Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 23 (31.10.1860)
- Date
- 1860-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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270 ein großer Thcil trotz ihrer anerkennungswerthen Tendenz, ein förmlicher Ruin für das orthodoxe Judenthum ist, ihre Ansichten unter das Publikum zu verbreiten, um diese desto eindringlicher und zugänglicher zu machen. Sie ruft zur Förderung der israelitischen Literatur Institute ins. Leben, ^u denen von Seiten des auch orthodoxen Publikums bereitwillige Opfer gebracht werden, und alle dort bis jetzt veröffentlichten Schriften haben, abgerechnet einige höchst schätzenswerthe, rein wissenschaftlich gehaltene Werke, keinen andern Zweck als das bestehende Judenthum in seinen Grundclementen zu erschüttern und das Zeremonialgesetz, über das man nicht genug, wie namentlich in der Novelle: „der unbekannte Rabbi," seinen Spott ausgießen kann, lächerlich zu machen. Es ist gewiß eine traurige Erscheinung, wenn jüdische Schriftsteller, besonders Theologen, die jüdische Literatur mit nichts Besserem zu bereichern wißen, als mit Spott- und Schmähschriften über die Satzungen der Religion, deren Sinn und Bedeutung sie kaum zu ahnen, geschweige zu begreifen vermögen! Wir werden dort mit einer Fluth von unpoetischen Poesien überschwemmt, mit Liebesgeschichten hei rüge sucht, als wenn das erwartungsvolle Publikum für nichts Besseres empfänglich wäre, und unter diesen muß sogar — o Schande über solche Entartung! - ein Esra, gleichsam der zweite Moses, als Nomanheld mit all den Eigenschaften eines gereizten Liebhabers eine wichtige Nolle spielen! Wenn es der neuern Kritik, wie sie bei ihren Zersetzungen der orthodoxen Schriften des Judenthums nur nach Recht und Wahrheit zu streben vorgibt, belieben würde, ihren strengen und gewissenhaften Maaßstab auch an derartige Werke anzulegen, so müßten ihr in diesen gar viele sehr lächerlich erscheinen und sie so viele Seiten und Bogen abzurupfen und abzuschneiden haben, daß sie bei denen großen Dank erlangen könnten, die dergleichen Abfall gut zu gebrauchen wißen. Wer indeß in einer Person ein Maimonides, ein Schleiermacher, ein Eben Esra, ein Göthe, ein Notteck, ein Sue, d. h. wer als Rabbiner, Prediger, Exeget, Dichter, Geschichtsphilosoph und Nomanschreiber ein Universalgenie zu fein beansprucht, der muß natürlich, erhaben über alle Kritik, von der ihn kaum zu faßen vermögenden Welt nur angestauut und bewundert werden!- — Und sehen wir uns nach den Resultaten um, die durch solch großartige Erscheinungen bis jetzt gewonnen würden: so ist zwar nicht zu leugnen, daß sie einerseits, auf dem Felde des Wissens gar viele Früchte gepflegt und gezeitigt, daß sie aber auch anderseits das religiöse Band nicht nur gelockert, sondern fast gänzlich zerrissen und unheilbare Spaltungen und Zerwürfnisse in Israel hervorgerufen haben, so daß die klaffenden Wunden und die mit dem Tode ringende:: Verzuckungen schmerzerregend und betrübend sind! Wo ist also das von ihnen verkündete Heil ins Leben getreten? Welchen Ersatz haben sie uns für das verlorene Gut gegeben? Die politische Freiheit, deren wir uns seit der neueren Zeit zu erfreue» haben, ist mehr eine Frucht der durch Bildung und Wissenschaft humaner gewordenen Zeit als ihr Werk! Ist das ein so großes Glück, wenn man dem Formglauben nicht mehr huldigt, wenn man den sinnlichen Begierden und Leidenschaften, von keiner Neligionsschranke behindert und im Zaum gehalten, desto freier die Zügel schießen läßt? Sollte das ein so goldenes Zeitalter, ein so erleuchtetes Jahrhundert sein, wenn man ausgehört hat, Gott in schlichter Herzenseinfalt und Gewissensruhe nach dem Herkommen und nach alter Sitte zu dieneu? Heißt dies wohl Freiheit des Geistes, wenn man jede Neligionsfessel von sich abstreift, aber desto mehr von den eisernen Banden des eigenen Jchs, der Begierde'.: und Leidenschaften furienartig umklammert wird? O tempore., o morer«! Aber wo sind deine Stammtugenden geblieben, Israel! deine Stammtugenden, durch die dir dich stets so rühmlich ausgezeichnet und um derentwillen du beneidenswerth warst? Ach, ste sind nun zum großen Theil mit deinen: Abfall vom Gesetze begraben! Wo ist denn dein Heldenmuth, deine Ausdauer, deine Standhaftigkeit in den verschiedenen Verhältnissen des Lebens geblieben? Wo dein gläubiges Vertrauen auf Gott, deine Sehnsucht nach dem Gottesstaate und deine innere Ergebung in Gott? DaS Gefühl für deine Rationalität, für das zu erwartende Messiasreich ist nun fast gänzlich erstorben, ist dir! Die Zeit ist allgemein humaner geworden, aber deine wahre Menschenliebe, wie sie ehedem dich beseelt, d i e Bruderliebe, die nicht auf Zartheit der Nerven, auf Sentimentalität und flüchtiges Mitleid basirt und nicht, der Willkür und der jedesmaligen Herzensstim-