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Jüdische Zeitung · 1920-04-23 · 15 (23.4.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
15 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIV. Jahrgang Nr. 15 Redaktion nnd Administration; Wlu II., Taborstrale I Fernsprecher Nr. 44038 n. 43319 I Naiional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 23. April 1920 Bezagsprela: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 ÄT, Einselnnmmer 1 K Postsparkassenkonto 133.404 Vor Öen Wahlen in den Kultusvorstand Von Dt. Egon Michael Zweig. Die „Wahrheit“ bringt in Nr. 4 unter obigem Titeb .von Dr. S. Krenberger gezeichneten. Aufsatz, der offenbar.- den „Vereinigten Nichtnationalen“ das’ Signal zur Einleitung des Kultuswahlkampfes gegen uns Zionisten geben soll. Es wird da unserer Partei nicht weniger vorgeworfen, als daß sie bloße Mandatspolitik, und zwar mit den Müdesten Mitteln betreibe^ daß 'sie kein Kultuswahlprogramm besitze, kurzum, daß sie die hohen'Grundsätze Herzls verleugne. Gottlob, daß wir Zionisten heute so weit sind, im Bewußtsein unseres vollen Sieges innerhalb des Judentums, derartige Angriffe ohne Erregung, lächelnd abtun zu können. Wenn gerade ich auf diesen Artikel reagiere, so nur deshalb, weil es darin heißt: „Wer außer meinem gegnerischen Freund und einzigen Arbeiter in der nationalen Partei Dr. Egon Zweig hat dieses zionistische Kultusgemeindeprogramm (nämlich das 1902 von Dr. K. mitverfaßte) wieder aufgenommen und wer kennt es?“ Ich reagiere datauf, weil es mir unerträglich erscheint, mich von irgend jemandem, und sei er mir persönlich so wohl gesinnt, wie tatsächlich Dr. K„ gegen die zionistische Organisation ausspielen zu iassen Gegenüber Dr. K.‘s Vorwurf der Programmlosigkeit der Wiener Zionisten sei zunächst festgestellt, daß wir bisher noch zu jedem-Kultuswahlkampf mit einem'Programm hervorgetreten sin,d. Das erstemal schon 1898, dann 1900 — beide Male noch vor Dr. K.‘s Mitarbeit — mit freilich knapp gefaßten Programmen, wie sie im zionistischen Zentralorgan „Die Welt“ ohne weiteres nachzulesen .sind. Dann wurde auf Grund der Thesen des II. österreichischen Zionistentages in Bielitz (1901.) für den Wiener Kultuswahlkampf von 1902 vom zionistischen Landeskomitee. dessen. Obmann damals Dr. K. war, pflichtgemäß jenes Programm ausgearbeitet, dessen er sich heute rüjimt. Dabei blieb es aber nicht. 1903 nahm der III. österreichische Zionistentag in Wien auf Grund meines Referates „Gestaltung und Zukunft 'der österreichischen Kultusgemeinden“ — unter dem Beifall Herzls — Thesen an, die wieder 1906 und 1908, also zu einer Zeit, als Dr. K. bereits aus der zionistischen Partei ausgetreten war, neuen Wahlprögrammen zur Grundlage dienten. Und 1910 hielt ich auf dem II. Zionistentag Westösterreichs in Wien neuerdings ein Kultusreferat, auf Grund dessen Thesen das Kultuswahlprogramm für die Wahlkämpfe der Jahre 1910 und 1912 aufgebaut war. ' Es hat also die Fortentwicklung unseres Programms dank Beratung und Beschlußfassung der dazu berufenen Parteiorgane niemals ausgesetzt und dieses wird, nachdem gegen unseren Willen die Wahlen in den Wiener Kultusvorstand durch sechs Jahre verhindert worden sind, rechtzeitig wieder verlautbart werden. Kein Zweife), daß es im Wesen unverändert bleiben, die alten Dewährten Grundsätze neuerdings enthalten, jedenfalls aber sich durch seine Prägnanz von jenen Verschwommenheiten wohlätig abheben wird, die Dr. K. am Schlüsse des bewußten Aufsatzes als sein Programm ausbietet. Und wahrlich, nie und nirgends wurden von den Zionisten ihre Grundsätze in die Tasche gesteckt, am wenigsten von den durch Dr. K. so arg verschobenen zionistischen Mandataren in der Wiener Kultusstube! Gerade dort haben sie — ihrer iünf — dies# Grundsätze im erbitterten Kampfe um die Wahlreform mit nicht genug zu rühmendem Eifer und Geschick gegen die Gesinnungsgenossen Dr. K.‘s verfochten und wenige stens zum Teil durchgesetzt. Die zionistischen Mandatare traten dort für Demokratie und Alljudentum mannhaft ein. Sie verlangten Beseitigung aller plutokratischen Einrichtungen, wie der Kurie der Höherbesteuerten und des Z e n s u s Wahlrechtes überhaupt, die Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechtes auf alle Frauen, des passiven Wahlrechtes auf die Gemeindebeamten, sie setzten das P r öpo'rt i onal w ahl r ech t durch, welches zum erstenmal die Berücksichtigung der Minderheiten und ein friedliches Zusammenarbeiten der Parteien in der Kultusstube ermöglicht, und sie wehrten sich verzweifelt gegen den Anschlag der „Offiziellen“, die aus erbärrn- . liehen parteftaktischen Gründen die Verschlechterung des Wahlrechtes durch Ausschluß aller „Staatsfremden“ gewagt haben. Und wie hier bei der Wahlreform, haben schon früher die 1912 in den Kultusvorstand gewählten Ing. Stricker und Dr. Ehrlich, und nach dessen Einrückung zu Kriegsbeginn, Stricker allein gegen den durch stumpfsinnigen Trotz 'geleimten Block der Alten, in Bekämpfung von Korruption aller Art, von Würdelosigkeit und sonstigen Preisgabe' jüdischer Interessen ■ Bewunderungswürdiges geleistet und täglich unser Programm in pulsendes Leben umgesetzt. Noch eine Behauptung Dr. K.‘s verlangt kurze Zurückweisung. Er spielt sich da bei seiner Parole von der Eroberung der-jüdischen Kultusgemeinden als Siegelbewahrer Herzls auf. dem es um ein glückliches jüdisches Wien zu tungewesen sei und der mit der Demagogie der „lieben Jüdischnationalen von heute“ gewiß nichts zu tun haben wollte. Welch beabsichtigte Verkennung der Tat Sachen! Herz!, „der Edelnxensch“, wurde, gerade weil er es war, von Entrüstung und Ekel geschüttelt, so oft er sein Auge -dem Treiben der Wiener Kabaljuden, Dr. Stern und Genossen, zuwenden mußte. Wer weiß es nicht, daß sein „Mauschel“, der an Schärfe in der ganzen zionistischen Literatur nicht seinesgleichen hat, auf die Kultusgrößen Wiens gemünzt war! Und hat er ihnen nicht in offener Versammlung zugeschleudert, daß sie „Verleumder“ sind, hat er nicht nach dem Kultuswahlkampf von. 1902,- welchen der Kahal durch List und rohe Gewalt gewann, unseren einzigen Vertreter im Kultusvorstand Genossen Gewitsch zum Austritt aus dieser Gesellschaft betimmt? Und hat. er nicht noch im Februar 1904. knapp vor seinem Tode, mir als dem damaligen Distriktsobmann die Fortsetzung des Kampfes gegen die hartherzige und unbelehrbare Plutökratenclique zur Pflicht gemacht?! Der von Dr. K. versuchte Witz, sich gegen Herzls Partei auf Herzls Andenken zu berufen, ist alt und abgebraucht. Diesen Witz haben bisher noch alle anzubringen gesucht, die aus diesem und jenem Grunde die- Partei verließen und die der Ehrgeiz antrieb, trotzdem eine" politische Rolle weiter zu spielen. Es ist doch allzu abgeschmackt, wenn Dr. K. aus Vorlesungen über die Treue zu Herzis Grundsätzen halten will, der diese Treue wohl an Herzls irischem Grab namens der zionistischen -Partei Oesterreichs mit rührsamen Worten gelobt, aber ein paar Monate später durch seiuen Abfall von eben dieser Partei mit Füßen getreten hat, der dann in allen Wahlkämpfen seine Dienste unseren niedrigsten Gegnern: Assimilanten, Plütokraten, Gewaltmenschen, geliehen hat, die verbucht hat.-die studentische Jugend gegen uns aufzureizen, und all dies nur. um sich an den Zionisten für vermeintliche persönliche Unbill zu rächen. Wenn Dr K. heute wirkliph meint, daß ihn Prinzipien von uns geführt haben, unterliegt er einer bedauerlichen Selbsttäuschung. Wie weit er freilich seither abgeirrt und wes Geistes er heute ist, beweist sein Artikel besonders dort, wo er durch wiederholten Hinweis auf den angeblich überragenden Einfluß der „Osrgalizianer“ auf die Entschlüsse der Wiener . Zionisten es versucht, die schäbigsten assimiiatorichen Instinkte des Wiener Kultuswählers wieder wachzukitzeln. Wo ist da uie Brücke zu Herzl. der das herrliche Wort geprägt hat: „Wir Juden sind ein Volk, ein V o 1 k!“ Für ihn hatte die Wiener Kultusgemeinde nur ein Interesse im Zusammenhang mit dem großen Befreiungswerke des Zionismus. Für ihn war die Interessengemeinschaft mit den Juden der ganzen Welt so selbstverständlich wie heute für Dr. K. die von ihm propagierte Interessensonderung zwischen den Juden Wiens und jenen von „Brünn, Prag, Ostrau oder Krakau“. Wahriich»_ es stimmt zum Lachen, wenn anno 1920 mit solchen Ladenhütern die Judenschaft Wiens zum Streite wider die zionistische Organisation ausgerüstet werden soll, welche unserem Volke mehr gebracht hat als ein Kultuswahlprogramm, nämlich die Aussicht auf ein neues, freies, ehrenvolles und glückliches Leben im Lande der Väter. Ein nationales Volksgesundheitsamt*) Von David Arjeh Friedmann. Noch ist der blutige Taumel nicht völlig verflogen. der_ während des Krieges fast die ganze Welt ergriifen hat. und wie schwerverletzte wilde Bestien noch um Beute streiten, so streiten die Völker uni Länder und Grenzen. Schiffe und Lokomotiven, ohne zu merken, wie tödlich ihre eigenen Wunden sind. In ihrer Verblendung achten die Ringer nicht auf ihren eigenen verstümmelten Leib. Doch ganz allmählich kommt der wunde, vergiftete Menschengeist zur Besinnung, zur Ernüchterung. und sicheflich wird sich bald der Hilfeschrei des gebrochenen, geschändeten Körpers vernehmbar machen. Denn der Krieg hat nicht-nur die frischesten, jugendlichsten Elemente aller Völker hinweggerafft und damit die Lebenskraft und die Möglichkeit des biologischen und auch deä geistigen Fortschritts herabgesetzt, nicht nur so und so viel tausend Menschen zu Krüppeln und Invaliden gemacht, ‘er hat weiter seine Opfer auch unter allen denen in Fülle gesucht, die an ihm teilgenommen haben und ohne sichtbaren Schaden ihm entfliehen konnten, und unter denen, die mit den mit versteckten Leiden Behafteten in nähere Berührung gekommen sind. So ist niemand aus dem Kriege heil hervorgegangeu. und bei allen Völkern, die an dem fürchterlichen Massenmord beteiligt waren. haben die verschiedensten Seuchen in erschreckender. besorgniserregender Weise zugenommen. Auch die mehrjährige Hungerüeriode. unter der der größte Teil Europas noch immer leidet, hat die Körper sehr geschwächt und ihnen die Kraft genommen, den zerstörenden und entstellenden Wirkungen der Epidemien und der ihnen folgende« Nervosität und seelischen Erschöpfung standzuhalten. So mehrt sich Siechtum und Verelendung bei den Völkern der Welt. Schlimmer noch steht es um unser Volk, das sich in allen Ländern seiner Zerstreuung in besonderen, der Volksgesundheit besonders gefährlichen Verhältnissen befindet und ganz in der kranken, verseuchten Menschheit steckt, ohne eine besondere Möglichkeit zu besitzen, sich rechtzeitig in acht zu nehmen oder'heilen zu lasse«. Bedenken wir nun. daß schon vor dem Kriege auf vielen jüdischen Aerzten. die inmitten ihres Volkes wohnten, der entsetzliche Gedanke einer körperlichen nationalen Entartung lastete und daß der Krieg überall gerade unser Volk besonders schwer heimgesucht hat. so müsse« wir einsehen. daß wir am Rande eines Abgrundes stehen, vor dem kein politischer Sieg und keine territoriale Eroberung uns retten kann, es sei denn, daß wir dem Unheil zuvorkommen. Zeit ist es. ein nationales Gesundheitsamt für das ganze Volk zu s c h a f f e n. Dieses Amt hat alle unverbrauchten, gesunden Kräfte des Volkes zu wecken und all seine körperlichen und geistigen Angelegenheiten unter ‘dem Gesichtspunkte der Hygiene und der Förderung des konkreten Menschenmaterials zu überwachen. Das Nationalamt hat mittels seiner Landeskomniissionen für die Auiklärung des Volkes und all das zu sorgen, was die Verschönerung des körperlichen Lebens, den Mütter- und Kinderschutz. die gehörige Pflege der Säuglinge, die Erziehung der Kinder und die Jugendfürsorge, die Belehrung der Erwachsenen und die Regelung der mit der Ehe zusammenhängenden eugenischen Fragen betrifft, und zwar unter dem Gesichts- *) Auszug aus einem Aufsatz, der demnächst in der Zeitschrift ..Der Jude" erscheint.

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