Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 46 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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- *‘*t» . Xlll. Jihrgus Nr. 46. Redaktion and Administration: WIm lln Tataratrals I ifarnipreohar Nr. 44038 tt. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds** VtaH| Freitag« de« 21. lovemhar ISIS ■azaaaprala: Viertaiithrlg 6 & ganaj. 24 K, Eiualaommec 60 k PoittHikannkoato 133.404 Die orthodoxe Gefahr Die Stellung der Orthodoxie zum Zionismus war seit Jeher eine höchst zweideutige. Orthodoxie ist mit jüdischer Religion nicht identisch. Menschen, in denen die jüdische Religion Iedendig istj Solche, die sich des unvergänglichen Wertes der Religion bewußt sind und solche, die die traditionellen religiösen Gesetze beobachten, gibt es außerhalb der organisierten Ortohiodoxie ebenso wie innerhalb derselben. Es ist bekannt, daß eine große Anzahl religiöser Autoritäten und auch orthodoxe Rabbiner sich dem Zionismus schon ln seiner ersten Zeit ängeschlossen haben und immer wieder begeistert für die Idee . der Wiederauf- Tichtung. Zions und der Wiedergeburt des Jüdischen Volkes eingetreten sind. Der organisierten Orthodoxie, die politisch änftritt, geben jedoch andere Elemente den Charakter. In ihr sind Jene Juden vorherrschend, die sich durch peinliche Beobachtung der religiösen Gebräuche nicht für den eigentlichen «Gottesdienst vorbereiten, sondern von ihm befreien. Ihr Judentum ist ein versteinertes Gebäude, es ist ein Golem, dem die Seele fehlt. Diese Art Orthodoxen bringen es sehr gut zuwege, sich mit der Unjüdischheit ihres Lebens abzufinden, da sie sich m ihrer orthodoxen Dogmatik einen Ersatz geschaffen haben Darum sind diese Orthodoxen, so paradox es klingt, häufig die enragiertesten Assiroilanten, .sie wehren sich gegen jeden jüdischen Impuls, der die Gleichförmigkeit und Gedankenlosigkeit ihres äußern Lebens erschüttern könnte. Diese . Ortahodoxen, Auftreten bereits wiederholt der Sache des jüdischen Volkes erheblichen Schaden zugefügt Dabei hat es sich gezeigt, daß die lebendige Energie' des -Volkes stärker-ist als die opportunistischen Verwahrungen der lebensfremden und kleinmütigen Gesetzeshüter. Die Entwicklung ist über ihre Proteste hinweggegangen. Sie haben weder die fortschreitende Nationalisierung des Volkes, noch die Ausbreitung des Zionsgedankens hindern können. Das Volk erstrebt seine Befreiung aus jeder Art Knechtschaft und es kann nur den Führern trauen, deren Ziel ausschließlich das Volkswohl und die Zukunft des Judentums ist Der Zionismus hat in jahrelanger, aufreibender Arbeit, die von dem hingebtmgsvollen Idealismus des Volkes getragen war, große Erfolge nicht nur in der Erziehung und Aufklärung der Massen, sondern schließlich auch den entscheidenden politischen Erfolg errungen, der die Erfüllung des zionistischen Ideals für die nahe Zukunft erwarten läßt. Die Orthodoxie ist die ganze Zeit über griesgrämig abseits gestanden, sie hat es nie unterlassen, den Zionisten Knüppel zwischen die Füße zu werfen und jeden Mißerfolg oder scheinbaren Mißerfolg der zionistischen Politik schadenfroh zu registrieren. Viele religiöse Juden haben mit ihrer persönlichen Kraft und ihrem Einfluß mitgearbeitet, ihre Namen wird das jüdische Volk stets mit Verehrung nennen. Die Orthodoxie als organisierte Gesamtheit hat sich passiv verhalten. Und nun, nachdem die nationale Heimstätte im Lande der Väter, das wenigstens theoretisch auch den orthodoxen Juden ein Zentrum bedeuten muß, Tatsache geworden ist, kommt dieselbe Orthodoxie und stellt Ansprüche, als ob dieses Werk nur ihrer Arbeit zu verdanken wäre. Es ist an sich sicherlich sehr erfreulich, daß die orthodoxen Kreise endlich sich dem lebendigen Judentum zu nähern bereit zeigen. Derartige Tendenzen traten bei der Züricher Weltkonferenz der’Ägudas Jisroei zutage und auch bei dem Delegiertentäg des deutschen Gruppenverbandes in Halberstädt standen die Diskussionen über die Palästina-Arbeit im Mittelpunkt des Interesses Die Orthodoxie hat ein umfangreiches Aktionsprogramm für. Palästina aufgestellt. Befremdend muß es jedoch-wirken, daß sie die Früchte der zionistischen Arbeit ernten will, ohne sich im geringsten darüber klar zu werden, daß die Schaffung derr Voraussetzungen für jede Palästina-Arbeit ausschließlich zionistisches Werk sind. Es kann daher nicht zugelassen werden, daß die Organisation der Orthodoxie sich plötzlich als gleichwertig neben die zionistische Organisation zu stellen, versucht, dieser Bedingungen stellt und miit befremdender Naivität ihre eigene Vergangenheit vergißt Wie die Gesinnung dieser Art Orthodoxie beschaffen ist, beweisen die häßlichen Aeußerungen des Wiener orthodoxen Organs, das noch heute keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne höhnisch darauf hinzuweisen, daß die Palästina-Frage noch nicht definitiv in dem von den Zionisten gewünschten Sinn gelöst ist. Was aber zweifellos nicht hindern wird, daß dieselben Herren, welche jetzt nur ironisieren können, nachher Bedingungen stellen und Ansprüche anmelden werden. Gegen diese unaufrichtige Politik muß der Zionismus jetzt schon Stellung nehmen. Leider scheint in der offiziellen zionistischen Politik eine Tendenz vorhanden zu sein, den von außen kommenden Strömungen Konzessionen zu machen und darüber sogar die Bedürfnisse des schaffenden, ant Wiederaufbau des Judentums arbeitenden Volkselementes zurückzustellen. Der Zionismus ist weder in seiner Ideologie, noch in seiner Praxis jemals von der Zählung der Massen, sondern immer nur von ihrer. Bewertung ausgegangen. Selbst-wenn quantitativ große Massen des Volkes noch in dumpfer Untätigkeit daJündärrnnem, so für die Zunkunft unseres-Volkes nicht diese Massen sind, sondern jene Volksteile, in denen der Funke der zionistischen Idee gezündet hat, die im bewußten Lebenswillen durch die Arbeit ihrer Hände und ihres Geistes für die Idee der Wiedergeburt des jüdischen Volkes als eines schöpferischen Organismus .wirke. Von,- diesem Gesichtspunkt müssen auch die jüngsten Vorgänge hi Palästina als bedauerlich bezeichnet werden. Nach langen Vorbereitungen und Verhandlungen waren endlich die Wahlen zur Delegiertenversammlung des palästinensischen Judentums ausgeschrieben, selbstverständlich auf moderner demokratischer Basis, die auch bezüglich des Wahlrechtes der Frauen keinen Zweifel zuläßt. Gegen die Zulassung der Frauen hat die Orthodoxie, geführt von Rabbiner Kuk, einen lebhaften Widerstand organisiert, der insofern von jErfolg war,'als tatsächlich die Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben wurden. Gegen diesen Beschluß des provisorischen Exekutivkomitees („Waad hasmani“). der unter dem Druck von Weiznrann und Ussischkin zustande kam, wendet sich Jabotinski in einem heftigen, „der Aufbau" hetitelten.Leitartikel in „Chadschoth haarez". Er weist darauf hin, daß durch die Verschiebung der Delegiertenversammlung das palästinensische Judentum jeder politischen Aktionsfähigkeit beraubt ist, da es nicht einmal eine gewählte Vertretung m die Palästina- Kommission entsenden kann, in der ihm drei Plätze reserviert sind. Und weiters befürchtet Jabotinski, daß dieses Zurückweichen vor dem klerikalen Einspruch dem Zionismus in den Augen aller modern denkenden Politiker, von den Führern der Sozialisten bis zum Präsidenten Wilson, schweren Schaden zufüge. Diese modern denkenden Kreise sind bisher mit großer Wärme für den Zionismus eingetreten: was werden sie sagen, wenn sie sehen, daß die palästinensische Freiheit gleich mit einem Zurückweichen vor der schwärzesten Reaktion beginnt? Jabotinski erhebt heftige Vorwürfe gegen die zionistische Kommission, daß sie nicht selbst sofort die Einberufung der Delegiertenversammlung veranlaßt hat und daß sie sich von den lächerlichen Einwendungen einiger unwissender und politisch völlig unreifer Rabbiner beeinflussen läßt. Er verurteilt die schwankende Haltung von Weizmann und Ussischlcin und fordert sie auf, endlich zu erklären, nach welchen Grundsätzen Palästina aufgebäut werden soIL Der Kulturkampf wird unvermeidlich sein, wem» man jetzt schon solche Konzessionen macht. Der Zionismus hat stets erklärt, daß in seinen öffentlichen Institutionen die Gebote der jüdischen Religion geachtet - werden sollen: Von der jüdischen Religion droht ihm keine Gefahr, denn sie ist ihm zu tiefst verwandt Wohl aber droht dem lüdischen Volk eine Gefahr von jenen orthodoxen Krüppelseelen, die statt der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, in dem Labyrinth der jüdischen Tradition herumtifteln und dem Leben Fesseln anlegen wollen. Diese Typen sind eine Frucht der Galuth und des Ghetto .Sie können keine Stiimns haben, wenn es sich um den Aufbau des. jüdischen Lebens handelt Die zionistische Leitung muß sipff darüber klar sein, daß der-Zionismus auf der Höhe seines Erfolges sein eigenes Werk nicht durch Unentschlossenheit untergraben darf. Durch Nachgiebigkeit wird der orthodoxen Gefahr nur Vorschub geleistet. Schekelaufruf des engeren Aktionskomitees Eia «wes Jahr steht vor uns — ein Jahr, 4m im Zeichen angestrengtester Bemühungen für 41a Erreichung unserer Rechte und die Verwirklichung unseres Ideals stehen muß. Jetzt, da die jüdische und nichtiüdlsche Weit in gleicher Weise die zionistische Lösung der jüdischen und der palästinensischen Frage anerkannt haben, ist es die Aufgabe der Zionistischen Organisation, alle gegenwärtig im Judentame iebenden Krälte x«. vereinigen» so. daß unser» Warte Jo Taten umgesetzt werden und Palästina ln Wirklichkeit wieder die nationale Heimstatt« des jüdischen Volkes wird. Die Zeit nähert sich, da wir wieder, imstande sein'werden, unsere zionistische Arbeit in strikter Uebereinsthnmung mit der Verfassung der Zionistischen Organisation auszuiuhren. Wenn diese Zeit kommt, werden wir alle eure Vertreter autrufen. zu gemeinsamer Beratung und Entscheidung zusammenzutreten. Dann werden wir euch dl» Pläne vorlegen, die wir für die großen Aufgaben, die unser harren, ansgearbeitet haben. Aber bis dahin glauben wir. von euch fordern zu dürfen, daß Ihr uns das Vertrauen, das ihr bisher immer in uns gesetzt hat. auch weiter entgegenbringen werdet Seine zionistische Pflicht nach dem Mailstabe der Vergangenheit erfüllt zu habend wird für die Zukunft nicht genügen. Fortan müssen wir, einer wie alle, keine Mühe und keine Opfer lür zu groß erachten, um die Zionistische Organisation in den Stand ztt setzen, ihre hohe, aber außerordentlich schwierige Aufgabe zu erfüllen. Wir alle müsset» unverzüglich unseren Anteil an der Arbeit auf ans nehmen, die das neue Jahr der Zionistischen Organisation auferlegt. Der erste Schritt ist der sofortige Beginn der Schekeisammiung.. Der Schekel muß wieder von alten errichtet werden, die sich dem zionistischen Ideal und der Wiederherstellung von Erez Israel geweiht haben. Die Welt muß jetzt diese neue Manifestation der Macht des jüdischen nationalen Willens und der Kraft der Zionistischen Organisation erblicken. Diese Kundgebung unseres Enthusiasmus wird allen die Schönheit und die Größe der Idee, die uns beseelt; vor Augen führen, den Stolz und das Vertrauen des jüdischen Volkes und seine feste Entschlossenheit, sein eigenes Leben In seinem eigenen jüdischen Heimatland zu leben. Wir stehen letzt, im kritischesten Moment der zionistischen Entwicklung, in der Zeit vor der endgültigen Verwirklichung, wo die Erwartung aufs äußerste gespannt ist und die Leiden unseres Volkes unerträglich sind. In einer solchen Zeit ist es doppelt unsere Pflicht; vor den Schwierigkeiten des Augenblicks nicht zu verzagen, uns stets das Ideal vor Augen zu halten, das uns durch die Jahrhunderte geführt bat, und alle unsere Kräfte zusammenzuraffen für die Erreichung unseres Zieles — die Erlösung des lüdischen Volkes durch Zion. Zur Erfüllung dieser Pflicht rufen wir euch auf im Vertrauen auf die Treue eurer Gestnnung, auf die Stärke eurer Hingabe und eure Kraft zum Handeln! Das Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation: 0. Warburg. N. Sokolow. Ch; Weizmanu.‘S. Levin. V. Jacobson. A. Hantke. verständnislos sind, haben durch ' ihr pöBtfsches «nZweifel darüber bestehen, daß -von entscheidendem Wert