Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 22 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Vilaa II., Taboratrake I Femaoreoher Nr. 44038 n. 43319 National^ Oitian Mit der öeiiage: „Der jüdische Natlonalfonds“ Wien, Freitag« 4aa 23. Juli 1320 Bragtaftis: Vierteljährig 13 K gansj. 50 K, Einaeieommer 2 S. Foatapazkaaaeokoato 133.4M Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint ain Freitagj den 6. August 1920. Die zionistische Jahreskonferenz in London Die zionistische Jahreskonferenz wurde am Mittwoch,, den 7. Juli, 10J4 Uhr vormittags, in Memorial Hall. Farringdonstreet. in Anwesenheit von mehr als 270 Delegierten eröffnet. Der große Saal war mit blau-weißen Fahnen reich geschmückt. Ueber der Präsidentenestrade war der Union Jack, geschmückt mit einem Herzibild innerhalb eines blau-weißen Magen David entfaltet Auf der Präsidententribüne nahmen die Mitglieder der Exekutive und des großen Aktionskomitees Platz. Den Vorsitz übernahm Nahum S okol ow. Sokotow eiöffnete, von lautem Beifall begrüßt die Tagung mH. folgender hebräischer Ansprache: Geehrte Vertreter der Zionistischen Organisation! Delegierte der Jahreskonferenz! Im Aufträge des Aktionskomitees begrüße ich euch bei der Jahreskonferenz. Freudig heißen wir euch, unsere Genossen, in der Arbeit willkommen. Lange bat die kummer- und sorgenerfüllte Nacht unserer Trennung gedauert Gott sei Dank ist die Nacht vorbei: die Wege, von Land zu Land und von Herz zu Herz sind wieder offen, und heute kommen wir von neuem zusammen, brüderlich vereint unter dem friedlichen und glorreichen Banner Zions. Noch sind die Verhältnisse nicht völlig normal. Der-Weg vom Krieg zum Friedenszustand kann nur schrittweise gegangen werden. Wir hoffen, in naher Zukunft einen richtigen Zionistenkongreß einbernfen zu ‘können.-Für . den Augenblick aber scheint die Abhaltung einer Jahres-, konferenz das höchste zu sein, was von den durch unsere Statuten vorgeschriebenen Formen unter den gegebenen Verhältnissen zu erreichen ist. Selbst in dieser beschränkten Form ist diese Maßnahme nur durch die Erleichterungen möglich geworden, die uns die Behörden dieses Landes freundlich gewährt haben, und durch die Opferfreudigkeit in unseren eigenen Reihen. In unserer zionistischen Ausdrucksweise pflegte man die Jahreskonferenz als den „kleinen Kongreß“ zu bezeichnen. Formell mag dieser Ausdruck richtig sein, aber m Wirklichkeit und in .Anwendung auf diese Konferenz wäre er gleichbedeutend mit einer Unterschätzung ihrer wirklichen Bedeutung. ihrer großen Aufgaben und der Erwartungen des jüdischen Volkes. Die Wichtigkeit dieser Konferenz liegt in erster Linie schon in der bloßen Tatsache ihrer Abhaltung. Sie bezeichnet die Rückkehr der zionistischen Organisation zu ihrer regelmäßigen Geschäftsführung. Der Krieg erzwang eine Art von Moratorium, welches für die Dauer dieser Zeit dazu zwang, die Ergebnisse früherer Wahlen, Mandate und Verpflichtungen beizubehalten, ohne daß es möglich gewesen wäre, die durch die Statuten vorgeschriebene Rechenschaft abzulegen. Es wäre müßig, irgend jemand für diesen Zustand verantwortlich zu machen. Alle internationalen Organisationen waren genötigt, sich dieser höheren Gewalt anzupassen. Durch die Gewalt der Tatsachen und in Erwägung der höheren Interessen unserer Bewegung waren wir genötigt, gewisse Schritte zu unternehmen, die nicht aufgeschoben werden konnten und von deren Ergebnis die ganze Zukunft unserer Bewegung abhing. Nach Beendigung der abnormalen Zustände haben wir Ihnen die Ergebnisse der geleisteten Arbeit vorzulegen. Diese große Versammlung wird sich mit Tatsachen und Problemen zu be? häftfgen haben, wie sie in der Geschichte der L i onistischen Organisation früher nicht dagewesen sind Dör zweite wichtige Faktor dieser Versammlung ist der t) r t. an dem sie stattfindet. Wir sind in der Hauptstadt Großbritanniens versammelt Es ist nicht das erste Mal. daß wir hier zusammentreten. Vor 20 Jahren eröffnete unser größter Führer, der unvergeßliche Theodor Herz!, den zionistischen Kongreß in dieser Stadt. Er zeigte, welch klare Vorstellung von der Zukunft des Zionismus er hatte. Nun stehen wir hier, im Mittelpunkt des Zionismus, an der Schwelle seiner Verwirklichung, aber der wichtigste Gesichtspunkt für diese Konferenz ist der Zeitpunkt, zu dem sie stattfindet. Sie folgt unmittelbar auf die Konferenz von San Remo. Palästina ist sich selbst und Israel wiedergegeben, und wir haben unseren Platz unter den Nationen der Welt wieder erobert. ln einer Welt, in welcher Nation nach Nation ihr Recht erkämpft, gemäß ihrem natürlichen Charakter als eine Familie zu erscheinen, deren Bedeutung über bloße politische Kombinationen hinausgeht, und zu einem Zeitpunkt, wo die Landkarte der Welt in Anwendung dieses großen Grundsatzes umgebildet worden ist. konnte nichts einfacher, nichts natürlicher und unvermeidlicher erscheinen, als das Recht des jüdischen Volkes auf seine nationale Heimstätte in Palästina. Nichtsdestoweniger hätte der moralische Sieg des Zionismus niemals geahnt, oder geträumt werden können. 2000 Jahre sind vergangen, seit wir das Land unserer Ahnen verloren haben. Tausendmal haben wir erklärt, daß wir. abgesehen von unseren moralischen und geistigen Besitztümern, das entbehren,, was aus einzelnen Menschen eine Nation macht und sie instand setzt, ihr eigenes Land zu errichten. All dies ist nun zu Ende, und wir hoffen für immer. Dies ist ein großer Sieg einer edlen und gerechten Sache. Es ist ein großes geschichtliches Ereignis, daß eine so lang unterdrückte Nation endlich ihren Platz und ihren Namen unter den Gemeinschaften der Welt gefunden hat. Wir danken Gott, der uns in den Stand gesetzt hat. Zeugen des großen Ereignisses der Wiedererrichtung des jüdischen nationalen Heimes zu werden. Wir sind aufrichtig verbunden für die Sympathie und Unterstützung Frankreichs. Die große französische Nation hat vor langer Zeit der Sache der Judenernanzinatiorr unermeßliche Dienste geleistet. Jetzt haben die uns wiederholt von der französischen Regierung gegebenen Versicherungen ihrer Hilfe einen ■wichtigen Fortschritt ermöglicht, nämlich die Anerkennung einer jüdischen Nationalität und ihres historischen Rechtes auf Palästina. Wir ehren und schätzen desgleichen die Regierung und das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika, die ein Schutzwall des Rechtes und der Gerechtigkeit gewesen sind und die Verteidigung des Schwachen gegen den Starken übernommen haben, um der uns gewährten Hilfe willen. Und wir gedenken in Dankbarkeit und Liebe der moralischen Unterstützung Italiens- und der Anerkennung der B a 1iourschen Deklaration durch last alle ande r en Re-ffi er u n g e iV ti nd Volk er.' Und nicht nur Regierungen, sondern auch die große Organisation'der Arbeiter, die Vertretung der produktiven Klassen, die für Recht und Gerechtigkeit etntreten, hat uns ihre Hilfe gewährt. Wir wollen bei dieser feierlichen Gelegenheit allen, die uns geholfen haben, unseren herzlichen Dank aussprechen. Aber unsere politischen Erfolge sind ebenso sehr der Haltung des iüdischen Volkes zu verdanken, die es in den letzten schweren Zeiten bewahrt hat Unsere Massen in Osteuropa lernten den Tod in all seiner Schrecklichkeit kennen. Es ist genügend, wenn man an die gewaltigen Metzeleien in der Ukraine erinnert. Im Vergleich mit diesen Mördern war Nebudkadnezar ein Ehrenmann. Aber das Gefühl der Rache ist uns fremd. Unauslöschliches Gedächtnis Me:bt unscen Märtyrern sicher. Alles, was im jüdischen Charakter stark und ernst und verchruneswiirdig ist. wurde in den letzten Jahren enthüllt Und die Haltung des jüdischen Volkes zum Zionismus war ein Beweis. daß wir zwar über einzelne Punkte und Ansichten verschiedener Meinung sein können, aber nichtsdestoweniger durch einen uns alten gemeinsamen Gedanken und Wunsch beseelt sind: Erez Israel in seiner alten Größe wieder heratstellen. Diese Solidarität, die Manifestation der jüdischen öffentlichen Meinung bedeutete einen . wichtigen Gewinn für unsere Organisation. Die Beschlüsse von San Remo wurden in der ganzen Welt festlich und feierlich begangen. Nun nach den Festen müssen wir nüchtern, ruhig und ernst ah die Durchführung unserer großen Aufgabe des Wiederaufbaues schreiten. Im Vertrauen auf den Grundsatz nationaler und religiöser Freiheit und Gleichheit werden wir durch die Festigkeit unserer Entschlüsse und durch die Mäßigung unserer Handlungen die einzige und rechte Politik in Bezug auf die arabische Nation und die christlichen Gemeinschaften durchführen, die Politik der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe. Unsere Zukunft 1 i e g_t in unseren eignen Händen. Sie hängt vor allem von unserer eigenen Fähigkeit zur Initiative und Selbstbeherrschung ab. Wir müssen beweisen. daß, wir durch all diese trüben Jahrhunderte der Unterdrückung ein echtes Volksbewußtsern erhalten haben und daß die jüdische nationale Heimstätte kein künstliches Gebilde ist. Wir haben eine schwere Aufgabe vor uns, aber für die Durchführung dieser Arbeit haben wir dje besten Aussichten. Sie geht über unsere Einzelkräfte, aber nicht über unsere vereinte Kraft. Erez Israel wird nicht in einem Tag aufgebaut sein, aber der Tag des Beginnes wird immer in der Geschichte glänzen. Heute müssen wir eine beträchtliche Anzahl von Juden nach ■ Palästina bringen. Wir müssen beginnen, aufzubauen, zu kolonisieren, das Land neu zu besiedeln. Alle Pläne werden Ihnen vorgelegt werden. Wir appellieren an das ganze jüdische V o I k zur Mitarbeit. Sie haben etile große Aufgabe zu eriüllen. di« ein wichtiger Beitrag zum Glück unseres Volkes urid der Menschheit sein wird. Möge Gott Ihnen in der Erfüllung der heiligen Aufgabe zu Nutz und Frommen unseres alten Landes beistehen. Hieraul hielt Dr. Weizmaun folgende englische Ansprache: Es ist etwa IS Monate her, seit ich zuietzt die Ehre hatte, eine Konferenz'. der Zionistischen Weltorganisation zu begrüßen, aber heute ist die Konferenz so zahlreich und so repräsentativ, daß sie eher den Charakter eines Kongresses besitzt. Sie hat die Pflichten und die Verantwortlichkeit eines Kongresses — ja Pflichten und Verantwortlichkeiten, wie sicherlich noch kein Zianistenkongreß sie gehabt hat. Die Entscheidung von San Remo ist gefallen. Die Anerkennung unserer Rechte auf Palästina ist in den türkischen Friedensvertrag ausgenommen und damit ein Teil des öffentlichen Rechtes der Welt geworden. Dies ist das bedeutendste politische Ereignis in der ganzen Geschichte unserer Bewegung, und es ist keine Uebertreibung, wenn man sagt in der ganzen Geschichte unseres Volkes seit dem Exil. Für diese große Freiheitserklärung haben wir den verbündeten und assoziierten Mächten all der Länder, welche die Wiederherstellung des jüdischen nationalen Heimes zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Politik gemacht haben. Hier haben wir insbesondere der Regierung, den Staatsmännern und dem Volke von Großbritannien zu danken. Es war ein englischer Staatsmann. Mr. Balfour, weicher zuerst unsere Rechte auf Palästina formuliert hat. Es war die britische Regierung, weiche ständig auf die Anerkennung des Zionismus durch die verbündeten Mächte drängte. Es ist die britische Regierung. welche das Mandat dafür übernommen hat in Palästina das jüdische Heim zu errichten. Die Namen von Mr. Lloyd George und von Mr. Balfour sind jedem Einzelnen als die von ergebenen Freunden. Vertretern und Verfechtern der jüdischen nationalen Sache bekannt. Vielleicht nicht so wohl bekannt Siitd Timen "die Dienste, welche uns erst kürzlich.von Lord Curzon. dem Staatssekretär für die äußeren Angelegenheiten erwiesen wurden, aber wir. die wir uns mit den politischen Geschäften der zionistischen Bewegung befassen, kennen und würdigen die Beständigkeit, mit welcher er in San Remo unsere Rechte vertrat, und wir sprechen ihm die Dankbarkeit des ganzen jüdischen Volkes aus. In der späteren Zeit der Anerkennung der jüdischnationalen Ansprüche auf Palästina durch die verbündeten Nationen war die amerikanische Regierung durch die Umstände, die uns allen bekannt sind und. mit dem Zionismus nicht das geringste zu tun haben, nicht in der Lage, denselben direkten Anteil zu nehmen, wie andere Mächte. Aber ihre Dienste in der früheren Zeit würdigen wir »He ohne Rückhalt und niemals entbehrten wir ihren Einfluß und ihre Hilfe. Sehr früh schlossen sich die Regierungen Frankreichs und Italiens der jüdischen nationalen Sache an. Die besondere Stellung der französischen Regierung im nahen Orient hat Verhandlungen und Besprechungen mit ihr über manche wichtige Frage betreffend die Grenzen Palästinas nötig gemacht. Aber niemand ist unter uns. der die Hilfe nicht anerkennen würde, die wir von Frankreich und von den großen französischen Traditionen erhielten. Wir sind sicher, daß die noch ausständigen Fragen zur Zufriedenheit beider Teile geregelt werden körnten. Wir sind überzeugt, daß in Zukunft das jüdische Palästina im Geiste der Harmonie mit jeden» Nachbar leben wird, den sein Schicksal unter ein französisches Mandat stellen wird. Was ist der Kernpunkt unserer Beratungen für die unmittelbare Zukunft? Es ist unsere Pflicht als Leitung, die Verantwortung dafür zu tragen, uns der Vergangenheit zu entziehen. Aber es ist ihre Verantwortung, als Konferenz und die veranrvortung fedes einze'nen Zionisten, diesen Augenblick und seine Möglichkeit richtig zu nutzen. Wir haben nur eine begrenzte Zelt für unsere Beratung, und wir haben viel zu tun. Unser allgemeines Recht auf Palästina ist anerkannt und angenommen. Die Einzelheiten betreffend das Mandat und die Grenzen werden bald festgesetzt sein. Schon ist unter Sir Herbert Samuel, einem "■-nRen .Fmien und großen Organisator, eine Regierung eingesetzt worden, die in engster Sympathie mit all unseren Bestrebungen steht und den Auftrag hat. uns jede mögliche Hilfe zu gewähren Kein äußeres Hindernis hält uns davon ab. die Grundlage des Aufbanwerkes zu schatten. Man erwartet von uns, daß wir es tun und daß wir es gut tun. Ich möchte Ihnen ganz klar machen, welche HaItunfc uns gegenüber die britische Regierung und. wie mir scheint, d5e Meinung der ganzen Welt einnimmt. Sie hat alle nötiger» politischen Bedingungen für die Errichtung des jüdischen nationalen Heimes geschaffen. Sie glaubt, daß wir nunmehr die Freiheit haben.