Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 14 (16.4.1920)
- Date
- 1920-04-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438777-2438791--6657-2446760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
sicherte Existenzen für die Juden zu schaffen. Auch ist infolge der ungünstigen Berufsschichtung der Ostjuden. besonders d'er zu großen Zahl von Händlern, die Entstehung ungesunder Zustände und gespannter Beziehungen zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung in den neuen Wohnländem nicht ausgeschlossen. Wir müssen daher darnach trachten, durch Gründung jüdischer Arbeitsämter. technischer Bildungsanstalten dgL möglichst viele Juden den produktiven Berufen zuzuführen. Besonders ist es von größter Wichtigkeit. die jüdischen Industriellem Gewerbetreibenden und Landwirte zu veranlassen, möglichst viel jüdische junge Leute bei sich aufzunehmen, um diese in den produktiven Berufen auszubilden. Durch Gründung jüdischer Schrebergärten. Lehrfarmen für Gartenbau. Kurse für Handfertigkeiten usw. kann ebenfalls für die. Besserung der Lage der Juden in ihren jetzigen Wohniändem oder für die Schaffung einer gesicherren menschenwürdigen Existenz in den neuen Einwanderungsländern beigetragen werden. Es besteht kein Zweifel, daß man in den nächsten Paar Jahren für das Wiederaufrichten des erschütterten jüdischen Wirtschaftslebens und noch immer für die bevorstehende Massenemigration beträchtliche Summen benötigen wird, die man auch mii den raffiniertesten Sammelmethoden. mit Spenden und Selbstbesteuerungen, mit Ballveranstaltungen und Büchsensammlungen auch in Jahrzehnten nicht aufbringen wird. Für die meisten europäischen Länder kommt noch als erschwerender Umstand das ungeheuere Sinken des Geldwertes hinzu, so daß viele Juden, die früher als wohlhabend betrachtet und für wohltätige Zwecke in Anspruch genommen werden konnten, jetzt selbst verarmt und um ihre zukünftige Existenz besorgt sind. Viele jüdische Gemeinden erschöpfen ihre ohnehin geringen Mittel zu der Milderung der gegenwärtigen indischen Not. Versorgung jüdischer Kriegswaisen, Kampf gegen den Antisemitismus u. dgl. und können daher für den Wiederaufbau der ostjüdischen Wohnstätten und der bevorstehenden jüdischen Massenemigration und -kolouisation sehr wenig tun. In dieser in Europa allgemein herrschenden Geldnot pflegt man bei uns die Blicke nach Amerika zu richten, das durch den Krieg am wenigsten gelitten und reiche Juden in ansehnlicher Zahl hat. Ueberöies bezeichnet man die Amerikaner — die dortigen Juden natürlich nicht ausgenommen — als ein praktisches Volk, das in allen seinen Unternehmungen großzügig zu Werke gehr. Wir sehen denn auch, daß bei den amerikanischen Juden eine umfangreiche Aktion zur Behebung der jüdischen Not im Osten eingesetzt hat. Beträchtliche Geldspenden ,und Lebensmittel strömen von Amerika in die vom Krieg und Pogromen heimgesuchteii jüdischen Wohnländer. In New- Ycrk sind einige jüdische'Hilfsorganisationen gebildet worden, die Vertreter in die verschiedenen *vOrte des jüdischen Ostens abgesandt haben, um zunächst die gegenwärtige jüdische Not zu lindern und dann auch die Aufrichtung des darniederliegenden jüdischen Wirtschaftslebens zu betreiben. Auch die mit allen Mitteln , der amerikanischen Reklame in Szene gesetzte Sammlung für den 10 Millionen Dollarfonds für den Aufbau Palästinas macht bereits gute Fortschritte. Aber ali diese Geldmittel, die von den Juden allein durch Spenden aufgebracht werden, können nicht im entferntesten dazu ausreichen, die vielen vernichteten jüdischer. Existenzen wieder aufzurichten und noch weniger der einsetzenden Massenemigration der Juden irgendwie gerecht zu werden. Hat doch Max Nordau in ..Jexvish Times“ vom 16. Jänner geschrieben, daß man für den Aufbau Palästinas allein in den nächsten Jahren etwa 2500 Millionen Pfund, also 1250 Millionen Dollars, oder etwa 6 Milliarden! Francs benötigt. Was bedeutet denn dieser Summe gegenüber die 5% Millionen Francs, die der Nationalfonds im Jahre 1919 aufgebracht hat. wenn sie sogar, wie es angenommen wird, in den nächsten Jahren verfünffacht werdea Nordau verlangt, daß die nötige Geldsumme ir. Form einer Anleihe den Zionisten sofort oder in rasch aufeinanderfolgenden Raten gegeben werde und daß England die Garantie für uiese Anleihe übernehmen soll. Eine Frage ist es. ob England, das ia selbst durch den Krieg in gewisse finanzielle Abhängigkeit von Amerika gebraten ist. diese Garantie übernehmen kann und wirJ. Es ist aber nicht einzusehen. warum eine große Anleihe von den Juden nur für den Aufbau Palästinas und nicht auch für den derruinierten ostj.idischen Wohnstätten oder für die Emigration der Juden in andere Länder aufgenommen werden soll. Würde eine solche jüdische Volksa n 1 e i h e'nicht nur für zionistische, sondern auch für allgemeine jüdische Zwecke verwendet werden. so könnte sie sicherlich leichter zustande kommen, weii für diese Anleihe das ganze jüdische Volk verantwortlich sein und die Garantie nicht nur von England, sondern vor allem auch von Amerika übernommen werden könnte. Allerdings müßte die Anleihe dann etwas größer als die von Nordau vorgeschlagene ausfallen. Sie würde schätzungsweise 400 Millionen Pfund — 2 M i 11 ia rd en D ol I a r oder rund 10 Milliarden Francs betragen. Die jüdische Emigrations- und Kolonisationsfrage darf nicht von einem einseitigen allgemeinen Standpunkt behandelt werden. Es müßte nach dem Vorsciiiag Birnbaums ein Volksamt von jüdischen Menschen allyr Richtungen geschaffen werden. das die Sache der in ihrer Heimat zurückbleibenden,- wie auch der aus-wandernden Juden vor den Regierungen vertreten und auch über die Wahl der geeigneten Länder für die jüdische Einwanderung Entscheidung treffen könnte. Zweifellos würden für viele jüdische Auswanderer aus wirtschaftlichen wie auch aus gewissen familiären und anderen Gründen nicht Palästina, sondern andere Einwanderungsländer in. Betracht kommen.“ ’ S. M—s. Die Aufgaben des Jüdischen Nationalfonds in Palästina Von Adolf Böhm. (Auszüge aus einem auf der Reichskonferenz der Nationalfonds-Kommissäre gehaltenen Referat.) (Schluß.) Welches.sind nun .die Aufgaben, die der Jüdische Nationalfonds in" Palästina zu erfüllen haben wird? Wie schon erwähnt, hat er bei Einsetzen der zionistischen Kolonisationstätigkeit Funktionen übernommen, die nicht in sein direktes Tätigkeitsbereich gehören. Er hat Farmen errichtet, jüdische Arbeiter darauf ausgebildet, und sich an allen Maßnahmen beteiligt, welche getroffen wurden, um die jüdische Arbeit auf dem Lande zu fördern. Damit hat er sich um die Durchsetzung der nationalen und sozialen Prinzipien des Zionismus ein großes Verdienst erworben. Durch diese Tätigkeit ist der tote Punkt in der Entwicklung der jüdischen Kolonisation überwunden worden. Das Arbeitergenossenschaftswese n, diese zukunftsreiche Form der nationalen Kolonisation, verdankt hauptsächlich dem Jüdischen Nationalfonds seine Entstehung und erfreuliche’Entwicklung. Der Jüdische Nationalfonds hatte damit aber Dinge unternommen, die seinem direkten Zwecke nicht entsprechen und die seine Mittel unverhältnismäßig in Anspruch genommen' haben. Die Errichtung der Gebäude. Schaffung d'es Inventars. Deckung der Betiiebsdefizite, erforderte jeweils ein mehrfaches der für den Boden ausgelegten Summe. Würde der Jüdische Nationalfonds bei der, jetzt im größten Stil aufzuraehmenden Kolonisation in dieser Weise fortfahren, dann würde die Kapazität stines Fonds für dien Bodenkauf auf ein Bruchteil s'nkeu. Er könnte nuir ein Viertel oder ein Fünftel seiner jeweiligen Mittel für den Bodenkauf verwenden. Es kann deshalb nicht daran gedacht werden, daß .der Jüdische Nationalfonds das, was er getan hat, um in einer Zeit, wo keine anderen nationalen Kolonisafionsinstrurnente vorhanden waren, die; Grundlagen für die nationale Ansiedlungstätigkeit zu schaffen, weiter fort— setze. Die zionistische Organisation ist im Begriffe. ein ganzes System von HilfsmstitütEünen für die Kolonisation zu schaffen, wfe Hypothekenbanken für lartdWirtschaft!iichen Kredit, Arb e i t e rb anken zur..Ausstattung der Genossenschaften mit Betriebsmitteln. Koloinisationsfonds usw.. damit die Ansiedlungstäiigkeit in einer rationellen Weise'vor sich gehen könne. Der Jüdische Nationalfonds wird sich vor allem darauf beschränken müssen, den Boden zu kaufen.' Doch bleibt hier noch eine Lücke in dem System der Kolonisation offen. Eine rentable Wirtschaft auf dem Böden Palästinas mi; Hille aller Kolonisaitionsinstatutloinen kann tim allgemeinen" nur geführt werden, wenn der Boden in anbaureifem Zustand zur Verfügung gestellt wird. Er ist es ün der überwiegendsten Zahl der Fälle nicht .von vornherein, es bedarf vielmehr der Aufwendung von Arbeit und Kosten, um ihn in diesen Zustand: zu bringen. Würde man diese dem Ansiedler auflasten, so würde er daran ökonomisch verbluten und zu einer rentablen Wirtschaft nicht kommen können. Diese Kosten muß die Allgemeinheit übernehmen. Es ist heute schon nahezu sichen daß die zionistische Organisation in UebereinstSmmung mit der Leitung des Jüdischen Nationalfonds diesem die Arbeit des Aptterens des Bodens zuweisen wird. In vielen Fällen ward es möglich sein, die Pachtrente so zu bemessen, daß .auch die für Okkupation aufgewendeten Kapitalien ihre Verzinsung finden werden. Jedenfalls wird1 mit ihrer Uebernahme durch den Jüdischen Natüonaifonds die wichtigste ökonomische Vorbedingung für das Gedeihen der Kolonisation geschaffen sein. Der Jüdische Nationalfonds wird damit eine im eminentesten Sinne gemeimvirtschaf fliehe Aufgabe erfüllen. Würde er nur dten Boden kaufen, so müßte eine andere, erst neu zu schaffende Institution, dlie-ifar Kapital wieder nur durch Spenden erlangen könnte, die Aptlerimg übernehmen. In der ersten Periode, in der wir mit der Aufbringung einer einmaligen großen Summe (Natlionaianleihe oder Nationalopfer) rechnen können, würdie man aus dieser wohl einen Teil für jene Zwecke bereitzustellen in der Lage sein. Später aber müßte ein neuer Fonds geschahen werden, der gar keine Aussicht hätte, neben Nationalfonds.. und Kulturfonds, die populären Zwecken dienen, nennenswerte Mittel aufzuhningen. Wer _ würde sich für einen „Aptierungsfonds“ begeistern! Anderseits würde der Nationalfondls. wenn er Boden nur kaufte und nicht auch ambaurefif stellte, von den Kolonisten nicht als 'lebendiger Faktor, für. die Siedlung angesehen ■ werden und viel von seinem Prestige Verlierern Die juristische und technische Konstruktion dies Siedlungswerkes würde sich in diesem Falle auch ungemein kompl?- Im „Fünfer-Palast“ Eine Geschichte vom hohen Rabbi Löw. Von Chajim Bloch. Im Jahre 5345 (1585), als Rabbi Löw . am Abend des 13. Nissan „die Wegräumung des Gesäuerten" vornahm und die Formel „Kol chamira" beim Schein einer Kerze aus dem Gebetbuche zu sprechen besann, erlosch plötzlich die Kerze in den Händen seines Dieners Abraham Chajim und Rabbi Löw konnte das Rituale nicht vollenden. (Denn Rabbi Löw pflegte grundsätzlich niu aus dem Buche die Gebete zu sprechen, und er äußerte sich einmal, daß er an den! Buchstaben erkenne, welche Stimmung im Himmel waltet, ob Gnade oder Strenge.) Er winkte dem Diener, die Kerze wieder anzuzünden, doch diese erlosch wieder und wieder. Das wiederholte sich einigemal. Rabbi Löw erschrack und befahl dem Diener, sich zum Wandleuchter zu stellen und ihm den Inhalt vorzulesen, den er wörtlich nachsagte. Dieser begann: „Kol Chamire wachije deika ..Und anstatt, wie es richtig heißt, „deika birschuse“ (was in meinem Besitze ist), las der Diener „deika biclmmsche“ (das im Fünfer ist). „Nu, nu,“ schrie Rabbi Löw, um den Diener auf den Irrtum aufmerksam zu machen. Der Diener erschrack und wiederholte mit bebender Stimme: „Kol Chamira wachmije de'ka bichumsche.“ Rabbi Löw wurde leichenblass. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne und sagte: „Nun begreife ich alles; es droht uns ein Unglück, man will uns das Licht auslöScheu. Das deutete auch der Traum in der Nacht des „großen Sabbat“ an. Er befahl allen Leuten, gleich nach Iiause zu gehen, und es verblieben bei ihm nur sein Schwiegersohn Rabbi Jizcha, der Priester und die beiden Diener Abraham Chajim und Josef Golem. " Ihnen erzählte Rabbi Löw folgendes: „In der vergangenen Sabbatnacht sah ich im Traume eine Feuerflamme vom „Fünfer-Palast“ aufflackern, die in das Innere der gegenüberliegenden Altneusynagoge übersprang. Da ich diesem Traume keine Bedeutung schenkte, wurde mir offenbar vom Himmel von der drohenden Gefahr Kunde gegeben. Nun verstehe ich die Bedeutung: im „Fünfer-Palast“ liegt ein Chuniez, ein Gesäuertes, eingeschmuggelt, um gegen die jüdischen Einwohner Prags eine Blutauklage in Szene zu setzen. Unsere Feinde wollen also das jüdische Licht erlöschen. Wir müssen uns daher unverweilt in den „Fünfer-Palast“ begeben, dort nach dem Chumez suchen und ihn rechtzeitig aus der Welt schaffen.“ Rabbi Löw war voller Besorgnis. Diese Angst war umso mehr begründet, als vor einigen Tagen ein Kind Waclaws, des Kiosterdieners, auf unaufgeklärte Weise verschwunden war. Der „Fünfer-Palast“ wurde so genannt, weil er an fünf Gassen grenzte. Sein- Bausti.1 bewies, daß dieser Palast im Altertum* als noch das Heidentum in Prag herrschte, erbaut wurde, denn er stellte nach seinem Typus ein „Heiligtum der Sonne“ dar. Der Palast war Eigentum der Regierung und bildete nach drei Seiten eine Ruine. Nach der Ueberlieferung wohnte einst vor -langen Jahren in diesem Palast ein geheimnisvoller König, der sich nie sehen ließ und im Keller des Palastes einen unterirdischen Gang hatte, der in das „grüne“ Kloster führte. In diesem Kloster wolinte jetzt Taddäus. Der Palast stand gegenüber der Altneusynagoge. Es war eine Ruhe, in .der nach der im Volke verbreiteten Sage allerart böse Geister ihr Wesen trieben. Man ging an diesem Hause nicht ohne Schaudern vorbei. Dorthin wandte sieb Rabbi Löw mit seiner Begleitung, als die Stadt in der tiefen Finsternis der Nacht ruhte. Eine regenfeuchte Luft schlug ihnen ins Gesicht. Das Haus, dem sie sich näherten, - war schwarz und trug die Spuren der langjährigen Verlassenheit. Die Zaunpfähle des Hofes in ihrer endlosen Folge weckten, wie sie beim Fackelschein aus dem Dunkel auftauchten und wieder darin verschwanden, eigentümliche, schaurige Gefülile. Rabbi Lövfc. war nicht wenig ängstlich, als er die morsche, knarrende Holztreppe mit ihren schier endlosen Stufen hinaufstieg. Auch sein- Diener Abraham Chajim war voller Schrecken. Nur Josef Golem blieb mutig und beherzt. Sie zündeten Hawdala-Fackeln an und betraten das Haus, das ohne Türen und "Fenstern dastand. Auch das Dach war zum Teil eingestiirzt, so daß der mit Wolken überzogene Himmel in die öden Räume starrte. — ■ Als Rabbi Löw in Begleitung seiner beiden Diener den Palast betrat, ließ er einen "Blick über die Ruine schweifen und setzte dann seinen Weg in den Keiler fort. Ein jämmerliches Wimmern wurde vernehmbar. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang bald wie das Weinen eines Kindes, bald wie das Weinen eines Hundes, steigerte sich aber so, daß. es endlich wie das Brüllen eines Löwen anzuhören war. Rabbi Löw betrat in Begleitung seiner Diener den Keiler. Er und Abraham Chajim sagten dreimal: „Wer da im Schutze des Höchsten sitzt“ (Psalm Kap. 91) — da hprte das Wimmern, Winseln und Brüllen sogleich au! . . . Als sie aber wedterschritten, fielen Steine auf sie. Rabbi Löw sprach mm zum Golem: „Du, Josef, gehe selbst hinein und suche alles gründlich durch. Findest-du irgend ein Ding, das geeignet ist, den Verdacht eines Mordes zu begründen, dann'bringe es gleich zu mir hi eher. Ich warte auf dich.“ Mit der leuchtenden Fackel in der Hand begab sich der Golem-in die Kelterräume, suchte alle Abteilungen gründlich durch und fand wirklich ein kleines Körbchen, worin in einen Gebetmantel gehülltes, geschlachtetes Kind lag. Ein anderes Körbchen stand etwas entfernt, darin be-