Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 29 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438777-2438806--6793-2446911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
<'V Jahrgang \r. 29 Einzelexemplare K 2.— dedaktion und Admiiiatn» on I!., Takeratrate I P -rn*pr"öher Nr 44038 fl. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der oenage; „Oer jfidis>ct>e s^ationaltunua* Wies, Freitag das 29. Oktober 1920 San«« *ala Vlert-i'ihri 13 K ffmnsj. 50 K. Ein*el*umtner 2 & PoataparkaaaenkoBtu 133.40« Unser Parteitag Der Parteitag der österreichischen Zionisten, welcher morgen seine Beratungen eröffnet, tritt fn einem für die zionistische Sache entscheidungsvoilen Augenblicke zusammen, in einem Zeitpunkte, da es gilt, alle Energie für das große Endziel anzusparuien und unsere Bewegung die Feuerprobe zu bestehen hat. Die Londoner Jahreskonferenz hat die großen Erwartungen, welche die Zionisten in aller Welt auf sie gesetzt hatten, nur zum kleineren Teile erfüllt. Sie hat den schmerzhaften Beweis geliefert, wie gering unsere äußere und innere Vorbereitung für die große Aufgabe ist, die mit einer überraschenden Plötzlichkeit an uns herangetreten ist. An uns, den österreichischen Zionisten, liegt es nunmehr, unser Teil dazu beizutragen, und unsere Kräfte, mit denen der Bruderorganisationen in den anderen Ländern zu vereinen, daß die Krise raschest und restlos überwunden werde, in welche die zionistische Arbeit momentan geraten ist und die durch den Mangel eines großzügigen Arbeitsplanes, durch die fehlende innere Vorbereitung und durch das Ausbleiben der großen Geldmittel für den Aufbau Palästinas gekennzeichnet ist. Der letzte Parteitag der österreichischen Zionisten war fast zur Gänze durch Organisationsdebatten ausgefüllt, welche die Erhebung zur Idee völlig vermissen ließen, und hat auch im Rahmen dieser bescheidenen Selbstbeschränkung nur halbe Arbeit getan. Es gilt nunmehr für uns, den alten Aufschwung wieder zu gewinnen und uns bewußt zu werden, daß große Leistungen, aücirsbichei materieller Art, jur.dann-zu erwarten sind, wenn die rechte belebende Kraft als treibender Motor hinter aller Arbeit steht. Wir müssen uns heute mehr denn je bewußt bleiben, daß der Zionismus, der nicht die Umsiedlung, sondern die innere Erneuerung eines Volkes erstrebt, mit allen Mitteln seinen ursprünglichen, friedlichrevolutionären Charakter behaupten muß und daß jede Verwässerung oder Mechanisierung einen Schaden für das Ganze bedeutet. Nur wenn wir unsere Beratungen in diesem Sinne halten, kann von ihnen der nötige Impuls und die fruchtbringende Wirkung ausgehen, welche wir erwarten. Es wird unsere Aufgabe sein, die einzelnen Arbeitsgebiete zionistischer Betätigung in zweckmäßiger Arbeitsteilung von einander zu sondern, und harmonisch zu verknüpfen. Unser Zionismus, der das gesamte jüdische Problem unter einem einheitlichen Gesichtspunkte betrachtet, kann und darf auf keines seiner bisherigen Betätigungsgebiete verzichten. Es gilt vielmehr, diese miteinander in Einklang zu bringen und Vorsorge zu treffen, daß keines zu kurz komme. Gerade der ungünstige Ausgang der eben beendeten Parlamentswahlkampagne bildet einen schlagenden Beweis, wie gering die politische Erziehung der jüdischen Massen ist, die geneigt sind, allen möglichen Schlagworten zu erliegen. Die Realpolitik muß schon darum einen internationalen Bestandteil unserer Arbeit bilden, weil nur ein gefestigtes, im Vollbesitze seiner Kräfte stehendes Galuth-Judentum imstande sein kann, die alte Heimat durch Arbeit und Hingabe wiederzuerobern, weil nur jüdische Vollmenschen, die um ihre Rasse zu kämpfen wissen, die Generation bilden können, welche für den Aufbau von Erez Israel die tragfähige Basis bildet. Jeder Versuch, zwischen rein zionistischer Arbeit und jüdischer Landespolitik einen Gegensatz zu konstruieren, müßte einmütige Ablehnung finden. Der Ausgang der Wahlen ist in mancher Hinsicht lehrreich. Es kann sich nicht lediglich darum handeln, nachzuforschen, ob vielleicht da und dort wahlpropagandistische Fehler geschehen sind, es gilt vielmehr unsere ganze Propaganda zu vertiefen und auf neue Grundlagen zu stellen. Künftige Wahlen müßten unsere Organisation so gerüstet und ausgebaut finden, daß es einer spezifischen Wahlagitation erst nicht bedürfte. Wir müssen unsere Propaganda endlich in ein System bringen und wirklich „ins Volk gehen", nicht nur aus Anlaß von Protestgelegenheiten und bei Wahlen, sondern, ständig und planmäßig und nicht um Parteiorganisation zu betreiben, sondern um lebendiges Judentum zu lehren, das Volk zu erziehen, seine seelische Umschichtung neben der wirtschaftlichen anzubahnen und seinen vielfach erschütterten Glauben an die indische Zukunft an der wärmenden Sonne unseres Idealismus zu neuem Leben zu erwecken. Unsere bereits vorhandenen Institutionen volkserzieherischer und kultureller Art sind auszugestalten und durch neue Einrichtungen stetig zu erweitern. Wir haben die zersplitterte, führungslose und in zahlreichen Fällen aus dem inneren Gleichgewichte geratene Jugend dem Gedanken der jüdischen Renaissance zu gewinnen und ein Erziehungswerk zu tun, das bei dem Kleinsten beginnt und al’e jüdischen Schichten zu erfassen strebt. 'Wir wollen einen Zionismus, dem nichts jüdisches fremd ist. Um jedoch diese Ziele zu erreichen, müssen wir endlich an den allzu lange vernachlässigten Ausbau unserer Organisation gehen, die um so fester gefügt sein muß, als wir nicht Parteierstarrung, sondern eine, reiche und allseitige Entfaltung im Sinne eines volkhaften Lebens arestreben. Schon heute ist die Zahl derjenigen, die Zionisten sind oder mindestens dem Zionismus nahestehen, ungleich größer als die unserer Organisierten. Hier muß Wandel geschaffen und eine schlagfertige Organisation ausgebaut werden, mit der jederzeit operiert werden kann. Nur eine solche Organisation wird auch imstande sein,- das. zu leisten, was., dm:-Augenblick von ans erfordert Es sind große Opfer zu bringen und der Augenblick drängt, denn es ist keine Zeit zu verlieren, wenn die Arbeit in Palästina in der notwendigen Ausdehnung aufgenommen und die jetzige Krise überwunden werden soll, die zum großen Teile in dem Mangel an Geldmitteln ihre Ursache hat Die Arbeit für den Keren Häjessod muß unverzüglich einsetzen und von Anfang an einen großzügigen Charakter annehmen. Niemand wende ein, daß unsere Valuta entwertet ist und unsere Leistungen daher keinen vollen materiellen Erfolg aufweisen könnten. Wir müssen gerade darum unsere Anstrengungen vervielfachen, um unserer Pflicht genügen und in Ehren bestehen zu können. Es muß der Zustand aufhören, daß zwischen einem Zionismus der Gebenden und einem der Passiven unterschieden wird und wir müssen um jeden Preis hinaus aus der Dollarpsychose, die alles Heil von Amerika erwartet. Die Sammelarbeit für den Keren Häjessod muß organisiert und nach genau entworfenen Plänen betrieben werden. Die Kadres freiwilliger Hilfskräfte, die uns bei Wahlgelegenheiten zur Verfügung stehen, müssen heran zur großen Kampagne für den Aufbau von Erez Israel. AU dies setzt aber eine arbeitsfähige Leitung voraus und der Parteitag wird die richtigen Männer zu wählen haben, welche mit der entsprechenden Arbeitsfähigkeit das nötige Maß von Verantwortlichkeitsgefühl vereinen. Denn nur. wenn wir selbst das Unsere tun. können wir auch Forderungen an den Gesamtzionismus stellen. Und wir haben zu fordern. Die Frage der gesamtzionistischen Leitung ist in London nicht in zufriedenstellender Weise gelöst worden, und es ist ein Zustand eingetreten, der nicht ohne Gefahren ist. Man hat eine Leitung aus wenigen Personen eingesetzt und alterprobte zionistische Führer ausgeschaltet. Seit der Jahreskonterenz sind drei Monate vergangen und man hat nicht den Eindruck, als ob die neue Leitung sich durch eine erhöhte Aktionsfähigkeit auszeichnete und den vorher beklagten Mangel an Kontakt mit der jüdischen Masse zu beheben geeignet wäre. Es ist im Interesse unserer Sache gelegen, die jetzt in ihr entscheidendes Stadium tritt, daß klare Verhältnisse geschaffen werden. Mehr denn ]e gehören repräsentative Menschen, die eine Richtung und eine Tradition verkörpern, mit an die Spitzet Es muß baldigst repariert werden, was in London verrenkt worden ist und den österreichischen Zionisten soll ihre Tagung die Geegenheit bieten, um in dieser wichtigen Angelegenheit ihre Meinung zu sagen. Wenn unsere Beratungen vom rechten Geiste getragen sein werden, so werden sie nicht verfehlen, jene belebende Wirkung auf unsere Gesinnungsgenossen auszuüben, die von jedem Tun ausgeht, an dem der Wille zu Hingabe und Opferbereitschaft kenntlich ist. A. F. Der Ausgang der Wahien Die Wahlen in Oesterreich waren diesmal auf ..große Parteien“ zugeschnitten und letzten Endes ein Duell der sozialistischen und antisozialistischen Anschauung, welches am 17. Oktober zugunten der mit Restauration und Reaktion 'versippten antisozialistischen Elemente —« -wenigstens vorläufig — entschieden wurde. Bei diesem Duell war von den Gegnern im voraus vereinbart worden, die Minderheiten zu erwürgen. Dies ist auch geschehen. Die Tschechen brachten es trotz 37.000 Stimmen in Wien auf kein Mandat Und eine jüdische Vertretung gibt es im gegenwärtigen Nationalrat nicht obwohl die iüdischnationale Liste in Wien 18.000. in der Provinz fast 2000 Stimmen aufbrachte und die Zahl der iüdischnationaien Stimmen sich im Waldkreis Leopoldstadt sich um zirka 28 Prozent vermehrt bat. Die Schuld an dem Verlust der jüdischen Vertretung aber trägt nicht die Wahlordnung allein; denn während die tschechische Minderheit in Oesterreich höchstens einen Wahlkreis hat. wo ihre Wähler eine Vertretung erringen könnten, hätte die-Zahl der iüdischen- Wählerschaft in der Leopoldstadt allein eine jüdische Vertretung von zwei bis drei Mandaten bringen müssen, wenn nicht die jüdischen Stimmen sich zersplittert hätten. Diese Zerspl.tierimg aber si m.i ..ns Konto der politischen Unreife der jüdischen Wählerschaft zu setzen. Denn politische Erwägungen. auch solche, die dem Problem des sozialen Kampfes entspringen, waren einst dafür maßgebend, daß die jüdische Wählerschaft den iüdischnationaien Kandidaten zu wenig Stimmen gab. Die Mehrzahl der österreichischen Juden sirfd ihrer wirtschaftlichen und sozialen Struktur nach nicht auf die sozialistische Durchführung des sozialen Kampfes eingestellt: dagegen könnten sie der sogenannten ..bürgerlichen“ Front ihre Stimmen geben, eben da diese heute mit der der jüdischen Minderheit gefährlichen Reaktion verbunden ist Die jüdische Wählerschaft hat sich nun aus gänzlich unpolitischen Motiven vielfach der Sozialdemokratie in die Arme geworfen, nur weil sie in ihrer Unreife dem Schlagwort der Pujromfurcht unterlag und nicht daran dachte, daß sie durch ihre eigenen Vertreter, soweit dies möglich ist. vor Pogromen ebenso geschützt ist wie duich Sozialdemokraten, dagegen vergaß, daß sie bei der Sozialdemokratie den Schutz in ihren spezifisch jüdischen Belangen nie finden kann, den ihr jüdische Vertreter gewähren, da die Sozialdemokratie den sozialen Kampf nur als Klassenkampf führen muß. welcher für eine sozial schlecht geschichtete und zerstreute Minderheit wie die jüdische stets verderbenbringend sein muß. Ein Teil der iüdischcn Wähler der Leopoldstadt hat sich aber auch in ihrer politischen Unreife zu Experimenten hergegeben, welche von vornherein aussichtslos und nur auf böswillige Stimmungsmache berechnet waren. Dieselben jüdischen Wähler, welche in den letzten anderthalb Jahren durch die Tätigkeit des Staatsbalmrates Stricker einsehen gelernt hatten, wie notwendig eine jüdische, nur indische Vertretung ist. rannten noch immer einem national iarblosen demokratischen Unterschluofideal nach, obwohl sie wußten, und gerade in der letzten Zeit deutlich sahen, daß ihren jüdischen Nöten durch das demokratische Versteckenspiel nicht gedient ist. Wohl waren es nur 4000 Stimmen, weiche d:e Kandidatur Schwarz-Hiller aufbrachte, aber sie genügten, um das jüdische Mandat zu Falle zu bringen. Unter solchen kläglichen Symptomen politischer Unreife hat die jüdische Wählerschatt ihre politische Pilicht ausgeübt. Aber die Schuld liegt zum Teil auch an uns seihst. Der politische Erfolg der iüdischnationaien Sache ist iw Instinkt der österreichischen .ludert gegeben, .besonders heute, wo sie sich der Einheitsfront des Antisemitismus gegenüber^chen. Diesen politischen Instinkt aber haben wir bisher nicht zur vollen Auswirkung gelangen lassen. Das