlung, welche seinem uneigennützigen Character alle Ehre macht. Auch als praktischer Arzt ist Joh. Jacoby nicht bloß bei dm Reichen, sondern mehr noch bei dm Armen, speciell bei dm jüdischen Armen beliebt. Bei dieser Gelegenheit Heilen wir über ihn aus seinem Leben etwas mit, das, soviel wir wir wissen, noch keine Biographie von ihm bisher gebracht hat. Als er im Decbr. 1849 aus der Schweiz nach Königsberg zurückgekehrt, um sich der schwersten Anklage zu stellen, auf Lebm und Tod vor dm Geschworenen stand, und seine Freunde den Tag über wegen des Proceßausganges in fieberhafter Aufregung waren: da hatten sich auch arme jüdische Frauen, denen er oft Hilfe in der Noth gespendet, heimlich auf den Friedhof begeben und harrten dort auf dm Gräbern bei strengster Kälte vom Morgen bis Abend in heißen Gebeten für ihn aus, bis Gott ihr Flehen erhört hatte — bis der Angeklagte sreigesprochen worden war. Diese stille, rührende Ovation ehrt Jacoby gewiß mehr als alle noch so lauten ihm bisher dargebrachten Huldigungen. Unser nicht minder beliebter Abgeordneter vr. msä. Kosch liegt wochenlang schon auf dem Krankenbette. Das orthodoxe Judenthum, für das er als Vorsitzender der Reprüsentantmversammlung gegen leichtsinnige Reformen öfters in die Schranken getretm, hat alle Ursache, die Wiederherstellung seiner Gesundheit zu erflehen. M. Almoni. Königsberg, Ans. März. Ich schrieb Jhnm in meiner letzten vorjährigen Correspondenz: Das alte Judenthum steht in Königsberg, der „Stadt der reinen Vernunft", wie es genannt wird, (nicht wie mich das gedruckte Blatt S. 646 sagen läßt: Stadt reiner Vernunft) trotz einiger informatorischer Anläufe gottlob noch in voller Blüthe. Dieser Ehrentitel unserer Stadt spielt Heils darauf an, daß unser berühmtester Mitbürger, Immanuel Kant, hier sein berühmtestes Werk . Kritik „der reinen Vernunft" geschrieben hat, Heils soll es auch andeuten, daß seine Landsleute, die Königsberger, wie er, überall der Vernunft, der sittlichen Pflicht Folge zu leisten suchen. Wie Berlin schlechthin die Stadt der Intelligenz heißt, wird Königsberg demnach, bald im guten, bald auch im ironischen Sinne die Stadt der reinen Vernunft benannt. Dies eigmthümliche Prädicat aber ist noch kaum zwei Decmnim alt, obwohl dessen eigentlicher Urheber schon sechs Decmnim todt ist. Der Erste, der dasselbe öffentlich gebrauchte, Hat dies in dm vierziger Jahren dieses Säculums in der zu Leipzig er-