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Jüdische Zeitung · 1919-07-04 · 27 (4.7.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Administration: Wien II., TaborstraSe I - Fernapraeber Nr. 44038 u. 43319 XIII. Jahrgang /]/* * Naiional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds*1 ■ton, FraHagf. iw 4> Juli ISIS Baaaiafrala: Vierteljährig 6 Ä ganzj. 24 K, Einaelnnrnmer 60 k Posuparitassenkonto 133.404 Der. Aufbau bes Landes Israel Von Adolf, Böhm. „In Dr. Arthur R u p p i n hat die zionistische Organisation den provrölentieUen Mann für die Leitung der zionistischen Palästina-Kolonisation gefunden“. Mit diesen Worten begrüßte die „Jüdische Zeitung“ schon im Jahre 1918. als Runuin die Leitung des Palästina-Amtes übernahm und die praktische Tätigkeit der zionistischen Organisation inaugurierte, seine Berufung. Seine Arbeit seither hat diese Begrüßung voll gerechtfertigt. Keinen Berufeneren kann es deshalb geben, heute, wo der Zionismus freie Bahn erhält, seine Ideen voll zu verwirklichen, den Plan dafür zu entwerfen. Er tut dies in seinem soeben, erschienenen Werk: „Der Aufbau des Landes Israel“.*) Man schlägt es auf und all der Nebel, der aus uferlosen Debatten und verantwortungsloser Projektenmacherei aufgestiegen war und uns den Ausblick für das zu erreichen mögliche und für das Tun notwendige genommen hatte, zerreißt. Wir stehen auf festem Boden, in durchsichtiger Atmosphäre und sehen klar. Das Buch zeigt all Jene Vorzüge, die wir an Ruppin stets bewundert hatten. Der strenge Wissenschaftler und zugleich eminente Praktiker, der wie kein Zweiter die gesamte Materie beherrscht ist zugleich der Mann des klarsten kritischsten Urteils und der-schöpferische Geist, der die festen Plane -für die Zukunft entwirft. Und durch diese meisterhafte Knappheit und anscheinend; musterhafte Sachlichkeit seines Stils hinsdiiriffi xuchtajrian - das . 'zfi^ückgehaltenö> -warme ' Empnöden^Hr ^e Jüdischen' Ideale.:; Wer näher hinhorcht dem enthüllt es sich, daß; diesem hervorragenden Manne die innere Zucht des westeuropäischen Menschen es. verwehrt sich in sein Herz blicken zu lassen. Wer aber deshalb Ruppin als trockenen Kopfmenschen, oder, wie es - geschehen.; als „Preußen“ ansehen wollte, der würde sehr irren. Der Motor'äll seines Tuns und Denkens Ist eip Idealismus, der nicht geringer ist. als der Jener Zionisten, „die ihn in glühenden Worten zum Ausdruck bringen können. Das Buch Ruppins kann ‘ man nicht „besprechen“. Eine Arbeit, in der ein vollkommenes System für den Aufbau dos Judenlandcs auf Orund des Wissens und der Erfahrung dlesjemgen, der auch bisher der Führer der zionistischen Arbeit war. gegeben wird, will studiert sein. Nur auf einige strittige Punkte soll hier hingewiesen werden. ln Bezug auf die Kapazität Palästinas lehnt Ruppin. die Konstruktionen Baliods ab. Dieser operiert mit gegebenen Flächen ohne zu beachten, daß die besten Böden in festen Händen sind, er' rechnet ferner nicht mit der Eigenart Palästinas und derjenigen der Juden, er schältet zudem den Begriff der Zeit völlig aus seinen Berechnungen aus usw. Bezüglich der Industrien weist Ruppin gegenüber übertriebenen Erwartungen darauf hin. daß vor allem iene Aussicht haben, welche auf Verarbeitung der Landesprodukte basieren, ferner solche, die Baumaterialien und kleinere Maschinen für den Landbedarf erzeugen und jene, in welchen die Juden Osteuropas heimisch sind, vor allem -die Konfektionsindustrie, mit der aber das Schwitzsysteni nicht notwendig verbunden sein muß. Auch gewisse Exportindustrien seien mög-. lieh, ihre Konkurrenzfähigkeit müsse sich aber erst erweisen. Auf jeden Fall muß aus ökonomischen, sozialen und nationalen Gründen die Landwirtschaft die Hauptbasis der . Kolonisation bilden. Selbst wenn man die Zahl der in der Industrie Tätigen mit nur 30 Prozent annehmen würde, so wäre das schon mehr, als z. B. in Oesterreich und Italien. Die Landwirtschaft wird vor allem Pflanzungsbau sein müssen. in bezug .auf die - Nationalisierung des Bodens nimmt Ruppin einen Standpunkt ein. der von dem der bisherigen Zionistentägmigen abweicht. Er’will aus einer Reihe von Gründen,.namentlich, . um bemittelten Schichten ein gewisses Aequivalent für das-Risiko des; Uebersiedeins ln der Grund* *) Jüdischer Verlag Berlin, wertiteigerung zu jjewäfhren, such Privaterwerb von Boden gestatten, falls sich die Eigner verpflichten. ihn spätestens nach 25 Jahren an den Nationalfond zu veräußern und von ihm sodann in Erbpacht zn nehmen. Obzwar hiedurch eine gewisse Garantie dafür geboten erscheint, daß der private Erwerb von Boden nicht zu sozialen Mißständen führen wird, ist doch, nicht anzunehmen. daß die zionistische Organisation das Prinzip der restlosen Nationalisierung des Bodens vom Anfang an in dieser Weise modifizieren wird. Bezüglich der Sozialisierung macht Ruppin geltend. daß diese vorläufig nur wenige große Unternehmungen. wie z. B. die Verkehrsmittel, umfassen könnte. Dort, wo die persönliche Tüchtigkeit des Unternehmers noch eine große Rolle spielt. In den kleineren und. mittleren Betrieben, die ja erst zu gründen sind, kann sie nicht ln Frage kommen. Im übrigen plaldiert Ruppin für dte weitestgehenden sozialpolitischen Einrichtungen. Das Verlangen.' daß es nnr selbstarbeitende Landwirte geben soll, weist er ab. weil dann zahlreiche ältere Elemente, auf deren Kapital. Erfahrung und Organisationsgabe nicht verzichtet werden kann, ausgeschlossen bleiben mußten. — Eine Autarkie der Wirtschaft Palästinas sei schon deshalb nicht möglich, da zahlreiche Rohstoffe. Maschinen usw. importiert werden müssen, die man nur mit zn exportierenden Produkten bezahlen könne. Eingehend behandelt Ruppin die Organisation der Arbeit. Er schlägt die-Bildung eines allweltlichen iüdischen Nationalrates vor. gewählt durch den jüdischen. Weltkongreße Die Hälfte seiner Mit- L Rltedep müssen.-in I^lä§tlna^»^BÄ*ft}sein.;Znr.'Vereinheitlichung der Arbeit soll ein Rat der Leiter sämtlicher großer. Institutionen geschaffen werden. Ein oberster Rat der Juden Palästinas hätte die autonome Verwaltung zn führen. - ... Nach Maßgabe der ihn* von außen zufließenden Mittel soll in ihm der Jüdische Nationalrat Einfluß besitzen.; Zur finanziellen Durchführung der Kolonisation schafft dieser die zentrale, jüdische Paläslina-Kolonisatlonsgesellschaft die Tochtergesellschaften für die einzelnen Tätigkeitszweige gründet (Hypotheken-, Bau-. Genossenschäfts-. Bodenkaufusw. Institute und Banken). Das Kapital, das erforderlich Ist. berechnet Ruppin annäherungsweise mit 651 Millionen Francs für das erste Jahrzehnt und ca. 2 Milliarden für das zweite und dritte. Die Aufbringung des Geldes werde zweifellos durch Zeichnungen möglich sein. Eine Nationalänleihe empfiehlt er nicht weil diese nur von dem jüdischen Gemeinwesen in Palästina aufgeuommen werden könnte, das gerade im Anfang noch nicht kreditfähig ist und auch keine feste Verzinsung garantieren könnte. Im Grunde scheint es aber, daß es kein großer Unterschied Ist, wenn statt der Nationalanleihe Anteilscheine für die KoIonisationsgeseUschaft zur Zeichnung aufgelegt werden, wie Ruppin es vorschlägt Dieser Kapitalbedarf ist berechnet für eine -Siedlung, die in den ersten 10 Jahren umfassen würde: 5000 Pflanzer (100 Achusoth mit je 5000 Mitgliedern) ebensoviel Häusler, die bei den Pflanzern arbeiten würden. 5000 Getreidebauern und. 5000 Kleinsiedler d. s. 20.000 in 10 Jahren, mit Familie 100.000. Die nichtlandwirtschaftlichen Berufe sind mit einer gleichgroßen Zahl eingesetzt dazu kämen die bei Exportindustrien, öffentlichen Arbeiten Beschäftigten, sowie Rentner usw. Am Ende des ersten Jahrzehnt wären dies insgesamt 300.000 bis 400.000 Menschen. Im zweiten Jahrzehnt könnte diese Zahl verdoppelt im dritten verdreifacht. werden. Nach dreißig Jahren wäre die Zahl der Juden in Palästina auf etwa 2 Milli», nen gebracht In seinen Ansätzen rechnet Ruppin damit daß sich der. Geldwert in absehbarer Zeit auf den . Friedensstand heben wird. Die einzelnen Ziffern sind auf Grund der bisherigen Erfahrungen ln Palästina eingestellt Mit anderen Möglichkeiten, wie sie. von verschiedenen Seiten auf Grirad von anderwärts erzielten Resultaten verzeichnet werden.; kann derzeit noch nicht kalkuliert werden, soll eine wirklich praktisch brauchbare Basis gewonnen werden. Sollte es sich bewahrheiten, daß die Kosten infolge verschiedener Umstände weitestgehende Intensivierung bei Verkleinerung der Bodenfläche, höheren Rentabilitäten usw. niedriger sein werden, resp. daß um den vorerwähnten Betrag mehr Ansiedler angesetzt werden könnten, dann umso besser, jedenfalls wäre es ein Fehler, den Boden der Erfahrungen schon bei Voranschlägen zu verlassen. - Niemand kann die wirtschaftliche Entwicklung bei einem derartigen beispiellosen Neubau Vorhersagen. Je weiter hinaus die Berechnungen vorgenommen werden, desto unsicherer ist der Boden, auf dem man sich bewegt Ruppin selbst macht deshalb alle Vorbehalte. Es ist ja klar, daß 4« Situation nach ein paar Jahren Kolonisation nach einem großzügigen System eine völlig andere sein wird, als heute und daß man auch ganz andere Erfahrungen gemacht haben wird, als bei der bisherigen unter total verschiedenen Umständen erfolgten Siedlungsarbeit. Jedenfalls wird die Berechnung der Ansiedlungszahl mit zwei Millionen nach 30 Jahren von den Anhängern Trietsch' als eine „minimalistische“ angesehen werden. Wer aber irgendwie einmal praktisch gearbeitet hat wer weiß, was es heißt Pläne in Taten umzusetzen, dem werden angesichts der vorliegenden Schwierigkeiten, die au» der Geschichte unserer Kolonisation genugsam bekannt sind, die Ziffern Ruppins als im höchsten Grade beruhigende erscheinen. Wenn diese? streng sachliche; mit höchstem Verantwortlichkeitsgefühl sich äußernde Mann eine Siedlung von 2 Millionen Juden in Palästina in einer Generation -für.- möglich hältdann braucht uns nicht bange zu sein. Ich gestehe, daß Ich trotz der verlockenden Ziffern von Ballod tmd Trietsch dieienigen Ruppins nur dann für erreichbar halte; wenn alles günstig verläuft und keine besonderen Zwischenfälle sich ereignen. Solche hemmende Momente könnten sein: daß die Auseinandersetzung mit den Arabern trotz unseres Bestrebens, ihnen selbst durch unsere Kolonisation zu nie geahntem Aufstieg zu verhelfen, auf große Widerstände stoßen würden, daß die jüdische Arbeiterschaft trotz der weitestgehenden sozialen Maßnahmen, wie sie auch Ruppin plant In einen extremen Dogmatismus verfiele, der das Ineinandergreifen des äußerst komplizierten Triebwerkes des Kolonisationsapparates störte und den Zufluß von Kapital hinderte, oder daß nichtiüdische Interessenten in zu großer Zahl für di® Entwicklung der Möglichkeiten Palästinas fänden, deren Anlagen unserer Einflußsphäre entrückt wären, ferner daß etwaige Widerstände aus mächtigen Kreisen der christlich Gläubigen, unterstützt . durch Regierungen sich geltend machten usw. Niemand von uns darf sich der Täuschung hingeben, daß die Umsetzung unserer Pläne ln die Wirklichkeit in ökonomischer, sozialer und politischer Beziehung sich so leicht vollziehen werden, wie man das am Papier ausrechnen kann. Nur innerhalb eines Volkes, da» durch zwei Jahrtausende nicht selbst bandelnd und unter eigener Verantwortung praktische Staatspolitik treiben konnte, ist es möglich, sich solchen Phantasien hinzugeben. Ich denke aber, daß es nicht die Aufgabe der Führenden seinkann, den übertriebensten und grundlosesten Optimismus zu nähren, sondern sie müssen mit zäher Beharrlichkeit darauf verweisen, daß wir nur das Bestmögliche erreichen können und diese» Ziel klar — d. h. mit Berechnung aller erfaßbaren Faktoren — Im Auge, werden sie mit Geduld und Ausdauer allen Hemmnissen und unvermeidbaren Rückschlägen mit ihrem begründeten Optimismus begegnen. Mit einem glänzenden Ausdruck bezeichnet Ruppin die weitgespannten . Pläne Baliods als „im luftleeren Raum“ entworfen, (Lh. ohne Berücksichtigung der konkreten Gegebenheiten und Schwierigkeiten. Unter diesen ist bei den heutigen Verhältnissen die soziale Unruhe der Welt eine der hauptsächlichsten. Ruppin legt dar, wie er sich die Mithilfe der Gemeinschaft, insbesondere iene des Nationalfonds, zu der Ermöglichungwirtschaftlichen Aufstieges des iüdischen Arbeiters

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