Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 25 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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* Einzelexemplare K 2.— tv«daktion und Administration. .! il., Tahorstrala I (''umspreehar Nr. 44638 u. 43319 XIV. Jahrgang Nr. 25 Nalional-jüdifches Organ Mit aer Beilage: „Der jüdische iNationalionds* Wien! Freitag. «e» 3. September 1820 Bezngsenls: Vierteljahr- 13 K ganzj. 50 K, Einzelnummer 7 s Postsparkassenkonto 133.40) Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint am Fi*eitsg9 den 80. September 1920. Die Frage der Bodenpolitik auf der Londoner Jahreskoriferenz Von Adolf Böhm (Wien). * Innerhalb der zionistischen Organisation gibt es keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß der Boden, auf dem die jüdische Kolonisation in Palästina erfolgen soll, dem ganzen Volke,gehören, also Nationaffondsboden sein muß. Wie aber dieses Prinzip in der Praxis durchzusefzen ist und ob es durchgesetzt werden kann, darüber gingen die Ansichten auf der Londoner Konferenz weit auseinander. Eines war von vorneherein klar: Eine „Nationalisierung“ des Bodens heute zu verlangen, hieße nichts anderes, als -den .gesamten Boden in den Besitz der Landesverwaltung zu bringen, was naturlien nichb identisch ist mit dem Verlangen, daß das jüdische Volk in den Besitz des Bodens, auf dem es kolonisiert, gelangen soll. Sehr richtig sagte dahe" das Simon‘sche Referat: Nationalisierung des Bodenskann für uns gegenwärtig nichts anderes bedeuten als Nationalfonds. Es erhob sich nun sofort die Frage: Soll der Nationalfonds allein berechtigt sein, Boden zu kaufen, oder sollen auch jüdische Privatleute Boden in Palästina erwerben können? Die linke Gruppe, die Arbeiterparteien, beantragten, daß nur der Jüdisch Nationaifonds Boden kaufen dürfe. Hierüber entspannen sich erregte Debatten in der Kommission und im Plenum. Es ergab sich dabei, daß die enragiertesten Nationalfondsleute, wie z. B. de Lieme und ich selbst gegen diesen Antrag Stellung nehmen mußten, gewiß 'ein .Zeichen, daß er dem beabsichtigten Zweck nicht Entspreche. Die Arbeitergruppen verteidigten ihn leidenschaftlich und wie,on darauf hin, daß jüdischer Privatbodenbesitz unweigerlich nichtjüdische Arbeit bedingt, daß daher der private Kauf von Boden durch Juden für die nationale" ^ache nicht nur kein Nutzen, sondern direkt eine Schädigung sei, weil durch ihn die Ausbreitung der nichtjüdischen Arbeit und damit die Arabisierung des Landes gefördert werde. Nichtjüdische Arbeit zu verwenden sei eine wirtschaftliche Notwendigkeit, da er bei jüdischer Arbeit keine Rentabilität erzielen könne. Auf diese Argumente ist noch zurückzukommen. Trotz ihrer imbestreitbaren Richtigkeit war es dennoch unmöglich, bei vollsten Uebereinstimmung mit jener Ansicht, .für diesen Antrag zu stimmen, denn er enthält die Forderung, .daß Boden in Palästina, der zum Verkauf steht, zwar von Nichtjuden — Christen und Moslim — nicht aber von Juden gekauft werden darf. (Daß der Jüdisqhe Nationalfonds stets so viel Mittel haben werde, um jeden käuflichen 'Beden zu erwerben, ist nicht anzunehmen). Es würde dadurch die Juden unter ein minderes Recht gestellt sein, als der Nichtjude, was wir schon aus politischen Gründen uiemals fordern -dürfen, und was auch die englische Admf- -nistration aiis Gründen der Demokratie und der Rechtsgleichheit, niemals zugeben würde. Die Frage steht daher nicht so, ob Palästinaboden in jüdischem Privatbesitz oder Nationalbesitz stehen soll, sondern ob .man neben dem Nationalfondsbesitz nur nichtjüdischen oder auch jüdischen Bodenbesitz zulassen soll. Stellt man die Frage so, dann beantwortet sie sich von selbst -und die Haltung der Majorität, inklusive des. Leiters dies Nationalfonds wird erklärlich. Die Stellung des Antrages in jener.Fassung hatte die Frage vollkommen verwirrt und ich habe deshalb nach der Abstimmung unter einmütiger Zustimmung der- Majorität erklären können, daß die Ablehnung des Antrages dter Arbeitergruppe keinerlei prinzipiellen Charakter habe und nicht bedeute, daß gegen das Grundprinzip gestimmt worden sei, daß der Boden dier jüdischen Kolonisation zu Nationalfonds-, boden werden soll, und darauf hingewiesen, daß’ die Anträge der Kommission voll und ganz auf dieser Plattform stehen. (Die von der Konferenz angenommenen Anträge sind in diesem Blatte schon veröffentlicht worden, weshalb ihre Wiederholung hier überflüssig erscheint.) ■ Wenn nun auch im gegenwärtigen Zeitpunkt der Kauf von Boden durch private jüdische Käufer nicht nur zugelassen, sondern'(Beschluß 6) auch ermutigt werden soll, sofeme der spätere Uebergnng des so gekauften Bodens im nationalen Besitz gewährleistet ist“, um über die Kapazität des Jüdischen Nationaifonds hinaus, möglichst viel Boden im jüdische Hände zu bringen, so müssen doch Kautelen dafür geschaffen Werden, daß sich aus diesen Käufen keine Schädigung der nationalen Interessen ergibt. Hiebei handleit es sich hauptsächlich um dreierlei: 1. Eine stürmische Nachfrage nach Land durch Juden, die bei der „besonderen Vorliebe“ der Juden für Palästinaboden zu befürchten ist, würde einesprunghafte Steigerung »der Bodenpneise, mit sich bringen, wie dies ja selbstverständlich und aus der Geschichte der jüdischen Kolonisation, namentlich der Periode 1890/91 genügsam bekannt ist Es ist daher nötig, daß der . Bodenkauf durch Juden — wie dies Beschluß 5 ausspricht — ,-,bej einem offiziell anerkannten unter der Kontrolle der zionistischen Organisation stehenden Institut zentralisiert werde“. Schon vor ,dlem Kriege ist es Dr. Ruppin gelungen, in Verständigung mit der I.C.A den jüdischen Bodenkauf in Erez Israel zu konzentrieren. Manche Delegierte meinten, es sei vorteilhaft, dieses Institut streng vom Jüdischen Nationalfonds zu trennen. Die Mehrheit war aber der richtigen Ansicht, daß das Gegenteil wünschenswert ist, weil sonst der gute Böden, auf den allein private Reflektanten vorhanden sind, in die Hände dieser* 1 2 3 gelangen würde und dem Jüdischen Nationalfonds nur der schlechte übrigbleiben würde. Zudem wird der Jüdische Nationaifonds, wenn er in jenem Institut eine: maßgebende Rolle spielen wird, imstande sein,, den ganzen Bodenkauf durch Juden zu kontrollieren, >den gesamten Markt zu überwachen unid dadurch regulierend zu wirken. 2. Muß verhindert werden, daß der jüdische Käufer den Boden als Spekulationsobjekt benützt. Dies wird im Wege der allgemeinen LanJdesgesetzgebung durch Erlaß bodenreformatorischer Bestimmungen verhindert werden, wie sie Sir Herbert Samuel schon in seiner ersten Botschaft angekündigt hat. 3. Der schwerwiegendste Einwand gegen privaten Bodenbesitz ist jener, den die Arbeiter erhoben haben, daß die Gefahr besteht, daß er ausschließlich durch Nichtjuden wird bewirtschaftet werden. Dagegen gibt es eine gewisse Sicherung, die darin besteht, daß die zionistische Organisation ihre Hilfe uur denen zur Verfügung stellt, die sich den nationalen Prinzipien unterwerfen. Man schätzte diese Sicherung nicht gering. Es ist kaum anzunehmen, daß Juden, die in Palästina Landwirtschaftbetreiben wollen, dauernd ohne alle Hilfe der zionistischen Institutionen werden arbeiten können. Wenn man ganz absiehtvon dem mit der wachsenden Siedlerzahl steigenden moralischen Druck der öffentlichen jüdischen Meinung in Palästina aui jeden einzelnen Juden des Landes, so wird der reale Wert der Unterstützungen des jüdischen Siedlers durch die zionistischen 'Institute so groß sein, daß er ohne sie nicht wird wirtschaften können. Ich habe daher schon auf der Aktionskomitetesitzung im Februar dieses Jahres den Antrag eingebracht, daß die Kredithilfe der zionistischen Institute, ausschließlich nur jenen Siedlern zugute kommen soll, die sichden - Prinzipien des Jüdischen Nationalfonds unterwerfen, der auch angenommen wurde. Auf der Konferenz habe ich denselben Antrag gestellt, bin aber damit leider nicht durchgedrungen. Die „Rechte“, vor allem bestehend aus der MehVzahl der amerikanischen, westeuropäischen und polnischen Delegierten hat diesen Antrag dahin modifiziert, daß sie än die Steile von „ausschließlich“ die Worte „in erster Reihe“ gesetzt haben. Ich gestehe, daß ich in dieser Form den Beschluß für völlig bedeutungslos ansehe und deshalb aussprechen muß. daß damit eine genügende Sicherheit gegen die erwähnten Gefahren nicht geschaffen wurde. Es ist selbstverständlich, daß alle streng auf dem Jüdischen Nationalfondsprinzip stehenden Zionisten im weiteren Kampfe um die Durchsetzung der vollen Sicherung nicht erlahmen werden. Das wichtigste praktische Mittel, um eine gesunde Bodenpolitik durchzusetzen, wird natürlich darin bestehen, die zionistische Organisation, vertreten durch den jüdischen Nationalfonds, möglichst rasch in den Besitz großer und preiswerter Landflächen zu bringen, ihn so zu einem bedeutenden Faktor aui dem Bodenmarkt zu machen, wie dies de Lieme in der Kommission ausgeiührt hat. Wird der Jüdische Nationaifonds einen großen Bodenvorrat haben, so wird kein Jude veranlaßt sein, zu übermäßigen Preisen von nichtjüdischen Eignern Boden zu erwerben. Diese werden ihrerseits nicht imstande sein, .übermäßige Forderungen dürchzusetzen. Es ist alle Aussicht'vorhanden, daß es de.m Jüdischen Nationaifonds gelingen wird, sich in den Besitz solcher Flächen zu setzen Die Staatsländereien werden in erster Linie und zu billigen •Preisen (vielleicht sogar zu Ratenzahlungen) von der Administration der zionistischen Organisation angeboten werden. Der Jüdische Nationalfonds hat deshalb einen Vorprung vor allen privaten Käufern, der nicht genug zu schätzen ist. Größere Flächen werden in zweiter Linie wohl auch von den Effendis an&eboten werden. Diese wissen sehr gut, daß mit demEinzug einer modernen Verwaltung sehr bald die Möglichkeit, Bodenrenten aus der Ausnützung der Feljachenarbeit zu ziehen, schwinden wird und deshalb werden sie geneigt sein, den Boden zu vernünftigen Preisen rasch zu verkaufen. Allerdings wird bei Verwertung solchen Bodens. vielfach eine Auseinandersetzung mit den darauf arbeitenden Fellachen nötig sein, was bei dem Umstand, daß diese von ihrer äußerst extensiven zu einer intensiven, weniger Boden erfordernden Wirtschaft überführt werden können, nicht von allzu großer Schwierigkeit sein wird. Der Jüdische; Nationalfonds wird seine .Rolle aber nicht nur am Lande zu Spieler? haben, wie viele meinen, sondern auch in den Städten, wie Beschluß 2 ausdrücklich hervorhebt. Gerade in den Städten liegen die Nachteile privaten Bodenbesitzes, die Aneignung des unverdienten. Wertzuwachses, Steigerung der Mieten, Spekulation namentlich durch das Unverbautlassen des Terrains bis zur Steigerung seines. Wertes usw. so klar zutage, daß darüber kein Wort zu verlieren ist, wie nötig gerade in der städtischen Kolonisation eine nationale Bodenpolitik ist. Die bisherige des Jüdischen Nationalfonds war eine völlig verfehlte. Er hat z. B. in Tell-Awiw mitgeholfen, Boden für städtische Anstedlung in Privatbesitz zu bringen. Die Folgen sind bekannt. Er hat einzelnen nationalen Instituten den Baugrund geschenkt, aber dadurch nur mitgewirkt, daß der Boden in der Umgebung dieses Institutes steigt. De Lieme hat dagegen darauf hingewiesen, daß es die wirksamste Bodenpolitik in den Städten ist, die noch billig zu erhaltenden Terrajne in der Umgeb ung rund um die Stadt zu erwerben und dadurch den Bodenmarkt zu regulieren. Um den Jüdischen Nationalfonds zu befähigen, seine Aufgabe in größtem Stile auszuführen, muß er mit den nötigen Mitteln ausgestattet werden (Beschluß 4). Dies scheint ein platonischer Wunsch zu sein, da ja der Jüdische