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Jüdische Zeitung · 1920-03-26 · 12 (26.3.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
14 (1920)
Issue
12 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XIV. Jahrgang Nr. 12 Nafional'jüdifches Organ Redaktion nnd Administration Wien II., TaborstraBa I Fernsp-eeher Nr 44038 tt. 43319 Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds4* Wien, Freitag, das 26. Harz 1920 Stzatto'slc: Viere-Ijlhriiä 13 K gansj. 50 K, Einselnammer 1 & PoBtsp&rkueenkonto 133.404 Zur Hapoel-Hazair-Konferenz In Prag findet in diesen Tagen die erste Weltkonferenz des „Hapoel-Hazair“ und der „Zeire-Zion“ statt. Die führenden Köpfe der palästinensischen Arbeiterschaft sind nach Europa gekommen, um mit ihren europäischen Gesinnungsfreunden und namentlich mit denen aus Osteuropa, wo eine starke und an Stoßkraft wachsende Partei der Zedre-Zion besteht, welche mit dem Hapoel-Hazair viele Berührungspunkte hat, zu einer gemeinsamen Aussprache zu kommen und die Grundlagen für die Einigung zwischen den beiden Gruppen zu legen. Die Konferenz kommt gerade im rechten Augenblick. Das Orientproblem, das die Friedenskonferenz seit Monaten beschäftigt, steht endlich vor der Lösung, die wohl noch Wochen, vielleicht auch Monate auf sich warten lassen, aber jedenfalls in nächster Zeit erfolgen wird. Die Frage ist in ein Stadium getreten, das es nötig macht, mit den Vorbereitungen für den Aufbau des jüdischen Palästina zu beginnen. Die zionistische Leitung ist, wie die letzte Tagung des großen Aktionskomitees erwiesen hat und wie hier bereits dargelegt wurde, noch nicht so weit, um mit einem einheitlichen und wirklich großzügigen Arbeitsplan hervortreten zu können. Aber wie sich auch das offizielle zionistische Programm gestalten mag, es ist notwendig, daß die Stimme jener gehört und berücksichtigt werde, welche in erster Reihe die regenerativen Kräfte des neuen Jischuw darstellen. Der palästinensische : Hapoei«rIazair hatsich in 'der - -verhältnismäßigkurzen Zeit seiner Aktivität, die überdies durch vier Leidensjahre des Krieges gehemmt war, als das wertvollste Element in Erez-lsrael erwiesen. Er setzt sich aus Menschen zusammen, welche das Problem der jüdischen schaffenden Arbeit nicht allein als Tragepfeiler ihres Programms ansehen, sondern für dieses Programm selbst durch die Tat eingestanden, und so ein lebendiges Beispiel des neu erwachten jüdischen Idealismus geworden sind. Der Hapoel-Hazair steht und fällt mit der ' Ueberzeugung, daß keine Macht der Welt imstande sei, uns Palästina zu schenken. Ein wirklich jüdisches PaiäsFna. das diese Bezeichnung verdient, kann vielmehr nur mit den friedlichen Waffen der jüdischen schaffenden Arbeit erobert werden. Die bestehenden Kolonien entsprechen, wie man weiß, dieser Forderung nur in geringem Grade. Gerade in derl größten nnd wichtigsten Kolonien hat sich ein Zustand herausgebildet, der dadurch gekennzeichnet ist, daß eine Klasse von klein- oder mittelbürgjeTliichen Elementen von Grundibesitzrentnern einer im wesentlichen arabischen Arbeiterschaft gegenübersteht, mit deren geringen Lohnansprüchen der höher kultivierte jüdische Arbiter nicht konkurrieren kann. Und auch, wo jüdische Arbeiter in Verwendung stehen, ist es bisher zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht immer zu einem harmonischen Einverständnis gekommen. Der Hapoel-Hazarr stellt die Forderung auf, daß in Palästina Verhältnisse geschaffen werden, welche die Entwicklung eines gesunden Arbeiterstandes ermöglichen, der seinen Beruf mit Hingabe und in freudiger Freiheit erfüllen kann und von dem Schicksal des Lohnsklaven verschont bleibe. Die agrikultureile Grundlage des künftigen jüdischen Siedehmgswerkes muß unter allen Umständen gesichert werden. Diese Forderung entspringt jedoch nicht bloß ökonomischen Einsichten, sie ist vielmehr eine Folge aus der ganzen Auffassung des jüdischen Kultur- und Renaissanceproblems. Der durch eine lange Galuthentwicklung auch innerlich entwurzelte und zerrissene jüdische Mensch wird nur durch ein wirkliches Verwachsen mit der heimatlichen Natur jene Grundlagen bilden können, auf denen sich d:e eigenwüchsige, altneue jüdische Kultur wird aufbauen können. Die sinnvolle produktive Arbeit wird wieder ihren Adel zurückerhalten, wenn sie sich in den gesamten Aufbauplan eines wieder auflebenden und zu neuem Schaffen erwachenden Volkes cinfügt Es gilt einen neuen Typus des jüdischen Bauern zu schaffen. Nicht eine Wiederholung oder Kopie des kulturell rückständigen, mit primitivsten Werkzeugen hantierenden, mit keinem technischen Fortschritt vertrauten und aller Kulturbedürfnisse baren Bauern, wie wir ihn vielfach in Europa finden, sondern einen neuen Menschenschlag, der seine Arbeit dem Geiste und den Errungenschaften der Zeit anzupassen versteht und dem die Arbeit der Hände keineswegs ein Ruhen des Geistes bedeuten soll. Wie ein Vorläufer solcher künftiger Möglichkeiten mutet der greise-palästinensische Arbeiterführer A. G. Gordon an, den wir hier in Wien unter den palästinensischen Delegierten des Hapoel-Hazair begrüßen und in öffentlicher Versammlung voll Begeisterung den künftigen jüdischen Menschen Palästinas schildern hören durften: Ein Mann, der in höherem Lebensalter aus purem Idealismus sein Städterdasein in Osteuropa mit dem Lose des Arbeiters in Erezlsrael vertauscht hat und in den kargen Mußestunden, die ihm seine Arbeit läßt, Zeit findet, um seine tiefen Gedanken über den Zusammenhang zwischen Arbeit und. Judentum in einer Form von seltener Reinheit und Unmittelbarkeit und einer Ursprünglichkeit, die an den Duft der Scholle gemahnt, schriftlich niederzulegen. Der Hapoel Hazair will Menschen, die ebenso erdwie geistverbunden seien. Sein Programm umfaßt gleichzeitig das Oekonomische wie das Geistige. Die Betonung* des" Grundsatzes' der produktiven Arbeit entspringt einer sozialistischen Anschauung, die aber keinen Abklatsch des europäischen Klassenkampfsozialismus darstellt, der weder auf die abnormale jüdische Wirtschaftslage angewendet werden kann, noch auch der jüdischen Geistigkeit entspricht, sondern betritt mit seinen wenngleich noch nicht völlig ausgebauten „volkssozialistischen“ Ideen ein Neuland, das auch über unser Judentum hinaus fruchtbar werden kann. Dieses ganze Programm jedoch gewinnt seinen rechten Wert erst durch seine Verschmelzung mit einer vertieften Kiilturauiiassimg und dem Gedanken der Hebraisierung des Volkes. Bei all diesen Festsrellunngen muß jedoch betont werden, daß der Hapoel Hazair ein ausgebautes Programm noch nicht besitzt. Die Prager Tagung* soll dazu dienen, diese programmatische Klärung zu fördern. Es wird e'm Programm aufgestellt werden müssen, das unter Festhaltung an allen prinzipiellen Grundsätzen jeden schädlichen Doktrinarismus meidet und sich von einem blinder. Oppositonsradiikalismiis als Selbstzweck fernhält. Der Hapoe! Hazair in Westeuropa, der erst in d'en ersten Anfängen steckt, wird! seinen rechten- Anschluß an die palästinensische Bewegung erst finden müssen. Soli er zur rechten Wirksamkeit gelangen, so muß er alles weltfremd Literatenhafte abstreifen und sich bewußt werden, daß eine Bewegung, die zu Taten aufruft und ein Piomertum schafietv will, nicht bloß am Schreibtische gemacht werden kann, sondern an die Realitäten des Lebens heran muß. Eines jedoch sei mit aller Deutlichkeit betont: die Idee dies Hapoe! Haizair wird sich im Zionismus umso mehr durdhzusetzen vermögen, je stärker ihr Anhang in der zionistischen Organisation wird. Die Neugründ'ung von Föderationen und die Uebertreibung von Gegensätzlichkeiten bedeutet nur eine Schwächung der guten Sache. D e allgemeine zionistische Organisation bietet Raum auch für den Hapoel Hazair. Jede weitere Zersplitterung wird im Interesse dies Zionismus selbst zu vermeiden sein. Unsere Stärke liegt in der Geschlossenheit unserer Organisation, Ln der Raum genug ist iür die Betonung von Sonderbestrebungen. Es gilt, den Gedanken der Hebrä- Lsierung und den der erlösenden jüdischen Arbeit im Zionismus zum herrschenden zu machen, reicht aber ihn doktrinaristüsch zur Plattform für Sondergrupp.'erungen zu benützen, welche dem Hapoel Hazair selbst mm Unsegen gereichen müßten. A. F. Das Ungarn Horthys Die ganze gesittete Welt hat ihr verdammendes Urteil über das schuldbeladene christlichnationale Regime im Magyarenreiche Horthys bereits gesprochen. Alles Schönreden und alle Vertuschungsversuche, alle Hinweise auf die hehren Traditionen des alten Ungarn und die aufgefrischten Erinnerungen an die freisinnigen Ideale, die über ein halbes Jahrhundert die Richtschnur der ungarischen Politik gewesen, werden das Ausland nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Ungarn Horthys ein Hort der finstersten Reaktion ist, die unter christlichnationalem Deckmantel Greuel und Verbrechen häuft. Die europäische Kulturwelt hat ihr Urteil gefällt und einen leisen Nachklang desselben hören wir aus dem von dem Führer der ungarischen Friedensdelegation Grafen Apponyi an die ungarische Regierung gerichteten Schreiben, worin er darauf hinweist, daß „gewisse Ereignisse in Ungarn, insbesondere Ausschreitungen gegen Konfessionen und Klassen“, einen üblen Eindruck aui den Obersten Rat gemacht hätten und die Arbeit der ungarischen Friedensdelegation in hohem Maße erschweren. Graf Anponyi ersucht die ungarische Regierung, alle Maßnahmen zu treffen, damit derartige Vorkommnisse eingedämmt werden. Dieser gewiß nicht aus eigenem Antrieb geschriebene Brief liefert den Beweis, daß die Entente die Schande lebhaft empfindet, mit der Vertretung einer so schuldbeladenen Regierung zu verhandeln. Dabei kennt das Ausland noch lange nicht die Größe des Verbrechens, das in Ungarn von bewaffneten Horthy-Banden gegen die Juden verübt wird. Den Massenpogromeu in der Provinz, bei denen Tausende von Juden ermordet worden sind, gesellt sich der jüngste Exzeß in Budapest bei dem fünf Juden im Namen der magyarischen Freiheit erschlagen wurden. In den Wäldern bef Raab und Komorn, in den Kerkern der Festung Erlau liegen die Gebeine unglücklicher jüdischer Opfer des christlichen Nationalismus, in ganz Ungarn verkommen tausende jüdischer Gefangener unter den Augen der Ententemissionen in den Gefängniszellen! Es ist furchtbare Tatsache, daß in Ungarn die „individuelle Aktion“ gegen jüdische Männer, Frauen und sogar Kinder ausgefiihrt wird, es ist Tatsache, daß ein Pater Zadravec die in die Armee cintretenden Offiziere zur Zeit der Szegeciiner Regierung eidlich zur Austilgung des Judentums verpflichtet hat. Und es ist Tatsache, daß sich iür die Zeit nach der Ernte, wenn die Kämpfe der Bauern mit dem Großgrundbesitz um die Bodenreform beginnen werden. noch schwerere und blutigere Judenmetzeleien vorbereiten. weil wieder einmal versucht werden wird, die Juden als wehrlose Prügelknaben auszuspielen. „Der Haß gegen die Juden — sagte der Ministerpräsident nach Verlesung des Apponyischen Schreibens — ist nicht so viel wert, wie die Integrität Ungarns.“ Uns scheint es, als ob diese Integrität schon heute so viel Blutopfer gefordert hat. daß sie als der mörderischeste Moloch in das Buch der Geschichte eingetragen werden wird. Dies ist um so mehr berechtigt, als noch zu keinen Zeiten so sinnlos gemordet worden ist. wie jetzt in Ungarn. Die Judenschaft Ungarns ist immer — und wir haben mit unserem verdammenden Urteil darüber nicht zurückgehalten — im Dienste des Magyarentums gestanden und hat ihm ihre wertvollsten geistigen, kulturellen und materiellen Kräfte geschenkt Dafür mit Vernichtung bestraft zu werden, hat diese Judenschaft nicht verdient. Angesichts dieser fortgesetzten Pogrompolitik der ungarischen Regierung muß man es als ein Verbrechen, das geradezu an Wahnsinn grenzt bezeichnen, wenn ein Teil der offiziellen Judenheit aus falsch verstandenem Ueberpatriotismus heraus es unternimmt die ungarischen Greueltaten dem Auslände gegenüber zu beschönigen. In einem Communiauö. das die „Jüdische Korrespondenz aus Ungarn“ verbreitet, finden wir folgende ungeheuerliche Auslassungen: „Das Judentum Ungarns blickt der nächsten Zukunft mit Ruhe entgegen. Unseren ausländischen Glaubensbrüdern freilich erscheint unsere Zukunft in düsterem Lichte. Von vielfach übertriebenen Berichten über Judenverfolgungen irregeführt sehen sie hier schon die finstere Reaktion hell auflodem. die sich gegen das Judentum als gegen den Siindenbock der Weltgeschichte richtet Wir aher. die wir mit diesem Volke leben, dessen auf Gedeih und Verderb unzerreißbarer Teil wir sind, wir rufen unseren Glaubensbriidem im Auslände zu: Fürchtet nichts für das ungarische Judentum! Mit diesem Lande sind wir für ewige Zeiten verknüpft, in diesem Lande können und wollen wir unser Heil erwarten! W;r sind geblieben. ,

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