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Jüdische Zeitung · 1920-08-20 · 24 (20.8.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
24 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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fcflüu kJSISHL Einzelexemplar K 2. 99 äadaktion and Administration; WIh II., Taboratrale I Fernsprecher Nr. 44038 n. 43319 NaÜonal'jüdifches Organ Mit aer tseiiage: „Der indische Natio-aalfondS“ Wien, Freitag, den 20. August 1920 XIV. Jahrgang Nr. 24 Baznasefeis: Vierteljährig 13 K gansj. 50 K, Einielaammer 2 & Poitspaikassenkonto 133.404 Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint am Freitag* den 3. September 1920. Jüdischer Sozialismus Die Konferenz des Poale-Zion-Weltverbandes, welche dieser Tage in Wien staftfand, hat mit einer Spaltung in einen rechten und linken Flügel geschlossen und damit ist die Einheitlichkeit der Poale-Zion-Organisati^n, die auch schon vorher starke Risse aufwies, bis auf weiteres begraben. Die Poale-Zion haben es verstanden, ihrer Bewegung und Organisation ein Relief zu geben, das ihr vermöge der Zahl ihres Anhangs gar nicht zukommt. Sie haben auf ihren Tagungen seit je die Abstimmungen nach einem System der Stimmenzählung vollzogen, laut welchem die einzelnen Delegierten nach der Zahl der durch sie vertretenen Stimmen votieren, welcher Vorgang kein deutliches Bild der wirklichen Kräfte geben konnte. Die Wiener Konferenz sollte nach den Angaben des Verbandsbureaus ungefähr 35.000 Organisierte repräsentieren. Die Richtigkeit dieser Zahlen soll nicht bestritten werden und gerade aus ihnen geht hervor, daß die Poale-Zion eine relativ kleine Gruppe im Judentum darstellen und die Organisation ist an Stoßkraft umso schwächer, als sich diese Zahlen auf eine Reihe von verschiedenen Ländern mit grundverschiedener sozialer und kultureller Struktur verteilen. Daß die „Poale Zion“ sich größere Beachtung zu erringen vermochten als ihnen nach ihrer numerischen Bedeutung zukommt, ist nur . ein Beweis für die starke Agilität, welche sie seit längerer Zeit zu entfalten verstanden und kann nicht als ein Argument gegen sie ausgenützt werden. Eine andere Frage ist die, ob dieser Agilität eine aufbauende Tendenz für die jüdische Zukunft innewohnt. Der Poale-Zionismus kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, in die zionistische Bewegung den sozialen Gedanken hineingetragen zu haben, seine Anhänger waren unter den ersten, welche auf die verkehrte Art der ersten Palästinakolonisation hingewiesen haben, die nicht geeignet war, den sozialen Aufbau eines neuen Palästinas zu gewährleisten. Aber die Poale-Zion haben ihrer Kritik nichts Positives hinzuzufügen vermocht: sie haben eine Bewegung geschaffen, welche nichts anderes geworden ist, als eine^Uebersetzung der sozialdemokratischen marxistischen Theorien ins Jüdische mit der Hinzufügung des sozialistischen Palästinaprogrammes, welches sie vergebens mit ihrer allgemeinen Auffassung organisch zu verschmelzen suchten. Eine eigentliche Theorie hat der Poale-Zionismus nicht zu schaffen vermocht; was er vorbrachte, waren die aus dem soziali demokratischen Arsenal bezogenen Schlagworte, deren man sich mit einer naiven Freude am Radikalismus bediente, ohne sich viel darum zu kümmern, ob diese Lehren auch der jüdischen Wirklichkeit angepaßt werden können. Während die Poale-Zionisten den Klassenkampf in den Vordergrund rückten und dessen Anwendung auf das Judentum der Galuth proklamierten, merkten sie gar nicht — oder wollten nicht merken — daß eine solche Möglichkeit gar nicht vorliegt, weil es eine geschlossene jüdische Wirtschaft nicht gibt und der jüdische „Großunternehmer“ mit seinem jüdischen Arbeiter sehr leichtes Spiel hat, indem er eben jederzeit in der Lage ist, nichtjüdische Arbeiter in seinem Betriebe zu installieren. Ein jüdischer Klassenkampf setzt eben eine nationale „Ideologie“ voraus; damit gerät man also auf einen Standpunkt, welcher der marxistischen Auffassung schnurstracks widerspricht. Ebenso wahllos wurde m:t dem Schlagwort von dem „ausgebeuteten jüdischen Arbeitermassen“ operiert. Während sich aber die sozialdemokratische Bewegung auf die Massen des Industrieproletariats stützt, welche nach deren Zukunftsprogramm aus einem ausgebeuteten Objekt der gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaft durch „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ zur vollen Freiheit gelangen sollen, ist der jüdische Arbeitgeber des Ostens, der „Ausbeuter“ im Kleinhandwerk der Vorkriegszeit — wie es seither geworden ist, dafür fehlen alle Daten — nichts anderes als ein Proletarier, selbst ein Ausgebeuteter, der nicht nur keinen Mehrwert einheimst, sondern selbst vielfach unter dem sozialen Niveau seiner Arbeiter rangiert. So kann der ganze Radikalismus des Poale-Zionismus nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein „Kampf“ einen Stoß ins Blinde bedeutet und wo ihm die demagogischen Züge fehlen, erscheint er nur jüdisch durch seine — Wirklichkeitsfremdheit. War aber einmal die Position des Radikalismus bezogen, so gab es bald kein Zurück mehr, die Zusammenarbeit mit der zionistischen „Bourgeoisie“ wurde bedingungslos verworfen, die Teilnahme an den zionistischen Kongressen verpönt und das nationale Bewußtsein versagte sogar dort, wo es aalt, einem jüdischen Kandidaten in eine kommunale oder gesetzgeberische Körperschaft Gefolgschaft zu leisten und so zu einer Stärkung der jüdischen Position beizutragen: man spielte den sozialdemokratischen Nichtjuden gegen den „bürgerlichen“ Zionisten aus, selbst in Fällen, wo man es beileibe mit keinem „Ausbeuter“ oder waschechten Bourgeois zu tun hatte. Der radikale Poaie-Zionismus ist der krampfhafte Versuch, den sozialen Weltgedanken mit dem jüdischen Nationalismus zu verschmelzen, aber es ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Er ist längst zwischen zwei Stühlen zu sitzen gekommen, ohne es zu merken. Seine Teilnahme am allgemeinen Sozialismus kann — je nachdem — die sozialdemokratische oder kommunistische Bewegung im Verhältnis zu seiner Aktivität und der Zahl seiner Anhänger stärken, die jüdische Entwicklung wird hiedurch in keiner entscheidenden Weise gefördert. Das Judentum als soziologische Erscheinung wird natürlich durch die soziale und politische Entwicklung seiner Umwelt sehr entschieden tangiert, ob mit oder ohne Poale-Zionisten, das ist schon darum unerheblich, weil ihnen einen zahlenmäßig wirklich starken Anhang schon der Widerstreit zwischen ihrer Theorie und den Bedürfnissen der jüdischen Wirklichkeit versagt, deren soziales Manko durch die Anwendung der marxistischen Schablone nicht behoben werden kann. Wären wir nicht zu innerst überzeugt, daß auch bei der Realisierung des sozialistischen Zukunftsstaates das spezifisch jüdische Problem, dessen nationaler Kern von seinen sozialen Erscheinungsformen nicht zu trennen ist, ungelöst bleiben müßte, wir könnten und brauchten nicht Zionisten zu sein. Wenn aber der Weg zur Befreiung der Menschheit durch den Marxismus oder Leninismus auch zu unserer Befreiung führt, wozu bedarf es da erst einer jüdischen Sondergruppierung, die sich aus tieferen als bloß taktischen Gründen erklären soll? Die Poale-Zion von Amerika und namentlich die von Palästina haben erkannt, daß der radikale Poale-Zionismus längst aufgehört hat. Zionismus zu sein und daß er sogar letzten Endes aus dem Judentum hinausführen muß. Diese Gruppen haben begriffen, daß es jüdische Gemeinsamkeiten gibt, an denen man keinem Programm und keiner revolutionären Konjunktur zuliebe rütteln darf; sie, für welche der Zionismus die Lösung auch des jüdischen sozialen Massen Problems bedeutet, wissen, daß diese Lösung umso eher erfolgen kann, je einheitlicher und geschlossener der jüdische Gesamtwille ist. Für Amerika, wo ganze Arbeiterkategorien innerhalb eines hochentwickelten Systems des Industrialismus durch Juden repräsentiert und daher imstande sind, soziale Kämpfe gegen das Industriekapital aui rein ökonomischer Basis tatsächlich zu iühren, enthält eine jüdische Klassenkamprpartei zumindest nichts Unlogisches und ebenso gilt dies für Palästina, wo der jüdische Arbeiter täglich mehr in ein jüdisches Wirtschaftssystem hineinwächst, wo durch seine Propaganda und seinen wachsenden Einfluß die Entwicklung in sozialistischem Geiste lebhaft beeinflußt werden kann. Ob die Betonung des Klassenkampfstandpunktes für Palästina eine absolute Notwendigkeit ist, wird die nahe Zukunft lehren: völlig folgerichtig ist sie in dem Augenblick nicht, als die Erkenntnis damit Hand in Hand geht, daß der Aufbau Palästinas durch eine gemeinsame Anstrengung des ganzen jüdischen Volkes, also auch der Bourgeoisie und selbst der Plutokratie, erfolgen soll. Aber jedenfalls ist das Festhalten an dem Gedanken dieser Gemeinsamkeit wertvoller und nötiger als jenes an marxistischen Gedankengängen. Als wahrhaft jüdische aufbauende Kraft kann nur ein Sozialismus in Frage kommen, der in gleicher Weise dem jüdischen Geiste wie der jüdischen ökonomischen Situation Rechnung trägt. Es widerspricht jüdischem Ur-Empfinden, das sich im Prophetismus am reinsten kristallisiert, an die sieghaite Macht einer Diktatur der Gewalt zu glauben, den Gedanken an die ethische Kraft auch im Gemeinschaftsleben unseres Volkes zu eliminieren zugunsten eines rein ökonomischen Mechanismus, der den sittlich gerichteten Willen als bestimmenden Faktor in Geschichtsverlaufe ausschaltet. Die zukünftige Entwicklung in Palästina wird in Bälde zu erweisen haben, welche Kraft einem echt jüdischen Sozialismus innewohnt und nur die aktive Mitarbeit aller sozialistisch denkenden Juden im zionistischen Gesamtrahmen kann den starken tragfähigen Grund legen, der die ewige Dauer des jüdischen Zukunftsbaues gewährleisten soll. F. Die jüdische Welthilfskonferenz in Karlsbad Am 5. August, vormittags, wurde im Kurhaussaale die Welthilfskonierenz in Anwesenheit von über 80 Delegierten aus 28 Staaten und zahlreichen Gästen durch Dr. Leo Motzkin eröffnet, der vor allem der Tschecho-Slowakei für die gewährte Gastfreundschaft dankte. Die Konferenz sei nur __ der Anfang einer Organisation, nur der erste Schritt zu einer Vereinheitlichung und programmatischen Beantwortung der großen Aufgaben der Rekonstruktion des jüdischen Wirtschaftslebens. Alle bisherigen Aktionen, so großzügig sie auch gewesen sind, haben fast ausschließlich nur dem Augenblick gedient; wirkliche Hilfe könne nur Aufbauarbeit sein. Die Hilfe solle überall nach bestimmten sozialen Grundsätzen durchgeführt werden. Die Leiter des Hilfswerkes sollen von den hilfebedürftigen Ländern selbst bestimmt werden. Als das Komitee der Jüdischen Delegationen vor mehr als einem Jahre den Gedanken einer jüdischen Welthilfskonferenz faßte, so führte Dr. Motzkin aus, habe Louis Marshall, der damalige Vorsitzende des Komitees und zugleich Vorsitzender des „American Jewish Relief Committee* ‘seine Sympathien für die Sache ausgedrückt. Später erklärte allerdings der \orsitzende des Joint Distribution Committee, daß einer jüdischen Welthiliskonferenz, mit Rücksicht auf den Antisemitismus, gewisse Bedenken gegenüber stehen, sprach sich jedoch im übrigen nicht entschieden in negativem Sinne aus und versprach, die ganze Angelegenheit in Amerika objektiv vorzulegen. Das Komitee der Jüdischen Delegationen entsandte mit Rücksicht auf die im Joint herrschenden Meinungsverschiedenheiten einen speziellen Delegierten nach Amerika. Während nun fast alle anderen Hilfsorganisationen dem Rufe freudig gefolgt sind, erfolgte im Joint die Ablehnung mit einer einzigen Stimme Majorität. Große Probleme stehen der Hilfskonferenz bevor; aber wenn es eine Rettung gibt so bestehe diese nur in der Vereinigung aller Kräfte. Motzkin widmete des weiteren den Pogromopfern Worte des Gedenkens, die, stehend angehört, besonderen Eindruck machten. Hierauf wurde ein Begrüßungstelegramm des Präsidenten Masaryk verlesen, worin er für die Einladung zur Konferenz dankt und bedauert, unaufschiebbarer Staatsgeschäfte wegen an der Konferenz nicht teilnehmen zu können; er wünsche der Welthilfskonierenz und ihren humanitären Bestrebungen vollen Erfolg. Dr. Lud-

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