Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 5 (1864)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1864)
- Date
- 1864-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447141-2447143--02347-2457676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 tiger Fragen gegeben, doch ist in der That nicht eine zum Austrag gekommen. Als wir den vorigen Jahrgang begonnen, da gab es heftige Debatten über die Verwendung des ungarisch-jüdischen Schulfonds und über Errichtung von Rabbiner- und Lehrer-Seminarien — bis die Sache vollkommen wieder eingeschlasen ist. Ebenso erging es mit der Schulinspectoren-Frage, welche die Gemüther nicht wenig erhitzte, bis — Alles -^beim Alten blieb; dann kamen die Vertrauensmänner atz die Reihe, die aber ebenfalls Embrionen verblieben. JLoch zwei wichtige Entscheidungen der k. k. Regierung Har das verflossene Jahr aufzuweisen: 1) das Erkennts ns, welches der Stw. orthodoxen Minorität das Recht Ler Trennung zusprach und 2) dasjenige, welches dieses Recht der Großwardeiner reformatorischen Minorität absprach. Hohe Weisheit und erhabene Gerechtigkeit wies in den Entscheidungsgründen darauf hin, daß die Reform nicht berechtigt sei, einer orthodoxen Minorität Zwang aufzulegen, während von einem Zwange nicht die Rede sein kann, wenn Reformer nicht bei den bestehenden Zuständen verharren wollen. — Ebenfalls zeugt es von hoher Gerechtigkeit und von dem Ernste, mit welchem die Gleichberechtigung gehandhabt wird, daß die hohe k. k. Regierung judenfeindliche Schriften unterdrückt; es erscheint dagegen nicht mehr als billig, wenn andererseits der Wertheimer'sche Kalender, in welchem ein Aufsatz vom vr. Grätz von der Geistlichkeit beanstandet wurde, unterdrückt und der Herausgeber (vr. Leopold Komp ert) in Anklagezustand versetzt worden. Die JudenverfolgungeMtzi Linz, Hermannmiestez u. s. w. waren G. s. D. von keiner Bedeutung. — In Preußen harrt der tz. 12 der Verfassung, welcher die bürgerlichen und politischen Rechte als vom Glaubensbekenntnisse unabhängig darstellt, noch immer seiner stritten Durchführung. Dagegen — läßt es die sogen, feudale Presse nicht an Hetzereien gegen unsere Glaubensgenossen fehlen; Alles, was diesen Herren nicht recht ist, sollen die Juden verschuldet haben, sogar die Volksbewegung zu Gunsten Schleswig-Holsteins! Wie lächerlich! — Großes Interesse gewähren die isr. Zustände in Württemberg, von denen wir in jüngster Zeit häufiger zu berichten Gelegenheit hatten. Während die Kammer die vollständige und allseitige bürgerliche und politische Gleichstellung ausgesprochen hat, herrscht in religiöser Beziehung eine Bureaukratie, von der man anderswo keine Ahnung hat. Die O. K- B. mit Herrn K. R. M. an der Spitze hat sich seit drei Jahrzehnten bemüht, den Geist zu knechten und die Anhänglichkeit am Gesetze zu ertödten. Jetzt erst ermannen sich die Gesetzestreuen in Württemberg; bereits ist viel erreicht, aber noch weit mehr muß geschehen, um das Erreichte, das noch beinahe nur in moralischen Siegm besteht, nutzbar zu machen. Doch die Hauptsache ist: die Gesetzestreuen sind aus langem Schlummer erwacht. Mögen sie auch ferner hübsch munter bleiben, an unseren Weckrufen soll es nicht fehlen. — In der Schweiz ist unfern Glaubensgenossen im Aargau endlich die langersehnte Gleichstellung durch Decret des Bundesrathes zu Theil geworden. Den Handelsverträgen mit fremden Mächten stehen noch immer die alten Schwierigkeiten entgegen Ein glänzendes Beispiel wahrhafter Liberalität hat in dieser Beziehung die holländische Kammer gegeben, indem sie dem schon abgeschlossenen schweizerischen Handelsverträge die Genehmigung versagte, weil er zwischen Holländern verschiedener Confessionen einen Unterschied machte. — In Polen befinden sich unsere Glaubensgenossen, zwischen zwei Parteien geklemmt, in sehr prekärer Lage; wissen aber doch durch besondere Klugheit unter Gottes gnädiger Fürsorge das drohende Verderben von sich fern zu halten Auch aus Amerika hatten wir im verflossenen Jahre über Unterdrückungen zu klagen, die mit der allgemeinen Corruption, welche der Bürgerkrieg erzeugt, Zusammenhängen; dieselben sind jedoch G. s. D. vereinzelt geblieben. — In der Türkei hat der Sultan die von seinem verstorbenen Bruder ausgesprochene Gleichstellung der verschiedenen Bekenntnisse bestätigt. — In Jerusalem schreitet der Bau von Armen- und Pilgerwohnungen rüstig vorwärts und gewinnt sich täglich erhöhtere Theilnahme. — In den Donaufürstenthümern dauern die Plackereien, Ausweisungsdekrete rc. leider immer noch fort. — In Marocko hat sich die projektirte Judenverfolgung durch die aufopferungsvollen Bemühungen des edlen Sir Moses Monte fiore zum Guten gewendet. Irr England sind in neuster Zeit in den bedeutendsten Städten des Königreichs Glaubensgenossen zu den höchsten städtischen Aemtern berufen worden. Aus Abessinien dringt der Nothschrei unserer zahlreichen, dortigen Glaubensgenossen, die in Gefahr sind, in ihrem Glauben gefährdet zu werden, hilfebegehrend zu uns. Gebe Gott, daß ihnen schleunig und energisch Hilfe gebracht werde, eine Hilfe, die mit verhältnismäßig geringem Aufwands von Mitteln geleistet werden könnte. — Wir glauben nunmehr das Bedeutendste hervorgehoben zu haben, was sich im verflossenen Jahre ereignet hat, ohne irgendwie dabei auf Vollständigkeit Anspruch zu machen. Gebe der allgütige Gott, daß wir künftig nur Erfreuliches zu berichten haben und daß namentlich das leider vielfach so tief gesunkene religiöse Leben sich mächtig wieder heben möge. —