Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«r Jahrgang XIII. — Nr. 30. Nalional'jüdtfches Organ Redaktion und Administration: Wls« II., TaboratraBe I Fernsprecher Nr. 44B3S u. 43319 Mit der Beilage: »Der jüdische Natienalfonds“ Dien! Freitag, den 25. Juli ISIS Bezugspreis: Vierteljährig 6 JE ganzj. 24 K, Einzelnummer 60 h Postsparkassankonto 133.404 Nationalräte und Aktionskomitee! Die Konferenz der jüdischen Nationalräte in Paris hat sich einstimmig und unter ‘großem -Enthusiasmus mit'den von der zionistischen Organisation' auf dem Friedenskongreß vertretenen Palästinaforderungen identifiziert Gleichzeitig ■wird gemeldet, daß an Stelle Marsh-alls. der nach Amerika abgereist ist. Nahum S o k o i o w zum Präsidenten der Nationalräte-Delegation gewählt worden ist. Die Manifestation sowohl wie ... der Personenwechsel sind von großer Bedeutung. Zwar, dürfte es der Mehrzahl unserer Zionisten unbegreiflich sein, wie es auch hätte anders sein können, da heute nach 25iähriger Zionisierungs- .nnd Nationalisierungsirbeit ein Nationalismus ohne Zionismus genau so unvorstellbar erscheint wie ein Zionismus ohne Nationalismus. Beide sind eng und unlöslich ineinander verwachsen, beide entsprießen den gleichen Quellen, ziehen ihre Lebenskraft aus den gleichen Wurzeln — es sind nicht zwei Dinge, die sich hier vor unsere« Augen zeigen;. sondern nur die zwei Seiten eines und desselben Dinges. Aber es ist . nicht Jedermanns Sache, alle Dinge stets von zwei Seiten zu betrachten. Darum ist es auch bei uns nicht zu vermeiden, daß einzelne, die. das Problem nur von der ihnen gerade zugekehrten Seite aus. also einseitig betrachten, zwischen sich und jenen, die es von der anderen Seite aus erfassen. Gegensätze zu spüren glauben oder sie gar künstlich konstruieren. Jede Einseitigkeit wind hier zur Gefahr, und wer darum an unserer.,’Bewegung mit Wort oddr Schrift aktiven Anteil nimmt, sollte .-sich stets bewußt bleiben.. - daß -es. vor, allem not, tut. _ hier überkrückerid und ausgleichend zu wirken.; Diejenigen, denen die Vorbereitungen für die Teilnahme der Juden an der Friedenskonferenz obgelegen haben, vermochten sich, wie offen ausgesprochen werden" kann, dieser Aufgabe nicht in befriedigender Weise zu entledigen. Die Vertreter des zionistischen Aktions-Komitees traten vor den Kongreß nur mit solchen'Forderungen, die sich ausschließlich auf Palästina bezogen. Von einer nationalen Vertretung derjenigen Interessen, mit welchen die zunächst für Palästina noch aus- $ scheidenden. Judenmassen an das Galuth geknüpft bleiben, war keine Rede. Erst als Motzk i n wegen, dieser Unterlassung auf dem Londoner Zionistenkongreß eine scharfe Debatte eröffnete, trat ein-Wandel ein und das Aktions- Komitee nahm sich nunmehr auch der Galuth^- ’ forderungen mit größerem Nachdruck an. Inzwi- . sqhen waren, wie begreiflich, die Juden - der zu- - nächst Betroffenen Länder mit jüdischen Massensiedhmngen, da sie ihre Interessen vön der zionistischen Organisation nicht ausreichend wahrgenommen sahen, dazu übergegangen. National- rate zu wählen, die nun in Paris zu einer Konferenz, zusammentraten. um ihrerseits ihre Forderungen vor' die alliierten . Mächte zu bringen. ~ Statt daß also eine umfassende Organisation beide Seiten des. jüdischen Problems gleichmäßig vertreten hätte, traten zwei von Einander imabhän- , .Ritte" Organisationen auf, von denen einejiede nur . die Lösung , eines Teilnroblenis. eine Teillösung 'erstrebte. Die Gefahr, die darin lag.^trat mit aller Deutlichkeit hervor, als auch die Orthodoxie Anspruch Verhöb,^ ihre gesonderten Forderungen in; Paris gesondert .vertreten zu dürfen. Die ortho- - . idoxe Weltkonferenz, die in Zürich tagte. beschloB , die Absendung : einer eigenen' Delegation. Zum Glück gelang es.' eine Vereinbarung zu erzielen, durch weiche-das homogene Vorgehen der Natio-; nalräts-Delegation und der Abordnung der Ortho- . doxie kesichert wurdsi. Jedenfalls aber lag darin eine deutliche Mahnung zur Vereinheitlichung aller iüdischen Instanzen i n Paris und. darum ist es ' gähz-.besönders erfreulich; daß' diese Vereinheit- ” lichüngV wie " aus obigen Meldungen ersichtliche V endlich erzfeit , worden , ist. . . .; . - Institutionen der Volksrepräsentanz gebrochen. Jede Körperschaft, die sich nicht auf den unzweideutig, bekundeten Willen - einer überwältigenden Majorität stützen konnte, mußte sich einem neuerlichen Approbierungsverfahren unterziehen. Die zionistische Organisation war bis kurz vor dem Kriege die einzige, die das nationale Judentum vertrat — aber sie vertrat nur einen kleinen Teil des jüdischen Volkes. Die Nationalräte, spontan m der Hochflut nationalistischer Gruppenbildunngen entstanden, bildeten den Ausdruck für das Bestreben, möglichst die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung. / soweit sie national sind, zusammenfassend zu vertreten. Sie stützen sich auf iene Mehrheit, die der zionistischen Organisation als solcher bisher .gefehlt hat Es ist darum erforderfleh, daß jene von den Nationalräten approbiert wird, bei uns genau so.'wie es in Paris jetzt geschehen ist. Ist dieser Akt vollzogen, so wird sich dann in gemeinschaftlicher Arbeit ergeben, welche Organisationsformen die kommende Zeit von uns fordert. Die Nationalratswahlen, die ietzt bei uns vorbereitet werden, gewinnen schon dadurch eine ganz'besondere Bedeutung. :Das Nebeneinanderbestehen von Organisationen und Körperschaften, zwischen-denen eine genaue Abgrenzung efer Kompetenz sowie der Arbeit nicht vorgenommen werden kann, hat sich bei uns als außerordentlich arbeithemmender Faktor fühlbar gemacht. Die zionistische Landespartei hat auf ihrem letzten Delegiertentag die Vereinheitlichung ihrer ' Organisation und des jüdischen Nationalvereines verlangt, die Reorganisationsarbeit auf dieser Grundlage ist bereits - -in Angriff genommen und - dürfte"iir Kür2eabgfeSChtoss$rjSe»: Aber "das Tje^ deutet , erst einen Schritt vorwärts. Der Reorganisierung der zionistischen Partei muß die Aktivierung des ' Jüdischen Nationalrates parallel gehen. Die Wahlen, deren Termin wieder hinausgeschoben wurde, müssen mit größtmöglicher Beschlei-uigung durchgeführt werden, und dam wird man daran schreiten können, aus beiden Institutionen, dem Nationalrat wie der zionistischen Landespartei, dasjenige organisatorische Instrument zu schaffen, das die Zeit erfordert Wie es im einzelnen beschaffen sein wird, mag die weitere Entwicklung lehren; vorläufig tut es not dem Nationalrat das Fundament zu geben, das er, immer noch, entbehrt. m. Die Delegation der jüdischen Nationalste über den Minpritätenschutz Wie das Kopenhagener Zionistische Bureau mitteilt. veröffentlichte die Delegation' der jüdischen Nationalräte in Paris folgende Erklärung: „Die Delegation betrachtet den vön Polen am 28. Juni unterzeichneeten Vertrag über den Schutz der Minoritäten als ein historisches Ereignis ersten Ranges. Mit diesem Vertrat gelangt ein vollständig neues Prinzipdes Schutzes nationaler Minoritäten nicht nur hinsichtlich der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung. sondern auch mit Bezug auf die religiösen, ethnischen und nationalen Eigentümlichkeiten zur Anerkennung. Wenn auch die nationale Deklaration hiedurch nicht klar genug formuliert wurde, ist doch der jüdische Organismus .tatsächlich als Minorität proklamiert worden, der man gewisse nationale Rechte einräumen muß. Dieses Resultat ist ufeit entfernt von den Forderungen, welche die .Delegation in ihrem Memorandum formuliert hat, und überdies noch weiter entfernt von.den Wünschen derjenigen Mitglieder, die noch radikalere Mandate besaßen. Aber jedenfalls ist ein Anfang von grundlegender Wichtigkeit zu. verzeichnen «nd auf der geschaffenen Basis werden die jüdischen'-Massen tatsächlich überall nationale Rechte erwerben können. Aus all diesen Gründen kamt man. damit rechnen, daß. die Judenfieiten der verschiedenen . LAnder . diese . positiven Errungenschaften anerkennen werden, deren , wichtigste, die Regelung des Schulwesens.. .die hauptsächlichste Basis nationaler Autonomie bildet Selbstverständlich WArrpn Hip Mncdan in> ollpn in ßo„ ' ' ' Diese• Entwicklung dürfte auch 'geeignet seife' unsere besonderen Landesverhältnisse in eine ähnliche 'Richtung zu drängen. ^Die revolutionäre. Zeit hat mit allen yon früher her überlieferten werden die jüdischen. Massen in allen. in. Betracht kommenden Ländern, ihre Fordernngen unei«geschrän.kt. au|recht,.e,r.halten, weil das Errungene, der Klarheit und Festigung bedarf.“. . ..; Die Aussichte« des jüdischen Volkes Das Mitglied der amerikanisch-jüdischen Delegation zu Paris. Josef Barondess. hat einem Vertreter des New-Yorker „The Day and the Warheit“ über die jüdischen Aussichten noch vor Bekanntgabe der im Firedensvertrag enthaltene: Klauseln über den Minoritätenschutz die nachstehende Information erteilt: Es sind die besten Hoffnungen und Aussichten vorhauden auf ein jüdisches Heim in Palästina und auf Erlangung nationaler und vollbürgerlicher Rechte der Juden in den Ländern, in denen ihnen dieselben noch vorenthalten sind. Ich*nabe nie so sehr wie gerade jetzt bedauert, daß wir Juden keine organisierte politische Regierung haben. Ich kann mich vom schweren Eindruck nicht befreien, den unsere Hilflosigkeit auf mich gemacht hat. Wir müssen immer noch mit unseren Bitten an den Pforten der Mächtigen pochen Die anderen Nationen reden im Namen einer Macht und treten als Macht auf. Man rechnet mit ihnen als Machtfaktor, während uns nur Umwege und Hintertüren offen stehen. Man sieht wie hilflos ein Volk ist. das noch kein eigenes Heim und kein eigenes Land besitzt. - Dennoch hat die Delegation des amerikanisch-jüdischen Kongresses unter Führung von Julia Mack und Louis M a r s h a 11 Großes geleistet und den Auftrag. den das amerikanische Judentum ihr erteilt, hat, zu erfüllen. Ich kann nur bedauern, daß Stephen W i s e Paris so früh verlassen mußte. Er ist einer der besten Freunde Wilsons und diese Freundschaft ist nicht nur eine persönliche, sondern eine politische. Wilson hat großes Zutrauen ‘ zu der Rednerkraft und moralischen Autorität Rabbiner Wise's. Die Sache des jüdischen Volkes hätte sicherlich viel gewonnen, wenn Rabbi Wise während der ganzen Dauer der Verhandlungen in Paris hätte bleiben können. Ueber die Beziehungen Wilson‘s zu den Forderungen des jüdischen Volkes, äußerte sich Barondess: Es mögen meineieigenen Worte mit- _geteilt_werdfiUi.. Wir haben 'nach nieraals^einen solchen Juden freund gehabt wie Präsident Wilson. Unter den Verdiensten Wilsou's werden mit ehernen Buchstaben seine großen Verdienste um die Zukunft und das Glück des jüdischen Volkes eingeschrieben sein. Als Wilson sich überzeugte. daß die Forderung nationaler Rechte für die Juden wenig Aussicht auf Verwirklichung habe, hat er dieselben unter dem Namen von Minderheitsrechten durchgesetzt. Dies ist nur eines der vielen Beispiele, wie Wilson sich der Juden annimmt. Bezüglich Palästinas und des zukünftigen jüdischen Heimes, antwortete Barondess: Die ‘ Zionisten haben nacheinander der Friedenskonferenz vier verschiedeneProjektevorge- Iegt: jedesmal in vollster Uebereinstimmung mit Amerika und England. Mit dem letzten Projekt sind auch'Frankreich und Italien vollständig einverstanden. Dr. Weizmann hat England gegenüber eine Rolle gespielt, die die Geschichte nur in Zukunft wird ganz würdigen können. Um dies zu verstehen, muß man wissen, daß in England angenommen wird, daß drei Juden einen Hauptanteil am englischen Siege haben, nämlich Lord Reading. Lord Samuels und Dr. Weizmann. Welzmanns Tätigkeit als Experte und Erfinder der Explosivstoffe für England gab Weizmann Gelegenheit. Einfluß auf die englischen Regierungskreise zu gewinnen und seine Tätigkeit als jüdischer Diplomat zu beginnen. Sein Erfolg war schon von Anfang an ein glänzender. Mau muß. um dies zu verstehen, nur die Hauptpunkte des letzten durch England und Amerika protegierten Projektes der jüdischen Forderungen inbezug auf Palästina in Betracht ziehen, ebenso das Prinzip, wonach die Macht, die das Mandat vom Völkerbund für die Verwaltung Palästinas erhalten wird, später das Land vollständig dem - jüdischen Volke übergeben soU. wenn die dazu nötigen Bedingungen geschaffen sein werden. Ueberhauot war es im gegenwärtigen Momente zweckmäßig und wichtig, daß wir Juden nicht so sehr die äußerliche, demonstrative Souveränität, wie die innerlichen, faktischen Bedingungen für die Aüfbauung des jüdischen Staates erhalten, und diese Bedingungen werden uns gegeben. Vor allem wird alles Eigentum der früheren türkischen Regierung, soweit es in den Grenzen des neuen Palästina liegt, dem jüdischen Volke über- - geben, welches das Land verwalten wird. Weiterhin werden die jüdischen Feiertage als Nationalfeiertage anerkannt: die hebräische Sprache als gleichberechtigte, dffizielle Sprache gemeinsam mit den Englischen und Arabischen bestimmt: alle jüdischen Schulen und Kultur-Institutionen - werden auf Kosten des Staates erhalten; und end- . ilch wird uns dre völlige Freiheit für die Ein- ■ Wanderung der Juden aller Länder gewährt“ Barondess ist der Ansicht, daß wir für Pai| unsere Wünsche in vollstem Maße durchs haben. i I i