Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 45 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Xlli. Jahrgang — Nr.45 i [Redaktion nnd Ädmialitratios: . ' Vln %, tabsrstrale I Feraiprecher Nr, 44038 ti. 43319 ' *« » — «g ' - - j Nätional'ju Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ ■ - - * anmmg Freitag, rin 14. November MM ■azi|«#fels: VierteljShiig 6 X gansj. 24 K, Einaalaommer 80 h Poatap&rkuaenkonto 133:404 Unsere Schande ’ Vor eihigeK Tagen erschien im Berliner Jüdischen Verlag ein merkwürdiges Buch. Es enthält- Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen während , der Kreuzzüge. Dieses Buch besitzt nicht nur eine Art Aktualität wegen der gegenwärtigen Judenpogrome im Osten; es hat darüber hinaus die ewige Aktualität, die für alle Geschlechter die Kunde von wahrhafter Größe besitzt. Der Jude von heute aber muß dieSe Berichte mit besonderer Erschütterung und Bewimderung lesen; sie bezeugen die ungeheure kraft,, die jene Juden vor tausend Jahren an alen Tag gelegt haben, sie lassen unser schwaches Epigonengescblechf Schicksale und Opfer ahnen; vor denen unser kleines Leben fast verständnislos versagt. Jene Menschen haben gewußt, daß es nur auf eins anicammt: auf die Bezeugung der ewigen Wahrheit. Diese preiszugeben, konnten sie durch keinerlei -Leider., -durch keinerlei. Drohungen veranlaßt werden So sehr sie auch Klage erhöben gegen ihre Bedränger, so sehr sie ihre Feinde mit schweren Flüchen belegten, so sehr sie vom Schmerze zerrissen wurden, sie wußten doch, daß es eine höhere Pflicht für sie gibt, vor der alle Not und alle Bequemlichkeit dies irdischen Lebens ohne Belang.ist. Auch jene Juden von ehemals waren mit aller Kraft bestrebt, ihr Erdenleben für sich' uml ihre Familie' glücklich zu gestalten’: aber dies alles kam für sie in zweiter Reihe, wenn die natürliche Selbstverständlichkeit des Jüdeweins erfüllt, ist - War, das Judentum in. Gefahr, so. konnte es keine Konzessionen geben. Sie1 starben mit dein'Namen Gottes .auf den Lippen Judentums «verbürgt Sie vermochten es nicht; zu lügen und' sich zu unterwerfen; und so-haben sie ihfteuer erkauftes Erbe den Geschlechtern’nach jfinen; bis'auf unsere Tage, übermittelt. . Welch eine Verpflichtung .haben diese Mett- ' sehen-auf unsere Schultern gelegt!-Wenn wir dessen;rfike werden, so müssen wir erröten und erblassen. Wir schauen um uns und sehen uns hineragebofehiin eine Zeit, drp sich die:große nennt während, sie in .Wirklichkeii die kleinste aller Zetjemals ‘dägbwesen. Ütid dfe Juden dieser Zeit, wir Juden, können wir bestehe»: vor diesem ’erhabenen Beispiel? ' Das neunzehnte Jahrhundert hat aiis uns das Jämmerlichste Volk der Erde gemacht. Man hat .unverfroren und schmerzlos: sich! nach unui:. nach. des Judentums entäüßert; um-der geringsten-äußeren Vorteile willen, um das schäbigste L.insengericht waren wir bereit, unser Judentum zu verkaufen. Die „emanzipierte“ Generation konnte sich gar nicht genugtun in schrankenloser Bewunderung der europäischen Kultur, mau wollte -dies Jüdische abstreifen, um sich ihrer würdig zu erweisen, und noch heute sehen wir bei ei-iem großen 1 eil der Westjuden, die sich willig dieser Entwicklung in die Arme geworfen haben, dieselbe Tendenz, noch immer, auch lieu.tc noch,- nach dem 1. August 1914, ist man gebondet von der europäischen Kultur und meint, daß von ihrem Geist auch das jüdische Volk erlöst werden könnte! Die Juden des neunzehnten Jahrhunderts haben alle ihre Forderungen und all ihr Streben In den Wunsch verdichtet, den anderen gleich zu werden. Und da die anderen diese Gleichheit nicht anerkannt haben, bettelte man um „Gleichberechtigung“. Obwohl man. Jude war, w; ollte nian gleichberechtigt seht; die Völker oder deren Machthaber sollten ein Äuge zudrücken, das höchste Ideal war es, geduldet zu sein, und was diesem Ziel .entgegenstellen konnte, wurde mit kaltblütiger Selbstverständlichkeit beiseite geschafft. Man strebte nur, sich bequem einzurichten, man wollte nur die Möglichkeit haben, Geschäfte zu machen und wollte durch Angleichung an die fremde Art soziale Geltung erlangen. Die Juden haben, nicht durch ihr Verdienst, sondern durch die /Ideologie, der Aufkläraigszeit, die; Gleichbefec&tigungi am Rapier" erhalten; gleichzeitig aber sanken sie immer tiefer in der Achtung;der Yölker. Der jüdische Charakter wurde korrumpiert, man schielte immer nur, whs die anderen sagen werden, inan hatte sich selbst aufgegeben, mau hatte sein eigenes Wesen vernichtet, die einzige Rettung war das Geld, nach ihm machte man Jagd: Dies ist die Tragödie eines Jahrhunderts der Assimilation, das völlig den Zusammenhang mit Vergangenheit und Zukunft verloren hat, das nichts mehr weiß und nichts begreift vor der Seelenkraft derer, die den Namen des Judengottes auf dem brennenden Scheiterhaufen heiligten. Wohin steuern wirr Noch gibt es im jüdischen Volk Menschen, die sicli des Adels ihres Volkstums, ihrer Verantwortung vor der Ewigkeit, ihrer Verpflichtung vor dem Volke, das sie hervorgebracht hat, bewußt sind In unserer Zeit vollzieht sich , die Wendung. Wir haben begonnen, uns zu besinnen W enn wir darangehen, die Grundlagen unseres ..äußeren Lebens zu bauen, so fordern wir - - sofern es uns nicht möglich ist. in Zion, zu leben — von den Staaten; deren Bürger wir sind, uneingeschränkte Gleichberechtigung. Aber wir wollen diese Gleichberechtigung nicht durch ein Verbergen des Judentums erwerben. Nicht, „trotzdem“ wir Juden sind, wollen wir nach gleichem Recht beurteilt werden wie die anderen. Sondern wir verlangen, daß man unsere Existenzbeerchtigung anerkennt, uaß man uns unser Recht in dem vollen Bewußtsein gibt, daß wir Juden sind und daß darin keinerlei Minderwertigkeit liegt. Erhobenen Hauptes fordern wir nicht n ii r die formale Gleichberechtigung, die in einem Rechtsstaat eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sondern wir fordern darüber hinaus die Respektierung; unseres Willens, als Juden zu leben. Wir machen bezüglich des Judentums keinerlei Konzessionen, äußeren Schicksale. Mit voQent Recht hat Qberrabbiner C h a j e s jüngst den Satz ausgesprochen: „Es ist u ns e re Schande, daß ein Teil der Judensehaft nur immer um Gleichberechtigung bettelt“ W'ährlicli, diese Bescheidenheit, diese Ge- «ungsamkeit ist unsere Schande. Wie tief, wie jämmerlich diese unsere Schande ist, beweist das Echo, welchesdas erwähnte Wort in einem Teil der Wiener Judenschaft geweckt hat. Mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre, bemühen sich die Herren Bloch und Fleischer nachzuweisen, daß die Nntionaljuden auf die Gleichberechtigung verzichten wollen nnd daß diese Gleichberechtigung, für die die Namen einiger jüdischer Minister und die Autorität einiger jüdischer Reiormrabbmer ms Treffen geführt wird, das höchste Gut des Judentum sei. Mit bewußter Fälschung, die leicht als Wahlmanöver für den bevorstehenden Kultuswahlkampf zu deuten ist, wird die Parole „Gleichberechtigung oder Minoritätenschutz“ in die Diskussion geworfen. Es soll der Anschein erweckt werden, als ob diese beiden Dinge Gegensätze wären, als ob das jüdische Volk vor eäner Alternative gestellt wäre. In Wirklichkeit ergibt schon ein oberflächliches Denken, daß die beiden Forderungen nicht nur keine Gegensätze and, daß vielmehr der Schutz der Minderheitsrechte überhaupt nur in Verbindung mit der uneingeschränkten Gleichberechtigung denkbar ist Eine Alternative besteht allerdings, aber nicht nach außen, sondern nach innen: Das jüdische Vcflc ist vor ehe Wahl gestellt, wie es leben wili; ob es sich mit einer papierenen Gleichberechtigung zufrieden geben und fprtfahren wll,. sein Judentum vergessen zu machen, oder cb es auch der Gleichberechtigung nur danti einen Wert zuerkennt, wenn sie den Juden als Juden gegebeu wird. In der erwähnten Rede am 2. November hat Oberrabbiner Chajes überzeugend nachgewiesen, daß nur durch den von den Nationaliuden durchgesetzten internationalen Schutz die Gleichberechtigung in den einzelneu Staaten auch wirklich verbürgt wird; aber zugleich hat er ausgesprochen, was alle lebendigen Elemente im Judentum fühlen: mit der Gleichberechtigung allein können wir nicht mehr auskoramen. Wir müssen darüber hinaus die Möglichkeit naben, auf unseren Volkskörper erziehend, umgestahend und organisierend einzu- % wirken, v;■ irii-seti die .Möglichkeit haben, mit Anspannung aller Kräfte das Judentum aus dem Sumpf zu ziehen, in 'den es durch die Tätigkeit der Ritter von der Gleichberechtigung geraten ist; wir müssen die Möglichkeit haben, in eigenen Schulen unsere Kinder in dem stolzen Bewußtsein ihres Adels, der Union eine beispiellose Verpflichtung unterlegt, zu erziehen und ihnen von der Vergangenheit, von dem Wesen und eiern Werk ihres Volkes jene Kenntnisse zu geben, die unseren Vätern durch die Schuld ihrer Väter abhanden ge* kommen sind. Wir müssen sie von der Hultfosfgkeit und Zerrissenheit, von der eitlen Geschäftigkeit der heutigen jüdischen Generation befreien. Unsere Hauptfrage ist: wie retten wir das Judentum. wie richten wir unser Volk wieder auf. wie machen wir wieder gut. was die Verschleuderer des kostbaren Erbes verbrochen haben! Wir woHen keine äußere Freiheit bei innerer Knechtschaft! Unsere Gegner aber sind zynisch genug, uns zu sagen, i|er Verzicht auf den Minoritätenschutz sei „heilsamer, wirtschaftlich nützlicher“! Sie haben die Unverschämtheit, die Tragödie des Leidens der Juden der Pogromländer aa Argument für sich zu benützen! Da muß mit aller Klarheit gesagt werden: Die Schuld an den Pogromen, an dem schechten Verhältnis zwischen Juden und Polen haben jene assimilatorischen Führer, die den Völkern Lügen vorgegaukelt haben, um für sich Vorteile und Ansehen herauszuschlagen, die das jüdische Volk entwürdigt haben, indem sie ihm eine Lakaienrolle vindizierteu. die immer alles getan haben, am den Völkern die Wahrheit zu verbergen, um ein ehrliches und aufrichtiges Verhältnis körnten-. Durch diese gewissenlosen Geschäfts- Politiker wurde eine Verständigung' von Volk zu Volk vereitelt. Und jetzt zeigen sich (Qo Folgen dieser Politik. Was rät denn eigentlich di» Herr Bloch den Ostitiden? Sollen sie ihr Judentum in die Tasche stecken, weit das ..wirtschaftlich nützlicher“ ist? Die Verträge, die jetzt in Rar» geschlossen wurden, sind der erste tastende Versuch, die Lage der Juden erträglich zn machen und ihnen ein Minimum von kultureller Entfaltungsmöglichkeit zn sichern. Selbstverständlich können nicht jetzt schon die Wirkungen dieser Bestimmungen ersichtlich sein; es wird jahrelanger Arbeit bedürfen, um die alten Vorurteile und Fehlurteile, die die assimilatorische Politik gesät har, auszuroden. Aber wir sind überzeugt; daß die ehrlichen Nichtiuden zu der Einsicht kommen werden, daß sie nur mit einem national konsolidierten Judentum Zusammenleben körnten, nicht aber mit der charakterlosen Schicht, die ihre Nationalität ie nach dem l.andesherrn stets zu wechseln bereit ist. Unsere Schande ist es, daß Juden die Gleichberechtigung dadurch erschleichen wollen, daß sie das Judentum auf „ethische Grundsätze“ restringieren; diese ..ethischer, Grundsätze“ sind eine fadenscheinige Abstraktion, unter der man sich nichts vorstellt, und die nicht verhindern, daß ihre Anhänger jede Woche scharenweise zum Taufbecken gehen. Das Judentum ist ein historisches. kulturelles, geistiges Phänomen, das ein volles Bekenntnis erheischt. Wenn man sieht, wie ängstlich jene Ritter es hinter harmlos klingenden „ethischen Grundsätzen“ verstecken-(während sie natürlich in Wirklichkeit weder Ethik noch Grundsätze haben), dann kann man erkennen» was sie sich unter „Gleichberechtigung“ vorstellen. Heute gibt es nur eine Entscheidung: Sein, oder Nichtsein des Judentums. Einst hat ein jüdischer Sänger die brennende Sehnsucht seines Volkes in die unsterblichen Wortegefaßt: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen!“ Wehe der jüdischen Generation. die sich heute durch die „Union“ repräsentieren läßt! Sie hat Jerusalems vergessen, und ihrer Rechten i s t vergessen worden. Volkstum weit wesentliche!/ ist als affe unsere Inden mul Nichtiuden zu verhindern, sfe seihst die „Führer“, eine RoBe späefett