Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 32 (17.12.1920)
- Date
- 1920-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einzelexemplare K 2. Redaktion-undAdmiaistrat on Wlaa li., TabcrstraSe i. , P,<ni>|ii.,oh«'Nr .44018 9>.43319 _ Nalional-jüdifches Ongan öer öe.iaR«; jMtscae Nationaltonds" Wien, Freitag. 17. Dezdmber 1020 XiV. Jahrgang Nr. 32 Bazaaaarelä: Vterteljlhrie 13 K ganxj. 50 K, Elnsalaommer 2 & Poatapvkkaaenkonto 133.404;An unsere Leser und Freunde! ' Mit der heutigen Nummer stellt die.;Uüdiscfie ZVitung** ihr Erscheine, ln der bisherigen Fornueia^ v Mit der Schäftung eines eigenen täglichen Organs, der „Wiener Morgen- Zeitung“, die in der Lage ist. unsere Gesinnungsgenossen . über die wichtigsten zionistischen Fragen und Ereignisse .täglich aid dem Laufenden zu halten, ist die „Jüdische Zeitung“ in ihrer traditionellen Form teilweise überflüssig geworden. Von dieser Erkenntnis ausgehend; hat sich die zionistische Leitung Oesterreichs entschlossen, die Herausgabe der „Jüdischen Zeitung“- e i n z u s t e 11 e n und aii. deren Stelle eine z i o n i s t i.s c h e M o n ä,t sschrift erscheinen zu lassen; welche bestimmt ist. in G^talt ^und Änlage^ einer Revue die aktuellen Probleme dier zionistischen Bewegung einer allseitigen Erörterung zu unterziehen. Es soll die zion i s t i sxheR e v u e geschaffen werden; welche bisher unserer Publizistik gefehlt hat und deren Mangel sich immer fühlbarer macht, eine Zeitschrift, deren _ Aufgabe es ist, alle Seiten des zionistischen Lebens und der Galuths ö wi i e P a lä s t i n a a r bei t einer sachl ich eaundl eben di ge n E;r- : o r t e r u n g nach der t h e o r e t l<s c h e n wie der praktisc.hen Seite zu unterwerfen. \ ’v.!.’;!,- '--•'Diö'llcräusgeberschaft'iioffti^Tn—der Lage zu sein, die erste Nummer der neuen Monatsschrift im Laufe des Monats Jänner 1921 erscheinen zu lassen und gibt sich der sicheren Erwartung hin, daß diese Umgestaltung der „Jüdischen Zeitung“ dem lebhaftesten Interesse unserer Gesinnungsgenossen begegnen wird. Die Einstellung der „Jüdischen Zeitung“ bedeutet also keinen Abschied von unseren Lesern, sondern vielmehr die Aufforderung. dem in Vorbereitung befindlichen neuen Blatte ihr ganzes Interesse zuzuwenden. Die erste Nummer wird allen Abonnenten der „Jüdischen Zeitung“ zugehen. Alle näheren Bedingungen werden zur gegebenen Zeit bekanntgegeben werden. Redaktionelle Zuschriften erbitten wir in der Zwischenzeit an die Adresse Professor Arthur Freud, per „Wiener Morgen-Zeitung“, II., Taborstraße 1—3, zu richten. Max Nordau und das Problem der Minderheitsrechte Max Nordau hat sich Ln der französischen „Hätikwah“ über die jüdischen Mmderheitsrechte geäußert. Es ist interessant, die Stellung, welche Nordau zu dieser Frage nimmt, genau kennen zu lernen. Darum seien die Ausführungen Nordaus möglichst eingehend wiedergegeben: „Der Weltkrieg sah eine, neue Agitation unter den Ostjuden entstehen, um auf die Vertreter der Entente bei der Friedenskonferenz einzuwirken. Der Zvifck dieser Agitation war. allenthalben den Juden ihre Rennaissance aJs besondere Nationalität mit speziellen politischen Rechten unter dem Schutze des Völkerbundes zu sichern. Das Ergebnis war, daß in den Friedensvertrag mit den besiegten Völkern und auch mit den neugegründeteh Staaten besondere Punkte hineingenoimnen wurden! welche die nationalen und konfessionellen Minderheitsrechte, die freie Ausübung der Religion, die bürgerliche "Rechtsgleichheit mit der ethnischen Volksmehrheit und die /Möglichkeit ihre eigene Kultur ungestört zu entwickeln, den Juden garantieren. Die Initiative der auf dieses Ziel gerichteten Bewegung stammte von den Zionisten der osteuropäischen Länder. Die Bewegung wurde ferner durch Körperschaften von der Art der Komitees der englischen und deutschen Juden, mit der Anglo-Jewish-Asociation an der Spitze, gefördert. Diese unerwartete Förderung einer zionistischen Unternehmung durch die Assimilauten hätte bei den Zionisten Bedenken erwecken und sie zur Vorsicht mahnen müssen. Die Zionisten mußten sofort begreifen, daß, wenn leidenschaftliche Anhänger der Assinülation zu ihnen halten und an einer ihrer politischen Unter - nehmungen mitwiiirken wollen, dies sicher der zionistischen Sache nicht dienen und die Verwirklichung des zionistischen Ideals nicht, fördern kann, das im Aufbau eines jüdischen Volkes in seinem historischen Vaterland Palästina besteht Die Zionisten .waren jedoch verblendet und haben mit den. Assimilanten;zusaimnehKearbeitet; und jetzt betrachten sie das, was sie'auf der Friedenskonferenz erreicht haben, als großen Sieg. In Wirklichkeit aber ist die Idee, die Juden als Minderheitsnation unter anderen Völkern mit besonderen politischen Rechten und speziell eh Privilegien auszustatten, ein gänzlich absurder und schädlicher Gedankte der nur in dien Hirnen von Amateurpolitikem geboren werden konnte, die unfähig sind, die unmittelbaren und mittelbaren Folgen ihres unbedachten Tuns abzuschätzen. Daß die einflußreichen und aktiven Zionisten diesen Fehler begangen haben, ist ganz besonders zu bedauern, da er ihre Kräfte in dem Moipphte, da sie für <fe Palästinaarbeit notwendig sind, zersplittert“ . . ' Nordau verrät dann, daß er selbst den Plan . entworfen habe, " die Juden; als selbständige iyfjhderbeitsnatfon zu erklären. Dies ihat Nordau jedoch, wie er sagt bloß im Hinblick “auf Ostgälizien ‘ getarji wo die Polen und Ruthenen ungefähr gleich stark sind und sich mit allen Mitteln bemühen, die jüdische Bevölkerung als ihnen zugehörig zu erklären, um dadurch die Mehrheit zu erhalten. Dies ist für die Judenhöchst schädlich, da stets der unterlegene Teil an den Juden Rache' . nimmt Auch in dem neubegründeten Litauen ist .die-Lage dieselbe. Daher ist Nordau, wie er sich ausdrückt, damit einverstanden, ' daß auch, in Litauen die Juden sich als selbständige Nation erklären.- - ... i — schreibt N,ordaic. weitet.»üi> keinem anderen Lande’-gibt es miteinander kämpfende Nationalitäten besonderer Sprache und Eigenart und es wäre, daher Wahnsinn von den Juden, dort mit dem Anspruch aufzutreten, sie seien eine von der Staatsnation verschiedene Nation, der besondere politische Rechte gebühren. Und gerade diesen Wahnsinn hat man zur Wirklichkeit werden lassen. Ich kann begreifen, daß sich dies den westeuropäischen Assimilanten gelohnt hat. Sie rühmen sich nämlich jetzt, die politische Lage der Ostjuden gesichert zu haben und hoffen, es könnte ihnen auf diese Weise gelingen, sie des Zionismus abwendig zu machen: aber ich kann absolut nicht, verstehen, wie die Zionisten sicli in eine Politik einlasser, konnten, welche allen ihren Bestrebungen entgegengesetzt ist-“ „Das Ziel des Zionismus" — sagt Nordau - „ist, einen eigenen jüdischen Staat mit jüdischer Mehrheit in Palästina zu schaffen; daher darf es iür die Zionisten keinen jüdischen Nationalismus außerhalb Palästinas geben, : welcher sich als solcher unter den fremden Völkern einlebt und keinerlei Aenderuug erstrebt. Alle Bstrebungen der Zionisten haben docli nur ein Ziel: die Juden für die Auswanderung nach Palästina und für die ständige Ansiedlung dortselbst vorzubereiten. Jene Juden, welche sich entschlossen haben, in das alte jüdische Land zurückzukehren, können gar nicht verlangen, eine politische Rolle Ln dem Lande zu spielen, in welchem sie jetzt wohnen und sich, in seine Existenz und in sein Schicksal ciuzumengen. Sie sind doch eutgültig in diesen Ländern Fremde geworden, noch bevor sie ihre Absicht, gutwillig das Land zu verlassen, verwirklicht haben. Alles, was sie hoffen und erwarten können, ist, daß man sie mit jener menschlichen Gastfreundschaft behandle, welche alle freien und zivilisierten Staaten gegenüber Fremden, die sich ordentlich aufführen, beweisen. Fremden, die ihre Gesetze achten und deren Lebnsart im Lande ökonomisch, moralisch und intellektuell wertvoll ist. Wie sollen die Anhänger der maximalen Minderheitsrechte iür die Juden sich eigentlich die Entwicklung des gesetzlichen Zustandes vorstellen, den sie in den neuen Staaten Osteuropas schaffen wollen? Sind sie wirklich so blind, die unglücklichen Konsequenzen, welche er herbetführen muß, nicht zu sehen? Der Antisemitismus, welcher ohnehin jetzt schon kräftig genug erwacht ist, wjrd daraus außergewöhnliche Kräfte schöpfen. Doppelte Nationalitäten, Mangel an vollkommenem Patriotismus und an Aufrichtigkeit für das Land — das werden die leichtesten Vorwürfe sein, die man ihnen jeden Augenblick ins Gesicht schleudern wird: und wenn die. Juden aus den vc) schieden tu Ländern versuchen werden, auf einem Kongreß spezifisch jüdische Fragen zu be- raten (was sie doch tun sollen und müssen), dann wird man ihnen vor.werfen, daß sie danach streben, eine internationale Organisation zu schaffen, daß sie sich der Staatskontrolle entziehen wollen, daß sie Verschwörer sind!, den Befehlen des Auslandes gehorchen, ausländische Interessen vertreten und eine ständige Gefahr für den Staat bilden. Wenn, aber die Juden im Gegenteil jede Verbindung mit ihren Brüdern jenseits der Grenze vermeiden wollten, dann würden sie dadurch erstens, ihre Feinde und Verleumder noch nicht entwaffnen und zweitens damit iiv trauriger Weise, in viele Nationalitäten zerfallen, welche von einander abgesondert leben und in so viel Teile gespalten sind, wieviel Staaten ihnen Mmderheitsrechte gegeben haben. Kann außerdem jemand, der nur ein, wenig historische Erfahrung hat, so naiv sein, zu glauben, daß man das .Minoritätsrecht wird verwirklichet: können? Ungarn hat bereits ein Beispiel gegeben, indem es den Juden die Emanzipation, nahm und sie in die schlimmste Lage beachte, mit der Ausrede, die Juden, seien eine Minderheit, die dem Staate feindlich wäre. Es ist nicht zu bezweifeln, daß früher oder später der oder jener Staat dieses Beispiel nachahmen wird. Ein Abgrund, öffnet sich zwischen den Juden und ihren'nichtjüdischen: Mitbürgertii überall, wo sie jetzt in frieden leben. Ueberall wird ntan sie als Fremdkörper im nationalen Staatsorganismus betrachten und sich be- - mühen, sie. zu vertreiben. Der jüdische Nationalismus hat gar keinen Sinn iü diesen Ländern, wo er höchstens den Zweck haben, kann, die Wanderung nach Palästina! zu organisieren. Wenn man dieses-Ziel nicht anerkennt;" wenn die Juden entschlossen sünd, stets in der Diaspora, zn bleiben, in dem, Falle ist der jüdische Nationalismus barer Unsinn. Die Juden körnten nur prätendieren, treue Anhänger des mosaischen Glaubens zu. sein, und in diesem * Falle müssen sie letzten Endes sich assimilieren und in! der ethnicheu Umgebung verschwinden. Schon seit zwanzig- Jahren spreche ich diese Ueberzeugung aus Und erkläre, das Judentum muß zionistisch werden- Otter es wiTd verschwinden.“ Diese Ausführungen des Autors der „Paradoxe" haben das Gepräge von Paradoxen, indem Anfang und Ende einer logischen Schlußkette einander widersprechen. Nordau besprich: die Absurdität, und Schädlichkeit des Gedankens,, den .luden Minderlieitsrechte zu gewähren, um jedoch nach wenigen Zeilen diese Absurdität in national nicht einheitlichen Terrctorien wie Ostgulizien und Litauen als einziges Mittel zu empfehlen, um die Juden dem Lose des Puffers zwischen den einzelnen Nationalitäten zu entrücken. Es ist natürlich völlig unrichtig, weiil. Nordau meint. Rußland oder Polen zum Beispiel seien national einheitliche StaatcngebilJe. ln Polen sind mindestens 35 Pro-’ /.ent der Bevölkerung nichtpolniycher Nationalität. Rußland ist heute ebenso wie früher ein Nationalitätenstaat, in weichem gerade jetzt, da ein Teil seiner Nationalitäten selbständig wurde, das Problem der Nationalitäten umso dringender geworden ist. Ebenso ist die Tschecbo-Slowake:. das durch Gebiete mit stark nientrumäniseher Bevölkerung vergrößerte Rumänien ein Nationalitätenstaat Bedeutet mm die Einschränkung des Miiioritätsrechtes aui dv Juden von Ostgalizien und Litauen, wie sie Nordau verlangt, eine souveräne Hinwegsetzung über die Rechte der Judenscbatt Polens, Rußlands;. Rumäniens und der Tschechoslowakei, so ist die Anwendung des Minoritätenschutzes auf bestimmte Teile der .1 udea wie sie Nordau predigt ein soziologisches Absurdum: sie schaift nämlich in den einzelnen Ländern verschiedene Kategorien von Juden, welche sich hüten müssen, diese in Anspruch zu nehmen, da sie nach Nordaus Argumentation - nichts anderes sind als Fremde von Distinktion, Ausländer oder dergleichen. Nordau tut zunächst so, ais ob ein souveräner jüdischer Staat in Palästina bereits bestünde oder in allernächster Zeit zu erwarten wäre und stellt 'in seiner Argumentation die Entwicklung der Dinge so hin, daß erst der jüdische Staat in Palästina ein jüdisches Volk begründen würde. In Wirklichkeit aber kann ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina nur durch das jüdische Volk begründet werden und dies erfordert seine nationale Einheitlichkeit. Sie ist nur gewährleistet, wenn die nationalen Rechte des jüdischen Volke» in der ganzen Welt gesichert sind. Wie dies geschehen soll, wenn nicht einmal der nationalkulturelle Aufbau des jüdischen Lebens gewährleistet ist, wie es durch die Mmderheitsrechte geschehen soll, darauf bleibt Nordau die Antwort schuldig. Freilich kann er schwer einsehen. daß ein jüdisciies Palästina niemals von einer Judenheir wird auigebaut werden können, die nicht sozial und kulturell jüdisch ist. Denn ihm ist das Endziel des Zionismus ein beschränkt mechanisches, nämiieh die Ueberi.ithrung einer möglichst großen Menge von Jud.en nach Palästina, ut aliquid iactum esse videatur. Ob und wie diese Massen fähig sind. Palästina wirklich zum jüdischen Ge-