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Der Israelit · 1862-05-07 · Heft 19 (7.5.1862) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
3 (1862)
Issue
Heft 19 (7.5.1862)
Date
1862-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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r 146 Heute isl der Gruuv der VorurtheilZ nicht mehr die Religion, sondern me Rationalität: die Ecgenthümlichkeit der Sprache ist es namentlich noch äußerlich, welche eine scharfe Schranke büdet. Redner bekämpft die unglückseligen Worte Wucher und Notbhandel, mit denen man ganz falsche Begriffe verbindet. An die Kammer tritt heute die Pflicht heran, zu handeln mit Thaten, nicht mit Worten. K irsner ist für den Entwurf und hofft, die Debatte wird selbst noch Federer bekehren. Ministerial Präsident Lamey dankt dem Hause und dem Berichterstatter für die Aufnahme des Berichtes. Federer hat der Stimmung Ausdruck egeben, die sich einem Theile der Wähler gegenüber eläsiigt fühlt; die Negierung weiß selost, daß eur Gerücht in den untern Volksklaffen cursict, als sei her Entwurf durch freundliche Gaben reicher Söhne Israels an den Minister und die Kammer zu Stande gekommen. Es beweist dies nu. , daß gar Mancher emancipirt ist, der es nicht verdiente, wenn dabei die sittliche Denkart gewogen würde. Rach einer Widerlegung der Scheingründe der lithographieren Petitionen gelangt der Redner zu der Ausführung, daß Karl Friedrichs Gesetzgebung, vre politische Gleichstellung von 1319, das neue Gesetz über Riederlaffungs- und Gewerbefreiheit von viel bedeutenderer Tragweite waren, als das jetzige fälschlich sog. Emancipationsgesetz. Längst wäre, oas Gesetz votirt worden, hätte man nicht das Vorurtheil gefürchtet. Auf die unmeßbare sittliche und intellektuelle Annäherung an das Christenthum kann es unmöglich ankommen, man müßte sonst consequent eine allgemeine Prüfungskommission ernennen. Ein Vorurtheil besteht in der Thal noch, aber nicht ein religiöses, sondern der Rationalität. Lamey weist hinüber nach Amerika auf die Zurücksetzung der deutschen Nationalität. Er beweist daran, daß man, bei der Hinneigung zu solchen Borurtheilen, diese immer auch gegen sich selbst einräumen muß. In der Emancipation der Juden liegt zugleich eine Emannpation der Christen. Dieselbe barbarische Tyrannei, die sie in früheren Jahrhunderten gegen hie Juden übten, fiel zurück auf chr eigenes Haupt. Mit der vollkommenen Gleichstellung der Durchführung de- PrincipS allgememer Rechtsgleichheit, stellt Hch zugleich die Gejamnubevölkerung sicher gegen jede willkürliche Unterdrückung einzelner Claffen. — Hoffiy ei st er stimmt im Wesentlichen dem Entwürfe bei. — Kus el spricht nicht als Juv?, sondern als Vertreter des Landes; er freut sich der endlichen Erfüllung einer unabweisbaren Rechtspflicht, ÄneS Begehren-, gegründet auf das unzweifelhafteste Recht, nicht auf ein Gnadengesuch. Die meisten ' eutopäischen Staaten sind mit der Erfüllung schon voran gegangen; die badische Kammer, die sonst aus dem WeZe des Rechtes voranzugehen pflegte, wird heute freudig und nahezu einmüthig folgen; das Glaubensbekenntniß wird künftig keine/ Einwirkung mehr üben auf dis politischen und materiellen Rechte des Bürgerthums. — Häusser freut sich der siegreichen Rächt der Wahrheit; m der Frage, für die sich 13)1 nur zwei Stimmen erhoben, werden sich heute vielleicht nur zwei dagegen erheben; es kann kein eclatanteres Beispiel geben dafür, daß der Fortschritt keine bloße Theorie ist. Häusser bekämpft die Einwänds von Federer, insbesondere den Borwurf mangelnden Bürgersinnes. Durch feinen religiösen Mittelpunkt, durch häusliche Zucht und Sitte bietet dasJudenthum das einzige Schauspiel, durch Jahrtausende eine Nationzu bleiben, ohne doch ein Staat zu sein. Das sin) keine schlimmen Bürgschaften für ein gutes Bargerthum. Das Jahr 1813 hat gezeigt wie der Jude dankt für die Gesetzgebung, die chm ein Vaterland gibt. Redner achtet und ehrt dar Volk; aber Massen-- und Sturmpetitionen impsnire» ihm nicht; auch nicht die bekannten lithographirten Petitionen. Wohl könnte eine Volksabstimmung ei« dem Entwürfe feindliches ErgÄmiß liefern; das aber ist gerade der Vorzug der constitntionellen Monarchie vor der Demokratie, daß nicht die Massen, sonder» die Erwählten des Volkes entscheiden. Die Geschichte lehn, wie schlecht der Freiheit gedient ist, wenn Leidenschaft Vorurtheil und trockenes Interesse über sie entscheide«. Insbesondere gegen den Vorwurf des Wuchers sich «endend, zieht HLnffer eine Parallele zwischen dem kleinen Schacherjuden und dem große« Böcsenspieler; über jene« alterirt sich der christliche Staat in sittlicher Entrüstung; diesen schmückt er wohl gar mit dem Erlöserorden. Freisinn auf Kosten alter historischer Vorrecht» ist leicht zu üben; man steckt da z« dem materiellen Profit auch noch die leicht verdiente Prämie des Freisinns; der ächte Freisinn muß auch Opfer bringen können, wenn auch nux znnLchst d«S Borurtheils und der eigenen vorgefaßte» Meinung. Diesen Act des Freisinns wird heute die badische Lamm« bethLtigen. — Es folgt die Speciald-Latte ohne weitgreifende Bedeutung. Die Annahme des Gesetzes erfolgte sodann einstimmig. — Die Specialdebatte über dar Gleichstellungges e tz bewegte sich größtentheils um Frage» der Redattks» mür der Erläuterung einzelner Bestimmungen; obwohl von mehrstündiger Dauer, war sie doch ohne große Tragweite. I« alle« wesentliche« Punkte« siegte die Ansicht der Commissionsmehrheit. Die Haaptmodification: Verlängerung der ZulaffungSfrist z« Bürgeraatzen und Armen-Nnterstützung von ö auf 10 Jahre, ohne daß ein Gegenantrag auf Wiederherstellung deS RegierungSeatwurfegestellt morde» wäre, wurde angenommen. Auch der Präsident des Ministeriums de- Innern, obgleich er principiell lieber MeS sofort gewährt hätte, fügte sich

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