Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1863)
- Date
- 1863-06-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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262 scheu Corps am NeujahrStag, ein Ersatzmann unzulässig wäre. Die ganze Familie ist 1815 geadelt, 1822 in den österreichischen Freiherrnstand erhoben worden. Auch die Resiaurationsregierung nahm zu den Diensten Rothschilds ihre Zuflucht, namentlich wegen Herbeischaffung der sogenannten „Milliarde für die Emigrirten". Die andern Gouvernements — mit Ausnahme des preußischen, das nie in Geschäftsverbindung mit dem Hause getreten, wenn man die „Seehandlung" nicht als Vertreter des Staats ansicht — folgten diesem Beispiele, und bald kam das Witzwort in Umlauf: Der Sultan ist der Beherrscher aller Gläubigen, Rothschild der Gläubiger aller Beherrscher. Uebrigens verhinderte ihn die nahe Beziehung zu dem Hofe der älteren Bourbonen nicht, in den Julitagen 1830 den Verwundeten ein Geschenk von 12,000 Fr. zu machen und ebenso freundschaftlich den Orleans gegenüberzutreten. Louis Philipp zeigte sich dafür erkenntlich durch Betheiligung des Financiers an allen großen Spekulationen, die ihm selbst vorgkworfen werden. Gleichzeitig knüpfte sich zwischen der Königin Amälie und der Frau Baronin v. Rothschild ein so enges Band der Freundschaft, daß dasselbe weder durch die Republik noch durch das Kaiserreich unterbrochen worden ist. Napoleon HI. hat die Familie mit Ehren überhäuft, die Söhne und Schwiegertöchter des Chefs nehmen an den meisten intimen Hoffesten Theil, der Kaiser hat in Ferneres dem Banker einen Besuch abgestaltet: allein die Baronin ist nicht zu bewegen, jemals einen Fuß wieder in die Tuilerien zu setzen, seit die Königin Amelie daraus vertrieben worden. Sie gilt für das Haupt der orleanistischen Partei, und Thiers, Changarnier und Männer ihrer politischen Ansicht sind die häufigsten Gäste in den Salons der hochgeachteten Dame. — Die Eisenbahnunternehmungen eröffneten dem Geiste des großen Finanzmannes ein neues Feld. Unter seiner Garantie erhielten die Gebrüder Pereire die Concession zum Bau der Strecke Paris-St Germain; er baute mit denselben die sogenannte Nordbahn von Paris nach Belgien und Aachen mit verschiedenen Abzweigungen und vermehrte dadurch sein Vermögen in geometrischer Progression; ja bei der jüngsten Generalversammlung der Aktionäre der Nordbahn legitimirte er sich als Besitzer von 120,000 Aktien! Tie durch die Revolution, welche über ganz Europa dahin flog, eintretende Handelskrise drohte dem Bestehen der Firma Gefahr, denn während sie selbst ihren enormen Verpflichtungen pünktlich nachkam, blieben die erwarteten Gelder aus. Die Staatspapiere und Actien waren fast werthlos geworden, die französische Rente überstieg kaum den Curs von 40 Procent. Die Redlichsten bezahlten nur in Papier und das baare Geld war mit einemmal verschwunden. Trotzdem blieb Rothschild in Paris, auf den Rath mehrerer Freunde und unter dem speciellen Schutze Caussidisres, des damaligen Polizeipräfekten; er schickte den Februaropfern 50,000 Fr., zeichnete bei allen Volksfesten durch glänzende Illuminationen sich aus und gewann die Stimmen der bedeutendsten Journale. Als die Ruhe endlich wiedergekehrt war, hatte sich das Rothschild'sche Vermögen mehr als verdoppelt, und was dem gewiegten Bankier anfangs wie ein Unglück erschienen war, hatte ihm mehr als die geschicktesten seiner früheren Finanzoperationen eingebracht. Doch nahm er seit jener Zeit weniger Theil an den großen Staatsgeldgeschäften, widmete sich statt dessen dem reinen Bankgeschäft, erstand einen großen Theil verschiedener Eisenbahnen, kaufte Gütercomplexe in Oesterreich, Preußen, England und Frankreich. Erst neuerdings wieder übernahm er das italienische Anlehen und das letzte russische, ohne jedoch die Sympathie der Italiener dadurch zu gewinnen; als vielmehr die Kammer darüber befragt wurde, ob sie demselben Hause den Bau der Eisenbahn überlassen wollte, entschied sie zu Gunsten einer einheimischen Finanzcoalition, welche allerdings 25 Millionen weniger verlangte Daß hierin ein polirischer Fehler lag, stellte sich bald heraus und wird auch jetzt bei dem neuen Anlehen von einer Milliarde nur zu deutlich sich fühlbar machen. Der alte Baron gilt für einen wohlwollenden Mann und ausgezeichneten Geschästskenner; in seinem Besitze soll eine große Anzahl von Kunstschätzen sich befinden. Baron v. Rothschild hat seiner Glaubensgenossen bei allen Gelegenheiten sich kräftigst angenommen, ihnen in Paris ein trefflichft ausgestattetes Hospital errichtet und sie mit Geschenken reich bedacht. Während die bekannte Mortarageschichte in Rom spielte, wo Rothschild einen Agenten beim päpstlichen Hofe unterhielt, beauftragte er seinen Vertreter, binnen 24 Stunden die Freigebung des geraubten Knaben zu verlangen, und widrigenfalls jede Geschäftsverbindung abzubrechen und sofort abzureisen. Das Letztere geschah, und infolge dessen ereignete es sich, daß am nächsten Verfalltage die in Paris zahlbaren Zinsen des päpstlichen Anlehens nicht bezahlt wurden, weil Rothschild sich weigerte, dieselben wie bisher vorzustrecken. Solche Handlungsweise ehrt den Mann in hohem Grade. — (Hierbei eine Beilage.) Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schcn Hofbuchhandlung. — Druck von I. GottSleben in Mainz.