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Jüdische Zeitung · 1919-10-03 · 40 (3.10.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
40 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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I Redaktion Bai Administration: Wien ll., TabenfnBe I FRiqnekn Kr. 44038 n. 43319 NaHonal-jüdifdies Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nattonalfauis" WteMf Freitag, In 8. OMobtr IM Bentspfala: Vierteljährig 8 JE gaasj.24 B; KwliiuttMi F«MHkiimknti> 138.4*4 Die Pogromhetze . Trotz aller Warnungen und trotz aller. Stimmen der Vernunft hört die Pogromhetze In Wien nicht auf. An allen Ecken, an allen Wänden, an Postkästeln. Telephonautomaten und ähnlichen Vorrichtungen, die der 'Allgemeinheit dienern prangen in allen Farben die Zettel, die zur Austreibung der Ostiuden. zur tätlichen Selbstbefreiuog des deutschen Volkes in Wien von der Judenherrschaft auffordern. Die Neujahrsfeiertage waren heuer voll düsterer Stimmung, der Festtag wurde beinahe zum Kampftag. Jetzt ist für den 5. Oktober wieder eine Massendemonstration gegen die Juden angesagt die erklärtermaßen zu einem Pogrom führen soll. Die Elemente, die da am Werke sind, sind dieselben Leute, die durch , ihre Dummheit und Frechheit schon das alte Oesterreich untergraben und zerstört haben und die jetzt dem heuen Staat täglich Verlegenheiten bereiten. Schon im Kriege hat man deutsche Volktage einberufen, hat blutrünstig gegen die Juden gehetzt, aber was man sich heute erlauben darf, spöttet aller Grenzen. Es ist ein gefährliches Spiel, das da getrieben wird. Der amerikanische. Geschäftsträger in Wien hat dem Staatskanzler gegenüber keinen Zweifel darüber gelassen, welche Folgen ein Pogrom für das Verhältnis zwischen Oesterreich und Amerika haben würde. Dies hat sogar die „Neue Freie Presse“, die auch beute noch die Existenz der Judenfrage konsequent ignoriert zu einem . Leitartikel veranlaßt, der zwar in dem Kauderwelsch des Herrn Benedikt die Pogromgefahr schließlich auf die Frage, reduziert ob denn unsere Industrie, dea.’.Ahsat?;in_.Galizien_'.vertierensoll.-., aber doch konstatieren muß. daß „Balfour es nicht verschmäht hat die Ostiuden (sic!) politisch, für sein Land zu gewinnen“, während Oesterreich es - nicht versteht, sich Freunde' zu machen. Wenn auch die „Neue Freie Presse“ stets, alles darän: gesetzt hat, 'Oesterreich diese Freunde zu vertreiben, so ist doch bemerkenswert daß sie. w.enn .auch ihrer Mentalität entsprechend, zu’begreifen beginnt, was sie in der Judenfrage verbrochen’ hat Denn die Schuldigen an der Katastrophe von heute^smd die Faktoren, welche durch ihr Tun ebenso wie durch ihr Unterlassen das Verhältnis zwischen Juden und Nichtiud'en um eigensüchtiger Zwecke willen vergiftet haben: alles Schändliche ihres Tuns wurde den Juden zur Last gelegt was aber in dem politischen Streben der Juden Großes und Reines war. was ein ehrlicher Weg zur Verständigung und gegenseitigen Achtung sein konnte, wurde verschwiegen. Und auch in der Flüchtlingsfrage war die Haltung dieser Presse stets doppelzüngig und unaufrichtig. Die Assimilanten aller Richtungen sind sich darin gleich, nur sie sind an der gefährdeten Lage der Juden und des Staates, die beide das größte Interesse an Erhaltung der Ordnung haben, schuld. Es kann kein Zweifel bestehen, daß an der heutigen reaktionärenHetze, die der sozialdemokratischenRegierung unbequem genug ist. nur die sozialdemokratischen Machthaber selbst schuld sind, welche, verführt von: der infamen Hetze der .Arbeiter-Zeitung“, die Verbeugung vor der Gasse machten und durch den nutzlosen und sinnlosen Ausweisungsbefehl den Anstoß zu der 'Judenhetze gaben. Alle ausländischen Juden, die nach dem 20. September noch hier sind, weil sie bei der Verkehrsnot und all den sonstigen technischen und politischen Schwierigkeiten nicht äbreisen können, werden vom Volk als imrechtmäßige Mitesser angesehen und sind vogelfrei. Der unsinnige und undurchführbarerErlaß ist nicht annulliert und auf Grund dieses Erlasses betreiben die Deutschnationalen ihre Agitation. So rächt sich die Schuld der Herren Sever und - Austerlitz heute an der Regierung. Das jüdische Volk aber wird alle Kräfte zusanimenfassen. wird zusammenstehen auch in Not und: Gefahr. Es hat niemals die Hoffnung verloren, daß Menschentum lind Kultur schließlich doch über die Verwilderung siegen; und es erhofft für sich selbst die Erlösung aus den unerträglichen Leiden durch seine nationale Auferstehung. Victor Jacobson Zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Dr. Viktor Jakobson, Mitglied des Engeren Aktionskomitees, feierte dieser Tage seinen fünfzigsten Geburtstag. Sein Name ist der großen Masse nicht so bekannt wie derjenige anderer Führer, trotzdem Jakobson seit mehr als einem Jahrzehnt der wirkliche Leiter der Politik des Aktionskomitees ist Dies bat seinen Grund in der Art idieser seltenen Persönlichkeit Jakobson ist eine stille Gelehrtennatur von eminentestem Wissen, tiefem Denken, genauester Kenntnis der meisten Kulturvölker, ihrer geistigen Schöpfungen, politischen Einrichtungen usw., aber kein Mann der großen Oeffentlichkeit, vor der er sich am liebsten verbirgt Als es nach der jungtürkischen Revolution 190b galt in Konstantinopel eine diplomatische Vertretung zu schaffen, wurde Dr. Jacobson für diesen schwierigen Posten ausersehen. Haben alle Nationen seit jeher die Vertretung in Stambul als diejenige angesehen, die sie mit ihrem besten Mann besetzen mußten, so war für das jüdische Volk diese Vertiefung zur damaligen Zeit der allerwichtigste jüd sehe Posten. Die Wahl Jacobsons für ihn zeigte, wie er von denjenigen, die ihn näher kannten, eingeschäizt würde als der Mann, dessen Wissen, tähigkeiten, Persönlichkeit, einzig für ihn in Betracht kam, ' Welch schier unmöglich zu lösende Aufgabe war ihm damit zugeteilt worden! In dem politischen Hexenkessel, der durch den Sturz der alten Ordnung, die Etablierung einer kleinen Clique der neuen Machthaber, die Entfesselung aller persönlichen, nationalen und sozialen Aspirationen,' durch Einführung eines Scheinparlamentarismus usw. entstanden.!war. sollte Jacobson Fuß fassen, politischer -Verbindungen anknüpfen usw. Was seine Aufgabe am meisten erschwerte, war das Mißtrauen der Jungtürken gegen den Zionismus, das. sieb vielfach zu heftigster Gegnerschaft steigerte. Eine weitere große Schwierigkeit lag darin, daß die Ievantimsche. Judenheit sehr stark, unter dem Einfluß der Alliance durch deren SefiuKäfThre Intelligenz gegangen war, stand. Dr: Jäcöbsoh, dessen vornehme Natur in dieses politische Milieu gar nicht hineinzupassen schien, verstand es, sich in kurzer Zeit eine ansehnliche Position zu verschaffen, und zwar nicht durch kleine Künste und große Intriguen, wie das im Orient gang und gäbe ist, sondern lediglich durch die Ueberlegenheit seiner Bildung und seines Geistes, seine sichere Ruhe und die Zuverlässigkeit seines Charakters. Es gelang ihm, wichtige Verbindungen anzuknüpfen und auch gegen alle Treibereien der Allianceleute eine jüdischnationale Strömung in’ der Türkei zu erzeugen.-Durch (he Gründung; des Blattes „Jeune Turc“, das er mit meisterhafter Kunst durch alle gefährlichen Klippen steuerte, schuf er der zionistischen Politik ein Sprachrohr. Außerdem gründete er die zionistische Bank in Konstantinopel „The Anglo Levantine Co.“ die unter seiner Direktion ebenso glänzend prosperierte wie die seinerzeit von ihm geleitete Filiale der A. P. C. in der syrischen Hafenstadt Beirut. Noch weniger bekannt als seine Tätigkeit im Außendienst ist diejenige innerhalb der Leitung, weil sie sich nur im Kreise des Aktionskomitees und allenfalls der Permanenzkommissionen des Kongresses abspielte. Dr. Jacobson hat in den letzten zehn Jahren tatsächlich unsere Politik geleitet Seine Exposees im Aktionskomitee waren in ihrer Durchleuchtung der Situation, in ihrer sicheren Abwägung aller Möglichkeiten, ein Zeichen, jdaß Jacobson hinter den Ereignissen die letzten Triebfedern politischen Geschehens aufspüren konnte, wie er auch immer bemüht war, m den politischen Wissenschaften au fait zu bleiben. Er hatte bis zum Kriege keinen leichten Stand seine Politik durchzusetzen, da gewisse Gruppen die zionistische Bewegung von ihrer Neutralität abdrängen wollten. Durch die Eigenart der Lage im Kriege ist es Dr. Jacobson nicht vergönnt gewesen, an den politischen Erfolgen an weithin sichtbarer Stelle teilzunehmen, im engeren Kreis aber wa rer ein nrithestimmender Faktor von erstem Gewicht Dr. Jacobson ist in der zionistischen Partei aber nicht nur ein Mann der Praxis. Er ist auch einer der wenigen Zionisten, die mit den Problemen fortwährend gerungen haben, die in die Tiefen der mannigfaltigen Fragen eingedrungen sind und er ist als einer unserer feinsinnigsten Schriftsteller bekannt Was Dr. Jacobson für die zionistische Bewegung geleistet hat wie er die aufreibendste Arbeit übernahm, trotz seiner stets sehr schwankenden Gesundheit wie er jeder Versuchung des politischen Führers, seine Person in den Vordergrund zu stellen, widerstand: das. wissen nur seine engeren Arbeitsgenossen. Sie schätzen diesen Mann nicht nur als unseren vielleicht fähigsten Gesinnungsgenossen, sondern auch als eine Persönlichkeit von edelstem, kristallklaren Charakter, dem über aller Tagesarbeit der unbeirrbare Drang nach Erkenntnis der Wahrheit und die Reinheit des Idealismus bewahrt blieb. Es ist kein Zweifel, daß’Dr. Jacobson es sein wird, der in der ungemein schwierigen Zeit, die uns bevorsteht die Gegensätze ausgleichen und die allgemeinen Richtlinien der Arbeit aufs Wesentlichste mitbestimmen wird. Möge ihn dabei das Bewußtsein leiten, daß seine Persönlichkeit die allseitige Verehrung und das größte Vertrauen seitens der Zionisten aller Welt genießt Die Entwicklung des politischen Zionismus Von Heinrich Margulies. In letzter Zeit sind wiederholt aueß in Wien, von verschiedenen Seiten Angriffe gegen die Politik der gegenwärtigen zionistischen Leitung erhoben worden, daß sie sich von den Grundsätzen Herzlscher Politik entferne. Insbesondere werden solche Aeußerungen von Persönlichkeiten laut, die aus ihrer Mitarbeit in der Herzl-Zeit eine dauernde Kompetenz zur Interpretation des politischen Zionismus herleiten. Der folgende Artikel, der die Entwicklung innerhalb der zionistischen Politik untersucht, bedeutet gleiclizeitig eine Stellungnahme des Verfassers, die in vielen Einzelheiten von der Redaktion nicht geteilt wird, dennoch aber uns das wesentliche Moment der Entwicklung zur Realpolitik richtig zu werten scheint Von einer jüdischen Politik kann man erst seit kurzer Zeit sprechen. Bis zum ersten Baseler Kongreß (1897) war der Begriff als solcher übe:- hanpt so gut wie unbekannt Der Zionismus hat ihn zweifellos erst eingefübrt Andererseits, aber wäre es völlig irrig anzunehmeu» daß der Zionismus ihn als völlig abgerundete Sache präsentiert und ihn seither unverändert beibehalten hätte. Er schuf ihn zunächstnur als leere Form, unter dessen geräumiger Hülle der Inhalt ganz allmählich heranwuchs. Jahre ‘ hindurch mnschfotterte ihn die Hülle faltig und zitterte unter dem leisesten Windstoß. Langsam erst dehnte sieb der Kern aus, straffte und weitete sieb und heute sind wir nicht mehr allzu fern von dem Zeitpunkte, wo sich die ganze Realität der jüdischen Politik als harmonisclter, kräftiger und wohlgestalteter Körper erweisen wird. Man darf sich nicht durch Worte, nur weil sie landläufig geworden sind, irreführen lassen. Rückschauend spricht man heute, davon, daß Herzt den „politischen“ Zionismus geschaffen habe, der später durch den „praktischen“ in den Hintergrund gedrängt worden sei. In Wirklichkeit hatte der frühe Zionismus mit Politik im allgemein üblichen und auch von uns hier gebrauchten Sinne noch recht wenig gemeinsam. Sem politisches Verständnis beschränkte sich darauf, zu. erfassen, daß die Verpflanzung eines ganzen Volkes nach einem in fremden Besitz befindlichen Land eine politische Angelegenheit sei, die nicht durch „Einschmuggelung“, sondern nur durch politische Regelung gelöst werden könne. Aber nicht dadurch allein, daß man sich ein Ziel setzt und dieses als politisch begreift, erweist man sich als Politiker. Erst in der Art und Weise, in welcher man die Verwirklichung dieses Zieles in Aussicht nimmt, zeigt es sich, inwieweit die Träger der Entwicklung bereits in der Lage sind; der politischen Idee zu einer politischen Bewegung zu verhelfen. Die Wege indessen, welche der frühe Zionismus einschlug, um sein Ziel zu erreichen, legten nur davon Zeugnis ab, daß hier ein seit 2000 Jahren systematisch von allen europäischen und insbesondere allen politischen Fragen fern gehaltenes Volk schüchtern versuchte, sich zum Verständnis solcher Fragen mehr schlecht als recht znrückzutasten. Darum stand ec im Zeichen des Dilettantismus und beging politische Fehler, die in ihrer Absurdität dem Rückscbauenden nur erklärlich werden, wenn er aimimmt, daß nicht eine falsche und schlechte Politik, sondern überhaupt der Mangel einer politischen Orientiertheit die Ursache war. Hätten die damaligen politischen Führer halbwegs in politischer Tradition gewurzelt. wäre ihnen die Diffizilität nicht entgangen, die dem Territorialproblem Palästina anhaftete. Schon in lener Periode des „politischen“ Zionismus, 1897 bis 1904, war es kein Geheimnis mehr, daß Palästina eines der Hauptstreitobjekte zwischen England und Deutschland in der gewaltigen Auseinandersetzung bilden würde, die siclr täglich drohender ankündigte. Aber die Bedeutung des Brückenlandes für Englands indische Interessen, die Bedrohung dieser Interessen durch die deutsche Politik der Bagdadbahn blieben vom Zionismus unbegriffen. Man weiß heute, warnt Deutschland an England den Krieg erklärt hat: an jenem Tage, an welchem Kaiser Wilhelm in romantischer Koketterie

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