Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 16 (30.4.1920)
- Date
- 1920-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438777-2438793--6674-2446779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
« XlV. Jahrgang Nr. 16 Nalional'jüdifches Organ Redaktion und Administration ¥(!■■ II., TabsrstraBe I Femspreoher Nr. 44038 n. 43319 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonos“ Wien, Freitag, den 30. April 1920 IBezagaprels: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 ÜT, Einzelnummer 1 & Poetsparkaseenkonto'133.404 An unsere Leser! Die Schwierigkeiten der Papierbeschallung. sowie die in den letzten Monaten ins Riesenhalte gestiegenen Druckkosten machen es uns leider unmöglich, die bisherige Erscheinungsweise der «Jüdischen Zeitung“ aufrecht zu erhalten. Die Parteileitung hat sich im Einvernehmen mit den Herausgebern der „Jüdischen Zeitung“ entschlossen. die „Jüdische Zeitung“ während der Sommermonate nur 14 tägig erscheinen zu lassen. Wir hollen, daß wir bald in der Lage sein werden, die normale Erscheinungsweise aufzunehmen. Wir bitten unsere geehrten Leser, dies nur als eine durch die Not erzwungene Maßregel zu werten und unserem Blatte wie bisher die Treue zu bewahren. Sollte die Papierlieferung eine bessere werden, so werden wir das Format der Zeitung vergrößern, wodurch der Entfall an Inhalt zum Teil wett gemacht wird. Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ wird am 14. Mai zur Ausgabe gelangen. Palästina ist unser! Dem langen Warten, welches das jüdische Volk seit der Erklärung Balfours erfüllte, ist nunmehr ein Ende bereitet worden. Die quälende Ungeduld, die bange Sorge, die uns beherrschte, ist gebannt und wir fühlen aufatmend endlich festen Boden unter den Füßen. Der große politische Erfolg des Zionismus, welcher sich in der Erklärung; Balfours. manifestiert,;ist. nimmehr^ durch den,,Rat :Fti^S5äfcfe^y^bneff.fund5;g'esic^l^^Pälästina-;ist;' unser! Die Friedenskonferenz'von San Remo hat beschlossen, die Erklärung Balfours dem Friedensvertrag mit der Türkei einzuverleiben, England das Mandat über Palästina zu übertragen und es mit der Aufgabe zu betrauen, die Vorschläge auszuarbeiten, daß Palästina das nationale Heim des jüdischen Volkes werde. Das Werk jahrelanger unermüdlicher zionistischer Arbeit ist nunmehr durch den entscheidenden Erfolg gekrönt worden. Der Zionismus, schon seit langem die Repräsentanz d'es jüdischen Volkes, soweit es einen positiven Lebenswillen hat, ist nunmehr endgültig durch die Mächte Europas als der legitime Sachwalter des Judentums beglaubigt. Ungeheuer ist der Weg, den wir in diesen Jahren durchmessen haben. Als Theodor Herzl auf der Bildfläche erschien und sei« beseligendes Bekenntnis: „Wir sind ein Volk!“ in die Welt hinausrief, da war es nur ein gezähltes Häuflein von Idea- . listen, das der mutvoll entfalteten Fahne folgte. Durch eine undurchdringlich scheinende Mauer von Widerständen aller Art, durch einen Wall von Gleichgültigkeit, Haß und Hohn haben wir Bresche geschlagen und uns den Wäg gebahnt, der zur Höhe führt. Heute umfaßt die zionistische Bewegung zahllose Anhänger und treue Genossen in , allen Ländern der Welt, wo Juden leben. Sie ist ein mächtiges Instrument geworden und hat sich den Respekt der Gegner und die Achtung der Mächtigen dieser Erde errungen. Nicht das erstemal ist es, daß die Judenfrage am Beratungstische der Vertreter der Mächte behandelt und diesbezüglich Beschlüsse gefaßt wurden. Aber es ist das erstemal, daß das jüdische Problem von den Mächten in seinem nationalen Charakter erkannt und bestätigt wurde und daß diese mit der jüdischen Frage als der Angelegenheit eines Volkes rechnen. In diesem schicksalsvollsten Augenblick unserer zweitausendjährigen Galuthgeschicbte gedenken wir voll verehrenden Dankes Theodor H e r z 1 s, der mit genialer Konzeption die Grundlagen für das zionistische Werk legte und die politisch-organisatorische Form unserer Bewegung schuf. Und wir zollen den Tribut unserer vollen Dankbarkeit den beiden Männern, welche im Augenblick der höchsten Gefahr für den Fortbestand der zionistischen Organisation, als der Krieg jede fruchtbare Arbeit lähmte, die im Geist gemeinten Brüder auseinanderriß und jede Möglichkeit einer Verständigung verhinderte, entschlossen und im vollen Gefühle der ganzen Verantwortung das Werk in ihre Hände nahmen und durch zielbewußte Arbeit unserer guten Sache zu ihrem Erfolge verhalten, W e i t z m a n n und S o k o 1 o w, deren Namen nunmehr für alle Zeit in die jüdische Geschichte eingehen. Auch in diesem Falle, wie immer in unserer Geschichte, bat uns das Schicksal, das unseren Fortbestand will, im Augenblick der höchsten Not die richtigen Männer beschert. Durch Leid und Tod führt unser Weg zum Licht. Der Weltkrieg mußte kommen, dem unser Volk mehr als irgendein anderes tausendfältig Opfer gebracht hat, der unsere Söhne aui den weiten Ebenen des europäischen Ostens verbluten ließ und die Daheimgbliebenen durch Seuchen und Pogrome dezimierte oder zu ungezählten Tausenden in die Not des Exiis verschleppte, damit wir aus den Trümmern unserer Galuthexistenz unser letzes und höchstes retten: die Heimat, Erez Israel. Der Beschluß der Mächte von San Remo macht das jüdische Volk mündig. Wie groß die Zahl derer auch sein mag, die in der Galuth, in ihren jetzigen Wohnländern verbleiben werden, unser Volk hört auf heimatlos zu sein, die Diaspora erhält ein Zentrum und der jüdische Geist, der allein uns zu einem einheitlichen Volke macht, eine Stätte zu freier Entfaltung. Unser Volksgenius, allzulange in den Ring fremder Kulturen gepreßt, soll nunmehr in der Vermählung mit der Muttererde neue Kräfte zeugen, das wiedererwachte jüdische Volk soll in seiner altneuen Spräche die Welt nm eine neue, starke Kultur bereichern. In uns rauscht noch immer unversiegt der Born schaffender Kraft. Unter dem Himmel von Erez Israel soll alles aulkeimen, was an Möglichkeiten in uns ruht; wir wollen das Modell einer neuen Ordnung schaffen, welche durch den Geist der sozialen Gerechtigkeit und der bestimmenden Sittlichkeit beherrscht wird, der die kennzeichnenden Merkmale unser Art bildet. Durch eigene Härte, aber segensvelle Arbeit wollen wir unsere neue Gemeinschaft aufrichten in Erez Israel. Nunmehr, da die Hindernisse beseitigt sind, müssen wir die Kraft und den Mut haben, das Höchste zu wollen. Es soll ein Neubau werden und .keine Fortsetzung. Nicht das ist unser Ziel, einen neuen Abklatsch 'eines europäischen Gemeinwesens in den Orient zu verpflanzen mit allen sehnen Mängeln und Entartungen: an die Stelle einer durch den Haß der Klassen zerrissenen Ordnung wollen wir die sinnvolle Verbundenheit einer brüderlichen Gemeinschaft setzen, die krassesten Unterschiede der sozialen Rangordnung vermeiden und den Boden bereiten für ein freies, gesundes Volk, der schaffenden Arbeit. Ohne die Last der Traditionen sei unser Werk, Erez Israel werde wirklich das jüdische Alt Neuland, der Einklang mit dem jüdischen Volksgenius sei unser Wegweiser! Denn das Werk ist noch in seiner Gänze zu tun. Noch ist Palästina nicht unser. Auch England ist nicht groß und mächtig genug, um uns Palästina zu schenken. Das jüdische Palästina wird uns nicht in den Schoß fallen wie eine reife Frucht: nur die schaffenden jüdische Arbeit kann uns Palästina geben und unsere Auigabe ersteht nunmehr von uns in ihrer ganzen furchtbaren Größe. Zum selbstgefällig tatenlosen Jubel ist heute keine Zeit. Nunmehr ist das Moment gekommen, da wir mit der Anspannung aller Kräfte an die Arbeit gehen müssen, die in großzügigster Weise zu tun sein wird. Wir müssen das Volk aufrufen und ihm die Größe des Augenblicks klar machen. Ein einziger heroischer Kraftaufschwung tut not, der Gedanke an die Notwendigkeit großer Opfer muß uns allen beseelen! Nicht mit Almosen sind die ungeheuren Mittel aufzubringen, deren wir bedürfen. Jeder muß nach seinen Kräften'beisteuern im Bewußtsein, daß es ums Ganze geht. Wir müssen an die Schaffung all jener finanziellen Institutionen schreiten, die den Aufbau unseres Landes erfordert, unsere Bank zu einem kräftigen Instrument ausbauen und unseren teuersten Volksschatz, den Nationalfonds, in den Stand setzen, seinen großen Aufgaben nachzukommen, den Boden von Erez Israel in den Besitz des gesamten Volkes überzuführen und so jeglichen Raubbau und alle Bodenspekulation zu verhindern. Wir müssen daran gehen, unsere besten Kräite, die Chaluzim, alle jene produktiven Elemente, die ihr ganzes Sein der -jüdischen Sache weihen ' wollen, nach Palästina zu verpflanzen und ihnen Arbeitsmöglichkeit zu sichern. Und unsere Führer, die so glücklich und erfolgreich unserer Sache zum Siege verholten haben, müssen nunmehr ihre Auseinandersetzung mit Englands Regierung beginnen und ihr klar machen, was das jüdische Volk von ihr erwartet und welcher Rechte es bedarf, um sein Land in seinem Sinne aufzubauen und möglichst rasch die jüdische Majorität in Erez Israel zu schaffen, ein Prozeß, der ohne Beeinträchtigung der arabischen Bevölkerung vor sich gehen kann und soll Wie groß auch noch die Schwierigkeiten und Hindernisse werden mögen, die sich uns entgegenstellen, unser zäher Wille, der dem Galuthleid zu trotzen wußte, wird sie zu überwinden wissen. Wir sind nicht gewohnt an mühelos errungenem Erfolge. Aber wir fühlen uns stark, allen Widerständen zu trotzen, denn wie dem Schifier nach endloser Irrfahrt winkt uns von ferne das Land, das wieder dem jüdischen Volke Heimat werden soll. A. F. Das jüdische Palästina Palästina den Juden zugesprochen. Aus London wird unterm 25. d1. M. berichtet: Reuter meldet aus San Reino: Die Konferenz von San Remo hat beschlossen, die Balfour- Erklärung. welche Palästina als nationale Heimstätte für die Juden bestimmt, in den Friedensvertrag mit der Türk c i e i n zu v e : i e i b e n. Ferner wird unter dem deichen Datum gemeldet: Der Oberste Rat hat das Mandat über Palästina an England übertragen und überläßt es Frankreich und England, über die Erledigung der Grenzfrage im gegenseitigen Einvernehmen zu entscheiden. England hat die Bestimmung vorzubereiten, taut welchen das nationale He.im für das jüdische Volk geschaffen werden soll. Der Schutz der religiösen Gemeinschaften, weiche bisher durch Frankreich ausgeübt wurde, soll in Hinkunft den Konsulaten der in Betracht kommenden iVlächte übertragen werden. Die Frage der Ueberwachung der heiligen Stätten soll in Kürze entschieden werden. Eine Festsitzung in London. Unmittelbar nach dem Einlangen der Nachricht aus San Remo, daß die Friedenskonferenz die zionistischen Wünsche befriedigt habe, versammelten sich die in London anwesenden Mitglieder der zionistischen Leitung, die Beamtenschaft und die Vorsteher der englisch-zionistischen Föderation zu einer Festsitzung. Herr Goldber.g eröifnete mit einer hebräischen Ansprache und verkündete, die Friedenskonferenz von San Remo habe am 24. April das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina anerkannt. Die Balioursche Deklaration wurde ein Teil des Friedensvertrages. Der Tag sei gekommen, für welchen der Zionismus zwanzig Jahre gearbeitet und das jüdische Volk zwanzig Jahrhundeite Verfolgungen und Pogrome erlitten habe, ohne jemals den Glauben am seine Wiederemeueirung zu verlieren. Die letzten Wochen und Monate waren unerträglich. Auf die ukrainischen Pogrome folgten die Exzesse in Jerusalem. Aber diese waren die Schmerzen vor der nationalen Wiedergeburt Der Redner gedenkt H e r z 1 s (die Versammlung erbebt sich) und1 dankt Weizmann und Sokolow, deren Namen vereinigt in die Geschichte eingehen werden wie die Namen von Esra und Nehemia. Als nächster Redner sprach Dr. N o r d a u. Er eröffnet« seine Ansprache mit einem Zitat aus der Marseillaise: „Le jour de gloire est arrive“. Heute, am 24. April, beginne das zweite Kapitel der Geschichte, deren erstes am 2. November 1917 annebc. Wir stehen noch an der Schwelle unseres Landes. Aber wir sind schon vor dem Einzug und sagen der Welt wir werden unser eigenes Geschick ausgestalten zum eigenen Ruhm und: zum-«- Segen der Menschheit Diese bedurfte men®® - mehr eines Musters, das Gerechtigkeit und. liebgig& lehrt. Unsere eigene Befreiung bedeutet dieyEfgsyä richtung eines Musterstaates für die Welt N&wv 1