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Jüdische Zeitung · 1919-07-11 · 28 (11.7.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Xllf. — Nr. 28. Nalional-jüdifches Organ Redaktion und Adniniatratien: Wlia II., TaborafraBe I Fernsprecher Nr. 44038 a. 43319 Mit der Beilage: „Der jfldisech Nationalfonds" WI«n, FraHag, dw II« J«H ISIS Stzsfaptela: Viertel} Ihrig 6 £ ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Poitsparkaaaenkonto 133.404 HERZLS 15. TODESTAG Zum 15. Todestag Theodor Herzis (20. Tamus— 18 Juli) veranstaltet das zionistische Landeskomitee für Deutschöstenreich folgende Feierlichkeiten: Donnerstag, den 17. Juli,4 6 Uhr abends, im Stadttempel, I„ Seitenstättengasse 2, Gedächtnisfeier. Samstag, den 19. Juli, 7 Uhr abends: Herzl- Gedenkfeler dm großen Saal der . Produktenbörse. (Eintrittskarten müssen im zionistischen Bureau rechtzeitig behoben werden.) Sonntag,' den 20. Juli. 10 Uhr vormittags, Gang zum Grab Herzis. Sammelplatz nächst der Hochschule für Bodenkultur; Formierung des Zuges >410 Uhr vormittags; . Marschopdmung wird noch verlautbart Korporationen. Verbände, die als solche geschlossen zu marschieren wünschen, wollen sich unverzüglich mit dem zionistischen Bureau ins Einvernehmen setzen. — Die Straßenbähndirekfion wurde um die entsprechende Verstärkung des Ver- .kehres auf der 40er linde für die Hinfahrt und auf der 40er und 41er Linie für die Rückfahrt ersucht Die „Jüdische Zeitung“ wird Freitag, den 18. Juli als Herzl-Gedenkmmuner erscheinen. . Zionistisches Landeskomitee 4 für Deutschösierreicb. -Konfessionsf üdentum „Das Judentum ist keine Nation, sondern eine Konfession“: oder noch schöner: „Das .Band-, das die Juden der ganzen Welt verbindet, ist kein nationales, sondern ein konfessionelles.“ Diese Erklärung konnte man in den letzten Monaten in allen mögliche« Variationen in allen Ländern immer wieder hören. Sie wurde immer dann abgegeben, wenn es sich darum handelte, daß dem jüdischen Volk seine Rechte, die ihm auf Grund einer zweitausend Jahre alten, sich immer erneuernden Ungerechtigkeit vorenthalten wurden, gegeben werden sollten, und wenn im entscheidenden -Augenblick die vom Vertrauen des Volkes getragenen Führer vor der Welt und den Völkern ihre Forderungen erhoben. Diese Erklärung stammt nicht etwa von Judenfeinden, die einen bequemen Vorwand suchen, um die jüdischen Forderungen abzuweisen: vielmehr ist sie ein Produkt von Juden, jener Juden, die zwar aus einer gewissen . Pietät oder Stimmung den ererbten Zusammenhang mit dem Judentum, soweit er sie in ihrer persönlichen Ruhe nicht allzu sehn stört und nicht zu große Anforderungen an sie stellt, bestehen - lassen, inrübrigen aber der jüdischen Wirklichkeit völlig entfremdet sind. Diese Juden fürchten, daß sie durch die Erfüllung des jüdischen Nationalismus, der eine grundsätzliche Aenderung in der -Lage der Juden bewirkt, aus dem bewährten Gleichgewicht ihrer Existenz und noch mehr aus ihren4 erstarrten Denkgewohnheiten gerissen werden sollen. Es ist der Widerstand der Trägheit . gegen die lebendige Aktivität, der sich immer wieder geltend macht. Aber diese Erklärung ist nicht nur eine Tücke, sondern auch eine Unehrlichkeit. Sie ist nicht nur eine Abwehr gegen die -nationalen Bestrebungen, sondern.sie hat auch, - was selten-beachtet wird, einen positiven Inhalt. Da* diese Menschen im Namen des Judentums sprechen, so müssen sie diesem Judentum auch % einen Namen geben. Und da haben sie, wahrscheinlich auch wieder ohne sich viel dabei zu denken, die Bezeichnung als Konfession bereit. DierProtestjuden erklären nicht, daß-sie mit dem Judentum nichts zu tun haben wollen; viel- . mehr geben sie gleichzeitig mit ihrer Ablehnung ein Bekenntnis zum Judentum.- Schwächlich 'und 1 unbewußt, und erleichtert dadurch, daß der fremde Klang des zur Phrase gewordenen Wortes „Konfession“ vergessen macht, daß Konfession zu deutsch „Bekenntnis“ bedeutet. Judentum als Konfession wäre Judentum aus Bekenntnis. Bekenntnis bedeutet die verantwortlichste Handlung eines sittlichen Individuums. In der gebräuchlichen Terminologie ist damit das Bekennen Gottes in der Form eines bestimmten religiösen Erlebens gemeint. Juden, die das konfessionelle Band verbindet. wären also Juden, welche aus tiefster Verbundenheit mit der jüdischen Religion, aus tiefster Ergriffenheit von dem Gott der Juden, .vor der Welt das Bekenntnis ablegen. das der Spiegel ihres inneren.Seins ist. Wäre dies der Fall, man müßte sich vor der Ueberzeugung der > Konfessionsiuden beugen.* In Wahrheit aber wird mit dem Worte Konfession -.der frivolste Mißbrauch getrieben. Schon daß diese Menschen gegen eine Erfüllung dermenschlichen und nationalen Bedürfnisse des jüdischen Volkes Stellung nehmen, beweist, daß sie vom Jüdischen Gott gründlich verlassen sind. Aber darüber hinaus zeigen sie auch ganz unumwunden in ihrer ganzen Lebensführung, daß ihnen Religion Nebensache ist. daß ihnen das Judentum nicht Religion, sondern ein Rudiment umgedeuteter nationaler Lebensformen und eine blasse Erinnerung an eine unlebendige Tradition ist. Gerade von den schlechtesten und entartetsten Merkmalen jüdischer Eigenart, von den Produkten der Knechtschaft und des Ghetto können sie sich am schwersten trennen.. Und mit der Religion treiben sie offenkundige« Schwindel. Die Konfessionsiuden sind 'es. die nian zu Weihnachten unterm Christbaum sitzen sehen kann, sie sind es. die am liebsten, Bräuche und Worte aus der christlichen Re- ’neeltuiBrenffwieerhöht fühleni Von den Vorschriften der jüdischen religiösen Tradition halten sie-gar «nichts und finden sich höchstens mit ein paar: wenig anstrengenden Tempelbesuchen und vielleicht mit-ein paar Spenden ab. Nicht die jüdische Nation, von der sie sich lossageri. wird durch ihre Erklärung beleidigt, sondern die jüdische Konfession, die’ sie für sich in Anspruch nehmen. - Gerade die letzte Zeit Ist besonders geeignet, zu zeigen, wie ernst es dieser Art Juden mit ihrem Bekenntnis ist. Man kann von Ihnen immer wieder die Drohung kören (und erschreckte Gemüter geben sie als Befürchtung weiter), daß. wenn die jüdischnationalen Forderungen erfüllt werden sollten, wenn also die Juden endlich wieder eine Heimstätte in ihrem uralten Heimätlande und nationale Lebensmöglichkeiten inihren Wohnländern bekommen sollten -4 ein Massenaustritt aus dem Judentum die Folge sein. wird. Die Juden, die das konfessionelle Band: an das Judentum bindet, wollen austreten. Aus der Jüdischen Nation? Nein, aus der jüdischen Konfession. Aus einer Nation kann man nicht anstreten. Man kann, im politischen Sinn, wo es sich um Konstituierung politischer Einheiten handelt.- eine Falschmeldung begehen und sich zu einer ^anderen Nation bekennen: Nation ist eine Tatsache, und man kann sie verschleiern, wie es ia auch Leute gibt, die der Steuerbehörde ihr Einkommen nicht wahrheitsgemäß mitteilen. Aber Konfession, das Bekenntnis zu einer religiösen-Ueberzeugung. erst feierlich ablegen und im nächsten Augenblick aus äußeren oder politischen Gründen verleugnen, das ist eine Preisgabe des eigenen Ich._die sittliche Kapitulation. Ein Nationaljude, der niemals behauptet hat. religiös zu sein, oder dem die heuti- ..gen Formen religiöser Gemeinschaft nicht passen, könnte, theoretisch, aus der jüdischen Religionsgemeinschaft äustreten, ohne dadurch eine Inkonsequenz zu begehen: obwohl. gerade in unserer heutigen Zeit, angesichts der abnormalen Situation des jüdischen Volkes und der gesteigerten Verantwortlichkeit jedes einzelnen efn solcher Fall sehr unwahrscheinlich ist. Trotzdem könnte ein solcher Mensch auch weiter vorn ganzen Herzen Jude bleiben. Aber der.Konfessionsiude. der ia in den meisten Fällen, nicht nur pustritt, sondern auch Übertritt — denn dies erst fördert 5a .seine eigentlichen Zwecke—beweist,-daß er vorher gelogen hat und" jetzt wieder lügt Sein Verrat gegen das jüdische Volk war schon vor der Taufe begangen. Mit der Taufe wird nur noch der kleine Verrat an Gott vollzogen. Damm ist die Drohung mit dem Massenaustritt keine so fürchterliche. Uns kann gewiß nicht der Vorwurf treffen, daß wir die Sache nicht ernst nehmen. Wir wissen, wie wichtig es ist. gerade in dieser kritischen Zeit dem Judentum alle wertvollen Kräfte, auch die noch latenten und noch nicht geweckten, auch die Möglichkeiten kommender Generationen, zu erhalten. Wir hoffen, daß naclT der Bereitung des Weges für die volle Entfaltung der Volkskräfte die geistige und sittliche Macht des jüdischen Lebens so stark sein wird, daß sie selbst Menschen, die ohne ihre Schuld vorübergehend den Zusammenhang mit dem Judentum, das ist den Zusammenhang mit sich selbst, verloren haben, wieder an sich zu ziehen. Aber die Gestalt, in der uns heute das austrittsfreudige Konfessionsiudentum gegenübertritt, ist nicht danach angetan. Bedenken stark werden zu lassen. Das iüdisefre Volk steht in der Entscheidung und es kann, so sehr vielleicht noch über Einzelheiten der Methode Meinungsverschiedenheiten bestehen können, keinen anderen Weg gehen, als den der nationalen Auferstehung. Seit ie war es der Sinn der iüdischnationaien Bewegung. dem Judentum wieder Charakter zu geben. Das Schwanken und Schielen hat unser moralisches Rückgrat unterwühlt: heute Konfession beteuern und morgen sie hiifimwerfen bereit sein, keine Verpflichtung und keine Verantwortung kennen und nichts wollen als die Ungestörtheit des persönlichen Lebensganges, das sind Symptome einer Fäulnis, die wir, die das jüdische Volk auch noch in seinen Schacherern undL.Betr.ügemr über alles lieben, nur mit tiefstem. Schmerz' ais furchtbare Krankheit unseres Volkes feststellen können. Dante schildert in seiner Höllenfahrt die Begegnung mit einer Schar von Gestraften, die er nicht erkennen konnte, weil s‘e kein Gesiebt hatten: sein Führer klärt ihn auf: die Menschen, die ihr eigenes Ich verraten haben. Das jüdische Volk ist bisher durch die Menschen ohne Gesicht repräsentiert worden. Die jüdischnationale Bewegung, die die Erneuerung des Judentums bedeutet, muß das jüdische Ich, das jüdische Gesicht, den jüdischen Charakter wieder hersteilen. - Die Nationalrats -Wahlen Der Jüdische Nationalrat ist bereits in seiner provisorischen Zusammensetzung die zentrale Instanz des jüdischen Volkes in Deutschösterreich geworden. Er ist die Vertretung des ganzen Volkes, aller der Juden, die sich zum jüdischen. Volk rechnen. Von diesen Juden soll der Nationalrat jetzt auf Grund des demokratisehesteii Wahlrechtes, das überhaupt denkbar ist, neu gewählt werden. Eine solche Kundgebung des jüdischen Volkes, das sich aus freiem Entschluß ein eigenes Organ seines Willens schafft, ist in unserem politischen Leben eine neue Erscheinung. Die Wahlen müssen daher entsprechend vorbereitet werden und es sind umfangreichere Vorarbeiten technisch-organisatorischer Natur erforderlich, als es zuerst den Anschein hatte. Der provisorische Nationalrat, der zunächst einmal die Wählerlisten zusammenstellen muß und zur Anmeldung für die Eintragung in die Listen ursprünglich die F r i s t b i s 30. J u n i festgesetzt hatte, sah sich daher genötigt. diese-Frist einstweilen zu verlängern, damit das Material aufgearbeitet werden kann. Es ist die Pflicht aller Nationaljuden, sich mit Eifer und Begeisterung in den Dienst dfeser Sache zu stellen und dem Bureau des Nationalrates bei der Beschattung des Adressenmaterials und Zusammenstellung der Listen behilflich zu sein. Jeder einzelne muß wissen, um welche bedeutungsvolle Tatsache des jüdischen Lebens es hier geht. Viele Juden meiden sich nicht selbst und müssen angegangen werden, viele sind noch nicht genügend aufgeklärt und wissen nicht, worum es sich handelt. Es muß daher jeder in seinem Bekanntenkreis aufklärend wirken und auch dem Bureau des Nationalrates (Taborstraße 20 a) sich zur Werbearbeit zur Verfügung stellen. Wer es unterläßt, sich in die Listen eintragen zu lassen, verrichtet auf sein vornehmstes und wichtigstes jüdisches Recht: mitzubestimmen über Schicksal und Zukunft des jüdischen Volkes in Dentschösterreich. Die nächsten Wochen sind daher zu intensiver Arbeit auszunützen. Wer noch nicht angemeldet ist, besorge es schleunigst. 4»

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