Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1863)
- Date
- 1863-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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125 Religion durch die Beschneidung befaßt. Wir überließen das blutende Judenkind seinem Schicksale; der Gott seiner Väter stand als heilender Arzt an seinem Schmerzenslager, verband und schloß die blutige Wukde und rettete sein junges Leben. Der junge Weltbürger, der in der Morgendämmerung seines Daseins unbewußt ein Blutopfer auf dem Altäre des Gottesglaubens darbrachte, ist nun für die ersten Jahre seines Kindesalters von allen Ansprüchen der Religion frei. Sie gönnt ihm vollständig freien Spielraum zu seiner physischen Entwickelung, mag keineswegs das Gedeihen derselben durch Ge- oder Verbote einengen und beschränken; und in ungestörtem kindisch-freien Behagen wächst und blüht heran in Gottes freier Luft der zarte Menschensprößling gleich einem jungen Bäumchen im grünen Walde. Erst nachdem er dem Wiegenalter entrathen und an dem Lebensabschnitte angelangt ist, an welchem des lallenden Kindes Zunge wie durch einen Zauberschlag urplötzlich gelöst wird und der höhere, gottähnliche Theil im Menschen sich offenbart — durch die Sprache, tritt an ihn heran das jüdische Gesetz mit seinen Forderungen; und deren erste ist das Zizith-Gebot. Dieses äußern Gebotes innern Werth wollen wir nun in folgenden Zeilen beleuchten und auseinandersetzen. Wer die Gesetze des Judenthums nicht nach ib cr wahren höhern Bedeutung zu würdigen versteh!, der wird wahrlich in dem Gebote der Zizith, nicht wehr als eine eitle leere Form erblicken, die keineswegs geeignet ist, das religiöse Gefühl zu Wecken oder zu heben. Und doch, welch' eine diametral entgegengesetzte Bewandtniß hat es mit diesem Gebote? Das erhabenste religiöse Gebot ist unstreitig dasjenige, welches bestimmt ist, den Menschen an die Weltherrschaft Gottes und seine eigene göttliche Mission zu mahnen; das unvollkommene Geschöpf dem vollkommenen Schöpfer näher zu rücken und ähnlicher zu machen. Und gerade diese großartige Bestimmung hat das Gebot der Zizith oder Schaufäden. Wir wissen es viel zu gut, wie schwer es fällt, die Erinnerung an Gott in dem bewegten Weltleben rege zu erhalten. Der Weltmarkt des praktischen Lebens mit seinem ewigen Getümmel ist viel zu geräuschvoll und stürmisch als daß das leise Rauschen Gottes in der Seele nicht gar zu oft überhört werden möchte. Das irdische Leben mit seinen Bedürfnissen und eisernen Nothwendigkeiten ist voller Versuchungen und Verlockungen. Wie leicht ist es nun des Schöpfers zu vergessen und der Sünde zu verfallen? Es ist daher höchst nöthig für das Seelenheil des Menschen, daß er auf allen Wegen und Stegen, auf allen Windungen und Krümmungen des Lebenspfades ein Symbol mit sich trage, das ihn an den höhern Richter mahne, dessen Auge in die geheimsten Falten des Herzens sieht. Der Jude kennt aber keine äußere Darstellung Gottes und kein ihn versinnlichendes Emblem. Das Mische Gesetz verbietet jede Zeichnung und Abbildung des höchsten Wesens. Der Jude darf nicht durch Menschengebilde sich den Menschenbildner veranschaulichen und vergegenwärtigen; er darf nicht das Bild seines Gottes tragen äußerlich auf dem Herzen, sondern innerlich Ln dem Herzen. Sein Gottessymbol, sein äußerer Hebel zur Erinnerung an Gott und dessen Lehre find nun die Schaufäden. Er soll, nach den ausdrücklichen Worten der heiligen Schrift, „auf die Schaufäden schauen und sich erinnern an die Gesetze Gottes." Daß im bunten Getriebe der Alltäglichkeit das göttliche Bild nicht schwinde aus seinem Herzen soll er als Talisman tragen das Kleid der Schaufäden am Herzen. Dieses geweihte Gewand soll gleichsam seinem Herzen als Panzer dienen gegen die Pfeile der Sünde. Es soll vor den Kammern des Herzens Wache halten, daß die Verführung, jener Erzfeind des Menschen, sich nicht hineinschleiche, um daraus das Bild des Höchsten zu verscheuchen und an dessen geweihte Stelle aufzupflanzen das verlockende Bild des Lasters — den Götzen der Sünde. Wie treffend ist die Aeußerung des Talmuds über den Werth der Zizith, und ich kann nicht umhin, diese Stelle ln 6xten8o zu citiren. Es heißt im Traktate Usnaobotk tnl. 43 xa§. ir. Lrnvli D!« 8^51 „ P 'iH 7IVN N .-I12O2 „Der Eine (Schriftgelehrte) meint: Das Gebot der Zizith wiegt auf alle übrigen Gebote;" (weil die Zizith zur Uebung aller Gesetze mahnen). „Der Andere behauptet, daß der Anblick (der Zizith) zur Erinnerung (an Gott) und die Erinnerung zur Thal," (zur Erfüllung der Befehle Gottes) führe." „Rabbi Simon ben Jochai erklärt: wer das Gesetz der Zizith beobachtet, wird des Anblickes Gottes theilhaltig (weil dadurch das Bild Gottes im Herzen bewahrt wird.) Die Zizith, diese heiligen Fäden sollen gleichsam den Juden mit Gott verbinden und zusammenknüpfen. Wenn sein Herz in schwacher Stunde unvermögend wird dem Reize der lockenden Sünde Widerstand zu leisten, dann sollen diese Fäden, die er am Herzen trägt, ihn mahnen an die Gesetze Gottes, an welche er durch tausend Fäden gebunden und von welchen er sich nicht, ohne sein Leben zu verwirken, losreißen kann. Sinnig und erhaben ist die Erzählung im Talmud (l. c.), wie ein am Abgrunde des Verderbens taumelnder Mensch, den der Syrenengesang der Sünde an ein entlegenes Gestade des Meeres gelockt, wunderbarerweise, in-