Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 24 (7.11.1860)
- Date
- 1860-11-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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290 dieser modernen Pastoralklugheit ausstreuen — haben aber auch deren Früchte — '2^' i2'2^p — faul und wurmstichig, vor unseren Blicken zur traurigen Reife gelangen sehen. Der Flitterglanz schillernder Empfindungen, womit man die jüdische (?) Eonfirmationsfeier ansstasfirte, ist erblaßt, und dieses faule Holz, leuchtet und erwärmt nicht mehr; das zerbrechliche Fahrzeug der Eonfirmation liegt, von den empörten Wogen der Gesetzesabtrünnigkeit zerschellt, bedauernswürdig aus den: Strand des Unglaubens. Doch — kommen wir von diesem Ausfluge auf unsere Erzählung zurück. Das Gebet um schönes Wetter bei der Eonfirmationsseier wurde zum lebhaften Bedauern der consirmationsfreundlichen Madame N. nicht erhört, vielmehr schien der Himmel seine Demonstration gegen dieses stattzufindenoe Schauspiel im heiligen Gotteshause dadurch erkennen geben zu wollen, daß er seinen unfreundlichen Regenmantel bis zur Unkenntlichkeit über sich gezogen und unaufhörlich Fluchen — zur Erde niedersandte. Der Sabbatmorgen war indessen herangekommen, und die schwarzgelockten, in schwarzen Kleidern einhcrschreitenden, munter ins Leben hineinschauenden Knaben lachten zu dem wässrigen Proteste; aber nicht so gleichgiltig zeigten sich die weißgekleideten Consirmandinnen, denen der höhnende Spottstrahl aus den Augen der resignirten Jünglinge nur noch mehr Stoff zu ihrer Verstimmung lieferte. Die Confirmationsfreunde hatten sich diesmal in Folge des allzuhcstig herabströmenden Regens nicht sehr zahlreich eingefunden. Der feierliche Act ließ sich nicht länger aufhalten — der Rabbiner bestieg somit die Kanzel. Horch', da fuhr cin Fiacker bis an die Synagoge heran — und herausgestiegen war, eine Consirmandin nebst ihrer Mutter, unserer Bekannten, die gestern auf schönes Wetter, ach — umsonst zum Himmel gestehet! Da in dieser andächtigen Versammlung keine einzige Seele war, die heute einen überflüssigen PL". hergeslüstert, so waren die Gehörnerven des Herrn Rabbiners nicht in Erregung gebracht, und er hörte das Nöllen der Näder nicht. Der Herr Gemahl und Vater der so eben per Droschke zur Eonfirmation Angekommenen hatte heute seinen Laden geschloffen und stand schon längst auf seinem Posten. Nachdem nun der Rabbiner über das Glück, dem unser Zeitalter durch das hcllleuchtende Tagesgeftirn der Eonfirmation entgegen reife, in rührenden Worten sich ergangen hatte, wurde die Prüfung der Eonfirmanden vorgenommen. — Durch ein tückisches Geschick des Zufalls kam die Frage nach dem vierten Gebote, der Sabbathciligung, an die soeben per Droschke zur Synagoge gekommene Consirmandin; ans die an sie gerichtete Frage des Examinators, erwiederte das Kind etwas befangen: „Du sollst den Sabbat heiligen, sollst ihn nicht entweihen durch Arbeit, weder du, noch dein Sohn, deine Tochter. . . Diese Worte, so einfach und leicht sie auch zu merken waren, wollten dem guten Kinde nicht weiter aus der Kehle fließen. Gewiß dachte das Kind an die fürchterliche Entweihung des Sabbats in ihrem älterlichen Hause. Ein unzufriedener, strenger Blick des Lehrers zeigte ihr an, daß sie ihre Rolle schlecht gespielt, den Zuhörern jedoch drängte sich der bessere Geoanke auf, daß in dem kindlichen Gemüthe noch nicht vollständig das Gefühl für Wahrhaftigkeit erstorben sei. Nach beendigter Feier, in welcher der Rabbiner mit begeisternden Worten die großen, beglückenden Folgen dieser Stunde nachzuweisen suchte, war in dem Hause eines der Eonsirmanden eine große Mahlzeit, bei welcher verbotene Speise verzehrt und zum Kaffee echte Havanna-Cigarren herumgereicht und am Sabbate angezündet und geraucht wurden! In dem Hause des ebenso frommen als gesinnungstüchtigen Herrn W., welcher selbst unter bedeutenden Opfern eine wahrhafte religiöse Erziehung und allseitige Bildung seiner Kinder erzielte, hatte der ."NL2 gewordene Sohn — der nicht zu den Consirmanden gehört hatte — Vormittags einen talmudischen Vortrag gehalten, bei welchem alle dortigen zugegen waren, und Nachmittags, während der Mahlzeit, in einem anmuthigen Zirkel der gebildetsten und würdigsten Personen, eine gediegene und ergreifende deutsche Rede vorgetragen, in welcher er feine Pflichten gegen Gott und seine Eltern aussprach. Man sah es dem liebenswürdigen Knaben an, daß es Worte waren, die dem Herzen entströmten; deßhalb drangen sie auch zu Herzen. Ich will keine Parallele ziehen zwischen den Hoffnungen und Aussichten, die die relgiöse Zukunft des 7022 22 und zwischen denen, die diejenige der Eonsirmanden bietet — ich will weiter Nichts hinzufügen, als daß obige Schilderung eine streng wahrheitsgetreue ist. —