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Der Israelit · 1860-09-12 · Heft 16 (12.9.1860) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
1 (1860)
Issue
Heft 16 (12.9.1860)
Date
1860-09-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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19A Kassel, im August. Was wird aus uuserm Synagogenwesen noch werden? Wohin wir blicken, finden wir das Gepräge der Halbheit, das Bild des thörichten Widerspruches. Wären unsere Re- ' former sich doch nur klar bewußt, was sie denn eigentlich wollten! Sie würden die heillose Verwirrung in ihren Gemeinden nicht angefacht haben und täglich so lange vermehren, bis endlich auch diese nicht mehr wissen, was sie sollen. Die Synagoge hat in unfern Augen das Ansehen noch aus guter alter Zeit; gleichwohl wird sie doch nicht ausgesucht; sie ist das Einzige, das uns noch von einem gewissen Nimbus umgeben erscheint, denn unser ganzes Bischen Religion hat sich hinein geflucht tet. Zeder glaubt aber, er bedürfe ihrer nicht mehr, sie sei nur für den Nachbar noch da. Unsere Rabbiner und Prediger wissen sich und der kranken Mutter keinen Rath mehr. Sie haben nicht das Herz, oft auch nicht die Einsicht, das einzig richtige Heilmittel zu ergreifen, und nehmen zu Schönheitspflästerchen ihre Zuflucht. Freilich mag bei den Ehrlichen unter ihnen die Absicht gut sein; allein, was hilft uns die Absicht? Wehe dem Kranken, der unter das Messer eines unverständigen Arztes geräth; der wird bei aller guten Absicht ihn verderben. — Auch unsere Gemeinde theilt die Krankheit der Zeit; auch ihr wird eine gleich verkehrte geistige Pflege. So haben wir schon früher berichtet, daß Herr Adler eS für gut befunden, deutsch eGebete einzuführen, die freilich nur von ihm selbst vorgetragen werden, und wobei die Gemeinde nur die stumme Zuhörerin abgibt. So oft wir sie hören, machen sie einen widrigen Eindruck auf uns und stören unsre Andacht. Dies tritt nach den (in ja nach den am meisten hervor, wo die ernste Stimmung durch fremdartige Zusätze in deutscher Sprache wahrlich nicht gehoben wird. Und was nützt ein solches abgelesenes, deutsches Gebet? Es ist nichts, als eines von jenen beliebten Heilpflästerchen, aufgelegt auf die Wunden unserer Unwissenheit und Bequemlichkeit. Denn unsere Nabbinen machen uns LUs so mundgerecht, daß wir nur den Mund aufzusperren brauchen; viel Anstrengung wird von uns eben nicht verlangt. Fragt man unsere Nabbinen, warum sie deutsche Gebete einsühren, so antworten sie, weil unsere Gemeinden die hebräischen nicht verstehen. Fragt man sie: warum thut Ihr nichts dafür, daß die Gemeinde und besonders die Jugend das Hebräische erlernen? so antworten sie: ,.die Leute wollen das nicht mehr! die Eltern wollen, daß ihre Kinder außer ihrer Muttersprache noch französisch und englisch verstehen; sie sollen mit allen Wissenschaften vertraut werden, sollen mit Zeichnen nnd Musik täglich einige Stunden sich beschäftigen; wo bleibt da noch Zeit, hebräisch zu lernen? Sollen nun unsere Gemeinden, des Hebräischen unkundig, etwa gar nicht beten; oder Unverstandenes beten? So ist es besser, sie beten deutsch!" Solche Antworten sind nicht hypothetisch, sind nicht etwa im Kopse des Referenten entstanden; sie sind uns schon oft thatsächlich gegeben worden. Aber welches Armnthszeugniß geben solche Nabbinen sich selbst mit dergleichen Antworten! Sie sind — man verzeihe uns diesen Vergleich — sie erscheinen uns nur noch als die Kutschpferde, die nach der Pfeife der Gemeinde traben müssen, während sie doch nur dazu da sein sollten, diese zu lenken und sie dem hohen Ziele zuzusühren, das, ohne treuen und einsichtsvollen Wegweiser, ja so leicht verfehlt werden kann. Wenn sich der Rabbiner nur nach seiner Gemeinde zu richten hätte, statt umgekehrt; wenn er vermöge seiner hohen Intelligenz, eines Hochachtung gebietenden Charakters, und eines religiösen Lebenwandels ihr nicht überlegen, und nicht nn Stande zu sein braucht, die Gemeinde zu sich heraufzuziehen, statt zu ihr hinabzusteigen, so ist gar nicht einzusehen, wozu der Rabbiner überhaupt noch nöthig wäre? Doch es läßt auch Niemand sich einreden, daß jene Einwendungen die wabre Herzens- Meinung der modernen Nabbinen ist. Wenn ihnen an der guten Sache soviel gelegen wäre, wie an der eigenen, oder wenn sie ihr Interesse der Gemeinde gegenüber zu verfechten hätten, dann würden wahrlich die Antworten ganz anders lauten. S o aber ist es leicht, die Gefälligen, die Friedliebenden, die Liberalen zu spielen, sich als Männer zu geriren, welche den Geist ihrer Zeit begreifen und ihm Rechnung tragen, ist es leicht sich in die Gunst der Gemeinden zu setzen, und mit der Krone des Märtyrthums zu prangen, wenn ja einmal ein treuer Anhänger unseres Glaubens es wagt, seine Stimme tadelnd gegen diesen Unfug zu erheben. — Wenn es leider so weit gekommen ist, daß in vielen Gemeinden

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