Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 21 (17.10.1860)
- Date
- 1860-10-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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246 Wege der Erkenutniß gewonnenen Lichte zu erwärmen und zu beleuchten strebt. Doch leider nicht von der Art ist das Streben und die Aufklärung unserer Zeit. Denn diese will nur negiren und die geheiligtsten Bräuche und Institutionen abschaffen, die ihr, weil sie keinen gläubigen Sinn hat, nichts als Leichensterne sind; sie hält nur stets die Scheere in der Hand, um das Judenthum wie eine Modepuppe nach ihrer Einsicht und Bequemlichkeit zu beschneiden. Sie will ein Judeuthum, das alles Mögliche sein kann, nur das nicht, wofür sie es anerkannt wissen null! Und darum haben wir jetzt nrebr denn sonst Unglauben und Gesetzlosigkeit zu beklagen; darum verbreitet sich fast allgeniein eine Heterodoxie, die um so gefährlicher wird, je inehr sie sich den Anschein des Rechts und der Makellosigkeit zu geben und den Nymbus um sich zu verbreiten weist, als wolle sie ein neues Licht, strahlender, als das auf Sinai, ausgehen kaffen; daher hat Jndifferentismus und Lauheit in Glaubenssachen sich eingeschlichen, die, wenn sie fortdauernd so riech weiter wirken, die Grundsculen des Judenthums zu erschüttern drohen. Denn zu nichts ist die leicht bewegliche Volksmenge leichter zu bewegen als zum Abstreifen von vielen, das häusliche, wie sociale Leben beschränkenden Neligionsseffeln, zumal wenn man sie zu berede,: weist, dast in der Beseitigung vieler, das Judeuthum vor andern Konfessionen auszeichnendcr Gebräuche nichts Sträfliches mehr liege. Denn es liegt in der menschlichen Natur tief begründet, der Sinnlichkeit sich hinzugeben und den physischen Neigungen und Trieben zu fröhnen. Ein Jeder strebt nach Uiigebundenheit und Wohlbehagen. Dieses zu! erstrebende Wohlleben und das Sichergeheu in den Freudegenüffen ist zwar keinesweges dem Judenthum entgegen, im Gcgentheil es verheistt als Belohnung , eines gläubigen und frommen Wandels auch irdische Güter in der höchsten Potenz. Aber es hat sich zur Ausgabe gestellt, die Begierden zu zügeln, dast sie nicht entarten, sie zu mastigen, um vor Uebersättigung und Abstumpfung zu bewahren. Es will der Völlerei und dem gefährlichsten aller, die menschliche Gesundheit untergrabenden Laster, der Ausschweifung, den Weg versperren, und den Sinuengenuß über das Thierische erheben, ihn weihen, heiligen, gewissermaßen entsinnlichen, vergeistigen, damit er des Menschen, vorzüglich des Israeliten, würdiger werde. Das Judenthum stellt uns zwar die Freuden dieser Erdenwelt als' Bedingung eures glücklichen Lebens auf, nimmt sich aber zugleich das Necht als weiser und wohlmeinender Nathgeber uns zu belehren, wie und aus welche Weise wir diesen uns hingeben sollen, wenn der Sinneugenust uns wirklich zum Heile und zur Wohlfahrt diene» soll und darum ist, genau genommen, jede Neligionsschranke mehr als eine Wohlthat, denn als Fessel, zu halten. Wenn wir auch die Ursachen des weisen Gesetzgebers bei diesem oder jenem Verbot nicht immer zu ergründen im Stande sind, so dürfen wir nicht von dem Wahne befangen sein, als sei hiefür kein vernünftiger Grund vorhanden. Dieses würde gerade unsere Kurzsichtigkeit zu erkennen geben, indem wir aus Nnkenntuiß unseres wahren Seelenzustandes nicht immer wissen können, was unserem physischen wie geistigem Heile ' ersprießlich oder nachtheilig sei. Sobald wir annehmen, daß Gott und nicht MoseS — wie doch jeder Israelit an die Göttlichkeit des Gesetzes zu glauben verpflichtet ist — die Gesetze der Enthaltsamkeit gegeben hat, so müssen wir ihm auch hierin, ohne Zeit und Umstände zu berücksichtigen, unbedingten Gehorsam leisten, ohne nach Zweck und Absicht, worauf diese, sobald sie uns unbegreiflich sind, Hinzielen, zn fragen: gerade wie ein vernünftiger Patient dem erfahrenen Arzte, dem er sich zu seiner Wiederherstellung anvertraut, in Allem und Jedem, selbst in den kleinsten Diätsvorschristen pünktlich Folge leisten must, ohne bei jeder ihm gemachten Verordnung um Grund und Ursache sich zu kümmern! Wenn nun unsere hochgepriesenen und hochgestellten Rabbiner und Prediger, die sich unberufen als Reformatoren und Neligionsverbefferer amwerfen, durch Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit imponirend, das Publikum bereden wollten, als hätten diese Gebote sich schon überlebt und können, ohne dem Gewissen Eintrag zu thun, als den Anforderungen und Bestrebungen der Jetztzeit zuwider, nach den jedesmaligen Bedürfnissen beschnitten, gehobelt, ja sogar, wenn es erforderlich ist, abgeschafst werden, so wirken sie nicht nur nicht im Geiste wahrhafter Bolksleh- , rer und Beförderer des Jndenthums, sondern suchen! noch den Weinberg des Herrn dadurch zu zerstören,! daß sie, wie der Prophet sagt (Jes. 5, 5), „ihn entzäunen, damit er zur Weide diene, seine Mauer nie-