Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1919-06-06 · 23 (6.6.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
23 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438727-2438750--6291-2446355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

>•*» .Redaktion und Administration: , Wiu II., TaborstraBe I Fernsprecher Nr. 44038 ti. 43318 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Natiönalfonds“ 81»! Freitag) den 6. Juni 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 X. ganz], 24 Äj Einzelnammer 50 A Postsparkassenkonto 133.404 - Was wird aus dem Galuthjudentum? Die Tage von Versailles gehen ihrem Ende entgegen und obwohl In der Orientfrage bis beute keine, klare Entscheidung gefallen ist, so steht es doch bereits fest, daß die durch die Zionisten vorgetragenen Wünsche des Jüdischen Volkes Berflck- . sichtigung Roden werden und daß Palästina in der einen oder anderen Form wieder zum nationalen Heim dies jüdischen Volkes werden wird. Trotzdem Ist es klar, daß durch diese Errichtung der nationalen Heämstätfe nicht mit einem Schlage der gesamte Komplex der Judenfrage gelöst werden kann. Palästina wird in der erstem Zeit nur verhältnismäßig. wenig und wahrscheinlich auch nur qualifizierte Emwanderer aufnehmen können. Aber selbst wenn die Aufnahmsfähigkeit auf ein Maximum gesteigert würde, so ist es doch Tatsache, „daß ein großer Teil dier Juden auch weiter im der Zerstreuung bleiben wird, weil manche nicht auswandern können und manche nicht aus wandern .wollen. Wlelches wird das Schicksal dieses.Diasporajudentums sein? Der Prozeß der AssämüatiQn, der mit der Emanzipation begonnen, hat, schreitet unaufhörlich weiter fort Ein nicht geringer Teil der Judemschaft hat sogar die ausgesprochene Tendenz, diesen Prozeß mit aflcn Kräften zu fördern. Besonders in der jüngsten Zeit hat die. krasseste Zersefczungserscheinung, die Abfallbewegung, wieder große D&nensiomen angenommen. Aber auch diejenigen .’Juiilem.- welche’ die Auflösung des Judentums nicht' wtesch^o, -tiuntgax-idchts öder selrr'; wenig,'um dön das Diasporajudentum eine , so große und bedeutungsvolle Aufgabe. Wenn wir diese Tatsachen überlegen, insbesondere die durch den Friedensvertrag geschaffene Situation bedenken, so erkennen wir sofort, daß es uns an dem Notwendigsten fehlt, «fas zur Ausführung der gestellten Aufgaben gehört Wir wissen gar nicht, wer das Subjekt; der Träger der gewährten Rechte ist Wo es sich um die Erfüllung konkreter Verwaitungszwecke handelt» muß ein berufenes Organ da sein; eine ideelle Gemeinschaft, selbst die ethnische Gemeinschaft des Volkes, kann praktisch nicht wirksam werden.. Es ist das Verdienst unseres gegenwärtigen Staatskanzlers Karl Reimer, als erster darauf hingewiesen zu haben, daß als Anfang einer nationalen Selbstverwaltung zunächst einmal die rechtücbe Konstituierung des NätionsveTbandes als juristischer Person mit Korpanatiomsrecbteu erfolgen müsse. In der alten österreichischen Verfassung wurde bekanntlich die Exfsteuz der Nationalitäten ignoriert und nur Jener viel verspottete Art. 9 sicherte „allen VoHksstämmen“ die freie‘nationale Betätigung zu, ohne daß jedoch diese Volksstämme jemals Ihre Rechte geltend machen konnten, weil säe rechtlich nicht existierten. Man darf nicht jetzt, wo man an der Schwelle einer neuem Epoche des europäischen ■ Minoritätenrechtes steht, in denselben Fehler verfaßen wie die österreichische Verfassung. Vor allem aber haben die Minoritäten selbst das größt» Interesse daran, dafür zu sorgen, daß sie als moralische Persönlichkeiten anerkannt werden. Die Theorie der jürisch-nationalen Politik fordert als Zelle des jüdischen Natiansverbandes de demo- . kratiscbe jüdische Volksgemeinde. Nur die Volksägen Aufgaben bebeiaäbe völfisF passives; -erst die nationale-B wegtaig. hat'wieder den Trieb ziir Aktivität er- ■ zeugt, aber auch sie hat besonders in unseren Landen der Assimilation auch kernen anderenxDamm entgegengesetzt als das neu erwachte: JMscfco Bewußtsein. Dies muß aber anders werden, sofern nicht das Diasporajifdentum völlig versanden soS. Sobald sich in Palästina ein urwüchsiges, jüdisches kulturelles Leben entwickeln wird und die Verbindung mit dem Diasporajudentum besteht; wird ehr unerhörter Zug von Lebendigkeit In das Judentum der ganzen Welt' fahren!. Um aber das;’ was dort geschaffen wird, ganz aufnehmen zu köo- ■ neu, dazu bedarf es eines geeigneten Organes, dazu bedarf es nicht nur des Empfangens, sondern der. Reproduktion, es bedarf eines mitschaffenden, irüttätigen Interesses. Werden die Rudimente jüdischer Gemeinden, die wir In. den. Diaspora besitzen, imstande sein, diese Arbeit zu leisten? Bis jetzt merkt man leider noch nicht allzuviel von wirklicher Vorbereitung, von dem Bewußtsein der Verpflichtung und von ernsthaften Vorkehrungen. Durch den Friedensvertrag, den die Entente mit Deutschland und Oesterreich schließt, wird für alle auf dem Territorium der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie und des ehemaligen russischen Reiches entstandenem neuem Staaten die VerpfEchtimg zu einer Gesetzgebung zum Scliut’z der Minoritäten statuiert. Die Minoritäten bekommen außer der Garantie ihrer persönlichen . Sicherheit und Gleichberechtigung hoch gewisse Rechte, insbesondere das Recht der Selbstverwaf-' tung in sozialen, religiösen und kulturellen Angelegenheiten. Die Juden sind als solche Minorität anerkannt und stieben nun vor der Situation, daß ihr Schicksal zum guten Teil än ihre Hand gelegt ' ist. Denn sie bekommen eines der wichtigsten angestrebtcn Rechte, die Hoheit übler das Schul-, und Erziehungswesen. Das ist für die weitere Entwicklung des Diasporajudentums von der allergrößten Bedeutung. Denn nun haben die Juden wirklich die Macht, in der heranwachsenden ..Generation jüdischen Geist und jüdisches Wesen lebendig werden zu lassen. In manchen Ländern, z.,B. in Polen; haben wir bereits Ansätze zu einem jüdischen Schulwesen, die nur ausgebaut werden.'müssen. In den .deutschen! Gebieten Oesterreichs steht uns aber eine völlige Neuschöpfung bevor. Noch nie hätte breite Basis gestellt worden. In Deutschösfeirefch sind die Wahlen zum Jüdischen Nationalrat ausgeschrieben. Jeder Jude erwirbt dürch die Eintragung in die Wählerliste das Recht, als Angehöriger des jüdischen Volkes das Schicksal und die ' Zukunft des Volkes mit zu bestimmen. Die aus diesen freien Wahlen hervorgehende Versammlung wird als der Träger der jüdischem Minderheitsrechte bis zur Konstituierung der Volksgemehtdea fungieren müssen. Darum ist gerade in (fiesem Zeitpunkt, wo durch den Friedensvertrag <Se jüdischen Mniderbeitsrecbte garantiert werden, (He schleunige Durchführung (fieser Wahlen vom größter Wichtigkeit Wir laufen sonst Gefahr, daß wir, was wir jahrelang vergeblich aalgestrebt habem, ün entscheidenden Moment nicht zu empfangen fähig sind; weil wir selbst es an der nötigen Vorbereitung haben fehlen lassen. ■ Autonomie fallen. Die VblksgSüeliitfett müssen nach Ländern zu einem Verband.zusammengeschlossen werden. Da jedoch der Schutz der jüdischen Minoritäten nicht mehr „ehte ^innere Angelegenheit der eiitzebien Staatensejtiwtfd, sondern der Judikatur des Völkerbundes 'unterstellt ist so ist es eine elementare Notwendigkeit daß auch die in dien einzelnen Ländern, entstandenen Gemeindeverbäoide rieh zu einem, jüdischen Weltverband vereinigen- In letzter Zeh! ist wiederholt die Idee eines jüdischen Weltkongresses propagiert worden. Da- . bei hat mam vor allem an die gegenwärtigen politischen Aufgaben und an die Arbeiten der Realisierung des Zionismus gedacht Wir glauben, daß ein solcher Weltkongreß zwar notwendig ist daß ihm aber eine intensive Vorarbeit in den einzelnen Ländern vorhergehen muß; denn der Weltkongreß hätte als seine vamehmste.Aufgabe vor allem diese Frage zn lösen: die Schaffung eines sämtliche Juden der Welt umfassenden organisatorischen Verbandes. Es ist eigentlich erstaunlich, daß diese einfache Wahrheit erst ausgesprochen werden muß: Wir müssen uns organäsäenen. Ke Organisation darf nicht dem Willen, der Bequemlichkeit und Trägheit der Einzelnen anheimgestellt sein, vielmehr muß sie, um olle Juden zu umfassen, von unten aulbauen, von der lokalen jüdischen Volkssemeinde. Darum ist es zunächst einmal in aßen * Ländern Sache der bereite: bestehenden jüdischen Organe, sofort die Vorbereitungen zu treffen. Es darf keine Zeit mehr verloren werden. Me Massen des jüdischen Volkes müssen über die Bedeutung und Tragweite dieser Schritte aufgeklärt werden. Das Volk muß durch rreJen Volksbeschluß sich konstituieren, noch bevor die gesetzliche Regelung des Atinaritäterechtes es ihm verschreibt. Das jüdische Volk muß sich für seine eigenen Angelegenheiten, unbeschadet seiner Teilnahme an den allen Bürgern gemeinsamen Zweigen des öffentlichen Leberts, seine Verfassung geben. In manchen Ländern wiyde bereits begonnen. Der jüdische Kongreß in'Amerika und in Kanada werden permanente Institutionen» das jüdische Vorparlament in der Ukrajne ist nur durch die anhebenden Wirren in seiner Tätigkeit! unterbrochen worden, die jüdische Kongreßbewegung in Deutschland ist gerade jetzt - durch ein Uebereinkommen der Zionisten mit den Zeutralverein auf eine neue, Die Reorganisierung der Partei Von Heinrich Margulies. I. Zurück zum Zionismus! Der letzte a o. Delegiertentag der zionistischen Partei war sich der Schwere der Krisis, in welcher sich die Partei zur Zeit befindet, wohl bewußt"— aber er irrte darin, daß er nur organisatorische Mängel als ihre Wurzeln ansah und daß er glaubte, mit rein organisatorischen Maßnahmen eine Lösung herbeiführen zu können. Daß er dem neuen Landeskomitee den strikten Auftrag erteilte, die Reorganisierung der Partei unverzüglich m Angriff zu nehmen, war durchaus (ftigemessen — daß er aber diesen Auftrag gleichzeitig auf die Forderung nach einer Fusion der zionistischen Partei mit dem Nationalverein verengerte, zeugte davon, daß er keineswegs aiio Wurzeln der Krisis zu erkennen vermochte. Die Fusion wird erfolgen. Die Gründung der umfassenden Berirkssektionen ist in die Wege Senn Aber was dann? Ist damit schon etwas Wesentliches erreicht, etwas Entscheidendes geschehen, glaubt das Landeskomitee wirhbeb, sich damit der Aufgabe entledigt zu haben, die es übernahm? Will es mit dieser Tatsache einen neuen Parteitag. einberufen und sich Entlastung erteilen lassen? Es würde genau die gleiche traurige Rolle spielen wie das frühere Landeskomitee am vorigen Parteitage. Es darf nicht wieder geschcneu, daß die Leitung vor die Partei tritt, ohne daß sie auch nur die geringste Direktive zu geben vermöchte. Die Entscheidung über den Weg, den die Organisation künftig fcesebreiten will, Hegt beim Plenum; aber die Wege zu zeigen, ist Aufgabe der Leitung. Und das bedeutet, daß diese selbst sich über ein Programm des Aufbaues klar wird. Die vollzogene Fusion der beiden Organisationen bildet ein Fundament, nicht mehr — mm kommt alles darauf an, wie man auf diesem Fundament zu arbeiten gedenkt Man hat die organisatorischen Fragen lange unterschätzt uiid außeracht gelassen. Als die Ver- . hältmsse unhaltbar wurden, verfiel man in das entgegengesetzte Extrem und heute glaubt mancher, daß die Partei gerettet sei, wenn nur die Organisation ins Gleichgewicht gebracht werde. Das bedeutet eine völlige Verkennung des Problems. Die Krisis, in welcher sich die Partei befindet, äußert sich zwar am sichtbarsten im Organisatorischen; aber das ist nur die äußere, die äußerliche Form jeder parteipolitischen Krisis, mit welcher ihr Wesen selbst nicht verwechselt werden darf. Dieses liegt ungleich tiefer: Im Gedanklichen, Inhaltlichen der Bewegung. Dort entstehen die eigentlichen Krankheitsherde, und darum darf ein Versuch, Besserung und< Aenderung zu erzielen, niemals unterlassen, durch das Aeußerliche der Krise, das formal Organisatorische, hindurch zu ihrem Kern, dem Inhaltlich-Gedanklichen vorzudringen. Sonst kann es leicht passieren, daß man zwar die Form, die Organisation ändert, aber nachträglich erst erkennt, wie wenig das Neue dem entspricht, was erstrebt wurde. Nur unter diesem Gesichtspunkt kann man die Frage der Reorganisierung unserer Partei betrachten. Die Fusion wird einen erfreulichen Fortschritt bedeuten, aber man muß sie daraufhin prüfen. ob sie den restlosen und zulänglichen organisatorischen Ausdruck für die verborgene gedankliche Krisis bildet oder , ob sie nur eine Teillösung bedeutet Bald wird man dann erkennen, , wie unzulänglich es von dem Parteitag war, daß er die ganze Krisis auf das Nebeneinanderbestehen der Partei und des Nationalvereins allein reduzierte. Was hatte es zunächst damit für eine Bewandtnis? Die zionistische Bewegung hat in ihren früheren Stadien die Gegenwartsarbeit wie überhaupt jede irgendwie geartete Verknüpfung mit Galuthinteressen abgelehnt. Sie wollte sich ganz darauf beschränken. -Palästina zu gewinnen und zn erschließen. Im Laufe der Zeit ergab sich, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.