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Jüdische Zeitung · 1919-06-13 · 24 (13.6.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
24 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Administration: Win IL, TaberstraBe l : Fernsprecher Nr. 44038 n. 43319 . XIII. Jahrgang — Nr. 24. Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ ■Nmh Freilao, den M. Juni Mit Berngeprgla: VierteljZbrig 6 X ganzj. 24 Bl, Einzelnummer 50 h Pöataparkasaenkonto 133.404 Die Creme aller Creme Die Wiener Kultusgemeinde ist die offizielle Organisation einer "ViertelmiKon Juden. Sie besorgt zwar nur die „religiösen“ Angelegenheiten, sie will nicht mehr sein als eine kirchlich-administrative Institution, faktisch aber hat sie schon jetzt eine Fülle anderer Agenden, die in alle möglichen Verwaltungsgebiete gehören, und es gibt noch -eine Menge, um die sie sich nicht kümmert, obwohl es ihre — wenn auch nicht juristische, so doch moralische und soziale — Pflicht wäre. Darüber hinaus gilt die Kultusgemeinde nach außen als Repräsentanz der Juden. Trotzdem haben die. Juden selbst diesen Körperschaft immer sehr wenig'Interesse zugewehdet. Durch ihre veralteten und rückständigen Einrichtungen hatte sie höchstens das Ansehen eines Kuriosums; durch ihre völlige Welt- und Lebensfremdheit erzeugte sie-eine Kluft zwischensich und dem wirklichen Leben der jüdischen Massen; sie war für den aufgeklärten, fortschrittlich denkenden Juden ein Rest des Mittelalters, für den. religiösen Juden eine Blasphemierung und Untergrabung der Religion. Die Kultusgemeinde war eine Wichtige Instanz beinahe nur für den Schnorrer, der dort Almosen empfangen konnte, obwohl auch diese nicht übermäßig flössen, und eine Behörde für Registrierung von Geburten, Trauungen und Todesfällen. Sobald die jüdische Volksbewegung, der Zionismus, eine völlige Umwälzung des jüdischen Denkens verursachte, erkannte man bald, welche versäumte Gelegenheit in der Kultusgemeinde liegt. Die Juden haben ein Organ, das als Zella ■desriüdäschen -Lebens befrüctoehd'und-Segensreich' wirken könnte, und sie selbst waren nicht imstande, dieses Organ zu verwerte», weil die Lebenskraft des Judentums erstarrt war. Schon Herzl hat daher als einen wichtigen-Programmpunkt . die -Eroberung der Gemeinde aufgestellt; die Gemeinde sollte wieder wirkliche* Volksgemeinde werden, das Organ des Volkswillens und der jüdischen Selbstverwaltung, sie sollte als die wichtigste Grundlage des jüdischen Lebens vom Volk empfunden werden, hiezu war eia langer Weg erforderlich. Das Volk mußte für die Gemeinde und deren Angelegenheiten interessiert, zur Mitarbeit auf allen Gebieten herangezogen werden, um das Bewußtsein zu bekommen, daß es hier »um die Sache aller geht Die wichtigste Voraussetzung hiefür ist aber natüriicHS^äaH alle Juden bei der Wahl des Kultusvorstandes miitwirkeh. In dem primitiven Akt der Wahl dokumentiert sich zuerst der Anteil des einzelnen an der Arbeit der Gesamtheit Dadurch wird er gezwungen, selbst zu prüfen, sich für die Fragen der Gemeinde zu interessieren. Die Gemeinde kann aus ihrer Lethargie erwachen und ein lebendiger Organismus werden. Darum haben die Zionisten stets gefordert, daß die Gemeinde demokratisiert, daß vor allem das allgemeine gleiche Wahlrecht! eingeführt wird. Der Kultusvorstand hat dieses Recht beharrlich verweigert; die letzte Schlacht ist kaum vorüber, wieder hat sich das Beharrungsvermögen stärker erwiesen als die Stimme der Vernunft. Von den zionistischen Postulaten wurden bei der jetzt angenommenen Wahlordnung nur einzelne wenige durchgesetzt, das-wesentliche des alten Systems bleibt erhalten, vor allem die grundsätzliche Anschauung, daß das Wahlrecht nicht natürliches Recht jedes Juden ist Die Annahme der Wahlreform veranlaßt den Kultusvorsteher Dr. Heinrich Schreiber zu einer elegischen Betrachtung ‘ in „Blochs Wochenschrift“. die die jüdische Wählerschaft nicht unbeachtet lassen sollte, weil sie gar zu charakteristisch und symptomatisch ist. Der Artikel Dr. Schreibers ist der beste Epilog; er?eigt wahr-, baftignochmals zusammengefaßt unser ganzes Elend auf. Was bei keinem Volk der Welt mehr möglich wäre, bei uns kann man sieb das noch unverfroren trauen. Ein Repräsentant verhöhnt, das .Volk; er scheint gar nicht zu wissen, welche Hohn und welche Ironie seine Worte sind. Er trauert über die Vorstöße der demokratischen Richtung; zunächst darüber, daß die Kurie der Höchstbesteuerten beseitigt wurde, diese — man höre und verzweifle nicht! — (fiese „Creme aller Creme“. In solchen Superlativen spricht ein Vorsteher von den Geldjuden, von jenen Juden, die einen klingenden Beutel haben aber kein Herz fürs Judentum. Die anständigen Reichen sollten sich doch endlich dieseabscheuliche Schöntuerei verbitten. Ja, ist denn wirklich der reichere Jude der bessere Jude? Im Judentum galt dieser Grundsatz nie. hier galten die Männer des Geistes, bis diese traurigste aller Zeiten kam, in der wir verurteilt sind zu leben, die Zeit des Niederganges; der Entwüdigung, des Kultus des goldenen Kalbes. Auch unter den reichen Juden gibt es gewiß ausgezeichnete Menschen, die aller Hochachtung würdig sind; aber weil sie reich sind, darum vor ihnen katzenbuckein, weil sie reich sind, darum ihnen Privilegien einräumen, das ist schlimmste Verkrüppelung des Instiktes, das ist eine Selbstverleugnung sondergleichen, das ist ein Geist, der ausgerottet werdenmuß, wenn eia Volk gesunden und zu Höherem wieder fähig werden soll. Den Artikel Dr. Schreibers sollte man an alle Straßeneckennageln, damit jeder einzelne Jude weiß, wie er sich bei den Kultuswahlen zu verhalten hat. Er motiviert z. B. die Entziehung des Wahlrechtes der Beamten und Rabbiner damit, daß „Sold und Ehrenamt, Ueberwachtmgr und Gehorsam, sich nicht vereinigen lassen“. Das „Ehrenamt“ ist natürlich .nur für solche, die genügend Geld haben, um geeignet und befähigt zu sein, zu „überwachen“, während Rabbiner und ähnliches niederes- Volle!-„Gehör9am“^5cbuidig ist. Diese widerwärtige Ueberhebung einer von allen guten Geistern verlassenen Clique; zeigt deutlich, wie alle Selbstkritik, alles unbefangene Werturteil, in der Enge dieser Ghetto-Ratsstube abhanden gekommen ist So unerschüttert und selbstsicher saßen noch nie Machthaber auf dem Vulkan einer Revolution. Ihr einziger Ehrgeiz ist der dialektische Triumph, das Bonmot soll die Wirklichkeit verhüllen und um eines schlechten Witzes willen wird die Ehre der jüdischen Gemeinschaft! bedenkenlos preisgegeben. Alles was man — fälschlicherweise — Jüdisch“ im odiosen Sinn genannt hat, ist unveräußerliche Eigenart dieses Typus, dessen Ehrgeiz es ist, in der Welt so wenig als möglich als. Jude zu gelten. Die Zionisten, denen jüdisch wieder ein Adelspräd&kat ist, müssen dafür sorgen, daß dieser Name gereinigt werde. Dazu ist aber erforderlich, daß endlich auch die jüdische Ratsstube gereinigt werde und zudem werde, was sie ihrem Sinn nach sein solL Wir können keine Verantwortung tragen für Repräsentanten, durch die das Judentum fortgesetzt herabgezerrt wird. Es ist eine Schändung des Judentums, wenn immer wieder behauptet wird, die Wiener Kultusgemeinde sei eine herrliche, unübertreffliche Errungenschaft auf die das Judentum stolz und mit der es zufrieden sein müsse. Nein, so genügsam ist das Judentum nicht. Das jüdische Volk hat nichts zu tun mit Schmocken, die vor einem dicken Geldsack Tränen der Begeisterung weinen und die „Creme aller Creme“ ehrfurchtsvoll bewundern, das Volk hat ganz andere Sorgen, es will pflichtbewußte Vertreter, die seine Sorgen kennen und die ihm helfen, aus der Not und dem Elend herauszukommen. Denn wir leben in der herrlichen Zeit, wo dem jüdischen Volk ein Weg zur Auferstehung geöffnet ist, wo die Herzen wieder erwachen und leben wollen, wo die Menschen all die Starrheit und Falschheit des Ghetto wie einen bösen Traum von sich abschütteln und im Bewußtsein der entscheidenden Bedeutung der Stunde an die Arbeit gehen für die heilige Sache des Volkes. Der nationale: Gedanke .hat überall gesiegt; er wird auch fn der- Kultusstube siegen. Aber da die Wahlen, herannahen,: ist es notwendig, daß das Volk sieb der Bedeutung dieser Wahlen ganz bewußt werde. Sie sollen endlich die Reinigung des eigenen Hauses bringen» Männer des Volkes, Männer von Charakter und Arbeitskraft, von Selbstbewußtsein und Sachlichkeit, vor allem voll Hingebung an die jüdische Sache, sollen die Führung der Gemeinde haben. Auf die „Creme aller Creme“ kann das Volk verzichten. Die Reorganisierung der Partei Von Heinrich Margulles. 2. Das Galuthproblem. Wenn hier gesagt wurde, daß die Landespolitik in guten Händen sei und vortrefflich ihre Wege gehe, so bedarf solches Urteil einer gewissen Eingrenzung. Die Verpflichtung, auch diesen Zweig unseres Aufgabengebietes einer gründlichen Prüfung zu unterziehen, bleibt keinem Versuch erspart, der die Reorganisierung der Partei verwirklichen will. Ja, wir werden hier ungleich mehr ins Detail zu gehen haben, als es bei der Formulierung unserer ersten Forderung, die sich auf den Palästinakomplex bezog, notwendig war. Denn dieser Palästinakomplex wurde Jahre hindurch so maßlos vernachlässigt, daß heute einfach alles neu zu tun ist und es sich darum erübrigt, ein allzu spezialisiertes Programm aufzustellen. Bei der Galutharbeit dagegen wird es darauf ankommen, erstens festzustellen, welche wesentlichen Zweige sich bisher der Erfassung noch entzogen, und zweitens, was auf den Gebieten, auf denen bereits intensiv gearbeitet -wurde, einer Ergänzung oder einer Korrektur bedarf. Zunächst müssen wir uns erinnern, d a ß d a s Gaiuthproblem mit der Landespolitik keineswegs erschöpft wird. Es umfaßt ausnahmslos alle Interessen, mit denen die hier lebende Judenheit an Deutschösterreich gebunden ist. Nun gibt es im wesentlichen drei Arten solcher Interessen: die wirtschaftlichen, die kulturellen und die politischen. Die Grenzen zwischen ihnen sind im gegenwärtigen Zeitalter nicly. mehr, deutlich: zu ziehen, die politischen Interessen sind mit den wirtschaftlichen und diese wiederum mit den .kulturellen so innig verknüpft, daß man keine der Gruppen mehr völlig losgelöst und isoliert behandeln kann. Ja, man wäre versucht, der politischen Gruppe den Anspruch auf eigene Selbständigkeit überhaupt abzusprechen: sie bildet nur eine Ausdrucksform für die beiden anderem Politik heißt Machtverteilung, und da die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse einer Gruppe gewisse Machtbefugnisse brauchen, um befriedigt werden zu können, wenden sie sich dem politischen Kampf zu und schaffen sich eine politische Interessenvertretung. So ist Politik eigentlich nur denkbar als Wirtschafts- und Kulturpolitik. Welche Wege die Interessenvertretung dann wählt, ist erst in zweiter Reihe von Bedeutung. Schwache, erst im Aufstieg begriffene Gruppen — wie alle erwachenden Nationen — bleiben lange Zeit darauf angewiesen, sich im eigenen Wirkungskreise gewisse Positionen zu erringen. Das nationale Bewußtsein wird durch Aufklärung und Propaganda entwickelt, durch die Verankerung mit den Kulturgütern des Volkes, wie Sprache; Literatur usw. vertiefe. Dieser Prozeß vollzieht rieh für Außenstehende zunächst unbemerkt, sie spotten allenfalls darüber, bis sie plötzlich erkennen, daß es ihm tatsächlich gelungen ist, Machtpositionen, Kraftzentrea zu schaffen. Auf deren Basis ergibt sich dann im weiteren Verlauf die Möglichkeit, durch die Stellung zu bzw. Anteilnahme an der Regierung und Verwaltung von Staat, Land und Gemeinde die Positionen zu erweitern und nun neuerdings durch die Gesetzgebungs- und Verwaltungsmaschine durch Erzwingung von Gesetzen zum Schutze eigener Schulen, eigener Wirtschaft usw. die Wege zn neuen Positionen zu öffnen. Aus diesem Ineinandergreifen, diesem Wechselprozeß ist ersichtlich, daß jene Tätigkeit, die sich die Erringung und Ausnützung von Mandaten zur Aufgabe macht, die eigentliche „Mandatspolrtik“, zwar ein sehr wichtiges Glied, aber doch nur ein Glied einer zusammenhängenden Kette darstellt, die wir in ihrer Ganzheit Politik nennen. Sie kann nur als solches Glied gewertet werden, sie gewinnt nur dann Bedeutung, wenn sie ihre Steile innerhalb dieses Zusammenhanges ausfüllt. Wen» ihr die Voraussetzungen fehlen, d. h. wenn sie nicht auf vorher m stiller Arbeit erworbenen tatsächlichen wirtschaftlichen und kulturellen Positionen basiert, sondern lediglich eine zufällige Konjunktur ausnützt, verliert sie jeden Wert Geschickte Agitation und eine günstige Wahlarithmetik, das Verhältnis zu den anderen Parteien und Nationen, Personenfragen usw. können natürlich manchmal auch zu Mandaten verhelfen, ohne daß die eigentlichen realen Voraussetzungen den Anspruch rechtfertigen würden. Ein solches Kartengebäude stürzt bald zusammen. Ebenso wie die Voraussetzungen können einer Mandatspoiitik aber auch lene Auswirkungen

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