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Jüdische Zeitung · 1920-09-10 · 26 (10.9.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
26 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelexemplare K 2 Einzelexemplare K 2.— Sedaktios and Administration: >VIm iS., TabcratraBa .1 F«ospreehor Nrl 44038 n. 43319 XIV. Jahrgang Nr. 26 Naüonal-jüdifehes Organ MS; a:tr -rw.i&äe: »Der jüdische Naticmalfonds* Wien) Freitag. «Je» 90. September 1920 8#zn|89?*l«: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 K, Einselnummer 2 ti Postaparkaseenkonto 133.404 Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint am Freitag, den 24. September 1920. Audi eine Festtagsbetrachtung Ganz besonders tritt die Andacht an deti Tagen in den Vordergrund, an welchen nach altüberlieferten Väterzlaubpn die Pforten des Gebetes weit offen stehen, um Israels Gebete aummehmen. Das Gebet ist zunächst wohi für den Juden gleichwie für andere Menschen der Ausdruck der Sehnsucht des seiner Hinfälligkeit sich bewußten Sterblichen nach dem allumfassenden Weitem geiste. Es ist das Verlangen nach der ..Gottesweihe". die zu trösten und aufzurichten vermag. Es ist die Stärkung der Zuversicht, die das Vertrauen i zu Gott gibt, dessen sich der Betende inne wird. . Doch ein weit Größeres und Höheres ist refillah dem Jüdin. Hithoallel bedeutet: über sich selbst zu Gericht sitzen, sich Rechenschaft geben über seine Beziehungen zu Gott und zur Umwelt. So ist Tefillah die Erziehung zur S ei b s t kr i t ik. die Anleitung zu nie erlahmender Selbstzucht. Geschichtlich genommen stellt das jüdische Pflichtgebet die höchste Ausgestaltung praktischer Religiosität dar. Gilt doch als Ersatz für das PflichtoDfer im Tempel zu Moriah und erhebt somit den Betenden zu seinem eigenen Priester, der.seinem Gotte sich unvermittelt naben darf. Tefillah als Gemeindegebet. vom einzelnen mit allen anderen und für alle anderen gesprochen, dient der Ueberwindung des auch im Religiösen sich geltend machenden Egoismus und ist so e th i sch f r uc h t b a re r als ganze Systeme ethischer Kultur Tefillah gibt nicht zuletzt vollendeten Ausdruck unseren nationalen Anliegen und pflegt unser nationales Empfinden. unsere unauslöschliche Liebe zu Zion und Jerusalem. und erhebet den ..Trost Zious“ zunt , Gipiel unserer Bitten. * Einst, so erzählt der Talmud, begegnete ein Gelehrter, der haubtsädhlich der Halacha. dem Gesetzesstudium, oblag, einen andern, der mehr der agadischen Predigt sein Augenmerk zuwandte, und redete ihn also an: Ich höre, du bist ein Mann der agadischen Schriftdeutung, wie kannst du mir den Schriftvers erklären: ..Du hast dich, o Gott, in eine Wolke eingehüllt, daß das Gebet nicht durchdringe“? Wie ist dieser' Ausspruch im Einklang zu bringen mit dem \yorte des Psalmdichters: -Nahe ist der Ewige all denen, die zu ihm rufen, so sie nur in.Wahrheit zu ihm rufen“? Und ihm ward die Antwort: Das Gebet ist wie ein Brunnen, der zu Zeiten Labung' spendet und erfrischt. zu Zeiten'aber austrocknet und versiegt. Eine tiefe Wahrheit'Zuweilen versiegt der Brunnen des Gebetes. Beim Einzelnen oft Allein nicht selten’auch bei ganzen Geschlechtern. Von solchen Zeiten und Epochen kündigen die zornigen Worte des‘Propheten “und Gottesboten. Arnos, der Hirte von Tekoa. ruft seinen Zeitgenossen zu: „Wehe denen, die da verlangen nach dem Tage des Herrn. Was soll er euch? Der Tag des( Herrn ist euch Finsternis und nicht Licht . . . Ich hasse und schmähe eure Feste ... Tu mir doch weg das Geplär deiner Lieder und das Spiel deines Psalters mag ich nicht hören . . .“ Und Les a i a donnert:.Und wenn ihr kommet um vor mir zu erscheinen, wer fordert dies von euch, ihr Pflastertreter meiner Höfe . . . Und wenn ihr eure Hände ausbreitet, wende ich meine Augen von euch, und ob ihr auch Gebete häufet ich b§re es nicht . . .“ Am bittersten aber geißelt .Ler.emia ^ndacbt^qsea religiösen Mengen seiner Zeitgenossen: ..Vertraut doch webt auf die Lügenreden, als da sind: Tempel des Herrn. Tempel des Herrn: Tempel des Herrn seien sic selbst ... Ihr kommet und stellet euch vor mich hin in diesem Hause, über welchem mein Name genannt ist. und denkt: Wir sind gerettet um all diese Greuel tun zu können ... Ist denn eine Räuberhölle dieses Haus, über weichem mein Name genannt ist in euren Augen? . . . ." -■* Die ehriurchtgebietenden Tage ruien zum Gebete. Die Synagogen smd bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Und doch sind sie außer stände all die aufzutiehmcn. die zum Feste kommen. Dicht gedrängt stehen die Beter. Wahrlich herzerhebend — wenn der Brunnen der Andacht nicht versiegt wäre. Unter den Wundern, die sich im Tempel zu Jerusalem ereigneten, wird das nachfolgende aufgezählt. Ob auch die Beter in der Halle noch so dicht aneinandergenreßt standen, als der Priester den Namen Gottes anrief trnd alles Volk in die Knie sinken sollte, hatte dennoch ein ieder ausreichend Raum, sich zu bücken. Nun so sichtbare Wunder geschehen unter uns heute nicht. Aber insofern trifft dies Wort zu. als bei uns und der „Umherstehenden" so viele sind. Die wahrhaft Andächtigen sind so gering an Zahl, daß sie füglich Raum genug hätten, sich nach allen Richtungen zu-bücken. Ist der Brunnen der Andacht nicht versiegt, wenn solche Beter noch zu den idealen zählen, welchen das gewissenhafte Absolvieren des vorgeschriebenen Lektionspensums nach Blattzahl Inbegriff der Andacht ist? Der weitaus größere Teil der „Andächtigen“ kommt, um zu hören und zu schauen. Sie kommen als Konsumenten von gottesdienstlichen Vorgängen, Gesang. ChoraufiüKritngen. Solovorträge. Predigt, keineswegs aber als Produzenten von Andacht. Sie kommen nicht um zu opfern, sondern erwarten, daß ihnen geopfert werde. Aus ihren Mienen, aus ihrem ganzen Verhalten spricht die Voraussetzung, daß sie ein gutes Recht daraui haben, daß ihnen (für ihr Geld) etwas geboten werde, woran sie Vergnügen haben. Ur.d nach dem konsumierten Gottesdienst (oder während desselben) besteigen sie den Feldhernihügei der Kritik, um Lob oder Tadel ob des ihnen Gebotenen gnädig oder entrüstet auszuteilen Ein Hohn auf die Demut die doch das jüdische Gebet zur Voraussetzung und zum Inhalt hat! Ein Hohn auf den Grundbegriff des KithpalleL das Selbstkritik und Selbstzucht bedeuten will! Sie kommen und suchen Ohrenschmaus und Augenweide. Doch der Brunnen der Andacht ist ihnen versiegt. Andere kommen, weil die Pietät sie hiniührt Sie kennrreu. weil es im Sinne eines toten oder lebenden Großvaters oder Vaters ist. daß ihre sonstige Entjudung wenigstens vor den „hohen Feiertagen“ Halt mache Aber Pietätsjudentum ist völlig unfruchtbar. Es ist zeitlich deutlich begrenzt. Das.Judentum will aber Dauer, will Erhaltung, will Zukunft. Was^ frommt es dem Sohne und Enkel des Pietätsjuden, daß dieser sich seines Großvaters wehmutsvoll erinnert? Das Judentum verlangt aber den Sohn und Enkei und Urenkel und nur um ihretvvülen kann es dem Ahne ein pietätvolles Andenken emräumen. Was Wunder, daß der Brunnen der Andacht beim „Tempelbesucher aus Pietät“ längst verschüttet ist! Darum jenes Bild unserer Festandachten, das des heiligen Zornes eines Propheten würdig wäre! * Unverdorbene Jugend mid unbest ochene Wahrheit haben vieles gemein. Darum verwirft unsere Jugend dieses Sophisnra und alle anderem mit welchen man die Schäden unserer öffentlichen Festtagsgottesdienste umhüllen'wilL Darum bleibt unsere Jugend, zumal die intelligenten, fern. Dann sucht ein denkender, unbefangener Jüngling am Feste das Gotteshaus auf, um em religiöses Erlebnis in seiner Seele aufzunehmen und; hört di» Gespräche seiner „andächtigen“ Umgebung, wie die „Darbietungen“ kritisiert, die heben Nächsten unter Spießruten genommen »-erden, daun ist nur zu befürchten, daß ein derartiger Eindruck das letzte Fünkchen einer Hinneigung zum Judentum re ihm austritt.. Doch nun. welch verhängnisvoller Zirkel! Üb der tiefen Schäden des öffentlichen Gottesdienstes hält sich die Intelligenz, zumal die jugendliche, voa ihm fern. Und ob des Fernbleibens der Intelligenz will es der Uebelsfände kein Ende werden. Und doch bedari die Synagoge der intelligenten lugend, wie die jüdische Jugend der Synagoge, der vornehmsten Mittlerin jüdischen Geistes in historischer Kontinuität, bedarf. Mehr denn in irgend einem Belange iordert hierin unsere Zeit lauter deren das Schmettern des Schotar von denen, die es zunächst angeht, aber auch vor. allen, welchen das Judentum Herzenssache ist: „Schonet Bahn, schaffet Bahn, ebnet den Weg. hebet hinweg den Anstoß aus dem Wege meines Volkes." Gehet bald darajL Oeffnet die Pforten eines, von jederlei Mißtbn gereinigten Gottesdienstes, auf daß einziehe die neue jüdisciie Jugend. Dann hüllt Gott sich nicht fürder in eine Wolke, sondern erbarmt sich seiner Kinder und erlöst seine Knechte .... Dr. AL R. Wichtige Chaluzimfragen Von Med. B Doll. Der Beschluß vor. San Retno und die so sehr ersehnte Einreisemoglichkeii nach Palästina haben die ganze jüdische Geffentlichkeit . vor wichtige und sehr komplizierte Aufgaben gestellt. Die seit langem zurückgehaltene Völksauswandcrimg ist endlich ins Rollen gekommen und nimmt solche Dimensionen an. daß es nur bei Anspannung aller Krähe gelingen kann, sie in geregelte Bahnen zu bringen Kein Wunder nun. daß alle jüdischen Organisationen und Aerr.ter, die sich mit Auswanderungsfragen befassen, täglich von fast Hunderten t von Leuten direkt belagert sind, die sich dbrt Hilfe und Auskunft erwarten. Ein Besuch im Paiäsdnaamt genügt, am sich hievon 'zu überzeugen. Da treffen wir Leute, die stundenlang dort sbehen, nra endlich Einlaß zu finden. Die einzelnen Aemter sind plötzlich aus der No: heraus geschahen worden und verfügen daher weder über entsprechende Räume, noch über reichliches Arbeitspersonal, noch über Geld. Hätten diese Aemter das nötige Kapital zur Verfügung, bald wäre dem abgeholfen. Es ist nicht zu vergessen, daß fast 95 Prozent der Emigranten jeder Mitte! bar herkontmen und für diese Aemter erwächst nun die schwierige Auigabe. diese Leute nicht nur zu verköstigen, ihnen Unterkunft zu besorgen und sie mir Kleidern zu versehen. man muß ihnen auch die Reisespesen geben, welche heute zirka 5000 Kronen per Person ausmaehen. Will map sich nun ein Bild darüber machen, welche Kapitalien hierür notwendig sind, so genügt es. bloß zu erwägen, daß in den letzten Wochen mehr als 1000 Chalnzim vom hiesigen Palästinaamte abgefetiigt wurden. Woran fehlt es nun?-Diese Frage ist leicht zu beantworten: es fehlt an der Mithilfe aller. So lange nicht alle sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen, ist eine Aenderung kaum zu erwarten. Durch mangelnde Zentralisation der Eürsorgearbeit hat nran den unserer Bewegung Fernstehenden bisher den besten Vorwand gegeben, für diesen Zwck nichts herzugben. Mäh muß endlich einsehen, daß diese Eigenbrötelei zu nichts führt und wer ernstlich mittun wilL wird, meine ich. Arbeit genug im Rahmen der Zentralleitung finden Aber auch die jüdischen Massen Wiens stehen da abseits. Sic kümmern sich blutwenig darum, daß ihre Brüder, überall verfolgt, gepeinigt und bloß geduldet, die Schmach nicht mehr ertragen wollen, vogelfrei und geächtet zu sein. Daher kommt es. daß das Paiästinaantt und die von ihm ins Leben gerufene Chaluzimfürsorge ihren Aufgaben noch nicht gewachsen sind. Noch sieht min hungernde junge Männer und Frauen, ’die ihr Bestes für ihr Volk hergeben wollen und für die ihr Volk so'wenig zu opfern bereit ist. Ja. man gibt, aber nie so viel, daß man es empfindet; Aimcsen sind es, aber nicht Opfer! Sollen unsere Pioniere nicht hungern, so müssen alle aus Leibeskräften mithelfen; jeder gebe, was er nur halbwegs entbehren kann, Wäsche, Kleider, Genußmitrei. Geld; fordere andere auf. dies zu tun; keiner darf .dabei fehlen! . Ich will damit nicht sagen, daß die hiesigen zionistischen Organisationen dann alten Chaluzim völlig werden gerecht werden können. Denn Wien ist eben der Ort, den die Chalnzim aller Länder passieren. Von hier aus erwarten sich bis jetzt und auch mit Unrecht alte die nötigen Mittel für die Weiterreise., Schon abgesehen van dem schlechten Stand unserer Vaiuta ist es trieb* an-

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