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Jüdische Zeitung · 1919-12-05 · 48 (5.12.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
48 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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-L-. - XD1. jahr|UK Nr. 43 Organ National Redaktion and Administration: Wlwll., TaboretraBe I . ForaspreeherNr. 44038 a. 43S19 /VUt d?r Ssiiage: „Der jüdische Nationalfonds* Kien, Freitag, i»s 9. Dezcmbar IUI iszsd^rels: Vierteljährig ff K gansj. 24 X, Einzelnummer SO i Pootapaikasaenkoato 133.40t Die Berliner Zentralkomiteesitzung Die Berliner Zentralkomiteesitzung wurde wohl hauptsächlich einberufen, um den deutschen Zionisten Gelegenheit zu geben, endlich ausreichende Informationen über den gegenwärtigen Stand7 der Dinge in London entgegenzunehmen. Die! Herren Professor Warburg, Dr. Hantke und Dr. Ruppin sind erst unlängst aus London zurückgekehrt, wo sie sich einige Wochen hindurch aufgehalten haben, um den Zusammenhang mit der / Zentralrnstanz wieder herzustellen und die Gruppe derjenigen Zionisten, welche durch die Entwicklung des Krieges ziemlich ausgeschaltet wurde, / wieder fIn die Gesamtorgänisation einzugliedern. / Auch Dr. Jacobsohn hatte seine Beteiligung an j dieser Sitzung in Aussicht gestellt und ihm blieb ' die Erstattung des politischen Referates vorbe- \ halten; Unter diesen Umständen hielt es das zionistische Landeskomitee für Deutschösterreich für angemessen, auch seinerseits Vertreter zu dieser Sitzung zu senden, um endlich direkte und genaue Informationen zu erhalten.. Bedauerlicherweise muß festgesteÜt werden. daß dieser Zweck nicht erreicht wurde und. daß die Zentralkomiteesitzung nicht das geringste Material zutage förderte, welches nicht selbst der Wiener Parteileitung bereits bekannt gewesen wäre. Dr. Jacobsohn wurde durch die Verkehrsverhältnisse am rechtzeitigen Eintreffen verhindert und an seiner Stelle legte Herr Di\ Hantke den politischen Bericht und die Ergebnisse seiner Londoner Reise von-Dieser Bericht war durchaus inhaltsarm und man gewann lebhaft den Eindruck, als ob es den drei obep erwähnten Herren trotzihres mehrwöchentlichen Aufenthaltes, in England nicht gelungen wäre. sich eine wirklich vertraute Kenntnis von: den..entscheidenden Dingen zu erwerben. Worauf dies zurückzuführen ist, ließ sich aus der Debatte nicht feststellen; jedenfalls war der Eindruck, den das Referat hinterließ, ein völlig unbefriedigender und ausnahmslos alle Delegierten fanden sich in einer Resolution zusammen, die mit erheblicher Schärfe der herrschenden Mißstimmung Ausdruck geben sollte. Wichtige oder auch nur neue Dinge hat die österreichische Delegation also auf dieser Tagung nicht in Erfahrung bringen können. Bestand schon früher die Empfindung^ daß sich zwischen den FührernUnserer politischen Organisation und den Massen eine geheimdiplomatische Mauer aufzutürmen beginnt, so ist dieser Eindruck nur verstärkt worden. Hiebei ist es nur ein schwacher Trost, zu wissen, daß Berlin und — wie aus _ Unterredungen mit dem gleichfalls anwesend gewesenen Herrn Podlischewski hervorging— aiich Warschau dem gleichen Empfinden unterliegt. Unter diesen Umstünden verdichten sich alle Forderungen und etwaigen kritischen Einwände ausschließlich zu dem einen Verlangen: der unverzüglichen Einberufung des Kongresses. Bis dahin werden, wohl oder übel, Diskussionen über das, was in London erreicht oder verabsäumt wurde, zurückgestellt werden müssen, ganz einfach deshalb, weil jegliches InformationsmateriaL .fehlt und weil, wie sich eben herausgestellt hat, diejenigen unserer Führer, mit denen wir bisher den direkten Kontakt aufrecht erhalten konnten, allem Anschein nach genau so wenig in der Lage sind, zulängliche Aufklärungen zu erteilen, wie wir. Doppelt schwer fällt hiebei ins Gewicht, daß gerade der Mann, auf den wir gToße Erwartungen gesetzt haben, Dr. Jacobsohn, gleichfalls den Dingen ferngerückt zu sein scheint. So lange er in London tätig war, arbeitete er nicht im politischen, sondern im Organisationsreferat und im übrigen dürfte er überhaupt nicht mehr nach London zurückkehren, sondern seinen Wohnkitz nach einer-abseits von den politischen Geschehnissen liegenden Stadt verlegen Das sind alles Dinge, welche die Situation unklar machen und uns die Möglichkeit rauben, ein ausreichen-, des' Urteil über die gegenwärtige Situation zu bilden. Das einzige, was sich verhältnismäßig zuverlässig feststellen läßt, ist der Stand der zionistischen Außenpolitik, das heißt die Frage der wirklichen Erringung Palästinas. Die englische Zusicherung ist zweifellos als eine definitive und unwiderrufliche zu bewerten. Lord Curzon. der Nachfolger Baliours, hat mit ausreichender Entschiedenheit versichert, daß er nicht die Absicht habe,- die von seinem Vorgänger gegebenen Zusicherungen abzuschwächen. Mefir als alles andere gibt hiebei sein außenpolitisches Programm, welches auf weitgehende Ausdehnung und Sicherung des englischen Einflusses bedacht ist, uns die Gewähr dafür, daß er den Zionismus in der zunächst wichtigsten Frage, nämlich der Grenzregulierung, nachdrücklichst unterstützen wird. In dieser Hinsicht können wir zweifellos der Zukunft unbesorgt entgegensehen. Auch der Widerstand der französischen Regierung ist auf Grund von direkten Verhandlungen zwischen Weitzmami und Pichon allem Anschein nach als erledigt zu betrachten. Aber wir dürfen uns der Einsicht nicht verschließen, daß alle diese Zusicherungen und Versprechungen sich lediglich auf Grund der gegenwärtigen politischen Konstellation ergeben haben und es ist nicht ganz unmöglich, daß eine Aenderung dieser Konstellation auch für uns eine Rückwirkung zeitigen könnte. Nun ist begreiflich, daß eine derartige Aenderung der Konstellation um so leichter erfolgen kann, je größer der Zeitraum ist, der uns noch von der endgültigen Ratifizierung trennt. Im Mittelpunkt all unserer Gedanken und Hoffnungen steht .daher die Frage, wann.es endlich möglich,*«:?» wifd, den-türkisehen- Friedensvertrag, der ja die-, Voraussetzung für die Mandatserteilung an England bildet, abzuschließen. Nun besteht aber wenig Aussicht darauf, daß dies in den nächsten Monaten der Fall sein wird. Die Friedenskonferenz ist durch die Absentierung Rußlands in ihren Verhandlungen völlig lahmgelegt und insbesondere die türkische Frage kann ohne Mitwirkung Rußlands nicht gelöst werden. Allem Anschein nach werden wir also hinsichtlich der definitiven Regelung der Palästinafrage so lange warten müssen, bis die Verhältnisse in Rußland sich einigermaßen konsolidiert haben und bis dort eine regierungsfähige Instanz geschaffen worden ist. mit welcher die Entente zu verhandeln geneigt ist. Es hat keinen Sinn, sich über die Tragweite dieser Situation hinwegzutäuschen. Man muß die Dinge so erkennen, wie sie liegen und darf sich die Erkenntnis nicht durch eigene Wünsche und Hoffnungen trüben lassen. Für einen „Wandersturm“ kommt Palästina auf Monate hinaus nicht in Frage. Einzelne kleine Gruppen, in monatlich steigendem Ausmaße, werden zweifellos auch vor endgültiger Regelung unter Mitwirkung der eng- Üchen Regierung die Möglichkeit zur Einwanderung erhalten: Zu einer wirklich umfassenden, breitfundierten Erschließung und Aufbauarbeit in Palästina, welche die Aufnahmemöglichkeit für Massen gewährt, ist der,. Zeitpunkt noch nicht gegeben. Damit erweisen sich die sogenannten Maximalismusdiskussionen zum größten Teil als unzeitgemäß und gegenstandslos. Es gilt sich ein für allemal mit der Tatsache abzufinden, daß die Gewinnung Palästinas nur schrittweise erfolgen kam*. Die Folgerung, die wir hieraus zu ziehen haben, bedeutet eine Vervielfachung aller Anstrengungen, welche in irgend einem Sinne zur Vorbereitung und Stärkung unseres Volksorganismus dienen. Die Aufgabe, die uns bevorsteht, ist eine ungeheure. Es wäre kindisch, zu erwarten, daß ein Halbdutzend zufällig in der Leitung sitzender Einzelpersonen diese Arbeit für das ganze Volk bewältigen könnte. Die einzelnen Landesorganisationen werden selbst initiativ vorgehen müssen und jede einzelne wird sich vor Augen zu halten haben, daß nur ein erstarktes und nationalgesichertes Galuthjudentum in der Lage sein wird, den Anforderungen gerecht zu werden. Im Wetteifer miteinander werden die Landesorganisationen einen möglichst qualifizierten Nachwuchs heranzuzüchten haben. Das jüdische Volk, auf alle Völker verteilt und in unzählige Landesorganisationen zerklüftet, wird wohl oder übel getrennt marschieren müssen, um vereint schlagen zu können. Noch eine andere Erkenntnis müssen wir uns mit aller Entschiedenheit klarmachen. Die Kolonisation Palästinas beansprucht ungeheure Kapitalien. Nach der gegenwärtigen Situation und insbesondere infolge des Ausscheidens der russischen, deutschen und österreichischen Zionisten schon aus valutarischen Gründen liegt das Schwergewicht der Geldbeschaffung ausschließlich in Amerika. Den entscheidenden Einfluß über die Grundlagen and Richtlinien des Kolonisationswerkes werden demnach bis auf weiteres die amerikanischen Finanzgruppen ausüben. Die Diskussionen über eine sozialistische Kolonisationsfrage werden vollständig wertlos sein, solange sie lediglich in den Ländern der schlechten Valuta geführt werden. Außerdem werden gerade diejenigen Elemente, denen an einer möglichsten Beschleunigung der Einwanderung gelegen ist. zu berücksichtigen haben, daß England jedenfalls geneigt sein wird, nur eine solche Kolonisationsmethode zu fördern, welche mit den sonstigen, im englischen Wirtschaftsimperium herrschenden Tendenzen im Einklang steht. _ H. M. Wanderungsturin? W. W. Kaphui-Kogan. der bereits im Jahre 1912 ein Buch über die „Wanderbewegung der Juden“ veröffentlicht hat. legt nunmehr eine neue Studie über die „Jüdischen Wanderbewegungen in der neuesten Zeit. 1880—1914“, vor. Diese beiden Bücher sind in der deutschsprachigen Literatur fast die einzigen, jedenfalls aber die tresigtC'^efohe^dwg*PjohleMKdefcrtndiyhett.*'i&att», derung wissenschaftlich - statistisch gerecht zu werden versuchen. Das Material, das uns dort geboten wird, ist ungemein wertvoll, wenngleich auch die Folgerungen, wie gleich vorausgeschickt werden soll, einer Ergänzung und Verarbeitung bedürfen. Hierin liegt der Fehler des Buches — Fehler allerdings vielleicht nur in unserem Sinne, im Sinne desjenigen, der mehr, und der vor allem etwas Bestimmtes erwartet. Im Sinne des Verfassers dürfte die Aufgabe, die er sich gestellt hat. eine rein referierende und registrierende gewesen sein. Damit ist uns aber nicht ausreichend gedient. Statistik als Wissenschaft des Registrierens und Referierens kann iür unsere Zwecke nur Fundament sein, nur Materialbeschaffung bedeuten. Die iür uns ausschlaggebend wichtige Materialverarbeit an g dagegen bedarf anderer wissenschaftlicher .Methoden. Was uns an der Wanderung interessiert, ist doch nicht so sehr ihre Tatsache, als ihre innere Kraft. Wir wollen nicht nur wissen, dß sie ist und wie sie verläuft, sondern welcher Kriiitequelle sie entspringt und welche Kräfterichjung sie beherrscht. Diese Erkenntnis zielt aber auf nichts Geringeres als auf die Dynamik des ßai u t h s — und diese ist uns noch ein verschlossenes Buch. Welche gesellschaftlichen Gesetze beherrschen das jüdische Leben im Galuth? Ruppin hat seinerzeit versucht, diese Gesetze auf Formen zu bringen. Er formulierte vier aufsteigende Stufen und als ihr oberstes Gesetz: die Assimilation. Ist diese Formulierung tatsächlich ausreichend? Aber gerade die Statistik spricht gegen sie — und wer sich ihr anvertraut wird zunächst erkennen, daß diese angebliche Entwicklung nicht nur oft stagniert, sondern daß das Galuth auch Aufwärtstendenzen von ungeahnter Kraft entwickelt hat. Wenn aberRuppius sachlich-wissenschaftlicher Versuch, dem Problem nahe zu kommen, sich heute als nicht mehr zulänglich erweist, um wie viel weniger ist dann jenes primitive Schema noch ernst zu nehmen, das alle jüdischen Wanderungen als einen ununterbrochenen Prozeß der Flucht vor Pogromen und Aussaugung hinstelite! Ist erst einmal die Fragwürdigkeit dieses Schemas ins Bewußtsein gedrungen, so wird man begreifen, wie sehr es nottut, von neuem — und durch Parteiideologie nicht mehr beengt — nach der Dynamik des Galuths zu forschen. Kaphm-Kogans Hauptfehler liegt darin, daß er die Wanderungen nicht genügend klassifiziert. Zwar führt er den Begriff der Kolonisationswanderung ein, aber imter dieser versteht er nur die systematisch organisierte Wanderung, die zukünftig zu kolonisatorischen Zwecken nach Palästina dirigiert werden soll Nun ist es aber iür eine Kolonisationswanderung im Wesen durchaus nicht bedingt daß sie systematisch organisiert sein muß. Jede Wanderung, die deshalb erfolgt weil das Wanderungsziel zu irgend welcher wirtschaftlichen Erschließungstätigkeit .i I i % ’./'t, . ’r ■ W '\ _-:A />■

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