Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1863)
- Date
- 1863-02-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447089-2447096--01718-2457002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
73 Herr Großrabbiner Klein hielt hierauf eine unvorbereitete Rede, die tief ins Herz der Anwesenden; drang. Die Worte des Psalmisten: „Wie schön und! lieblich ist es, wenn Brüder in Friede und Eintracht unter einander wohnen," zum Text nehmend, hob er! das Löbliche und Heilsame menschlicher Geselligkeit zu einem heiligen Zwecke hervor, besonders in einer Stadt, > wie Paris, wo die gesellschaftlichen Bewegungen, die! materiellen Interessen, die hier nach Geld und Genüssen so viel Egoismus, so viel Sonderintereffen, so l viel Spaltung unter den Menschen, so viel Trennung unter den Gemüthern herbeiführen. Der Red-! ner hat einen wahren Enthusiasmus unter den Gästen hervorgernfen, und wieder einmal mehr seine erha^! benen Gedanken und seine religiöse Gesinnungen zur! Bewunderung gebracht: Herr Marx, der Rabbiner des Bereins, hat ebenfalls eine viel Beifall erntende Rede gehalten. Herr Rabbiner Klein zog sich um 10 Uhr, begleitet von den Herren Präsidenten und Kommissären zurück, das Banquet währte aber noch bis nach Mitternacht. Die Mitglieder des Vereins schieden von einander, glücklich, ein solches Fest gefeiert zu haben, welches eine Freude und Strahlenkrone ihres Werkes war. So spricht sich das israelitische Gefühl der Aeußerung der Gottseligkeit, des Unglaubens, den Verleumdern nach Innen und Außen gegenüber aus. Die Bälle, die Soireen, die gesellschaftlichen Vergnügungen, welche während des Winters in den Häusern unserer Glaubensgenossen stattfinden, sind dieses Jahr durch die Heiligung einer Gesetzrolle im Beth Hamidrasch und durch die religiöse Festlichkeit des Vereins der Kinder Zion eingeweiht worden. Möge Gott aus Rücksicht für diese gerechten und gläubigen Israeliten, die sich vereinigen, um zu beten, Gutes zu thun. die heiligen Überlieferungen unserer Väter auszuüben, Gott anzubeten und die Menschheit zu lieben, den Verirrungen unserer Gemeinde verzeihen! Israel kann ruhig dem Verfall, dem Untergang aller Glaubensmeinungen und Sittlichkeitslehren zusehen; so lange es in sich die Elemente der Kraft und des Lebens, diese Grundlage der Frömmigkeit und des unerschütterlichen Glaubens an seinen Gott und sein Geschick, pflegt, hat es nichts zu fürchten. Seine Zukunft ist gesichert, sein Heil ist gewiß, sein Ruhm ist unvergänglich, (liniv. Isi-.) M n z e Baltimore, den LS. Januar. In einer Specialve-sammlung der Lloyd Street- Gemeinde am 2. November 1862 wurde unter Andern: ein Comitö ernannt, Beschlüsse zu fassen, die dem tiefen Kummer Rechnung trügen, welchen das plötzliche Dahinschsiden unseres geliebten Rabbiners und Predigers Ehrw. Abraham Reiß verursacht. Das Comitö berichtete Folgendes, welches von der Gemeinde einstimmig angenommen wurde. Beschlossen, daß wir mit dem Gefühle des tiefsten Kummers das Verscheiden unseres geliebten und verehrten Rabbiners vernommen haben. Wahrlich ein großer Mann ist dahin geschwunden in Israel, dessen Verlust wir schmerzlich beklagen, und dessen Dahinscheiden eine Leere :n unsern Herzen sowie in unserer Gemeinde zurückließ, die nie mehr ausgefüllt werden kann. Von unserer Gemeinde aufgefordert, die Zurückgezogenheit des Privatlebens zu verlassen, um dieselbe Stelle wieder zu bekleiden, die er vor einer Reihe von Jahren eingenommen hatte, erwarb er sich in den kurzen, wenigen Monaten seiner Verwaltung das Vertrauen, die Hochachtung ja die Liebe I eines Jeden, mit Liebe und Verehrung hing Jung und Alt an seinem Munde, um seinen Worten zu lauschen ' r g e n. und sein Wirken versprach eines der nützlichsten und segensreichsten für die Gemeinde zu werden, — da traf ihn der Ruf seines Schöpfers, und es war ihm leider nicht gegönnt, die Früchte seiner unermüdlichen Anstrengung zu sehen. Obwohl plötzlich abgerufen, traf es ihn doch nicht unvorbereitet; den Verordnungen unserer Weisen folgend, einen Tag vor seinem Tode gerüstet zu sein, widmete er sein ganzes Leben der Vorbereitung für die Ewigkeit. Sein beständiges und unerschütterliches Festhalten an seinen so wohl bekannten Prinzipien und Glaubenssatzunqen erwarben ihm nicht allein die Achtung und das Vertrauen derer, die seine Ansicht theilten; sondern sogar diejenigen, deren Glaubensausichten weit mit den seinigen differirten, konnten ihm die Achtung und Bewunderung nicht versagen, die sein festes im Vertrauen sowie im Glauben unerschütterliches Leben in so reichlichem Maße verdiente. Wie sehr er geliebt und geachtet war, konnte man auch deutlich an dem ungeheuren Leichenzug wahrnehmen, der seine Leiche zur letzten Ruhe geleitete, und an dem Eifer, mit dem ein Jeder sich bestrebte seine testamentarischen Verordnungen auszusühren. W:r betrauern den Verlust eines wahrhaften und treuen Führers, dessen ernsten Ermahnungen wir nie mehr lauschen werden. Unser ist der Verlust, doch sein der Gewinn, denn er hat dieses flüchtige Leben