Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 2 (1861)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1861)
- Date
- 1861-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2446984-2447027--00994-2456213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
638 und nun sieh ihn.* Viele habe ich' versucht und auf die Probe gestellt; alle aber nahmen Bestechung an außer diesem Manne. Er hat keine Hände und nimmt Nichts. Nimand hat Etwas gegen diesen Mann vorgebracht.* - Und der zweite der weisen Männer antwortete: „Mein Herr und König, ich habe gethan nach deinem Worte; denn es ist Keiner so rechtlich, als dieser Mann. Er richtet seine Augen nicht nach bösen Dingen; denn er ist blind, und alle behaupten, er sei ein guter uu«' aufrichtiger Mann. Darauf antwortete der dritte der weisen Männer: „Auch ich habe gethan nach deinem königlichen Befehl. Ich habe das ganze Land durchsucht und sah das Volk,, wie es auf die Stimme des Bösen hört und den ruchlosen Gesprächen sein Ohr hinneigt. Dieser Mann aber lieh sein Ohr ihren Thorheiten nicht; denn er ist taub, und alle Menschen loben ihn und sagen: „Wenn er doch nicht taub wäre!* Und der vierte der weisen Männer begann: „Möge, o König, dein Zorn nicht entbrennen über deinen Diener, wenn ich spreche! Ich ging auch nach dem königlichen Auftrag, den besten Mann zu suchen und nun betrachte ihn! Tausend und abermal Tausend habe ich betrachtet; sie waren aber, außer diesem, alle Sünder; denn ich hörte sie gegen ihre Nachbarn sprechen, Lügen gebrauchen, unaufrichtig reden und den Namen des Allerheiligsten vergeblich aussprechen; aber dieser Mann gleicht den klebrigen nicht; denn er ist stumm, und Alle behaupten, er sei ein würdiger Mann und thue viel Gutes.* Da ward, deS Königs Gemüth beunruhigt, und er dachte nach Der die Sache. Daraus begann er: „Veranstaltet mir eine feierliche Volksversammlung! Ruft zusammen alt und jung; denn ich will Worte der Zurechtweisung an sie richten!* Da: beeilten juh die Diener den königlichen Befehl zu l vollziehen.' Sie zogen durch die Straßen, verkündeten das königliche Wort^ und^ eir^e große Volksmenge strömte vor den Thören^deS königlichen Palastes zusammen. Da! trat der König vor mit den 4 gewählten Männer», nick sich an das Volk wenlWd, sprach er: „Seht, ich habe unter euch meine weisesten Räthe gesandt, einen Mann zu suchen, der an Rechtschaffenheit hervorräge, damit ich ihn zum Richter über euch setze; aber seht! der einzige Mann ohne Falsch, de» sie finden konnten, ist der stumme Mann, der keine, Sprache hat; der einzige Mann, dessen Ohr sich nicht zur Verleumdung neigt, ist dieser taube Mann, der kein Gehör hat. Alle sstreckten ihre Hände, nach Bestechung aus, außer diesem Manne, der keine Hände hat. Keiner wendet seine Augen von verbotenen Dingen ab, außer diesem blinden Manne. Mein Volk, o mein Volk, sollte dies also sein! Soll es so fortgehen bis ans Ende der Welt, daß derjenige, welchen der Schöpfer mit vollkommenen Körper geschaffen, verderbt sei in seiner Seele und böse in dem Triebe seines Herzens? Soll eS heißen, daß der Stumme besser ist, als derjenige, der kein Sprachvermögen besitzt, darum, weil er nicht lästern kann? oder daß der Taube vortrefflicher ist, als derjenige, der daS Gehörvermögen besitzt? darum, weil er die Worte der Sünder nicht vernehmen kann? Wahrlich! wenn dem also wäre, dann müßte das geringste Wesen, welches Gott schuf welches nur einen Mund zum Essen und einen Magen zum Verdauen hat, das beste und glücklichste Geschöpf auf Erden sein! Aber sicherlich ist es nicht so! denn ich weiß mit Gewißheit, daß die Hände des Menschen zur Arbeit, seine Finger für künstliche Werke und seine starken Arme zum Schutze der Schwachen gebildet sind. Ich weiß auch, daß seine Augen als Licht dienen, ihn zu leiten; als vielfarbige Leuchte seine Gesichtsbildung zu erleuchten, zu scheinen mit dem trüben Lichte des Vorwurfs auf jden Uebelthäter mit dem sanften Lichte des , Lebens auf. denjenigen, mit dem der Seclenadel vereinigt ist; mit dem milden Lichte des Mitleids auf denjengen, dessen Herz von llnrphe gequält ist und mit dem glänzenden Lichte der Wahrheit aus alle Menschen zu allen Zeiten. . Auch weiß ich, daß das Ohr des Menschen ein gütiges Geschenk ist , denn mit dem Ohre empfängt das Kind Belehrung von seinem Väter, so daß jedes nachfolgende Geschlecht an Erkenntniß wachst. WahrlichdaS Ohr, das auf Belehrung hört, ist dem Kalksclsen ähnlich, der den Regen für die Zeit der TroaMß aushaufet; . jedoch das Ohr, das auf Verleumdung Hört, ist dem Feuerberge ähnlich, das den Regen des Himmels einschlürfet und ihn als versengenden Dunst wieder auswirfk. ' "