Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1863)
- Date
- 1863-12-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Plötzlich rief er, um sich wendend: „Kennt wohl Einer jenen Mann, Der dort eine Gabe spendend, Hält auf seinem Rosse an?" — „Ob wir, hieß cs, „Nathan kennen, Den sie auch den Lüstling nennen!" „Schaut Ihr," frug Akiba weiter, Schaut Ihr nichts auf seinem Haupt?"— „Nicbts," versetzten jene heiter, „Als die Mütze grün umlaubt." — „Eilet," sprach der Rabbi, „eilet, Rust den Mann mir unverweilet!" — Nathan hatte kaum vernommen, Wer zu sprechen ihn verlang', Eilt dem Wunsch er nachzukommen Eines Mann's von solchem Rang; Unter allen Schriftgelehrten Galt er für den höchstbewährten. — Hirt und Knecht in jüngern Jahren,*) Ja, den Schriftgelehrten feind, Weil so stolz sie sich gebühren, Wo ein Laie**) nur erscheint, Ließ durch Lieb er sich besiegen Selbst den Studien obzuliegen. Und er that's mit solchem Fleiße, Und er strebte so voran, Daß er ticfgelehrt und weise, Macht und Reichthum auch gewann; Daß sein Herr, sich selbst zum Lohne, Gern ihn nahm zum Schwiegersöhne. — „Nathan, hör', ich ließ Dich kommen," Sprach Akiba, „weil ich fand Ausgezeichnet Dich als Frommen Wunderbar von Gottes Hand. Ja, Du darfst ein Jenseits hoffen, Denn der Himmel steht Dir offen." „Magst Du gehen, magst Du stehen, Ist urn Haupt und Stirne Dir Eine Strahlenkron' zu sehen Bon des Himmels reinster Zier. Nathan, sprich, was Du begonnen, Daß Du solchen Lohn gewonnen?" — „Licht und leicht verfließt mein Leben," Sagte Nathan, „frei und frank; *) Um die Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels im Hause des reichen Calba-Schebua zu Jerusalem. — Vergl. „daS Buch der Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit" von A. Tendlau. 2. Auflage Nr. 54. — Akiba staib den Märtyrer-Tod unter Hadrian um das Jabr 135. — Vergl. das. Nr.?. **) Ein Ungrlehrter, -nu liuureL. Was der Himmel mir gegeben, Froh genieß' ich's und mit Dank. Einmal nur gab's schwere Stunden, Doch auch die sind überwunden." Und er theilte treu und offen Seinen Kampf dem Rabbi mit, Wie, von Hanna's Blick getroffen, Er so bittre Qualen litt, Wie so nahe der Versuchung^, Er entgangen der Verfluchung. — „O, mein Sohn, das ist nichts G'ringes," Nahm Akiba jetzt das Wort, „Nein es ist nicht leichten Dinges, Beugen so den Sinn sofort! Strahlt das Haupt Dir schon auf Erden, Welcher Lohn wird einst Dir werden!" „Darum höre, was ich sage, Und befolge meinen Rath. — Sorge, daß Dein Haupt noch trage, Zu der Krön' der frommen That, Auch der Thora hohe Krone! — Gern schaff' ich sie Dir zum Lohne." — Und er that so. — Gleich zur Stunde Schließt er sich den Schülern an, Weiht sich der Gesetzeskunde, Folgt der Weisheit lichter Bahn. Und getreu dem neuen Rufe, Schreitet er von Stuf' zur Stufe. Und so war es ihm gelungen, An Akibas fester Hand, Daß er, baldigst vorgedrungen, An des Meisters Seite stand; Daß er, an der Schüler Spitze, Saß zunächst dem Ehrensitze. — Einst, nach manchem bittern Tage, Müd' der langen Seelenqual, Trat, zu einer Scheidungsklage, Hanna's Gatte in den Saal. — Kaum daß seinem Aug' er traute, Als er Nathan sitzen schaute. Und er wendet sich zum Nächsten: „Wie kommt dieser Mann hierher! Nathan seh' ich fast als Höchsten, Wie kommt Der zu solcher Ehr!" — Da vernimmt erstaunt der Gatte, Was sich all ereignet hatte. — Um sich wendend augenblicklich Mt er fort im schnellen Lauf; Ach, wie fühlt er sich so glücklich, Und wie lebt er wieder auf! Aller Zweifel ist gewichen, Aller Zwiespalt ausgeglichen.