Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 4 (1863)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1863)
- Date
- 1863-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 den Ministerien haben sich natürlich nicht beeilt, die preußische Verfassung durch stricte Durchführung des! Paragraphen zwölf derselben, welcher die Unabhängigkeit der bürgerlichen und politischen Rechte vom Glaubensbekenntnisse vorschreibt, zu bewahrheiten. In Baden und Würtemberg wurde die > volle Emanzipation unserer Gtaubensbrüder ausge-; sprachen; dagegen bereiten sich in beiden Ländern religiöse Kämpfe vor, die unsere Aufmerksamkeit in! der nächsten Zukunft in Anspruch zu nehmen geeig-! net sind.! In der freien Schweiz wurde im Canton i Aargau die durch den hohen Rath beschlossene Emancipation der Israeliten durch Volksbeschluß wie-! der aufgehoben, bei welcher Gelegenheit die alten Leidenschaften wieder einmal so recht hecvorgetreten sind, um uns daran zu mahnen, daß auch in unserm er- S leuchteten Jahrhundert noch genug des Wahnes und > der Finsterniß herrscht. In der Türkei waren es die Juden in Bel-! grad, welche durch ihr unglückliches Schicksal die! allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Da hat es sich denn wieder in recht erfreulicher Weise gezeigt, daß die Israeliten selbst in den entferntesten Gegenden i Mitgefühl haben für die Leiden ihrer Brüder Von allen! Seiten bemühte man sich, durch reichliche Spenden! das Loos jener Unglücklichen zu erleichtern. Bei diei sec Gelegenheit konnten wir noch die Beobachtung! machen, daß die alte Stammestugend unserer Nation,! die Mildthätigkeit, bei den orthodoxen Israeliten in! bedeutend höherm Grade vorherrschend ist, als bei! denen, welche das Joch des himmlischen Gesetzes ab-! geworfen haben. Während wir so glücklich waren,! nicht unbedeutende Summen an das Unterstützungsj comite zu Semlin übersenden zu können, hat die alli gemeine Zeitung des Jndenthums, trotz wiederholter! Aufrufe so gut wie gar Nichts erhalten.*) , In Frankreich geht die Stellung unserer j Glaubensgenossen am deutlichsten aus dem einem! Fattnm hervor, daß L>e. Majestät der Kaiser einen > unserer Giaubenogenosfen, den Herrn Baron James! von Rothschild, mit feinem Besuche beehrt hat.! Die französische Geschichte kennt nur noch ein Beispiel, Saß der Herrscher Frankreichs bei einem Privatmanns zum Besuch gewesen. In Rußland, diesem großen Reiche, in welchem so viele unserer Glaubensgenossen wohnen, wird der politische und sociale Zustand derselben durch die Gnade und Energie eines erleuchteten Monarchen ein stets besserer. In Italien ist unlängst ein Jude in das Ministerium berufen worden. Wir entnehmen darüber dem Londoner „llowüsla Ollroniclo« Folgendes: *) Anm. d. Correktors. Wenn tch nicht irre, einen Thalcr. „Turin. Der Turiner Correspondent deir „Times" gibt einen Bericht über das neue italienische Ministerium und sagt, daß dasselbe aus höchst talentvollen Männern besteht; er erzählt ferner, daß die General-Direktion des Ministeriums des Äeußeren dem Ritter Artom, dem intimen Freunde und Privatsecretäc des Grafen Cavouc angeboten worden, welcher bisher Secretäc der Gesandtschaft zu Paris gewesen und nunmehr Siefen Platz verlassen hat, um in sem neues Amt einzntreten. Dieser Staatsmann, welcher sich innerhalb weniger Jahre zu so großer Bedeutung emporgeschwungen hat, ist, wie bekannt, ein Glaubensgenosse." In Ostindien hat das Judenthum bereits derart Platz gegriffen, daß seit neuester Zeit daselbst eine jüdische Zeitschrift und zwar in drei Sprachen, hebräisch, arabisch und englisch, zu existiren vermag. Wir kommen jetzt an die judeufeindlichs Presse, auf die wir im Anfänge dieses Artikels hingewiesen haben. Bei der Stellung der Israeliten in der Gegenwart ist es nicht zu verwundern, daß dieselben an den politischen Parteikämpfen, bald ans dieser, bald aus jener Seite stehend den regsten Antheil nehmen. Auf jeder Seite nun kühlen die Gegner ihr Mnthchsn au den Inden. Aber wie Harnan, dem es zu gering war, Mardechai allein seine Rache fühlen zu Lassen, das ganze Volk des Mardechai vernichten wollte, so machen die Reactionäre oder Demokraten nicht einen oder einige Inden zur Zielscheibe ihrer Angriffe, sondern die Juden überhaupt- Das Ekelhafteste, was in dieser Beziehung die Presse verlassen hat, ist die berüchtigte Marr'sche Broschüre: Der Jndenspiegel. Dieser Marr, vormals Präsident des demokratischen Klubbs ia Hamburg, richtet seine cynischsn Angriffe weniger gegen die Inden, als gegen die jüdische Religion, weniger gegen das Judenthum im Besonderen, als gegen dos auch dem Christenthume zu Grunde liegende alte Testament- Es ist das nichts als ein neuer Absud des alten Kohles, welchen Voltaire aus Haß gegen das Christenthnm zusammengekocht hat. Zugleich verräth das ganze Machwerk eine solche Unkenntniß des alten Testaments, daß es kaum der Mühe werth ist, dasselbe zu widerlegen. Um nur Einiges anzusühren: Seite 16 wird behauptet, Esau sei ein nobler Charakter gewesen und habe das ihm von Jakob angebotene Geschenk nicht angenommen, während es doch ausdrücklich in der Bibel heißt: (l B. M. C 33 V. 11) „und er drang in ihn und er nahm es." Seite 29 wird der Bibä Unkenntniß der Naturgeschichte vorgeworfen, während Herr Marr ebenso wenig von der Naturgeschichte wie von der Bibel versteht. S. 30 bezieht Herr Marr III. B. M. C. 27 V. 29 auf Menschenopfer!!! Herr M. übersetzt: „Man soll auch keinen verbannten