Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 31 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Nalional-jüdifches Organ Bedaktun and Adiaiaistration: m der Beilage: „Der jfldische Nationalfönds* W)8a II., Tahorstraße I _ Fernsprecher Nr. 44038 «.43319 «... FraHm^d.. f. August IS» Bezugspreis: Vierteljährig 6 ü ganzj. 24 K, Einzelnummer S(kk Poataparkassenkonto 133.404 Jubiläen In, diesen Tagfn beging Professor Dr. Warburg seinen 60., Max Nordau seinen 70. Geburtstag. Beide standen Jahre hindurch im Mittelpunkt der Bewegung, heute steht Nordau ganz. Warburg fast sclion an ihrer Peripheriep Ein Amtliches Zeichen dafür. wie rasch sich diese Bewegung'entwickelt, hat . Nordau war neben Herd die stärkste Stütze der Kongresse — und.darin lag sein größtes Verdienst. Waren doch jede ‘ersten Zusammenkünfte in Basel weit davon entfernt, eine bereits um eine reale Gemeinsamkeit gruppierte Einheit darzustellen. Die Juden, die hier aus allen Ländern der Welt zusammenströmten und einander znm erstenmal, sahen und sprächen, sie alje trieb zwar die gleiche Sehnsucht her und die gleiche Verzweiflung — aber ihre Wünsche und Vorstellungen; m zwanzigerlei Sprachen ausgesprochen, wirbelten bunt durcheinander, und hinter dem. Jubel freudig empfundenen Gemeinschaftsgefühles, bargen sich die schroffsten Gegensätze des Gedankens. Noch konnte nicht von einem Volke gesprochen, noch der Kongreß nicht eine Volksvertretung genannt werden. Er war erst der erste, der entscheidende Schritt eines langsamen Prozesses der bewußten Volksw erduirg. Das Programm, das dort in erbitterten Debatten gemeißelt wurde, sollte den Juden, die bisher nur eine Üiorde von Sklaven in Mizraihn. eine Summe von Einzelschicksalen waren und außerhalb des Gesetzes standen, das neue Gesetz offenbaren; weiehes_sig. wieder zum freien .Volk . znsammenjsiv Schweißen^esUnmt’wa'rV Abe'r ’sDÖTradiSch' Verstreute Emzelgruppen . ordnen sich nur dann zur Einheit, weim sie die übermächtig wirkende Kraft eines Krystallisationszentrums spüren. Hier bedurfte es einer Persönlichkeit, wie sie der Kongreß neben Herzi vor allem in Nordau besaß. Er. der unvergleichliche .Meister des Wortes und Gedankens verstand es. für divergierende Richtungen das rechte Wort zu finden und mit diesem die Einheit auszusprechen, die sich hinter der Vielheit verbarg; So gelang es ihm. oft,. Stürm» zu glätten. Auseiitariderfall zu verhüten, sich Loslosendes; wieder - anzufügen und. die. Einheit zu schmieden. Die Suggestivkraft seiner‘Persönlichkeit war eine so gewaltige, daß selbst .m kühler Ableh'nüng verharrende Skeptiker wie . Achad Haam die Erinnerung an diese prbphetenxlciche Gestalt tieferschüttert auf ihren weiteren Arbeits- ’weg mit Sich nahmen. So bildete er mit Herd zusammen die entscheidende Stütze -des 'Kongresses in jenen Jahren, in welchen das Volk erst tfie Krait zur Einheit wiederfinden mußte. Herzi und Nordau standen von Anfang an 'einer, fremden, ihnen unbekannten Masse gegenüber. Sie wußten weder, wie die Juden in Wirk- Jichfceii. waren. noch was! für eine Art Volk sich aus jenem Zusammenschweißungsprozefi ergeben würde^ den sie selbst In die Wege leiteten. Sie liebten die J uden. aber sie sähen sie nur von der .Ferne»-von Paris, von. jener Stadt aus. welche die 'Judenfrage nur., unter dem Gesichtspunkt des Dreymßprozesses und' allenfalls der Prögrome in Kischinew betrachten konnte. Sie sahen das Judenleid, aber die positiven und selbst hoch im Galuth schöpferisch ,und, bauenden.Kulturfcräfte blieben ihnen' verborgen. Deutlich zeigten dies Norflaus;.zur Tradition gewordene Kassandra-Referate auf dem Kongreß: Sie enthielten nichts vom jüdischen. Leben als die genialische Schilderung von Untergang utM Verfolgung. Aufbau erhoffte erlo- 'diglich ‘von Palästina, im Galuth selbst; sah er ihn. nirgend. Und .darum lag die; Gefahr nahe, daß beide, Herzi wie.Nordau, den Zusammenhang mit der ' Masse’ verloren; sobahd diese erst den .Prozeß der Volkswcrdung. der Vereinheitlichung' halbwegs ^abgeschlossen hatte i und; sich aisdähn der freien Betätigimg ihrer .ßositiven Kräfte,wieder hingtben durfte.’ Diese 'Kräfte ■ konnten .sich! in. andgre Rjcbtüngeh und‘in. anderen’ Forroen' ergießen, als’ sie Herzi“ uiuDNordau voraussahen und/biilig- Herzi selbst;den;Wegzii;ihneb gefundeu rjg|^(;iwienii.,er:W.Le*^.g^MebmyV(äre! dÄien wir aus vielen Anzeichen schließen. Nordau. der noch als Lebender unter uns weilt, hat ihn nicht gefunden. Die Bewegung wächst über ihn hinaus. . * * : Andere Empfindungen stellen sich ein. wenn man Professor Warban:s.' des zweiten Jubilars gedenkt. Dero war-nie ein Mann der großen Oefientlichkeit. Er verstand es nie. vor den Massen zu brillieren, ihm fehlte die Virtuosität, sprühende, schillernde Aphorismen ausziistreuen. Seine stille, arbeitssame und fast schüchterne Gelehrtennatur ließ ihn nurjenen nahekommen, die in seine Nähe kamen. Nur im engeren Kreise gelangt sein Wesen, das unendlich gütig und menschlich einfach ist zur. vollen Entfaltung und sichert sich dort ein .Gefühl wärmster'Zuneigung, wie es in unserer rasch anwachsenden Bewegung nicht mehr häutig zu finden: ist. Als: er in den Stürmen des Hamburger Kongresses (in denen auch - Nordau erkannte, daß er den Zenith überschritten batte und sich zum Abstieg, rüsten mußte; als Anwärter auf Wolffsohns Erbe genannt wurde, sah niemand in ihm den ..Führer“, der durch die Wirkung seiner Person die Massen zu sich hinzwang, man sah in ihm nur den Sachwalter, den Mandatar einer Gruppe, die jetzt zur Herrschaft gelangte, nicht um sich für dauernd, zu etablieren, sondern um einen Uebergang zuschaffen, für jene Gruppierung. die sich damals bereits ankündigte und die im Eintritt Tschlenows in das- E. A. C. ihren ersten Ausdruck fand. Dieser Uebergang nähert sich'heute dem Abschluß. Proklamationen des E A. C. tragen;nicht mehr Warburgs Nanreir Niemtmdchat «»-ar&Cfs^wart^umf tu- 'selbst. der seine' so unschätzbare Arbeitskraft unabhängig von Ehrenämtern stets gleichmäßig der Bewegung widmet, wohl am allerwenigsten. .Nordau und Warburg stehen heute nicht mehr im Mittelpunkt der Bewegung. So verschieden die Richtungen sind, welche sie vertreten, — das Gemeinsame dieser doppelten Tatsache liegt darin, daß die Leitung In neue-Hände übergegangen'ist Der persönliche Kontakt, den unsere Gesinnungsgenossen In früheren - Jahren mit den Führern-besaßen, das innige -Verhältnis, das sie menschlich mit ihnen verknüpfte und das sich auf jedem Kongreß in emeutejn$ Jubel offenbarte, wird mehr und mehr gelockert. Die Bewegung wächst und so wie früher Einzelne, strömen uns heute Massen zu. Massen, für'welche die-Namen der .Führer zunächst noch, recht wenig; bedeuten. Früher boten die Kongresse Gelegenheit, die nei? auf tauchen den Menschen kernten zu lernen und sich mit ihnea zu verständigen. Sie bildeten das Ventil!für alle Mißverständnisse and Entfremdungen, die sich aus dem notwendig~nnmeF mangelhaften. unmittelbaren Zusammenhang zwischen den über ,die ganze Weit zerstreuten Gruppen ergäben. Seit fünf Jahren -vollzieht sich der Prozeß des'Auf- und Abstieges von Persönlichkeiten, des Ausscheidens populärgewesener Führer, der Umgruppierung innerhalb des E. A. C.’ uswj ohne daß regelmäßige Zrsammenkünfte .die Aussprache über diese Wandlungen ermöglichen.- Die; Gefahr, daß sich gewisse Gefühle der Fremdheit’einsteifen, daß man manchen Wechsd' mit AEßtranen verr folgt; zumindest aber-die Gefahr, .daß - sich -positive Gefühle des Vcrknüortseta& dfe von. ieher die Stütze unserer Partei bildeten.’ nicht mehr organisch von selbst ergeben;, diese' Gefahren sind groß.genug, tun sich Beachtung zu erzwingen. Jetzt, wo die Grenzsperren gefaliea sind. muß das Aktionskomitee alles daran setzen.'-nachzuholen, was' in diesen KriegsiaKrenr Infolge,' des’äußeren ^Zwanges ,-vcrnachlässigt werdet mußte. Jubiläen bilden den, Anlaß,, d<n eiiKeitiei£PersönHchkeit zu gedenken, die einem von. früher her vertraut ist Und «js ist mir -natürlich: daß. stein int' Anschluß daran ErWägiihjjen bittstelleu," warmrit hiMjchtlich'' der Eingliederung ‘ dieser betreffenden Persönlichkeit -Äenderungen eingetreten siüd. ob.dicse Aenderun- -gen -zum Guten geschahen oder ob mannicht mit tfhrien' nBabcfie wertvolle akttypolitischo Kraft bei ^Seiw steBta^D^'AStloisk'mältee. 93s bisher efttfeh l:* :ft>,V.j-•; . : «. *t t ’ -‘ das Ringen tun die Verwirklichung des politischen Programmes mit Hilfe der alliierten Mächte alle Kräfte gebunden batte* muß sich der Gruppen erinnern. die es vertritt. Sie haben sich im Kriege Vervielfacht und es wächst ein Geschlecht heran, von dessen Struktur das E. A.' C. nichts weiß, und das seinerseits im El A. C. nur eine Institution erblickt. __ nt Das Dogma von der ewigen Galuth Eine Kardinalfrage der zionistischen Ideologie; (Schluß.) . 1 ' Jetzt aber beherrebt das Dogma von der Ewigkeit dieser Anormalität unsere Ideologie ausgesprochener- und unausgesprochenermaßen aufs mächtigste,, führt sie aui Abwege; Nebenwegen Rückwege und macht uns wirr und; lahm und zickzackgängig, Des Polarstern gleichsam, der unserem Steuer Richtung und festen Weg geben soll, schwankt selber und bringt Unsicherheit, Widerspruch,. Halbheit in uns und immer zitteriges Ja — Aber. Das zeigt sich unter anderem im Folgendem Ist man der Meinung, daß der Zionismus nicht aus dem Willen und der Einsicht von der Möglichkeit eriließt. die Juden-Massenfrage restlos aus der Welt zu schaffen, so wird man dazu gedrängt verschiedene andere Quellen, für ihn zu suchen: wirkliche- und imaginäre, lebendige Quellen und löcherige Gruben. Die schwanke Ziellinie wirkt auf den Ausgangspunkt zurück und uns ist so die volle, schöne und starke Geradheit verwehrt: „Der Zionismus bezweckt die direkte und völlig» Lösung der Judenfrage“: wir müssen uns mit Behauptungen vom günstigen Einfluß aui die. Lage der Zurückbleibeuden winden (was an sich in einem gewissen Sinne seine Richtigkeit haben mag. aber zumindest ebensowenig bewiesen werden kann wie die Möglichkeit* alle Juden raus: der Gatutlrzu nihienJ.rTörfter können wir auf eine volle Hebrai&ierung des ganzen Volkes nicht eindeutig lossteuern, weil dies in der Galuth eine Sache' der Unmöglichkeit wäre, sagt man. und die Galuth doch nie aufhören kann. Schließlich möge noch der mögliche Einfluß dieser Einstellung auf eine der Kardinalfragen unserer erhoiiten späteren Zukunft nicht unbeachtet bleiben, nämlich auf die Grenzfragen Palästinas. Ich weiß natürlich nicht, wie unsere jetzige Diplomatie — die ich, nebstbei gesagt, füir eine sehr kluge und geschickte halte — in ihren verschiedenen Verhandlungen sich zur Frage des Fassungsraumes Palästinas, auch mit Hinsicht aui die; späteren Entwicklungen, gestellt hat und steht. Möglich aber ist es, daß unser Dogma vom ewig kleinen Fassungsvermögen dieses Landes unsere Präpositionen in irgendeinem. Maße verschlechtert hat. Es müßten vielleicht .weitere Grenzen oder angrenzende Optionsgehiete irgendwie gefordert werden, mit Rücksicht eben aui die Ermöglichung einer allmählichen Aufnahme aller Millionen von Juden und auf deren natürliche Vermehrung. — Wobei ich nicht zu den Naiven gehöre., die glauben, daß unsere „Forderungen“ ausschlaggebend sind; aber eine Komponente sind sie und können unter günstigen Umständen auf die Resultierende von Einfluß sein. : Demgemäß wird die dezidierte. Stellungnahme des jüdischen Volkes zur Frage seiner völligen! Erlösung ddreh die Konzentration auch für die Folge auf die Quantität und Qualität unserer palästinensischen Massensiedlung von. allererster Bedeutung seih. Man bedenke: es ist uns gelungen, d. h. es ist der Anormalität unserer „Lagen“ —- jede Lage ist bieuns eine Niederlage — gelungen, einen, bedeutenden Teil der denkenden und führenden Menschheit von der Notwendigkeit zu überzeugen; dieser Anormalität durch Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ein Ende zu machen — dank den fremdenTnteressen, die in derselben Richtung laufen; nun soll aber schon a priori und im.Prinzip durch diesen Versuch nicht geplant sein, die Absonderlichkeit aufzuheben, sondern die Judenfrage soll in einer. Ich weiß nicht, welchen Form in verschiedenen Ländern weiter spuken, verewigt bleiben? Auf. welche. Notwendigkeit für die Schaffung der Heimstätte haben wir denn sonst der Welt, gegenüber hinzuweisen, auf welches zwingende Entweder — ' Oder? Ist diese Schaffung nicht ein nationaler Luxus unsererseits, sobald durch sie nicht einmal nach einem entsprechenden Zeitraum das drückende Gfundproblem; die Juden-Galuthfrage, verschwindet? Wir haben schön durch den zionistischen Versuch die Einsicht der Welt ,’zu einem'Besonderen, Analogielosen*) gebracht., nämlich der Lösung erstenseiner nationalen Frage-durch die planmäßige und efnverständliche Umsiedlung .eines der :Rivalen, und zweitens der Anerkennug der Zusammengehörigkeit' von ejneni Volke und einem Lande, deren gegenseitige zeit-räamliche’Entfernung tausende Jährkilometer,' um. einen-physikalischen Ausdruck zn variieren^ beträgt — sollen wir gleichzeitig dieselbe' Welt; schon * für ' neue Farmer», '• Formeln and ä }| . s.