Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 1 (1860)
- Issue
- Heft 15 (5.9.1860)
- Date
- 1860-09-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Und lange noch als Alle schon verlassen Die heil'ge Stätte, bleibt er sinnend noch, Bis ihn der Schließer jetzt wohlwollend mahnet, Die Zeit des Gottesdienstes sei vorüber. Gedankenvoll und ernst betritt er sein Gemachs Geht hastig auf und nieder bald, bald ruhet, Den Kopf auf seinen Arm gestützt, er wieder. Der innere Kampf, der in dem Busen woget, In seinen Zügen ist er deutlich ausgepräget. — Wir folgen ihm in seines Herzens Tiefe Und lauschen den Entschlüssen, die dort reifen. Auch er hieß Raphael. Von seiner Wiege War er die Freude schon des würd'gen Vaters; Er war sein Stolz, der hoffnungsvolle Knabe. Er sah in ihm die Stütze seines Alters, Wie er, von Gott geliebt und Menschen, ihm Den Lebensabend einst verschönern würde. Doch bitter hat den Greis der Sohn getäuscht. Zwar ward er sanft und gut und unterrichtet, Im Umgang sehr geehrt und überall beliebt; Doch hatt' er der Verführung Raum gegeben, Seit er das elterliche Haus verlassen, War abgewichen von der Tugend Pfade, Und unbeachtet ließ er, unerfüllt, Der Väter fromme Sitte schon seit langer Zeit. Wohl ließ der fromme Vater an Ermahnung An freundlich-ernstem Rathe es nicht fehlen. Doch könnt' es wohl auf läng're Zeit auch frommen? Zu schwach war Raphael, doch die Genossen, Die ihn auf falsche Fährten lenkten, böse; Verlockend der Genuß, herb die Entbehrung. So ward sein Vater.ihm, er seinem Vater Entfremdet endlich; und er mußt' schon lange Die theuren Züge seiner Hand vermissen. Wie oft, wie herzlich er darum gebeten. Nur von der jüngern Schwester, die ihn liebte, Vernimmt er oft den Schmerz des greisen Mannes Und oft ergreifen Scham und Reue ihn Bis ihn auf's Neu die Sinnenwelt umstricket. Doch nicht so heute. — An dem Sterbetage Der Mutter, die so innig er geliebt, 186 Und die vor Jahren schon war heimgegangen, Umschwebt ihr Bild sein jugendliches Herz Und hatt' cr schon in kindlicher Verehrung An heil'ger Stätte wehmuthsvoll des Tags gedacht; Wie wurde mächtiger noch er ergriffen, Durch jenen hohen, feierlichen Act. Er dachte seiner Kindheit, jener Hoffnung, Die seine eignen Ellern einst auf ihn gesetzt, Er fühlt sie mit, die Freude, die sein Vater In jener glücklicheren Zeit empfand, Da er zum ersten Mal ihn auf den Armen trug; Er hört im Geiste seinen Vater rufen: — „Gelobt sei Gott, der würdig mich erachtet" — Vernimmt den Segensspruch der betenden Gemeinde, Der damals ihm, wie heute jenem Knaben, Aus vollem Herzen innig ward ertheilt. Da war es ihm, als stünd' an seiner Seite Sein würd'ger Vater mit dem Silberhaare. „Kehr' um, mein Sohn," fleht er mit Schmerzenstone, „Kehr' um, verlaß der Sünde falsche Bahn! „Noch ist es Zeit! O, kehre um und wähle „Den rechten Weg, den du so sicher kennst. „Verirret nur bist du; nein, nicht verloren! „O, komm', du meines Lebens einz'ge Freude> „O, komm' zurück, komm' an mein Vaterherz!" Erschüttert, doch entschlossen stand jetzt Raphael Von seinem Sitze auf. „Ja, vielgeliebter Vater! „In deine Arme kehrt dein Sohn zurück! „O, nimm ihn auf, ihn sühnt ein reuig Herz, „Vergebung werde ihm, dem arg bethörten Sohne; „Nie wird er fürder Kummer dir bereiten, „Den gleichen Weg wird er mit dir nun wandeln „Und wird der Stolz, die Wonne deines Alters!" Zur That reift der Entschluß. Mit frohem Muthe Verkündet die Umwandlung er dem Vater Und bittet kindlich ihn um seinen Segen. Er fühlt sich glücklich, dünkt sich neugeboren Seit er den schönsten Sieg — den über sich — errungen, Und ob auch die Genossen ihn verspotten, Beharrlich wandelt er den sichern Pfad der Pflicht, Und die Entbehrung wird ihm zum Genuß; Im Kampfe selbst erwuchs ihm seine Kraft.