Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1920-04-16 · 14 (16.4.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
14 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438777-2438791--6656-2446759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

warfm XIV. Jahrgang Nr. 14 Nafional>jüdifche$ Organ Redaktion unü AdmiaiHtmtion Win!!., Taborstr&Se S Fsmspreoher Nr. 44038 B. 43319 Mi: dt? Beütee: ».Der i'ädisehe Natiönalfonds“ Wien, Freitag, daa 16. April (920 Üez«$*9rels: Vierteljährig 13 K ganzj. 50 JST, Einzelnummer 1 K Postsparkasaenkonto 133.404 i Unruhe im Orient Die große Weltkrise, in der die Menschheit in noch immer unvermindertem Maße steckt, obzwar in beträchtlichen Teilen Europas die Waffen ihr mörderisches Werk beendet haben, hat die Welt in einer bisher unerreichten Tiefe erschüttert, und die aufgewühlte Menschheit will nicht zur Ruhe kommen. Nach einer jahrelangen Fesselung jeder menschlichen Bewegungsfreiheit durch die brutale Kriegsmaschine ist die langerwartete Reaktion eingetreten, alle. Bindungen begannen sich zu lösen, die Revolution, weichender Welt eine neue Freiheit und höhere Formen der menschlichen Gemeinschaft bringen sollte, zeigte die Menschen als Sklaven, die ihre Ketten abgeworfen haben und die durch eine verbrecherische Glorie systematisch entfesselten Instinkte begannen, sich hemmungslos auszustoben. Unter denen, die dem Moloch Krieg die größten Opfer dargebracht haben, steht in erster Reihe das jüdische Volk. Kaum einen Staat gab es. unter dessen Fahnen es nicht jüdische Soldaten gegeben hätte, an allen Fronten floß jüdisches Blut für vielfach volksfremde Ziele, und während in den Riesenheeren des europäischen Ostens die jüdischen Männer in den vordersten Reihen standen, wütete •der Pogrom unter der Zivilbevölkerung der Hinterländer. .dezimierten Krankheiten und Seuchen die verelendete Masse und wurden Tausende aus der Heimat gerissen und in die Fremde verschleppt. wo neuer Haß und neues Leid ihrer wartete. Aber auch nach dem Zusammenbruch* dieser waffenstarrenden Welt solltedas jüdische Volk nicht zur Ruhe kommen. Die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse in Polen und Ungarn vollzog sich auf dem Rücken des jüdischen Volkes. Der bolschewistische Umsturz in Rußland, die ihn bekämpfende Gegenrevolution, die Wirren in der Ukraine und die damit Hand in Hand gehende Auflösung aller Ordnung, bringen eine lange Kette von Pogromen und Blutbädern von solcher grausamen Wildheit und solchem Umfang, daß man in die Zeiten der Kreuzzüge zurückgreifen muß. um in der jüdischen Leidensgeschichte derartiges zu finden. Trotz allen Leiden und Verfolgungen hat das jüdische Volk den Mut nicht sinken lassen. Der nationale Gedanke hat bedeutende Fortschritte gemacht und die aut der Friedenskonferenz vereinigten Großmächte haben die nationalen Ansprüche der jüdischen Minoritäten anerkannt' und in den verschiedenen Fnedensverträgen diese Anerkennung zur Tat werden lassen. Damit ist die Grundlage für die gesetzliche Sicherung der jüdischen Minderheitsnationalität geschaffen, und auf dieser wird allen Widerständen zum Trotz zu bauen sein. Es ist unsere Tragik, daß der kleinste Erfolg für unsere Sache mit soviel Blut und Tränen verknüpft ist. Der zentrale Leitgedanke aber während dieser ganzen traurigen Zeit blieb für das jüdische Volk die winkende Hoffnung auf das jüdische Palästina. Aber während wir immer ungeduldiger auf die Einlösung des durch Balfour im Namen - i Englands gegebenen feierlichen Versprechens warten. kommen auch aus -dem Orient beunruhigende Nachrichten. Vor einigen Wochen haben Beduinenüberiäll'e auf die jüdischen Siedlungen in Nordgaliläa stattgefunden. die Kolonien sind zum Teil zerstört worden und der heldenmütige Abwehrkampf des kleinen jüdischen Häufleins hat etliche kostbare Menschenleben gekostet. Jerusalem war neulich der Schauplatz von kleineren gegen die Juden gerichteten Demonstrationen, welche anscheinend zu keinerlei Weiterungen führten. Aber die Unruhen haben sich in den letzten Tagen in verstärktem Maße wiederholt und der aufgehetzte Pöbel scheint arg genug gewütet zu haben. Wie die Zeitungen berichten, sind in Jerusalem Läden geplündert, zwei Synagogen in Brand gesteckt, zahlreiche Menschen verwundet worden und sechs Tote zu beklagen. Während schon die nächsten Tage die endgültige Entscheidung" der Mächte bringen können. welche die ewigen und unveriährbaren Rechte des jüdischen Volkes auf Erez-Israel anerkennen und den Grundstein für ein nationales Heim in der alten Urheimat legen helfen soll, hat die Judenhetze in Jerusalem selbst frech ihr Haupt erheben und bringt von neuem Beunruhigung und Trauer unter unser schwergeprüftes Volk. Die Ursachen dieser betrüblichen Erscheinung sind unschwer. festzustellen. Die Rivalität der Mächte und die Unmöglichkeit, ihre Ansprüche gegeneinander abzugrenzen. sowie sonstige europäischpolitische Schwierigkeiten, unter denen das russische Problem an erster Stelle steht, haben die Entscheidung in der türkischen Frage ungebührlich lang hingezogen. Dieser Zustand der Unsicherheit und die schwankende Haltung der Mächte in der türkischen Frage haben nicht verfehlt. die allgemeine Weltunruhe auch in die türkische« Provinzen zu verpilanzen. Der von Kemai Pascha geführte Aufstand in A n a t o 1 i ‘e n und die Schwierigkeiten der europäischen Okkupation, der nicht allzu starke Truppenbestände zur Verfügung stehen, scheint durch sein Beispiel auch die Araber angesteckt zu haben, unter denen sich eine imperialistische Strömung deutlich abzuheben beginnt. Der jüngst stattgefundene syrische Kongreß in Damaskus hat den arabischen Kronaiiwärtcr Emir I* a i s a 1. welcher bisher auf ein gutes Einvernehmen mit den Westmächten das größte Gewicht legte, in letzter Zeit jedoch aus Furcht um seine Popularität dem aufgepeitschten arabischen Nationalismus vonDamaskus gegenüber sich zuKonzessionen genötigt sieht, veranlaßt, sich aus eigenen Gnaden zum König zu proklamieren. Die englische Regierung hat sofort erklärt, daß sic diesem Schritt die Anerkennung ' verweigere und Faisal ~ nach Europa zitiert. Und der christliche Libanon, der auch bisher ein beträchtliches Maß von Unabhängigkeit hatte, bestreitet den Damaszenern alle Legalität und will nach wie vor zu Frankreich halten. Der Inspirator der imperialistischen Bewegung imter den mohammedanischen Arabern scheint Faisals Bruder. Hussein, sfü sein, der sich König von Mesopotamien nennen läßt. Es läßt sich nicht imEinzelnen feststellen, welche Einflüsse hinter all diesen Strömungen zu suchen sind, die neue Beunruhigungskeime in den Orient tragen. Daß beiallen diesen Ereignissen der Gegensatz zwischen christlichen und mohammedanische Arabern eine Rolle spielt, und daß die Bewegung ans gewissen trüben europäischen Ouellen mit Geld gespeist wird, dürfte sicher sein. Wie sich dies auch verhalten mag. so ist doch kein Grund vorhanden, die Dinge mit besonderem Pessimismus zu betrachten. Die arabische Bevölkerung steht auf keiner so hohen Kulturstufe, daß man hier von einer öffentlichen Meinung in europäischem Sinne sprechen könnte und die Hetzer haben umso leichteres Spiel, die Massen aufzuwiegeln. An den Beschlüssen der europäischen Mächte wird das von etlichen arabischen Phantasten inszenierte Treiben nichts zu ändern vermögen. Es wird wohl zur Schaffung eines arabischen Staatsgebildes kommen, aber daß dieses jene Ausdehnung erfahren soll, wie man in Damaskus möchte, erscheint ausgeschlossen. Englands Regierung hält unverrückbar an den durch die Deklaration Balfours angeschaffenen Richtlinien fest. Ein jüdisches Heim in Palästina wird zur Tatsache werden, weil sich hier die Interessen des jüdischen Volkes durchaus mit denen der englischen Politik berühren. Gerade weil die Balfourdeklaration nicht als ein bloßer Akt von Romantik anzusehen ist. wie sehr man auch das Verständnis Tür die Bedürfnisse des jüdischen Volkes bei Englands Regierung dankbar anerkennen muß. sondern Englands Ueberzeugung wiederspiegelt, daß in Palästina, der künftigen Brücke zwischen den Weltteilen, ein verläßliches und kultiirschöpferisches Element erstehen muß. welches nur und einzig und allein das jüdische Volk stellen kann, darum ist das künftige jüdische Palästina eine für alle Zeiten beschlossene Sache. Das werden auch die oifeneu und geheimen. Gegner des Zionistnus. dessen wahres Wesen ihnen fremd ist. bald erkennen müssen Die Ueberfälle der Beduinen auf die vorgeschobenen jüdischen Siedlungen in Nordgaliläa hängen mit der Dislozierung der Besatzungstruppen zusammen und sind eine Folge des Umstandes, daß die jüdische Siedlung in jenem Gebiete erst in den Anrängen steht und daher an eine wirksame Verteidigung nicht zu denken war. Auch die Ausschreitungen in Jerusalem, so betrüblich sie sein mögen, sind lediglich als ein trauriger Einzcüall zu bewerten. In Jerusalem, dem Herzen von Erez Israel, ist jüdisches Blut geflossen. Das jüdische Volk ist daran gewöhnt, daß ihm Eriolge nicht leicht werden. Es ist dasselbe Blut, das unseren Weg durch die Leidensnacht der Galuth kenntlich macht. Auch die heilige Stadt ist heute noch, da das jüdische Erez-Israel erst in den Anfängen steht, nicht mehr als gewissermaßen das Zentrum der Galuth. Daß sie zur wirklichen Hauptstadt eines neuen Erez- Israel und zum Zentrum einer verjüngten indischen Gemeinschaft werde, daran halten wir iest und das ist unsere Aufgabe. Wir haben zu lange gewartet und unser Wille ist allzu unerschütterlich, als daß uns gelegentliche, bedauerliche Intermezzi aus dem Gleichgewicht zu bringen vermöchten. A. F. Die Emigratfonsfrage Der Wanderstab ist nahezu zum Symbol des jüdischen Volkes geworden. In den Epochen wirtschaftlicher Krisen, in Zeiten der Unterdrückung und der Judenverfolgung sehen wir den Juden nach dem Wanderstab greifen und sich auf die Wanderung begeben nach jenen Ländern, in denen er neue Existenzmöglichkeiten erhöht. Auch jetzt stehen wir vor einem gewaitigen Ansturm jüdischer Massenwandermig, wie wir sie selbst in Zeiten massenhafter jüdischer Wanderungen — als in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts oder nach Kischinew — nicht miterlebt haben. Schon in nächster Zeit dürfte ein gewaltiger Wandersturm aus den Gebieten des Ostens nach den Westländem sich ergießen. Die jüdische Emigrationsfrage ist demnach eine der brennendsten der Gegenwart. Die bestehenden jüdischen Verbände und Hilfsorganisationen müßten eine gemeinsame Aktion in die Wege leiten, damit die Emigration möglichst planmäßig vor sich gehen soll. Die Fehler und Mängel früherer Wanderepochen müssen tunlichst vermieden werden. Schon vor Jahren hat Davis Trietsch. der sich jahrelang mit dem Auswanderungsproblem intensiv beschäftigt hat, auf die Notwendigkeit hingewiesen, ein jüdisches Auswande- ‘rungsamtins Leben zu ruf en. Es müßte nämlich eine Zentralstelle geschaffen werden mit Zweigbureaus in allen Auswanderungs- und Einwanderungsländern, mit Unterorganisationen und Vertrauensmännern an allen in Betracht kommenden Orten. Ferner muß ein Aufklärungsdienst organisiert werden, dem alle jüdischen Zeitungen für seine Veröffentlichungen zu Gebote stehen sollen und der die Mittel hat, selbständig durch Broschüren und Flugblätter eine umfassende aufklärende Tätigkeit zu entfalten Es muß eiue Organisation geschaffen werden, die nach einem großangelegten einheitlichen Plan die Auswanderungsbewegung leitet. In diesem Zusammenhänge möchten wir auf einen Artikel „Das Problem der jüdischen Emigration“ von Nathan C h a v k i n hinweisen, der in den Mitteilungen des „Daniel-Bundes“ (Gesellschaft für ethische Erneuerung des Judentums) in München erschienen ist und einige beachtenswerte Anregungen enthält. Der Verfasser bezeichnet es als das allerdringendste Gebot der Stunde, den Wiederaufbau der von dem Kriege und von Pogromen zerstörten jüdischen Wohnstätten sofort in Angriff zu nehmen und so rasch als möglich neue v. irtschaftliche Lebensbedingungen für die vielen ruinierten Existenzen zu schaffen. Denn jede Hilfsaktion. die auf die Linderung der gegenwärtigen Not der Juden in ihren Wohnländern. Beherbergung der jüdischen Waisen und dergleichen gerichtet ist. trägt zur Minderung der Gefahr einer ungeregelten Massenauswanderung bei. Wir brauchen nicht im geringsten zu befürchten, daß die Juden sich schließlich mit ihrer Lage im Osten versöhnen, ihre Gedanken an die Auswanderung aufgeben und später neuen Pogromen und Drangsalierungen ausgeliefert würden: die Wunden, die der Krieg und die Pogrome in die Herzen vieler Juden geschlagen, werden nicht so bald ausheilen, und die Mehrzahl der Heimgesuchten wird sicherlich darnach trachten, bei jeder Gelegenheit in ein anderes, besseres und freieres Land überzusiedeln. Trotz aller Vorkehrungen und Anwendung beträchtlicher Geldmittel wären wir doch nicht in der Lage, in kurzer Zeit in anderen Ländern ge-;i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.