Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 14 (1920)
- Issue
- 8 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Nr. 8 JQMSQME Generaldebatte eröffnet In der Generaldebatte sprachen zunächst die Herren Jacobus Kann. Jean Fischer. Doktor Friedmann und I>r. Alexander Marmorek, welche kritische .Beinerkuneen zu den zionistischen Vorschlägen für das Palästinamandat machten. Herr Kann beschäftigte sich außerdem mit Beobachtungen und Erfahrungen auf seiner letzten Reise durch Palästina Herr Dr. Mar.- morek brachte eine'" allgemeine. Kritik gegen.die Führung der. zionistischen Politik vor und äußerte insbesondere die Ansicht daß die Leitung nicht alles Notwendige getan habe, um außerhalb der Bewegung stehende Kreise für die Mitarbeit heranzuziehen. Die Redner betonten die Notwendigkeit guter Beziehungen zu den Arabern. Dr. Weizmann antwortete auf die vorgebrachten Argumente m einer ausführlichen, mit außerordentlichem Beifall aufgenommenen Rede, in welcher er die Verhältnisse darstellte, unter welchen die zionistische Leitung ihre politische Arbeit während des Krieges aufgenommen und durchgeführt hat. und darstellte, was das Erreichte zu bedeuten hat. Er beschäftigte sich auch ausführlich mit dem Verhältnis zum arabischen Volk und seinen Führern und verwies hiebei auf die Grundsätze, die seine und seiner Kollegen Politik von Anfang an geleitet haben und die in Tat und Wort zum Ausdruck gekommen and. Herr Dr. Weizmann zeigte, welche Bedeutung der politische Rahmen gewinnen wird, den der Friedensvertrag schaffen soll, wemi er durch die zielbewußte Arbeit der zionistischen Organisation und des jüdischen Volkes ausgefüllt wird. Die dritte Sitzung; 12. Februar vormittags, in welcher die inzwischen eingetroffenen Herren Ing. Stricker. Adolf Boehm und Prof. Ornstein teilnahmen. wurde durch Sokölow eröffnet welcher seinerseits auf verschiedene Punkte in den Reden der Herren Marmorek. Fischer'und Kann einging und im besonderen darlegte, in welcher Weise die Leitung außerhalb des Zionismus stehende jüdische Kräfte für die Mitarbeit gewonnen hat. Hiebei charakterisierte er die politischen Schwierigkeiten, mit welchen in der Vergangenheit und m der Gegenwart gerechnet werden muß und welche im Auge behalten werden müssen, wenn ein rechtes Verhältnis zwischen den Forderungen und den Verv-irklichungsmöglichkeiten hergestellt werden soll Im Schiußteil seiner Rede sprach S o k o 1 o w über das Verhältnis der palästinensischen Frage zum gesamten jüdischen Problem und zeigte, daß es notwendig ist, den Zionismus in seiner Beziehung zum .gesamten jüdischen Problem zu erfassen und zu behandeln. Hierauf sprach Dr. Bodeuheimer den Führern den Dank für die von ihnen geleistete Arbeit und würdige Nachfolger Herzls erwiesen hätten. Er konstatierte, daß die zionistischen Vorschläge durchaus die Forderung des B aseler Programms enthalten und imhältlicbmehr ent halten als selbst die zur Zeit Herzls konkret aus-gearbeiteten P r o i e k t e.- Er sprach den Wunsch aus. daß die Zionisten aller Länder möglichst schnell die Möglichkeit erhalten, intensiv in Palästina an der Arbeit teilzunehmen. Die vierte Sitzung. . Die 4. Sitzung wurde Donnerstag, den 12. Fjebruar nachmittag von Sokolow eröffnet Sokolow berichtete, daß soeben vom Zionistischen Bureau in Paris telegraphisch das Eintreffen eines Schreibens des französischem Minister Präsidenten Müllerand avisiert wird, welches folgenden Wortlaut hat: „Ich habe von Ihrer mir freundlich. gemachten Mitteilung vom 9. d.. betreffend) der Errichtung einer nationaflenl jüdischen Heimstätte in Palästina Kenntnis genommen. Es bedarf keines Zweifels und es freut mich. Urnen erneut das Interesse der französischen Regierung an diesem Werk im Ursprungslande Ihres mit so viel Widerstandkraft und Intellekt augestatteten Volkes zu versichern. Alles, was getan werden kann, um bei d)er Schaffung einer derartigen Organisation — unter Berücksichtigung der gerechtfertigten Ansprüche und1 Interessen der in Ursprung und in Religion verschiedenen. Völkersi'chlaffteni, weiche die Geschichte in Vorder asiem vereinigt und vermischt hat — behilflich zu sein, wird die Unterstützung Frankreichs genießen.“ Hierauf wurde die Fortsetzung der Generaldebatte durch Dr. Katzenelson eingeleitet. Er erklärte, aus den Ausführungen Dr, Weizmanns vollkommene Beruhigung für die künftige Entwicklung der Arbeit geschöpft zu haben. Josef Cowen brachte kritische Bemerkungen zu den zionistischen Forderungen vor. Herr Dr. D ai ches sprach als Vertreter der englischen Zionisten, welche die große Arbeit Dr. Weizmanns, Herrn Sokolows,. speziell in England haben beobachten können. Er wendtet sich hierauf gegen die Reden, die als Oppositiion empfunden werden mußten. Er spricht der Leitung den Dank der englischen Zionisten aus» welche auf Grund der Erfolge Dr. Weizmanns und Sokolows zum ersten Mal die Zionistische Organisation Englands stark und bedeutend1 machen konnten. Hierauf sprach Herr Cicurel über die Entwicklung der zionistischen Arbeit in Aegypten, welche ebenfalls infolge des Einflusses Dr» Weizmanns eine außerordentliche Stärkung erfahren hat und1 speziell in finanzieller Hinsicht jetzt und für die Zukunft außerordentliche Möglichkeiten bietet. Dr. Klee, der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, .beschäftigte sich in eingehenden Ausführungen mit der Politik des AK., der er die volle Zustimmung dter deutschen Zionisten ausdrückte. Die deutschen Zionisten wollten mit aller Kraft an der Errichtung des jüdischen nationalen Heims in Palästina mitarbeiten. Er spricht von den Fortschritten der Bewegung auch lin Deutschland, der Jugemdpropagandta und ihren Erfolgen und dem Einfluß, den dier Zionismus im jüdischen Leben Deutschlands gewonnen hat Er wünscht, daß die Propaganda in allem unter den intellektuellen und politischen führenden Persönlichkeiten eine Atmosphäre der Sympathie für den Zionismus zu .erwecken, .fortgesetzt werde. Es ist nötig, daß wir die öffentliche Meinung in allen Ländern auf unserer Seite haben. Vielleicht müssen hierfür besondere zionistische Aemter'in den verschiedenen Ländern geschaffen werden, die auch gleichzeitig die dauernde Fühlung mit der Presse und den jüdischen Organisationen dieser Länder 'Unterhalten und 'ausbauen. Zum Schluß seiner Ausführungen bringt Dr. Klee folgende Resolution ein: Das Große A. C.. spricht nach Anhörung der Berichte der Herren Dr. Weizmann und- Nahum Sokolow und nach erfolgter eingehender ' Aussprache dem E. A..C. und insbesondere den Herren Dr. Weizmann und Nahum Sokolow angesichts der geleisteten hingebungsvollen und erfolgreichen Arbeit im Dienste des zionistischen Ideals sein uneingeschränktes Vertrauen aus und beauftragt das E. A. C. nach den gleichen politischen Richtlinien seine Arbeit fortzusetzen. Motzkin analysiert die ganz© Wirksamkeit der letzten Jahre und meint unter anderem, daß die politischen Zionisten vom Schlage Marmorek - Jean Fischer in Bezug auf die Richtlinien, welche die Leitung in ihrer Politik zu befolgen habe, mit ihren Prophezeiungen recht gehabt haben.. Es ist jedoch lei dter zugleich festzustellen, dlaß diese Voraussagungen von ihren Vertretern nicht überzeugend begründet waren, ebenso daß sie nicht die Konsequenzen zur Vorbereitung entsprechender politischer Beziehungen oder Machtfaktoren gezogen haben. Wenn wir dias, was uns gegeben werden soll, des näheren in Betracht ziehen» so müsse er persönlich folgendes’sagen: Wir waren verpflichtet unsere Maximalforderungen entschieden zu deklarieren, ohne Rücksicht darauf, ob diese Forderungen bereits jetzt ein positives Ergebnis erzielen -werden. Das bezieht sich nur auf unsere Forderungen. nicht auf das Ergebnis. Stellt man sich nämlich die Frage, ob die erreichten politischen Erfolge die Möglichkeit schaffen, in Zukunft unser Ziel zu enredchen, ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina zu schaffen, so muß diese Frage bejaht werden, so muß gesagt werdten, daß den Weg gebahnt sei unter der Voraussetzung, daß heute alle zionistischen Kräfte geeint auf das gleiche Ziel hinarbeiterf. Prof. Ornstein erklärte. daß die holländischen Zionisten mit der Arbeit der Leitung durchaus einverstanden seien. Die holländischen Zionisten haben die Wirkung dieser Arbeit auch als Stärkung ihrer eigenen Arbeit in Holland empfunden und! verwertet Naid i t s c h wiederholte, daß die Leitung an ihrer ganzen Arbeit im engsten Einverständnis mit den russischen Zionisten gearbeitet haben. Sie haben tatsächlich die Balfoursche Deklaration zum Siege des zionistischen Gedankens in Rußland ausgenutzt Naiditsch spricht im Namen dier' zionistischen Organisation Rußlands, dem E. A. KL, den wärmsten Dank und uneingeschränktes Vertrauen aus. Dr. Bernstein-Kogen erüdärt das gleiche im Namen der Zionisten Beßarabiens. Dr» Schmarjahu Lewin berichtet über die ungeheuren Fortschritte der zionistischen Organisation in Amerika, ihre unauslöschbaren Verdienste um das zionistische Werk. Er beantragt, eine Dankresolution für die amerikanischen Zionisten. Nicht der politische Zionismus, sondern der synthetische Zionismus hat gesiegt Es ist aber nötig, von den amerikanischen Zionisten zu verlangen. daß sie sich wenigstens mit zwei Vertretern an der zioenistischen Leitung und ebenso.an dier zionistischen Kommission beteiligen.. Herr. D.r.Lewin bringt ..folgende Resolution ein: Das versammelte große A.-K. fordert dSe zionistische Organisation Amerikas auf, in die Exekutive und' in die zionistische! Kommissio-tru ‘zumindest •je.zwei Vertreter zu entsenden. Die fünfte Sitzung. Die fünfte Sitzung begann Freitag, den 13., vormittags. In der Sitzung waren als Vertreter der zionistischen Organisation Bukowinas Herr Dr. Diamant, als Vertreter der zionistischen Organisation Skandinaviens Herr B e r 1 i s erschienen. Herr Kaplan wandte sich 'gegen, die an den zionistischen Forderungen geübte Kritik, indem er därstellte, wie weit sie von prinzipiell unrichtigen Anschauungen ausgeht Im übrigen hätte ein großer Teil der festzusetzenden Sicherheiten noch in die Vereinbarungen zwischen der zionistischen Organisation und! der Mandatarmacht hineinkommen müssen. Das wichtigste sei aber, daß in dten zionistischen Reihen selbst Freie jüdische Volksbühne „Eisik Scheftei“ Ein Arbeiterdrama in 3 Akten von David P i n s k i. (Bürgertheater.) Mit Pinskis „Eisik Scheftei“ hat vor ungefähr einem Jahrzehnt der Versuch einiger jüdischer Menschen — Hugo Zuckermann und Egon Brecher seien vor allem genannt — eingesetzt Has jüdische Wien für das jiddische Drama zu interessieren. Das Werk wurde in Martin Bubers Uebertragung aufgeführt. Trotz vieler Unzulänglichkeiten war die Aufführung ein kulturelles Ereignis. Sie bereitete den Boden für das Erfassen ostiüdisc'ner Kulturwerte. das im Kriege lebhaft einsetzte. Seither ist Eisik Scheftei oft gespielt worden: Egen Brechers Inszenierung im Komödie.rhausc (vor einem Jahre) war meisterhaft und das Stück wurde geradezu Zugstück, obwohl kein Werk Pinskis auf ■ so spezifisch jüdisch-seelischen Grundlagen aufgebaut ist, die dem europäisch geschulten Theaterempfinden fles Wiener Publikums —.besonders in der Uebersetzung nicht leicht klar werden können; obwohl die dramatische Architektur des Stückes — im westeuropäischen Sinne — so hilflos erscheint, daß sie leicht zum Publikummifiverstand führen kann. Das ist auch geschehen: vom Publikum, von der Kritik, von der Tendenz. Verstanden aber hat das Stück damals der. welcher es inszenierte. Dadurch erhielt die Gestaltung Kraft und Wirkung. „Eisik. Scheftei“ ist nämlich kein Arbeiterdrama. auch nicht das- Drama des jüdischen Arbeiters. sondern das Drama der jüdischen k rbe i t. Es liegt in der jüdischen Inventionskraft, welche den anenschenbegrenzenden Rahmen der Arbeit, in che der Jude eingestellt ist zu sprengen sucht Die äußere Enge der Galuthkleinheit,. in welche die jüdische Arbeit gepfercht wurde, macht die in ihr lebende jüdische Kraft der Invention kraftlos und die seelische Enge der Arbeit wie sie heute in der Welt waltet ist für die jüdische Seele, welche in der Arbeit eine Form-des Geistes fühlt die erst kommen muß. Verderben und Fluch. Die Erlösung liegt in der neuen, zu ihrem seelischen Inhalt ihrem Geistbefreiten Arbeit freier Menschen. Eisik Scheftei erfindet Maschinen, welche aus der Enge herausführen sollen. Ohne Absicht; eine treibende Kraft ist in ihm. Die schöpferische Kraft der Arbeit. Doch die Arbeit als Nutzwert ist drohend stark. Elend. Not Galuth verwirren» machen ihn kraftlos. Er kann nicht vollenden und zertrümmert seine Hoffnung. Wieder in die Werkstatt. Dort fühlt er, daß seine schaffende Arbeit nicht mehrsein ist. Sie ist entheiligt worden» entsittlicht durch den Nutzen der kleinkapitalistischen toten Seelenkraft — der herabgekommenen ostjßdischen Form des Kapitalismus, welche nicht einmal zur unethischen Kraft des Weltkapitalismus aufsteigen kann. Eisik Scheftei fühlt, daß seine Schöpfung nicht mehr ihm gehört und zertrümmert sie. Damit aber zertrümmert er sich. Er hat eine lebendige Welt der Arbeit neu schaffen wollen und zerbricht an der totmechani- ' sehen Arbeitswelt und ihrer galuthiüdi sehen Schattenhaftigke::, die nicht einmal eine geistestote Arbeitswelt mehr ist. „Tot . . . gestorben . . alles tot: der Himmel ist gestorben ... die Erde ist gestorben . . . Gott ist gestorben. ... Ich habe es nicht gewollt“ ... Diese Problemstellung des Dramas, dessen Held ein neues Ethos ist. macht es stark und schwach zugleich. Stark im höchsten jüdischen und höchsten menschlichen Sinne, sSchwach .im dramatischen Ausdruck. Denn die ’ übliche, sozusagen greifbare dramatische Schuldgewalt ist hier in das subtil Seelische gelegt in die Seele eines verbannten Volkes in einer ähre 'höchsten Güter verbannenden Welt. Die Aufführung dieses Stückes ist daher .ein besonders schwieriges Problem. Ohne Erfassung der Grundidee öffnet sie dem dramatischen Mißverständnis Tür und Tor. bleibt Torso. Die Darstellung, welche die freie jüdische Volksbühne geboten hat gibt nur eine äußerliche Lösung. Das Milieu ist echt die Sprache (zum erstenmal in Wien) jiddisch, die jüdische Galuth ist gut erfaßt. Das richtige Eisik Scheftel-Problem, die große, Erlösung in sich tragende Frage an das Schicksal eir°s Vo-i’-es. ist <jie Aufführung schuldig geblieben. Egon Brechers Inszenierung hatte diesen großen inneren Grundakkord, so wenig sie das äußere traf. Hier Einheit zu schaffen, ist ein gutes Werk.. . Eisik Scheftei war Herr Deutsch. Er war in die Tiefen der Gestalt — nein. ö»'- Idee — nichteingedrungen. Und äußerlich gestaltet kann Eisik Scheftei nicht werden. Empfunden hatte ihn Karl Felda in der Komö^enhausaufführune. Vor zehn Jahren hat einmal Brecher den Pinie gegeben: er war das leidvolle jüdische Cchicksal. Herr Wein b e r g. welcher diesmal die Figur verkörpern sollte, gab Anlaß zu Mißverständnissen beim Publikum, welches ihn für ein erheiterndes Requisit hielt Die Milieufiguren kamen fast alle gut zur Darstellung. Herr Streng. Herr Reissmann (der etwas mehr Abwechslung in seine Masken bringen sollte) und'Herr Bell seien, hervorgehoben. Ein Erlebnis aber war die Beile der Frau Glücks mann. Hier stand eine große Künstlerin auf der Bühne und gestaltete mit den feinsten seelischen Tönungen, in welche nichts Aufdringliches, nichts auf Wirkung Gespieltes störend eindrang (wozu in dieser Rolle die Versuchung naheliegt), die jüdische Frau der engen Galuthbegrenztheit, in der doch die reichsten Blüten der großen liebenden Menschlichkeit sprießen. Um Frau Glücksmanus Beile willen sollte diese Aufführung des Eisik Scheftel vor der ganzen großen Welt gespielt werden. Wobei allerdings eine bildkräftigere Regie und reichere Möglichkeiten für das Bühnenbild nötig wären. s. ,s.