Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 14-15 (15.4.1863)
- Date
- 1863-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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169 holt, werden daheim seine Eltern Und die ührigeü Juden des Dorfes von einer fanätisirten Menge überfallen und mißhandelt, Und müssen dieselben, nachdem ihre Häuser geplündert, zum Theil verbrannt sind, froh sein, durch schleunige Flucht einem noch schlimmeren Schicksale zu entgehen. Der unglückliche Knabe, der erst nach der Katastrophe heimkehrt, findet Keinen der Seinigen Mehr vor; nach einer traurigen in dem verödeten Elternhause zugebrachten Nacht wird er von einem ehemaligen christlichen Spielkameraden entdeckt, als Judenkind von der rasch herbeieilenden Dorfjugend verfolgt und mit Steinen geworfen, endlich, da er bewußtlos und blutend zusammenbricht, von dem eigentlichen Urheber des Unheils, dem Pater, in Schutz genommen und -zur ferneren (Seelen-) Rettung nach einem benachbarten Kloster geschickt. Wie er hier, von tiefem Seelenleiden gewartet, für die ewige Seligkeit vorbereitet wird, wie er in Folge der angeborenen Halsstarrigkeit seines 'Volkes sich für diese gar sehr unempfänglich zeigt, wie er in seinem Kerker unerwartet einen Freund findet, der den gewaltsam unterbrochenen Unterricht in der väterlichen Religion bei ihm fortsetzt, ihm im Leben ein Tröster und durch den Tod sein Befreier wird, wie er aus dem Kloster entflieht und zuletzt in weiter Ferne seine Eltern wiederfindet, — — das Alles wollen wir dem Leser nicht verrathen, um sein Interesse an der recht schönen Erzählung nicht abzuschwächen. Wir gestehen es, nicht zu wissen, ob diese einen geschichtlichen Hintergrund hat, und wie viele Züge derselben erfunden sind, das heißt, wie weit wir in der Geschichte die Wege der göttlichen Vorsehung bewundern oder der Erfindung des Dichters für dieselbe warmes Lob spenden sollen. Die Darstellung der Charaktere wie der einzelnen Vorgänge ist lebendig, spannend, anziehend und zumeist auch naturwahr. Doch wollen wir, um die letzte Einschränkung dieses Urtheils zu begründen, auch einige minder gelungene Partien des Buches namhaft machen: Im zweiten Kapitel wird die Drowauer Judengemeinde aus ihren langjährigen ruhigen Wohnsitzen mehr weggeblasen als verjagt; auch die späte Erinnerung der Eltern Selke's an ihren verlorenen Sohn und ihr kühles Hoffen, daß er sich wiederfinden werde, stimmt schlecht zu der todesmuthigen Liebe israelitischer Väter und Mütter; daß zumal der Vater wegen des „Freitags Abends" nicht umkehren will, um den Verlorenen zu suchen, charakterisirt ihn ungeachtet unseres innigen Mitgefühls für sein Unglück — gelinde gesagt, als einen Am Haarez, der nicht weiß, daß Lebensgefahr (Pekuach Nephesch) die Feier des Sabbats verdrängt. Dagegen hätte Sekte nach der von ihm kundgegebenen Verzweiflung darüber, daß er am Peßach Brod essen solle und nachdem er den hochherzigen Entschluß gefaßt, „nach der bestimmten Zeit höchstens Obst zu essen", nicht so leicht dem Rathe seines neuen jüdischen Lehrers Gehör geben, hätte ihm dieser nicht rathen sollen, daß er sich „nur des Genusses von Schweinefleisch enthalten solle." Das Gebot, „Morgens, Mittags und Abends Schema Jisrael zu beten," steht eben nirgendwo fönst „geschrieben", als auf S. 37 unseres Büchleins. Auch will es uns nicht gefallen, daß Selke zu Ehren seines verstorbenen Lehrers einsam im Walde das Kadischgebet spricht. Daß ihm die Bäume und Sträucher ein Amen nachflüstern, ist zwar so poetisch, wie das Amen der Steine in einer andern Legende. Aber der Jüngling, der bald in israelitischen Gemeinden gefeierte religiöse Vorträge halten soll, muß es wissen, daß man Nicht vor Bäumen, sondern nur im Kreise von zehn volljährigen Israeliten die Aufforderung, Gottes Namen zu heiligen, vorträgt. So schön und erhebend ferner auch die Gefühle der Dankbarkeit gegen diesen verstorbenen Lehrer sind, die Selke bei seinem Scheiden aus dem Kloster kund gibt, so erscheint es doch unnatürlich, daß er in dieser fürchterlichen und gefährlichen Stunde noch einmal in die Räume seines kaum verlassenen Kerkers zurückkehrt, um sich so feierlichen Betrachtungen hinzugeben. Wenn diese hier gemachten Ausstellungen gesucht erscheinen sollten, so haben sie unserem Zwecke gedient, nämlich anzudeuten, daß man suchen müsse, um Mängel an dem Büchlein zu entdecken, dagegen die mannigfachen Vorzüge und Schönheiten desselben leicht auffinde, sobald man es in die Hand nimmt. Zu den Letzteren rechnen wir die gefühlswarme und erhebende Schilderung der leiblichen und geistigen Bewegung, welche die Nähe des heiligen Peßachfestes und die bevorstehende Barmizwo - Feier des ältesten Sohnes in einer jüdischen Familie Hervorrufen; ferner die lieblich anmuthigen Naturschilderungen, denen wir auf vielen Seiten begegnen, und die an passenden Stellen eingeflochtenen gediegenen Bemerkungen pädagogischen Inhalts, (zu denen wir jedoch die Bemerkung nicht rechnen, daß Raschi's Pentateuch-Commentar kein für die Schuljugend geeignetes Lehrobjekt sei.) Die Sprache ist, mit Ausnahme einiger wenigen Üngenauigkeiten der Wort- und Satzbildung durchaus edel und rein, wo es der Gegenstand erfordert, selbst schwungvoll und erhaben, dabei aber fließend und leicht faßlich, auch für den Leserkreis, den eine Volks und Jugendbibliothek zunächst im Auge hat. Endlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß das ganze Büchlein von einem Hauche religiöser Wärme und Begeisterung durchweht ist, um deßwillen wir ihm recht viele Leser wünschen. — ä.