Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 3 (1862)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1862)
- Date
- 1862-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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274 ausnähmen, denn da sahen sie nur Hohn und Verspottung, vor welcher sie sich sobald wie möglich wieder zurückslüchteten in den trauten unglücklichglücklichen Kreis ihrer Lieben. — Die Befähigung endlich sich anzueignen, dem Staate mit seinen geistigen Kräften zu dienen, ist auch erst ein Erfordernis; der Neuzeit. Als der Jude noch nicht als freier, selbstständiger Mann einherging, sondern für schweres Geld sich den Schntz erkaufen mußte, wie ihn der Herr dem Knechte augedeihen lässt, ais das gelbe Mal auf seinen; Kleide ihn noch auszeichnete und abzeichnete, um seine Wange und seinen Nucken für jeden Schimpf und jede Beleidigung vogelfrei zu erklären: da konnte nicht die Rede davon sein, daß er, der niedrigste Sclave des niedrigsten Gassenbuben der europäischen Christenheit, mit seinen geistigen Kräften dem Staate nützen und dienen sollte, durfte er es ja nicht einmal wag> n dem Staate mit geistigen Kräften dienen zu wollen. Er hatte nur materiell ausznhelfen, er musste nur stets den Säckel offen halten, um aus diesen; mit vollen Händen zu spenden; und um dieser; auch immer voll zu haben, nicht! um ihn für seinen Genuß zu leeren, nicht um sich! ein behäbiges Leben zu schaffen, sondern vielmehr! um seinen Herren und Drängern ein üppiges und freudenvolles Leben bereiten zu helfei;, um dadurch für sich die Frist eines geschmähten und gedrückten Lebens zu erkaufen; — um also diesen Säckel gefüllt zu erhalten, dazu bedurfte es nicht der Weltbildung, dazu half ihm sein scharfer Blick und sein natürlicher Verstand. Jetzt aber, da die Mauern der Ghetti gefallen, den Juden theils theilweise, theils gänzlich die Freiheit gegeben ist, die sie rechtens zu beanspruchen haben, jetzt ist der Jude ins Leben hinausgetreten und muß auch in dem Leben sich zu bewegen verstehen; jetzt darf er Theil nehmen an den Arbeiten des Staates, und seine heiligste Pflicht ist es, sich so ausznbilden, daß, wenn er zu den Arbeiter; desselben gerufen wird, er jederzeit diesem Rufe Folge leisten kann. Außer diesen äußern Gründen für die Nothwendigkeit der Weltbildung, haben wir aber noch einen iimern Grund, der nicht von der Zeit bedingt ist, sondern seine innerste Wurzel im jüdischen Glauben selbst hat. Wir haben auf diesen Grund schon oben, als wir von den Naturwissenschaften sprachen, hingewiescn und haben da als eine Pflicht erkannt, die nach dem Aussprüche unserer großen Weisen, uns unsere Religion auferlegte, uns weltliches Wissen anzueignen. Der Jude soll nicht allein der frömmste und der bravste Mensch, er soll auch der geschickteste, der gebildetste Mensch sein. Daß eine geraume Zeit hindurch diese Pflicht nicht geübt wurde, daß man Jahrhunderte lang jedem uichtjüdischen Wissen fremd gegenüber stand, findet seinen Grund in dem Druck, der auf dem Juden lastete, der ihn von der Außenwelt zurückschob und ihn auf dem Punkte stehen ließ, wo er zu der Zeit gestanden, als das Thor des Ghetto's sich hinter ihm schloß. Wo wir de» Juden frei, wo wir ihn mit dem Recht, Mensch sein zu dürfen, einhergehen sehen, da sehen wir ihn auch Theil nehmen an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Menschheit. Wenn wir nun aber auch die wissenschaftliche Bildung im Gebiete des Judenthums nicht allein als erlaubt, smdern als berechtigt, ja sogar als Pflicht betrachten: so können wir uns aber dennoch nicht zu der Ansicht erheben, oder vielmehr uns so sehr in uns zusammenzieher; und auf uns beschränken, die Behauptung zu wagen, daß nur wir allein, d. h. wir, die wir die wissenschaftliche Bildung als nothwendiges Moment jüdischer Bildung betrachten, eine jüdische Realschule zu gründen berechtigt seien, und nur wir eine jüdische Realschule mit Erfolg gründe« können, wie mancher wohl zu behaupten geneigt sei« dürste. Wir glauben vielmehr, daß jeder wahrhafte Jude, oem das Jndenthnm am Herzen liegt, und der so viel wissenschaftlichen Sinn hat, daß er der Wissenschaft überhaupt eine Geltung einräumt, dem die Wlssenschaft nicht ein Gespenst sondern ein Enget Gottes ist, der nicht vor dem bloßen Namen „Gymnasium," »Universitäterschrickt, sondern in ihne» eine willkommene Stätte für die Pflege des Geistetz und die Versittlichnng der menschlichen Gesellschaft erblickt, der nicht glaubt, weil er einen großen Schatz jüdischen Wissens besitzt, nun auch der Wissenschaftlichste von allen zu sein und sich daher ein Urtheil erlaubt über Fächer und Gebiete, die er höchstens nur dem Namen nach kennt: — wir glauben, daß. ein solcher Jude wohl eine jüdische Realschule mit Erfolg gründen kann und gründen wird, selbst wenn er die Wlssenschaft nicht als nothwendiges Moment des Judenthums betrachtet. Denn gesetzt anch, er erkennt die wisseuschaftliche Bildung nur als eine durch die Zeit geforderte, durch äußere Nothwendkgkeit bedingte, au, so wird er doch nicht die wissenschaftlichen Lehrgegenstände einer oberflächlichen Behandlung unterziehen, weil diese äußern Gründe, wie wir sie oben beleuchtet, schou stark geuug sind, eine tüchtige und gediegene Bildung zu verlangen. Dir Aiicke»kmge vir Sem k. Grosse» KM Ser I-mtons Airgsa. I« zweiter Berathnng am 15. Mai 1SS2. (Nach de» stenozraphischr» Bericht»» ) , (Schluß.) Ich stelle aber den Antrag: „Etz sei der Regke- „rnngsrach einzuladen, zu untersuchen und zn begutachten, ob den christlichen Gemeinde» Oberen-