Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 30 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration WiM il.| TaborstraBe I Fjraspreoher Nr. 44038 n. 43319 Einzelexemplare K 2 XIV. Jahrgang Nr. 30 _ National~jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische ISfationalionds* Vien, Freitag, säan 12« November 1920 Bingsarels: Vierteljährig; 13 K gansj. 50 K, Einaelnnrnmer 2 S. Postapaxkassenkonto 133.404 Der Parteitag der öster-p| reidiisdien Zionisten Für den auf den 1. und 2. Oktober anberäumten Parteitag war ein derart ausgedehntes . Arbeitsprogramm festgesetzt worden, daß die Konferenz nicht imstande war, dieses in der ihr zur Verfügung stehenden Zeit wunschgemäß zu erledigen. Es wurde daher der Beschluß gefaßt, die Tagung am 7. November fortzusetzen, uin die Beratungen zum Abschluß zu bringen. Es kann rückblickend iestgestellt werden, daß das allgemeine Niveau der Verhandlungen sich über jenes des vorjährigen Parteitages beträchtlich erhoben hat und die Debatte, die sich mitunter recht!ebliaft gestaltete, trug doch einen vorwiegend prinzipiellen Charakter, wenn man von etlichen nicht gerade erfreulichen Intermezzi absieht, von denen dies nicht behauptet werden kann. Es w’urde auf diesem Parteitag reichlich Kritik geübt, die vielfach den Charakter von Selbstkritik trug. Die Erkenntnis ist allgemein geworden, daß wir manches unterlassen und in manchem Fehler begangen haben und es ist mit deutlicher Einmütigkeit der erfreuliche Wille zutage getreten, hier Wandel zu schaffen und die Arbeit auf den bisher vernachlässigten Gebieten mit größerer Intensität aufzunehmert. Dies gilt namentlich in der Frage der Propaganda, welche genugsam zur Erörterung kam. Es wurde mit ziemlicher Einmütigkeit festgestellt. daß unsere propagandistische Arbeit nicht nur mit Bezug auf -deren Intensität, versärkt, sondern auch vertieft und gewissermaßen in ein System gebracht werden müsse, daß es nottut, Gelegenlieitspropaganda durch zielbewußte Ideenpropaganda zu ersetzen und nicht bloß Agitation, sondern wirklich V o I k s c r z i e li un g zu betreiben, welche einen dauernden Wert hat tmd dauernde Erfolge verheißt. In den gleichen Zusammenhang gehört die Frage der Jugendarbeit. Auch in unserer Bewegung konnte man in der letzten Zeit die Tatsache konstatieren, daß die gegenwärtig Heranwachsende Generation in nicht genügendem Maße der auf die jüdische Erneuerung gerichteten Bewegung zugezählt werden kann. Wir sind vom Schicksal anderer Parteien diesbezüglich nicht völlig verschont geblieben und müssen mit allen Mitteln streben, -diesen Mangel wettzumachen, weil die Jugend das unerschöpfliche Kräftereservoir der geistigen und sittlichen Regeneration eines Volkes darbietet und sich jedes Versäumnis auf diesem Gebiete schwer rächt Die Frage der allgemeinen und speziell der jüdischen Jugenderziehung ist ein allzu schwieriges und allzusehr umstrittenes Gebiet, als daß eine Diskussion auf einem Parteitag die Möglichkeit bieten könnte, in diese Frage restlose Klärung zu bringen. Aber die Erkenntnis, daß hier vieles versäumt worden ist ist so allgemein geworden, daß sie allein, schon einen Ansporn zu intensiver Arbeit zu bilden geeignet sein könnte. Der Parteitag hat mit voller Einmütigkeit die . Notwendigkeit betont und in seinen Beschlüssen zum Ausdrucke gebracht, daß die politische Arbeit völlig in das zionistische Arbeitsgebiet gehört, weil nur ein starkes Galuthiudentum eine lebensfähige jüdische Zukunft zu bauen vermag. Die Zionisten Oesterreichs denken nicht im mindesten daran, infolge ihres Mißerfolges bei den letzten Wahlen ihr landespolitisches Programm irgendwie zu ändern. Sie betrachten vielmehr den Wahlausgang als einen Ansporn, die politische Tätigkeit mit aller Kraft zu intensivieren und in diesem Sinne auch den Mißerfolg für sicii fruchtbar zu machen. Die Berichte über die abgelaufene Arbeit des 1 üdisehen'Nati ona Ifonds und über die beginnende für den Keren Hajessod bezeugen einen sehr erfreulichen Aufschwung und es ist zu erwarten^ daß die österreichischen Zionisten in Erkenntnis der Notwendigkeit des Augenblicks und ohne Rücksicht auf valutarische Erwägungen. die ierne bleiben müssen, wo cs giit. daß jedermann und jeder Teil der zioms:-senen Weltorganisation ihre Pflicht tun, hinter den Bruderorganisationen der anderen LündeT an Ornerbereitschait zumindest nicht Zurückbleiben werden. Lebhaft erörtert wurde die Frage des Wiener Pa 1 äs t i na am t e s, welches namentlich vom linken Flügel einer lebhaiten Kritik unterzogen wurde, aus dessen Bericht jedoch hervorgeht, daß hier im letzten Jahre trotz aller Unzulänglichkeit der Mittei dieser gewisesrmaßen improvisierten Institution sehr erhebliche Arbeit geleistet wurde, die umsomehr ins Gewicht fällt, wenn man bedenkt, daß die Schwierigkeiten, mit denen das junge Amt zu kämpfen hatte, zum überwiegenden Teil auf das Schuldkonto der L o ndoner Leitung zu buchen sind, welche ihrer Verpflichtung, das Palästinaamt, dessen zentraler Charakter bei der Londoner Jahreskonferenx testgesteilt wurde, materiell zu erhalten, bisher in keiner Weise liachgekomraen ist und durch das Unterlassen jeder Direktive die Arbeit überdies unendlich erschwert hat. Es kann iestgestellt werden, daß alle gegen das Palästinaamt gerichteten Angriffe in Wirklichkeit die Londoner Leitung Breiten und daß das Palästmaamt nur der Vorwurf treffen kann, der Londoner Parole gehorcht zu haben. In diesem Zusammenhang sei gleich festzustcllen, daß von verschiedener und zum Teil maßgebender Serie an dem gegenwärtigen Zustand der Londoner Leitung eine energische Kritik geübt wurde und daß cs diesbezüglich im österreichischen Zionismus wohl nur eine Meinung gibt: Der Parteitag hat festgestellt, daß.e-- nicht angebe, den . momentanst“ Schwierigkeiten in der Palästinaeinwanderung auf die Weise zu begegnen, daß man einfach ein temporäres Einwanderungsverbot zu erlassen versuche, statt sich zu wahrer Aktivität in der Bekämpfung augenblicklicher Hindernisse aufzusch-wingen und den allweltlichen Zionismus zur Tat aufzurufe». daß es nicht angängig sei, das Budget für die palästinensische Kulturarbeit und fiir den Ausbau der Arbeitersiedlungen zu drosseln und er hat sich entschieden zum Grundsatz der nationalen Kolonisation bekannt. Der gegenwärtige Zustand der Leitung ist unter allgemeiner Zustimmung als unmöglich hingcstellt worden und betont worden, daß eine Remedur ehestens imd dringend erforderlich ist. Die Erörterung der Frage des o r g a n i s atorischen Ausbaues, welche den früheren Parteitag so stark beschäftigt hat ohne damals restlos gelöst zu werden, hat auf dieser Tagung ihre Fortsetzung gefunden. Das vorgelegte Organisationsstatut ist in einigen Punkten nach der Richtung abgeändert worden, daß unter gewissen Bedingungen die Schaffung von Sonder verbänden zulässig sein soll. Mau kamt sich auf die Dauer der Tatsache nicht verschließen, daß ein differenzierter Zionismus die Entstehung solcher Verbände als notwendig erscheinen läßt und daß auf diese Weise bet der allgemeinen Erhaltung der äußeren organisatorischen Geschlossenheit eine Vertiefung und Bereicherung der zionistischen Arbeit zu erwarten ist, soferne der an sich richtige Grundsatz nicht überspannt und zu keiner Atomisierung der Organisation führt. Die Berichte, welche die auf sozialem tmd kulturellem Gebiet geschaffenen Leistungen behandelten, Leistungen, die wohl größtenteils außerhalb des eigentlichen Rahmens der zionistischen Organisation vollbracht, aber durch ausschließliche Tätigkeit von Zionisten ermöglicht wurden, bezeugen, daß wir nach jahrelangen Vorbereitungen tmd theoretischen Diskussionen endlich mit praktischer Volksarbeit wirklich begonnen haben. Die verschiedenen Lehrkurse gewerblicher und' anderer Art. die Lehrwerkstätten, die Hebräfsch-Kirrse und das ganze junge Schulwerk sind wohl nur als Anfänge zu werten, aber sie bezeichnen den Weg, den wir zu gehen haben. Auch die Entwicklung des österreichischen Zionismus beweist, daß die zionistische Weltbewegung aus der jahrelangen Phase der Vorbereitung in ein neues und fruchtbares Stadium getreten ist. Waren früher unsere hauptsächlichsten Krätte auf die Propaganda und den Kampf gegen eine gehässige Gegnerschaft konzentriert, so wenden wir uns nunmehr der aufb an enden Arbeit zu. In den Sammlungen für Palästina, die nunmehr mit größtem Eifer aufgenommen werden müssen, auf den» Gebiete unserer künftigen kulturpolitischen, erzieherischen und auf die Schaffung einer neuen jüdischen Wirtschaftsproduktivität gerichteten Arbeit sowie auf dem einer vertieften Propaganda, die identisch sein soll mit VoJkserziefnui:. muß dieser eine Gedanke zum Ausdruck komme;;, der unsere Sache hierzulande zu dauerndem Erfolge zu führen berufen ist ln diesem Falte wird auch die innere Stagnation überwunden werden, derer. Vorhandensein von einzelnen Seiten beklagt wurde und unser Zionismus wird allen Widerständen einer widrigen Zeit zum Trotz in seinem alten Idealismus wieder aufleuchten, der in ihm unzerstörüch lebt. Die neugewählte Leitung hat eir. reiches Arbeitsfeld vor sich. Wenn sie das leisten wird, was der Parteitag in seinen Richtlinien festgelegt hat. dann wird die nächste Tagung der österreichischen Zionisten erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen haben. A. E. Die Eröffnungssitzung im Namen der abtretenden Leitung erötfacte Staatsbalmrat Stricker die Tagung. Vor Eingehen In die Tagesordnung gedachte er des verstorbenen Mitgliedes der Leitung Adolf Stand. ..Ich kanrr_es. .miz“. sagte der* Redner, „vor diesem Forum ersparen, seine Verdienste aufzuzählen. Ucber einen Mann, der von Beginn der Bewegung an Großes geleistet, der Arbeit stets freudig auf sich nahm und den letzten- Rest seiner Kraft noch in den Dienst unserer Sache gestellt hat. brauchen wir hier nicht lange zu sprechen. Die Unvergeßlichkeit ist in diesem Falle kein leeres Wort." — Der Parteitag finde unter Umständen statt, die ihm den Charakter eines Wendepunktes in unserer Arbeit geben. Die Beschlüsse von Sr. Rcmo haben das Wesen der -zionistischen Partei gründlich geändert. Der Weg nach _ Palästina ist uns t re• - gegeben, wir haben nicht mehr für die Anerkennung des Zionismus zu kämnicm. nicht mehr;un den freien Weg. wir haben letzt dafür zu sorgen. daß das Judentum seine Pflicht erfülle. Wie groß diese Umwandlung war. konnten wir bei üv Londoner Konferenz sehen, wo das Gefühl der Bangigkeit vor der Größe der Aufgabe keinen Enthusiasmus aufkommen ließ. Redner bespricht die Londoner Konferenz tmd fährt fort: Zwei- Aufgaben hat in erster Reihe diese Tagung zu erfüllen: Palästina das zu geben, -was es braucht. Menschen tmd Mitte! und unsere ganze Krait muß hierauf konzentriert werden. Wir müssen, uns liier schlüssig werden und eine Organisation schaffen, die imstande ist. Mittel für Palatina aulzubringen und die Menschen zu liefern. Er weist auf den Paiästina-Auibaufomis hin. iiir den die energische Arbeit eirtsetzen müsse. Dieser Fonds durfte nicht den Charakter einer Sammlung trägem er muß aus den Opfern der Juden, in erster Reihe der Zionisten, gegründet werden. Unsere Opfer allein -geben uns die Legitimation von anderen Opfern zu fordern. Das ganze Augenmerk muß aui die Regelung der Auswanderung nach Palästina gerichtet werden und Wien als dem Hauptknotenoimkc fällt dabei besondere Bedeutung zu. so daß unserer Institutionen zentralen Charakter tragen. Wien kann dieses ganze Werk der Regelung der Emigration nicht allein feisten. Trotzdem aber wird der größte Teil der Verantwortung der Wiener Organisation Zufällen und wir müssen beschließen, was zu geschehen hat. um das Wiener Palästina-Amt. das eine ungeheure Aufgabe hat. entsprechend auszugestalten. Unter den übrigen Fragen, die den Parteitag zu beschäftigen haben, bespricht Redner die Kultur frage und drückt die Erwartung aus. daß diese Tagung in Ihrer Stellungnahme zu dieser Frage sich nicht den Standpunkt der amerikanischen Zionisten zu eigen machen werde, welcher bei der Londoner Leitung zu viel Verständnis finde, was sich in dem Budget für Palästina ausdrücke. Auch in der Frage des wirt- . schaftlichen Aufbaues Palästinas, wo der für Privatinitiative eimretenden Richtung die den Gedanken d'er Gemein Wirtschaft verfechtende Richtung gegenüberstehe, werde der Parteitag^ Stellung nehmen müssen. Alle Mittel, die das jüdische Volk als solches liefere, müsse der Förderung der Gern ei n w i r t Sc h a f t in Palästina dienen. Einen vc-licrst! Punkt der