Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 47 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 47 JÜDISCHE ZBTUHQ . * Die Rückkehr der Legionäre. In der letzten Oktoberwoche sind neuerdings «egen 400 jüdische Legionäre aus Palästina via Canada nach New-York gekammert. Die Angekomntenen erklären, daß sich die Lage der Juden in Palästina gegen früher gebessert habe und die Aussichten sehr, gute seien. Einer von ihnen erklärte auch, daß die Vielfach verbreitete Ansicht, wonach die Araber unsere erbitterten Feinde wären, nicht den Tatsachen entspreche. Man könne mit einer großen Immigration beginnen; cs sei nur fraglich, ob wir ökonomisch für eine Masseitemwahderung genügend vorbereitet sind. Die meisten Legionäre sind -überzeugt, daß die englischen Offiziere die jüdischen Soldaten sehr gut behandelt haben und ihnen das verdiente Vertrauen entgegengebracht haben. * Wilkanski in New-York. Am 23. Oktober ist der bekannte palästinensische Agronom und Publizist J. Wilkanski in New-York angekommen. Er hat einen genauen Plan ausgearbeitet, nach weichem man — wie er glaubt — im Laufe von 30 Jahren mit Leichtigkeit 3 Millionen Juden in Palästina ansiedeln könne. Von New-York begibt sich Wilkanski nach Kalifornien, um dort agrikuiturelle Probestationen und Agrikultur-Schulen zu studieren. Ueber die Lage äußerte sich Wilkanski optimistisch.- Er -erwähnte auch, daß letztens beschlossen wurde, eine Argikulturbank für Arbeiter und eine Bank für Handwerker zu gründen- 4 Große amerikanische Protestversammlung gegen die’ Pogrome. Am 24. November findet in New-York eine große Massenversammlung gegen die Pogrome in der Ukraine und Südrußland statt an welche sich ein Demonstrations-Umzug anschließen wird. Die bedeutendsten .Persönlichkeiten der jüdischen Welt Amerikas werden als Redner auftreten. * Die Jeden in Bagdad und Palästina. Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: In letzter Zeit haben sich viele jüdische Familien in Bagdad für die Frage interessiert, ihre Kinder in den jüdischen Schulen Palästinas erziehen zu lassen. Bisher sandten sie ihre Söhne in die Lehranstalten der Jesuiten in Beymth; es ist aber zu erwarten, daß dies mit dem Aufblühen der hebräischen Schulen in Palästina ein Ende haben wird. Es steht zu hoffen, daß die jüdische Gemeinde von Bagdad, die 50.000 Seelen zählt und bisher in keinem engeren Kontakt mit der Zionistischen Organisation gestanden hat in Zukunft der Aufbau- Arbeit iu Palästina ihre materielle und moralische Unterstützung zuwendCn wird. Zionistische Bewequnc Die Zionlstisdie Organisation in Konstantlnopel. Das Kopenhagener Zionistische Bureau be-' richtet: Die kürzlich gebildete Zionistische Organisation für den Orient Zentrale in Konstantinopel, hat anläßlich der Gründung ihres Informationsbureaus folgenden Aufruf an sämtliche Zionistischen Organisationen erlassen: . . Die Vertreter der Zionistischen Organisationen im Orient, im Denikinschen Rußland, im Kaukasus, ferner die Delegierten des Hechaluz und der Zehe Zion dieser Länder haben unter Vorsitz des Vertreters des Zionistischen Aktionskomitees Dr. Cale b, den Beschluß gefaßt in Konstantinopel ein Inf ormations- und Pr essebureau zu eröffnen. Das Bureau hat bereits seine Tätigkeit begonnen. Die zahlreichen Anfragen aus den verschiedensten Gegenden des Orients und Rußlands haben uns bewiesen, daß troO der großen Verkehrsschwierigkeiten Konstantinopel in Zukunft als Zentrum für unsere nach Palästina zurückkehrenden Volksmassen eine große Aufgabe zufallen wird. Der Mangel an zuverlässigen Informationen über die Verhältnisse in Palästina wird von unseren Brüdern in Rußland schwer empfunden und die dorthin gelangenden übertriebenen Gerüchte führen vielfach zu einer schon jetzt beginnenden übereilten Auswanderung, deren schädliche Folgen unabsehbar sind. Außerdem ist es ein unerträglicher Zustand, daß in der Zeit, wo die Lage nnserer Brüder, in Rußland von Tag zu Tag bedrohter wird, unsere Volksgenossen in Europa und Amerika ganz ohne Nachricht über, deren Schicksal sind, und daß auf diese Weise in unseren Brüdern in Rußland der Eindruck erweckt wird, daß sie schutzlos allen Schrecknissen ausgeliefert sind. Unser Informationsbureau sieht daher seine vornehmste Aufgabe darin, unseren Brüdern' in Rußland genaue Informationen über Palästina und gleichzeitig unseren Brüdern in Europa und Amerika zuverlässige Nachrichten über die Vorgänge im nahen Orient und in Rußland zu geben. Eine weitere wichtige Aufgabe sieht unser Bureau in der Vorbereitung und der Regelung der Auswanderung aus Rußland nach Palästina und will all denen, die dessen bedürfen, mit Rat und Auskunft behilflich sein. Wenn schon jetzt, wo alle Wege gesperrt and, sich viele Hunderte von Juden mit ihren Familien nach Konstantinope! durchschlagen, um bei den hiesigen zionistischen Komitees Hilfe und Aufklärung zu suchen, so läßt sich hieraus schließen, welche Formen die Auswanderung annehmen wird, sobald sie sich ohne große äußere Störungen wird vollziehen können. Wir haben die Pflicht, jetzt schon Mittel und Wege zu suchen, um unseren auswandemden Brüden rechtzeitig Hilfe zu leisten. Unser Bureau wird jedem Emigranten die nötigen Informationen gewähren und ihm die Existenzmöglichkeiten in Palästina gemäß seinen Fähigkeiten und1 finanziellen Mitteln auseinand ersetzen. Das Bureau wird in* ständigem Kontakt mit Palästina stehen, um über jeden Immigranten zwecks Klarlegung aller vorhandenen Möglichkeiten verhandeln zu können. Besonderes Interesse wird das Bureau der Aufgabe widmen, den jüdischen Familien in Rußland Nachrichten von ihren Angehörigen aus den verschiedenen Ländern zu vermitteln. Unsere Arbeit ist eine schwere und verantwortungsvolle, und nur durch tatkräftige finanzielle und moralische Unterstützung von Seiten aller Zionistischen Organisationen werden wir imstande sein, unsere Aufgabe zum Wohle unseres Volkes und Landes zu erfüllen. An alle zionistischen Organisationen und jüdischen öffentlichen. Körperschaften richten wir das Ersuchen, uns regelmäßig die in ihren Gegenden erscheinenden jüdischen Zeitungen, Informationen usw.. zuzustellen. Wir unsererseits sind gern bereit, ihnen all unser Material über die Lage in Palästina, in Rußland und im Orient zuzusenden. Unsere Adresse lautet: Information Office, Zionist Organisation; Poste Angleise Box 147, ConstantinopeL Eine „Freie jüdische Bühne" in Wien ln der jüdischen Schauspielerfrage in Wien möchten wir von der Tatsache ausgehen: die bisherigen Darbietungen der „Freien jüdischen Volksbühne“ standen durchaus auf der Höhe darstellender Kunst Es ist verfehlt, wenn man den jüdischen Schauspieler dem oder jenem populären fremden Darsteller gegenüberstellt und in gewohnter Selbstmißachtung den eigenen -weit zurücksetzt. Die Schauspielkunst ist — wie jede andere Kunst — immer und überall in einer gegebenen Kultursphäre verwurzelt aus der heraus sie zu verstehen und zu beurteilen äst. Diese Sphäre bringt ans rieh eine gewisse Typik hervor und zugleich mit dieser auch den Künstler, der sie zur Verkörperung bringt Man vergleiche auf diesen Punkt hin — sagen wir — das deutsche Theater mit dem russischen (der Schreiber dieser Zeilen kennt das russische Theater aus der Unmittelbarkeit der Sprache und des Milieus heraus) — da fällt sogleich auf: auf der deutschen Bühne ist der Typus des einseitig gefärbten, geradlinigen, derbbiederen. oft starken und ganzen „Tatsachenmenschen“ viel heimischer als auf der russischen, wogegen der mit sich uneinige, zerrissene, skeptische, müde, schwache und schwächliche, der „überflüssige Mensch“, wie ihn Turgenjew getauft hat — auf der russischen Bühne wie im russischen Leben die .populäre Figur ist Eine Reihe anderer Typen: der treuherzige, aber beschränkte Pfarrer, das hierzulande heimische ..süße Mädel“ — wie es Schnitzler ins Drama brachte, die deutsche Frau, ins Tragische vertieft in Goethes Gretchen, u. a. m. — das sind-spezifische-' Verkörperungen deutscher. Bühne und deutscher Dichtung. Anderseits: däe populärsten Gestalten ■ des russischen Kleinlebens, wie sie in Ostrowskys Dramen, in Gogols Komödien zu finden sind, scheinen der deutschen Bühne gar nicht zugänglich zu sein. Nun ist es aber eine feststehende Tatsache, daß das jüdische Dasein eine einzigartige Typologie gezeitigt hat, einzigartig wie dter Golus. der uns alle wie ein dunkler Schleier weit und breit umfaßt.*) Die jüdische Psyche und das jüdische Ethos, die dieser Typologie zugrund'eliegen. können von einem jüdischen Schauspieler in jüdischer Sprache am unmittelbarsten und tiefsten erfaßt und dargestellt werden.**) , Auf dem Boden der jüdischen Typologie lassen sich im Wesentlichen drei künstlerische Erscheinungsformen leicht unterscheiden, die zugleich drei Ausdrucksformen jüdischer Geistigkeit sind. Zunächst die überlebensgroße Verkörperung biblischen Geistes,- dessen Urtypus Moses, die Prophetie, bilden. Unbedingtheit ethischer Willensrichtung ist dessen Wesensgnmdlage. die uns noch heute — als Kategorie, als Postulat — weltanschaulich charakterisiert und unterscheidet. Die Gestaltung dieses Geistes ist auch der christlicheuropäischen Kunst zugänglich, aber bloß aus der weltanschaulichen Gegenständlichkeit heraus: aus dem Erlebnis christlicher Dualität zur Vorstellung des jüdischen Ethos der Einheit. — Ein anderer Gestaltungstyp jüdischen Menschentums äst nur im Zusammenhang mit dem jüdischen Assimilatkrasprozess verständlich und ist in verschiedenen Abarten populär. Es ist der „gute Europäer“ — um ein anderweitig geprägtes Stichwort zu gebrauchen, der mit dem Judentum nur durch eine gewisse Tradition (die' man meist unaufrichtig „Glauben“ nennt) verbunden zu sein vorgibt und oft aus bloßer Menschenwürde auf den Taufhandel. nicht eingeht Auf Umwegen kann aber unser Europäer plötzlich ziun Bewußtsein jenes „Ab-, grundes“ gelangen, den Artur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ im Konflikt mit dem Pfarrer erlebt. Wobei zweierlei möglich und typisch ist: der „Europäer“ wird zum bewußten Juden: der Fall Herzl — als klassisches Beispiel, oder er bleibt im Raisonement stecken — wie bet Bernhardi und seinem Dichter (der. zugleich Dichter des Romans „Der Weg ins Freie“ ist) der Fall zu sein scheint In den unteren jüdischen Schichten entsprechen diesen Asrimilatianserscheänungen: jener jüdische Arbeiter, der der Idiee des Klassen¬ *) Es klingt symbolisch, wenn ein Drama Pinskys („Familie Zwi“) den Vermerk trägt: „Ori—Golus. Zeit—Pogrom“. **) Bemerkenswert, daß der hervorragendste .Verkörperer jüdischer Golustypik auf der deutschen Bühne — Rndolf Schildkraut — manchmal auch sprachlich dem Jüdischen sehr nabe tritt — wie in der jüngsten Aufführung von Dr. Pinskis „Schatz“ im .„Wiener Komödienhaus“. . . kampfes zuliebe auf seine nationale intfLvädua&fät gänzlich verzichtet hat und als sein Pendant — der klassenbewußte jüdische Arbeiter auf nationaler Basis, wie er in dm jüdischen sozialistischen Parteien organisiert ist. In den „Juden“ von Tscbirikow und in „Familie Zwi" von David Pinslet ist der Versuch gemacht, diese typischen Gestalten des jüdischen Lebens einander gegenüberzustellea und darauf den dramatischen Konflikt aufzubauea. — Unsere dritte typologische Reih« bildet der Ostjude, das jüdische Volk im eigentlichen Shute. Es ist eine Welt eigentümlicher Vorstellung«. Motive, Charaktere, voll eigener Schönheit, patriarchaler Reinheit, daneben aber auch — de» Stempel des Golus an der Stirn und in der Serie: die Welt Scholem Alejchems. Mendefes. Asch‘s Dinesons, Perezens. Die jüdische Sprache ist rin wichtiges Element dieser Welt, ihr adäquater Ausdruck. Im Gegensatz zu der eben charakterisierten Typik kann diese überhaupt nur von jüdische» Darstellern in jüdischer Sprache zum Ausdruck gebracht werden. Die jüdischen Schauspieler ' in* Westen— wie auch selbstverständlich im Oste» — entstammen alle ausschließlich der Sphäre dieser Typik. deren schauspielerische Darstellung, ihr. unersetzliches Verdienst ist 5. Das schwierigste Problem des jüdische» Theaters im Golus überhaupt und im Golus des Westens im besonderen ist sein Wirkungskras* das Publikum. Das normale europäische Theatierpublikum ist durch seine soziale und intellektuelle Differenziertheit und Vielschichtigkeit gekennzeichnet: im Theater begegnen sich alle Klassen der Gesellschaft, alle Berufe, die mannigfachsten individuellen Tendenzen und! Weltanschauungen, raffiniertester Aesthetizismus und naivste Unmittelbarkeit So wird jene Koltektivpsycke geschaffen. die selbst ein wichtiger Faktor: der Theaterwärkung ist. Ein ganz anderes Verhältnis zwischen Publikum und Theater ist in unserer Goluszerrissenhett begründet: die europäisch gebildeten und1 halb gebildeten jüdischen Kreise sind eben durch diese ihre Bildung an der europäischen Kunst lind am europäischen Theater orientiert. Auch die jüdischgesinnten unter ihnen haben oft kein Verständnis und kein Herz für ein jüdisches Theater; die jüdische Dichtung ist ihnen ebenso verschlossen wie das jüdischeVolksleben; jede jüdische künstlerische Aeußerung messen sie am geläufigen Maßstab der europäischen Kunst — welcher Maßstab uns ja vielfach inkommensurabel ist — und kommen auf diese Weise für den Gedanken eines jüdischen Theaters in Wien gar nicht oder sehr wenig in Betracht. Es bliebe also jene in Wien dünne Volksschicht übrig, die noch an der jüdischen- Sprache und Sitte festgebunden. ist. . Aber ,;auf udiesenu Grunde allein kann nicht gebaut werden — nicht bloß deshalb,'weil er zu dünn und also zu wenigtrag ähig ist: diese wenig differenzierte Volks-,’ Schicht zeigt zur Kultivierungdes kunstlosen Volksstückes und der losen Operette. Ein solches Volksstück- und Operettentheater floriert auch schon jahrelang nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin und soll sogar materiell gesegnet sein. Aber dieses „Theater“ entspricht unserer Würde nicht entspricht nicht unserem Können und am wenigsten jenen unseren Intentionen und Bestrebungea die das Postulat einer allgemeinen Renaissance des Judentums gezeitigt haben. Wie also dem Uebel abhelfen, der. guten Sache zur Geltung zu verhelfen? Dazu ist unbedingt die innere und äußere Anteilnahme der jüdischen Intelligenz notwendig! Die innere Anteil-1 nähme bedeutet lebendiges Interesse für das jüd*-. sehe Kunst- und Theaterproblem, liebevolles Eindringen in die Welt der neujüdischen dramatischen Dichtkunst Und dies ist wohl aller Mühe wert denn es handelt sich hier um nichts geringeres als um einen wichtigen Schritt vorwärts zur Nationalisierung unseres Lebens im Wiener- Goluszentrum. Es ist mm zu naheliegend: die nationale jüdische Jugend ist hier berufen, beispielgebend' einzugreifen. Die Grundvoraussetzungen Isändl ja geschaffen: ein Verein „Freie jüdische Volksbühne“ ist dank einem kleinen Kreise von- Entvhusiasten ins Leben gerufen und hat auch schon seine Daseinsberechtigung erwiesen. Der, Gedanke der jüdischen Bühne in Wien muß nun von den breiteren jüdischen Kreisen in seiner Wichtigkeit erkannt werden. Der jüdische. Student, der. bei uns mehr als irgendwo anderes. Kulturarbeit zu leisten hat, muß sich zunächst dieses Gedankens bemächtigen, um ihn zu popularisieren. Die jüdische Intelligenz muß am jüdischen Theater Anteil nehmen. Dann werden wir die „Freie jüdische Volksbühne“ in Wien nicht nur weiter erhalten, sondern auch zur möglichsten Blüte bringen. Dr. Jeseklel Liftschütz. Zweiter jüdischer Studententag Vom 7. bis 9. Dezember findet der zweit« jüdische Studententag, statt. Das Programm lautet: S o nn t a g, 7. Dezember, Y-6 Uhr abends: 1. Vorfeier: Redner Oberrabbiner Dr. Chajes, Kurt Blumenfeld, Dr. Tartakower (hebr.). Mitwirkend: Jüdischer Gesangsverein. Ort: Militärkasino; I., Schwarzenbergplatz 1. Montag, 8; Dezember: 2. 9 Uhr vormittags: Berichte des Präsidiums und der Referenten. Generaldebatte. . Ort: Großer Konzerthaussaal.