Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 23 (6.8.1920)
- Date
- 1920-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sedabtion und Administration: Wfai TahozstraBo I Fsriutpreeher Nr. 44833 n. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mi Silage: *Der jüdische Hationalfönds" Wien, Freitag» 4s* €. August 1920 aozags*rais: Vierteljährig 13 AT gansj. 50 S, Eiasobammar 2 K PortsparkaMoakonto 133.404 Die nächste Nummer der „jüdischen Zeitung“ erscheint am Freitag, den 20. August 1920. Die zionistisdie jahreskonferenz Es war zu erwarten, daß auf der Jahreskonferenz ein genauer Arbeitsplan vorgelegt werden würde, nach welchem die uns bevorstehende Arbeit in und für Palästina, sozusagen die gesamte politische Richtung iür die nächste Zeit festgesetzt wäre. Gerade dies wäre umso notwendiger gewesen,; ls heute der Zionismus nicht bloß im Sinne politischer Konstellation, sondern aäeh in der realen Wirklichkeit zu einem Faktor des jüdischen Lebens gewoidcn ist, welcher dieses in jeder Beziehung bestimmt und auch weiterhin bestimmen muß. Heute zählt die zionistische Weltorganisation über eine Million Mitglieder, heute gibt es auf der ganzen Welt, von Hongkong bis nach Marsaille, keine Frage des jüdischen Lebens, in welcher die zionistische Auffassung nicht in maßgebender Weise milbestimmend wäre. Heute handelt es sich darum, Palästina als das lebendige Zentrum für die Judenheit der ganzen Weit aufzubauen. Daher wurde der zionistischen Jahreskonferenz in London, welche die erste zionistische Gesamttagung nach San Remo war, und in ihrer Beschickung den. Umfang . des Kongresses angenommen hatte, mit gespannter Erwartung entgegengesehen. Die Hofinungen haben sich nur zum I eil erfüllt. Der umfassende Arbeitsplan war nicht zu finden, die Konferenz bat sich begnügt, gewisse Richtlinien festzusetzen, auf denen erst schöpferischer Geist das bauen könnte, was von der Konferenz erwartet worden war. Es ist freilich nicht zu übersehen, daß die starke Beschickung der Konferenz den Uebelstand mit sich brachte, welcher alten Kongiessen anhaftet, nämlich Schwerfälligkeit und Stimmungen. Aber es ist uns der Tätigkeit der Konferenz trotz ihrer außerordentlich intensiven Arbeit zu erkennen, daß gegenwärtig der Bewegung noch der Uebcrblick fehlt, um für diie Kolossalaufgabe, die zu lösen ist, die konzeptive Kraft der Zusammenfassung in einen schöpferischen Plan zu haben. Dagegen hat die Konferenz — und das ist ein überaus erfreuliches Moment — gezeigt, daß die Bewegung über eine Reihe von Kräften verfügt, welche ein gewisses Maß von Sachlichkeit besitzen, so daß sie wissen, welche sachlich vorbereitenden Arbeiten getan werden müssen und wie sie getan werden müssen, um das große Werk in sichere Bahnen zu lenken, in denen Stimmungen momentaner Natur nicht eine gefährdende Oberhand gewinnen. Diese Tatsache hat sich besonders dann gezeigt, daß in Fragen der Bodenpolitik in Erez- Jisrael die sachliche klare Erwägung über Stimmungen gesiegt hat Wir alle sind überzeugt und auch sachlich davon durchdrungen, dlaß düs jüdische Palästina ein Koit der sozialen Gerechtigkeit sein muß und daß vor allem der Grundsatz der Erbauung des Landes durch eigene Arbeit des Volkes unverrückt bleiben und jedes Kompromiß mit finanziellen Erwägungen ferngehatlen werden muß. Daher ist die Nationa'isierung des Bodens in Erez Jisrael allererste Selbstverständlichkeit. Die Konferenz hat dieses Prinzip klar zum Ausdruck gebracht, jedoch nüchtern 'erkannt, daß für den Erwerb des Bodens auch die privat .'initiative zugelassen werden muß, soll nicht durch sta; res Festhalten an einem bestimmten Prinzip der unbedingt zu vermeidende Fall eintreten, daß angesichts der Tatsache, daß der Nationairönds für die Erwerbung großer Landstrecken finanziell zu schwach ist, der Boden ia nichtjüdische Hände übergehe. Die Konferenz hat klar erkannt, daß bei der Bearbeitung des Bodens es viel mehr auf die Aisführung des Prinzips der Nationalisierung ankcmmi, als beim Erwerb. D:e bodenwirtschaftiiche Praxis uncL wie zu erwarten ist. der gesunde soziale Instinkt des jüdischen Volkes werden bestimmt die Sicherungen mit s;ch bringen, ja sogar im Intci esse eines Aufbaues eines wirklich jüdischen Palästina mit sich bringen müssen, welche notwendig sind, um den privaten Bodenerwerb zum Mule! der nationalen Bodenbewirtschaftung zu gestehen. Ebenso hat die Kcnierenz — und das ist gegenüber gewissen Strömungen, welche für ucn Aufbau Palästinas lediglich die Raschheit finani,e 1 reich fundierter Gründungen für zweckmäßig erachtet, als besonders er.reulich hervorzuheben — in den Fragen der Emigration unzweideutig den Standpunkt gewahrt, caß zu allererst das Land mit produktiven selbstarbeitenden Elementen besiedelt werden muß. Es dürfen in Palästina unter keinen umständen die sozidicn Zustände kopiert werden, welche im heutigen Europa bestehen, auch nicht in der Form von Reformen, die stets nur Flickwerk bedeuten, soll Pastina wirklich jüdisch werden, nicht bloß ein Kranz von Kolonien, die mit jüdischem Gelde entstehen und alle Merkmale von Kolonien an sich tragen. Nur das Prinzip der Sei1'starbeit in Palästina wird das jüdische Arbeiisorob'em überhaupt zu einer Lösung bringen können. Für ail dies ist die erste Grundbedingung die politische Basis, und da muß gegenüber allen Verkleincrungsabsiciiten festgestelit werden, und ist auch von der Jahreskonfertvz authentisch festgestellt worden, daß es dem Z’omsmus gelungen ist, wirklich die politische Gründ’age für das jüdische Palästina zu schaffen Sir Herbert Samuel, welcher zum High-CommissLoner für Palästina berufen wurde, bürgt durch seine Stellung zu unserer Sache unbedingt dafür. Es ist dies umso wichtiger, als eben Samuel durch seine Stellung zum Zionismus tatsächlich nicht bloß als Exponent Englands anzusehen ist, das durch irgendeine politische Konstellation an der Einlösung seines Versprechens gehindert sein könnte, sondern auch und in starkem Maße eis Exponent des jüdischen Volkes, weiches die Möglichkeiten, dre die gegenwärtige politische Konstellation ihm gegeben hat, sich durch keine Aenderung derselben nehmen lassen darf Wie es von diesen Möglichkeiten zu ihrer realen Durchführung Besitz ergreift, das liegt in seiner eigenen Huna. Daher hat auch die Konferenz die Einberufung eines auf demokratisch-a.ljüdischer Grundlage beruhenden W e 1'. k o n g l e s s e s gefordert, dabei je Auch ihren besten V. dien bekundet, daß dieser Weltkongreß iür dm Aufbau Palästinas durch die zionistische Anschauung entscheidend' beeinflußt werde und caß die zionistische Organisation durchaus geschlosscr aufrecht zu erhalten ist Das Leben Palästinas bedeutet das Leben des jüdischen Volkes, und -urgekehlt kann es ohne ein geeintes jüdisches Volk kein 'cbendiges Palästina geben. Diese Wechsehv rkciig hat zur unmittelbaren Fdge, daß in den K-cu unserer großen Aufgaben unbedingt auch die Stärkung des jüdischen Lebens in der Galuth gehört D.e Konferenz hat diese Abgabe, welche die Resolutionen unseres Abgecidnetcn Stricker präzisierten, in voller Einstimmigkeit erkannt. Sie hat auch durch ihre Beschlüsse in den Kulturfragen, durch die Fesisertuig eines gemeinsamen Kulturprogrammes iür Pa'risiioa und die Galuth die unbedingte Einheit des nationalen jüdischen Organes festgestelit. Für die ungeheuien Avuigaben, welche uns bevorstehen, haben >ich die Formen unserer Organisation als nicht vöii:g geeignet erwiesen. Sie hat gerade in der letzten Zca, wo der Krieg kolossale Umwälzungen gebracht hat uns nicht die Möglichkeit einer richtig zusaramenfassenden Vorbereitungsarbeit gegenen. Vielleicht hat auch dieser Umstand dazu beigetragen, daß die Londoner Konferenz nicht die Möglichkeit der richtigen Vorbereitung hatte Erkannt wurde die Notwendigkeit der organisatorischen Umänderungen auf der Konferenz, das Entscheidende aabei konnte sie freilich nicht durch Beschlüsse zum Ausdruck bringen. Jedenfalls hat die Konferenz darauf hingewiesen, daß ein richtig funktionierender Organisationsapparat geschaffen werden muß, der aus sich selbst die Mittel für seine Erhaitung schöpft. Itn Rahmen der Organisation muß iür alle politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Nuancierungen der Judenheit Platz sein. Der Anfang für diese Möglichkeit ist durch die Beschlüsse über die Sonderverbände und Fraktionen gegeben. Für den richtigen Ausbau und Weber bau der Organisation muß von unten qus, vom einzelnen Juden angefangen, je nach den Schichtungen und Schichten der Judenschaft in den verschiedenen Ländern gesorgt werden. Nur auf solcher cigamsatorischer Grundlage werden wir imstande sein, den Kerenh a j a s s o d, den Palästina Aufbaufonds von 25 Millionen Pittnd Sterling m der festgesetzten Frist aufzubringen. Die Konferenz hat uns als dringlichste Aufgabe, für die alle Energie angespannt werde« müssen, die Aufbringung dieses Fonds aurgetragen, die nur durch organisatorische Zusammenfassung aller Kräite möglich ist. Die Schaffung des Fonds miß möglich sein und ist heute doppelt notwendig, in dem Augenblicke, da, wie aus der Kundgebung Sir Samuels hervorgeht, die Tore des Landes sich öffnen, die Einwanderung ehestens ermöglicht sein wird und — was das wichtigste ist — das Land heute bereits nacli Arbeit, nach jüdischer Arbeit, ruft. Das Fehlen eines konkrete« Arbeitsplanes, welches, wie. bereits gezeigt, zum Teile aus organisatorischen Mängeln hervorgeht, hat auf der Konferenz die Frage der künftigen Leitung stark kompliziert. Die Männer, denen unser politischer Erfolg zu danken ist, hatien nicht die Möglichkeit, d'en so wichtigen organisatorischen Fragen vollkommen gerecht zu werden. Die Konferenz war sich darüber klar, daß die im Kriege ziemlich stark unterbundene Homogenität der Leitung hergesteilt werden muß. Für das Wie jedoch fehlte es ihr an Klarheit, vielleicht aucn an Männern. So wurde die Frage der Leitung gewissermaßen vertagt, indem ein Präsidium gewählt wurde, welchem Justice B r a n d e i s als Ehrenpräsident vorsfeht. Es muß gewünscht werden. Gaß die Frage der Leitung ehestens gelöst werde durch Schaffung einer homogenen, ihren Aufgaben und ihrer Verantwortung gewachsenen Exekutive. Nur zusammen mit einer deutlich sichtbaren und fühlbaren organisatorischen Spitze kann der unbedingt notwendige organisatorische Ausbau und die organisatorische Zusammenfassung erfolgen, weiche notwendig ist, um das große Werk auszuführen, zu welchem ein gütiges Geschick unsere Nation im gegenwärtigen Augenblicke beruie« hat. Jeder von uns, wir alle müssen uns Erez-Jisrael erarbeiten, damit es unveräußerliches Eigentum des Volkes werde. S. S. Die Jahreskonferenz (Fortsetzung des Berichtes aus der vorigen Nummer.) In der Sitzung vom S. Juli gab Dr. VVeizmann eine Skizze der Situation in Palästina und der Tätigkeit der Zionist Commission. Er erklärte, daß die Zionist Commission keinen systematischen Bericht gebe, weil soviel Material vorhanden sei. daß es sechs Monate dauern würde, um einen solchen vorzubereiten. Die Zionist Commission hat England im März 1918 verlassen. Sie wurde durch die politische Gruppe ausgewähit, welche damals an Stelle des Aktionskomitees in London arbeitete. Ihre Geschichte muß von dieser Zeit an in zwei Perioden eingeteilt werden. Die eine Periode bis zum Waffenstillstand und die andere seither. Ihr ursprünglicher Charakter war der einer Legation oder Gesandtschaft und sie hatte zunächst die politische Aufgabe, die zionistische Organisation bei der Verwaltung Palästinas zu vertreten, ferner die Verbindung mit den Arabern