Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 25 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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iNaiionai'juaifches urgao Bedaktion and Admmi.tration: Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wlea ll., TaborstraBe. I _ Femapracher Nr. 44038 1.. 43319 m.„, Freitag, 4» 20. Juni 1918 Bezog «preis: Vierteljährig 6 Ä ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h PoBtaparfcaaaenkonto 133.404 liDJüHienDeiitüttis! Versäumet nicht, Euch in die Liste der Wähler zum jüdischen Nationalrat eintragen zu lassen! Wer nicht wählt, begibt sich des Rechtes, das Schicksal des jüdischen Volkes Deutschösterreichs mitzubestimmen! Wahlberechtigt ist Jeder in Deutschösterreich wohnhafte Jude ohne Unterschied des Geschlechts, der das 20.Lebensjahr erreicht hat und sich zum jüdischen Volk bekennt. Anmeldungen im Bureau des provisorischen Nationalrates, Wien, II. Taborstr. 20a. Die Frist zur Anmeldung endet am 30. Juni! Werbet für die Eintragung, damit möglichst viele Juden ihr wichtigstes Recht ausüben! Zu Hause y Das.Wort, : das Theodor Herzl -. auf-dein ersten Zionistenkonureß sprach. Ist heute in Erfüllung gegangen: Wir sind nach Hause gegangen. Das jüdische Volk, das so lange von Ort zu Ort und von Haus zu Haus gewandert ist. das alle Gestalten . anzunehmen im Kampf ums'Dasein stets bereit war, ist endlich bei sich selbst eingekehrt. Es hat sich auf sich selbst besonnen,, sein Volkstum wiedergefunden, als unveräußerliches Gut. In dem furchtbaren Zuckungen dieser Kriegsjahre ist die heilsame psychologische Krise für uns gekommen. Wir haben alle falschen Masken von uns geworfen, allem falschen Tand und aller falschen Macht entsagt und stehen heute nicht ärmer, nein, reicher und stärker da als je: einsam und auf uns selbst gestellt, wissen wir, daß wir nicht mehr, aber auch nicht weniger sind als was wir selber durch unser Wesen und unsere Kraft zu sein vermögen-. Die überwältigende Mehrheit der Juden tut heute' das Selbstverständliche: sie steht zun jüdischen Volke.- # 1 * Der Prozeß der Nationalisierung der Juden zeigt sich ,am deutlichsten in ihrer politischen . Haltung. Das politische Bekenntnis ist gewissermaßen die erste Etappe auf dem Heimwege zum jüdischen Volk. Der Krieg und seine Folgen haben überalf die Freiheit der politischen Betätigung erweitert und neue Möglichkeiten und neue Formen der politischen Bewegung eröffnet Es hat . sich gezeigt, daß die Judenschaft bereits in höherem Grade zur Selbstbestimmung reif war, als es einem . oberflächlichen Beobachter geschienen haben mochte.v. In ■ allen neuentstandenen Staaten, hatten bei den - allgemeinen Wahlen die Juden sich zum jüdischen Volk bekannt und es abgelehnt, sich weiterhin für Zwecke anderer Völker mißbrauchen zu lassen. In Wien haben die Juden durch ihre Stellungnahme deutlich erwiesen, daß sie die Politik ihrer früheren Führer, die sie in fremde Lager iührten, verurteilen und ihr Vertrauen .nur den Männern der jüdischnationalen Partei schenken. Ebenso sind in Polen die Assiinilanten aus allen öffentlichen Vertretungskörpern spurlos verschwunden und die jüdischnationalen Parteien haben ihr Erbe abgetreten. Aehnlich ist es auch fn den anderen Landem und riiit besonderer Deutlichkeit zeigte,. sich dieses Fortschreiten der Nationalisierung 'bei den - eben' beendeten Gemeinderätswahlen in dertschecho-' slowakischen Republik* Die , Haltung * der tschecho-slowakischen Juden ist besonders bemerkenswert. Denn nirgends waren die Juden bisher so sehr in fremdnationaler Politik befangen wie in , Böhmen und Mähren. Das klassische Land der Nationalitätenkämpfe verstrickte die Juden immer wieder in den Streit der Nationen und gerade weil es Kampfpositionen zu verteidigen galt, haben diese Assimilanten' im deutschen und tschechischen Lager ihr Deutschtum oder Tschechentum mit besonderer Vehemenz betont; sie waren stets, um ja nicht in nationaler Hinsicht angezweifeit zu werden, radikaler und nationaler als das betreffende Volk selber. Dieser traurige Chauvinismus hat nicht nur dazu beigetragen, den unseligen Völkerzwist zu mehren, sondern er hat auch den Juden selbst zum größten Schaden gereicht, da sie als die ärgsten Schreier natürlich auch von der gegnerischen Nation die ärgsten Hiebe bekamen, die dann leider nicht nur auf. die Leute beschränkt blieben, welche sie wirklich verdient hatten. Außerdem führt diese unhaltbare Stellung dazu, daß sich die Völker zwar die Hilfe der von ihnen verachteten,- ihr eigenes Volk charakterlos verleugnenden Juden gefallen ließen, nachher aber ihnen gewöhnlich unzweideutig ihr „Kann geh’n“ zu verstehen gaben. So wurde das Judentum zum politischen Handlangertum degradiert und jeder Würde -entkleidet: Um so bedeutungsvoller ist es, daß das Judentum in der Tschecho-SIowakei sich nunmehr von diesen Politik abgewendet hat. Zwar gibt es auch jetzt noch hartnäckige Assimilanten, von denen einzelne dumm und frivol genug waren, sich mit ausgesprochenen Antisemiten zu- , jsarnmen auf . eine deutschnationale Liste stellen ‘Trt^iässerif -Atter . die übefwalfigtSide' Mehrheit der tschecho-slowakischen Juden hat vergangenen Sonntag jüdischnational gewählt. Es gibt Städte, in welchen nahezu die gesamte jüdische Wählerschaft geschlossen für die jüdische Liste ein trat In Leitmeritz z. B. erhielt unser Gg. Er. Emil Margulies alle jüdischen Stimmen bis auf fünf. Aehnlich war es in anderen Städten, die bisher assimilatorisch waren. Prag und Brünn, die beiden berühmten Hochburgen der Assimilation, haben eine beträchtliche Anzahl jüdischnationaler Kandidaten durchgebracht Etwa 60 Prozent aller Juden stimmten jüdischnatianal. Dieser Umstand ist um so bedeutungsvoller, als dadurch der jüdische Nationalrat In die Lage versetzt wird, mit weit größerem Nachdruck als bisher die Interessen der Juden zu vertreten und auch den Anspruch auf eine Vertretung in der.bisher nicht gewählten, sondern berufenen tschechischen Nationalversammlung dargetan hat Aber am wichtigsten ist die Erfahrung vom Sonntag für die tschecho-slowakischen Juden selbst, welche nun-, mehr durch ihr politisches Bekenntnis; auch die Verantwortung für ihr ferneres Schicksal übernorinnen haben. Das gleiche Bild sehen wir in allen Ländern: Die Juden finden zum eigenen Volke zurück. Dieser Vorgang trägt auch wesentlich dazu bei, die einzelnen jüdischen Volkssplitter einander anzunähern. Die Einheit des jüdischen Volkes wird hergestellt und das Band, das die einzelnen Giieder aneinanderbindet, wird noch verstärkt durch die gemeinsame Beziehung zu dem entstehenden Mittelpunkt des jüdischen Lebens: Dem jüdischen Gemeinwesen In'Palästina Wir haben gelernt und sind nach Hause gegangen, sagte Herzl; aber zu Hause gehen uns erst die Augen auf, wir schauen uns um und sehen, wieviel bei uns zu Hause schlecht ist und wieviel der Aenderung bedarf. Wenn wir uns einmal auf uns selbst besonnen haben, so fühlen wir die ganze Verantwortung für alles, was ln unserem Hause vorgeht Dies ist das zweite Stadium des Prozesses der Nationalisierung. Meute, nachdem die Schlacht gegen die Assimilation endgültig zu unseren Gunsten entschieden ist und wir fürder von diesem Feind keinen-Angriff mehr fürchten müssen, höchstens noch -kleine Nachhutgefechtei heute sollen .wir ünsnicht mit Siegesfeiern - begnügen, sondern müssen daran gehen, den Ausbau der Organisation des Judentums, den Umbau seiner morschen Institutionen, die Lebendigmachung der durch Ideenlosigkeit und materialistische Zweckhaftigkeit entarteten Gemeinschaft, die Erziehung der Jugend und des Volkes aus eigener Kraft durchzuführen. Wir müssen die Verwaltung schaffen, die unser nationaler Organismus braucht Wir müssen uns zu Hause sd einrichten, daß wir anständig und aufrecht leben können. Durch die Erteilung nationaler Rechte, die im Friedensvertrag vorgesehen ist/ wird unsere Verpflichtung noch erhöht. In allen neuen Staaten gibt es nur ein Organ, welches geeignet ist, zur Zentralstelle des jüdischen Lebens entwickelt zu werden: Das sind die jüdischen Nationalräte. Die Juden, welche Im politischen Kampf das Bekenntnis zum jüdischen Volk abgelegt haben, müssen sich dessen bewußt sein, daßes dabei nicht sein Bewenden haben kann. Sie sind nach Hause gegangen, nicht um zu feiern, sondern um zu schaffen. An ihnen allen liegt es jetzt, mit allen Kräften daran zu arbeiten, daß der jüdische Organismus zu blühendem Leben gebracht wird. Die Reorganisation der Partei Von Heinrich Margulies. 3. Kulturpolitik. Kulturpolitik treiben, heißt Erziehungspolitik treiben. Ziel der Kulturpolitik ist es. eine bestimmte Menschengruppe zu einer bestimmten Eigenart hinzuerziehen oder aber diese Eigenart, soweit süe schon vorhanden ist. auszubauen. Soweit es sich um nationale Kulturpolitik handelt, kann man deren Ziel so formulieren: sie will eine . bestimmte nationale "Gruppe zu einer bestimmten, nämlich der nationalen Eigenart erziehen, bezw. man will deren bereits vorhandene" nationale Eigenart unter dem Gesichtspunkte eines bestimmten Zieles ausgestaltcn. Es ist nun zji unterscheiden. inwieweit hierbei das Nationale“ tatsächlich in den Vordergrund geschoben wird. Dort wo die nationale Eigenart bereits gewährleastet ist und sich frei entfalten kann, zum Beispiel in einem wirtschaftlich, politisch und kulturell gesicherten nationalen Einheitsstaat wie es bis vor kurzem Deutschland war. wird das Nationale recht mehr so sehr als Aufgabe, sondern bereits als Voraussetzung betrachtet, auf welcher aufbauend man die Kulturpolitik den "allgemeinen menschlichen, in einem gewissen Sfnne bereits übernationalen Dingen zuführt. Ganz anders aber verhält es sich dort wo die betreffende nationale Gruppe selbst erst im Erwachen begriffen ist. wo von einer festgefügten nationalen Kultur noch nicht gesprochen werden kann, wo die eigene Sprache, die eigene Literatur, die eigene Geschichte mit all ihTen kulturbildenden Schätzen dem Bewußtsein der betreffenden. Gruppe verloren gegangen sind. Dort kann Kulturpolitik nur gedacht werden als geistiger, als kultureller Kampf um die eigene nationale Eigenart als krasser Gegensatz zur kulturellen Umwelt. Dort kommt alles darauf an. und für lange Zeit hinaus so radikal wie nur möglich, die Gegensätze zwischen der Gruppe und ihrer Umgebung zum Bewußtsein bringen-und einzuhämme>m und daß man durch Herstellung eines innigen Kontaktes ■ mit den aufgezählten Kulturgütern (Sprache. Literatur. Geschichte) das nationale Bewußtsein, d. h. das Bewußtsein der Eigenart des Andersseins erwecken. Nur so wird es möglich, sein, jenen übermächtigen Einflüssen der Assänüfaäon ein Gegengewicht zu bieten, deren mit eherner soziologischer Gesetzmäßigkeit auftretenden Wirkungen sich kein Individuum ganz zu entziehen vermag." Nationale Kulturpolitik treiben bedeutet also, die kulturelle Assimilation des Sprechens. Denkens, Fuhlens usw. mit allen Mitteln zu bekämpfen. Die notwendige Folgerung ist daß Kulturpolitik in erster Reihe alle trennenden Gesichtspunkte herauszuarbeiten und alle jene Dinge, in welchen die betreffende nationale Gruppe mit ihrer Umgebung weitgehend übereinstimmt zu vernachlässigen hat Da nun das Trennende im eigentlich Nationalen, das Ueberbrückende im Allgemein- .menschlichen liegt so bedeutet in einer erst erwachenden Nation nationale Kulturpolitik notwendig eine Vernachlässigung der allgemeinen menschlichen Erziehung zugunsten der rein nationalen Erziehung.*) *)• Ebenso treten die sozialen Fragern, In denen die betreffende Gruppe ja den, Gesetzen der Umwelt unterliegt hinter den nationalen zunächst zurück. Hierüber wird noch: ausführlicher zu sprechen sein.