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Der Israelit · 1863-03-11 · Heft 10 (11.3.1863) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 10 (11.3.1863)
Date
1863-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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114 „Es gibt nur einen Gott im Himmel und auf Erden". Dieses unglückliche Loos mißverstanden und verkannt zu werden, theilt die jüdische Religion mit ihrem Träger; beide werden verurtheilt und verdammt, weil man sie nicht gebührend zu würdigen versteht, weil man sich nicht die Mühe geben will, sie genauer kennen zu lernen, sich in ihren Gehalt zu vertiefen und zu verinnerlichen. Wir wollen es daher hier versuchen, manche äußere Religionsgesetze des Judenthums, abgesehen von ihrem Liefern dogmatischen Gehalte von rein ethischem Standpunkte aus zu beleuchten und ihren inneren Werth, ihre höhere Bedeutung für Herz und Seele, ihre Wichtigkeit für das gesammte religiöse Leben des Juden nachzuweisen. Wir beginnen mit dem Gebote, welches der Jude bald beim Beginne seines Lebens zu erfüllen hat, welches das neugeborene Kind in die jüdische Religionsgemeinschaft einführt, welches das Judenkind zum Juden macht, — wir meinen das Gebot der Beschneidung, Milah. Wie oft ist diese als eine traurige Ausgeburt mittelalterlicher Barbarei, als ein die jüdische Religion brandmarkendes Werk verschrien worden?! Und wahrlich, das Gesetz der Beschneidung bei Licht be trachtet und in seiner wahren inneren national-religiösen Bedeutung erfaßt, wie erhaben, wie erhebend und wie bedeutungsvoll ist es für das ganze Leben des Juden als solchen?! Die jüdische Religion ist nun einmal keine Bequemlichkeitseinrichtung des Alltagslebens, es ist nicht ihr Zweck, den irdischen Lebenspfad zu ebnen und mit Rosen zu bestreuen. Sie ist „ein Baum des Lebens", der in den Boden des Herzens eingepflanzt wohl Paradiesesfrüchte trägt, keineswegs aber Blüthen des Genusses treibt. Sie legt ihren Bekenuern unsägliche Opfer und Entbehrungen auf. Ihre Wege, welche sind, um mit Salomo zu sprechen, „Wege der Lieblichkeit", führen wohl zu himmlischen Genüssen, doch nicht zur frohen Lebensbehaglichkeit und irdischen Freude. Sie verlangt von ihrem Träger unverdrossenen Muth und Todesverachtung im Kampfe für Gott, und verleiht ihm dafür den Lorbeer der Unsterblichkeit, keineswegs aber irdischen Glanz und Glücksgüter. Die jüdische Religion hat die Aufgabe, das Leben ihres Bekenners zu heiligen, es im irdischen Genießen zu beschränken, damit es für höhere geistige Genüsse desto empfänglicher sei. Aber noch größer als die Beschränkungen der Religion mit ihren zahlreichen Geboten und Verboten si'id die Beschränkungen, welche die das winzige Häuflein Juden feindlich umringende Welt dem Juden wegen seiner Religion, um seines religiösen Bekenntnisses willen, zu allen Zeiten auflegt. Seine feindseligen, verfolgungssüchtigen Mitmenschen haben ihm auch den Rest von Lebensfreuden, den ihm schon seine Religion herzlich gerne gönnt, verleidet und gewaltsam entzogen. Ja, sie begnügen sich nicht einmal damit, ihn von allen Seiten zu beschränken und sein Leben einzuengen, sondern sie mißgönnen ihm selbst das nackte Dasein, — die Luft und das Leben. Der jüdische Weltbürger ist leider durch den Haß seiner unerbittlichen Feinde, nicht allein von der großen reichbesetzten Tafel, die der Menschheit gedeckt ist, engherzig ausgeschlossen, sondern auch häufig blutigen Verfolgungen ausgesetzt, die sein Leben hart bedrohen und gefährden. Kurz, er ist sein ganzes Leben hindurch geplagt und verfolgt; er ist ein religiöser Dulder von der Wiege bis zum Grabe. Aber die Religion, sie ist reich an Tröstungen und höher» Verheißungen für al? das Ungemach dieser vergänglichen Welt, und sie verlangt daher von ihm mit Recht, daß er alle Genüsse des Lebens, ja, wenn es nöthig, sich selbst ihr freudig aufopfere unb in der irdischen Niederlage den himmlischen Sieg feiere; nx -rin bvI. Nichts weniger heischt die jüdische Religion von ihrem Bekenner und nichts weniger muß der Jude, wenn er ein echter Jude sein soll, für sie hinzugeben bereit sein. Und diese Beziehung zwischen Juden und Juden? thum dieses Verhältniß zwischen der jüdischen Religion und ihrem Verehrer, wird gleich beim Eintritte des Letzteren in die Erstere, durch das BlutsymboL der Beschneidung bezeichnet. Das ganze Leben des Juden ist ein religiöses Märtyrerthum, und gleich bei seinem Eintritte in die Welt, bald in der Morgenstunde seines Lebens, wird mit seinem Leibesblute gleichsam seine zukünftige Bestimmung ihm vorgezeichnet. Der jüdische Neugeborene wird ausgenommen in eine Religionsgemeinschaft, von der blutige Opfer geheischt werden, und dieser Bund muß, so er ein fester ewigbestehender sein soll, mit Blut besiegelt werden. Der Jude ist berufen, für seine Religion das Herzblut rinnen zu lassen, er muß daher gleich beim ersten Eintritte in dieselbe eine, wenn man so sagen dürfte, unbewußte Blutopferprobe ablegen. Wie jetzt der zarte hilflose Menschensprößling, ohne es zu wollen und zu wissen, sein Blut, welches ist „das Leben", für Gott fließen läßt, so soll er als reifer selbstständiger Mensch bereitwillig und freudig für den Gott seiner Väter sein Gut und Blut, sein Vermögen und Leben hingeben. Das Judenthum muß, soll es anders nicht von seinem Bekenner, unter den unzähligen Trübsalen, materiellen Leiden und Gefahren, die es mit sich bringt, aufgegeben werden, nicht nur in das Herz ein gepflanzt und in den Geist eingedrängt, sondern auch in das Fleisch eingeschnitten werden. Denn mag der Jude auch die bittersten Leiden, oie härtesten Kämpfe und die blutigsten Verfolgungen für seine Religion zu bestehen haben, und mögen auch tausend Arme sich ihm willig öffnen zur

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