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Jüdische Zeitung · 1919-05-30 · 22 (30.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XilL Jahrgang — Nr. 22. Naüonal~jüdtfche$ Organ Redaktion und Admwistration: Wien II., Taborstraße I Fernsprecher Nr. 45-323 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Vlan, Freitag! da« 30. Rai 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 R ganzj. 24 K, Einzelnummer SO. & Poatsparkaeaenkonto 133.404 Sdiewuofh Als unser Volk aus Aegypten zog, war es ein unorganisierter Hauie, kleinmütig, ungläubig und widerstrebend, eine Herde, durch den Willen und Geist des Führers’ zusammengehalten. Erst als es vor den Sinai kam und das Gesetz empfing, das den Sinn seines Seins enthüllte, da wurde es Volk. Ein. großer Schritt wurde in diesen sieben Wochen getan. Von der Befreiung von Zwang und Not, zum Verstehen und zum Ergreifen der Bestimmung. Als man der Ketten siehzu entledigen hatte, galt die Frage: Freiheit wovon? —Als man die Landstraße entlang zog, zum verheißenen Land, galt die Frage: Freiheit w o zu? Unter Donner und Blitz, im Getöse der. Posaunen und Hörner, kam über das Volk die Off enbarung. Ela übernahm es die Verpflichtung des Bundes, es schloß diesen „Vertrag“, der es einseitig band, es Hatte in dieser Stunde Gemeinschaft mit dem Absoluten; dem Volk, das bisher nur aus Erdenstoff gebildet war, wurde der Odem des Geistes eingeblasen. Da stand das Volk überwältigt und bereit und gelobte: Wir wollen tun und gehorchen! ' . ■Pessach ist das Fest der Befreiung. 3^he\5uio'tK.Jst_.das:^estiS,der^Bäiidignng derauseinaiidersfrebenden Voikstriebe durch die Macht des Geistes. Beide sind ewige Symbole eines im Volksleben immer wieder .anhebenden Prozesses. Befreiung allein ist sinnlos und führt die Völker an einen Abgrund. Wer könnte das mit solcher Eindringlichkeit empfinden wie wir-heutigen Menschen, die ohnmächtig sehen müssen, wie der geschändete Name, der Freiheit zu einem Freibrief für alle- Scheußlichkeiten wahnwitziger Gottverlassenheit mißbraucht wird! Wir, Juden von heute, wir beben bei dein Gedanken, daß wir der Welt verfallen könnten, die Losgelassenheit für Freiheit hält! SchaHdernd und ehrfürchtig erinnern wir uns am Tage unserer Gesetzgebung, daß. der alte Bund noch gilt, daß unsere Verpflichtung noch lebt und daß sie erst durch die Erlösung-am'Ende! der Zeiten getilgt wird. Wenn uns die Freiheit wird, dann müssen' wir „tun und gehorchen“. Das Volk tanzte um das Kalb, das es sich aus seinen; Schmuckstücken gegossen hatte. Da wurde ihm die Lehre geöffenbart: Ich-bin der Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Haus der Knechtschaft. Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Das Volk sank, auf sein Antlitz vor dem Getöse der Fanfaren. Wenn der Führer, mit den Tafeln erscheint, er darf sie nicht zertrümmern! Wehe dem Geschlecht, das im Donner der Kanonen deseinzig wahren, des einzig mächtigen Donners vergißt, der am Sinai ertönte Und der den Hiob zur Rechenschaft zog! - Niemals war uns der Sinn unserer Feste so lebendig wie in diesem Jahr aufwühlenden Geschehens.* Heil-dein Volk," das den Ppsaünenschali versteht: heißt es in unserem Buche. - R. W. Zahlet die jüdische ffolttssteuer! Palästina ist unser Bei der Jaliresknnferer.z der englischen Zionisten. welche diesmal in ernem ansehnlicheren Rahmen stattfand als je zuvor, hat Dr. Weitznunn zwei große Reden gegen die Kleinmütigen gehalten Noch ist kein entscheidender Akt erfolgt. noch ist Palästina nur ein Gegenständ unserer Hoffnungen und noch nicht in unserem Besitz. noch ist die Wanderung nicht angetreten. und doch regt sich bereits der Zweifel und Kleinmut in unseren Reihen. Bei jedem kleinen Anzeichen einer auftauchenden Schwierigkeit, bei jeder noch so ■ unglaubwürdigen Nachricht über ungünstigen Stand unserer politischen Sache wird das Selbstvertrauen unseres Volkes, dessen Nerven allerdings durch den notwendig schleppenden Gang; der Angelegenheit und das furchtbare Schicksal unserer Brüder in den Pogromländern aufs äußerste gereizt sind, erschüttert und unsere eigenen Gesinnungsgenossen erschweren durch unbegründeten Pessimismus die Arbeit der Führer. Erst aus den Reden Dr. Weitzmaims erfahren war. welche Gerüchte bei unseren Freunden in England in Gang zu sein scheinen. Vor allem äußert sich eine gewisse Skepsis über den Wert der englischen Regierungserklärung vom 2. November 1917. Bei den Friedensverhandlungen wurde viel über die -.vorderasiatische Frage gesprochen. Das syrische und. das arabische Problem war der Gegenstand umfangreicher, nicht immer durchaus freundschaftlicher Verhandlungen zwischen England und Frankreich, und Amerika, das nicht unmittelbarintei essiert.isl hat. dabei mehr Ueber den Gang dieser Verhandlungen sind die verschiedenartigsten, nicht immer kontrollierbaren Berichte in die Oefien'tFchkeit gedrungen. Vor kurzem hieß es z. B.. daß eine Kommission zum Studium, der syrischen Frage ausgesandt wird und daß eine Entscheidung erst nach deren Rückkehr erfolgen soll. Aus dieser Meldung glaubte man her auslesen zu können, daß alle, früheren Bestimmungen bezüglich Syriens und Palästinas, also auch die englische Regierungserklärung über den Zionismus, dadurch derogiert würden. Später hat der englische Journalist Dr. Dillon eine Nachricht lanciert, daß die Juden „in Palästina gleiche Rechte“ bekommen sollen. Dies war geeignet, die Verwirrung noch zu steigern. Und all dies benützten natürlich die stets:?uf der Lauer liegenden Gegner des Zionismus, um möglichst viel dem Zionismus ungünstige Deutungen zu verbreite* uiid über den Mißerfolg des Zionismus zu frohlocken. Gegen diese Stimmung ist nun Weitzman« bei der englischen Zionistenkonferenz mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit und seines Einflusses aufgetreten. Weitzmann ist nicht der Mann, Schwierigkeiten zu beschönigen. Er hat unumwunden zugegeben, daß die Entscheidung etwas hinausgeschoben worden ist und daß wir mit großen Gegnerschaften zu kämpfen" haben. Mit flammenden Worten wandte er sich gegen die Verräter im eigenen Lager, gegen iene Rotten von Knechten, welche das jüdische Volk mit List und Gewalt in der Knechtschaft festhalten wollen. Wir können nicht kämpfen, wie man früher kämpfte, sagte Weitzmami in der einen Hand die Kelle und in der andern das Schwert: wir müssen in jeder Hand ein Schwert halten, um unserer Feinde Herr zu werden. Unsere Gegner bekämpfen uns nicht nur. mit.ebrliciien Mitteln, sondern sie versuchen auch inunsere eigenen Reihen Zwietracht und Mißtrauen zu bringen! Wir können den Schwierigkeiten ruhig und gefaßt ins Gesicht sehen, da in jeder politischen Frage sich Komplikationen ergeben. Was wir aber ablehnen und bekämpfen müssen, ist. daß durch falsche Nachrichten die öffentliche Meinung irregeführt wird, daß einerseits Verleumduifeen über uns verbreitet werden, um die nicht)üdische Oeffentljchkeit gegen uns einzunehnien. und) anderseits die Lügenmehlungen über unsere angeblichen Mißerfolge ausgestreut werden, um unsere eigenen Leute irre zu machen. Aus den bestimmten, von stolzem Vertrauen getragenen Erklärungen Weitzmanns geht hervor, daß wir trotz dieser Machenschaften unserer Widersacher völlig Herren der Situation sind. Unsere politischen Aussichten sind genau so günstig wie vor drei Monaten, als unsere Führer vor der Friedenskonferenz sprachen. Aus einem gleichzeitig veröffentlichten Telegramm einer amerikanischen Zeitung, das ein Interview' mit Major Ormsby Gore wiedergibt, ist zu ersehen, daß tatsächlich die Meinung aufgetaucht ist. die englische Regierungserklärung könntet zurückgenommen werden. Ormsby Gore erklärte dort, daß zu dieser Annahme absolut kein Grund vorhanden ist. Der einzige Zweifel, fügt er hinzu, besteht darin, wie weit Präsident Wilson das Prinzip der „Selbstbestimmung“ auf die gegenwärtige Bevölkerung Palästinas anzuwenden gedenkt und -inwieweit die Wünsche dieser Bevölkerung mit den jüdischen Ansprüchen kollidieren. Damit Ist der Hinweis auf jene Frage gegeben, die tatsächlich das einzige wirklich schwierige Problem ist, das auch von den Zionisten immer ernst genommen wurde, die Araberfrage. Das Verhältnis zu den Arabern war in der Vergangenheit nicht immer das beste. W'ährend des Krieges ist eine Annäherung eingetreten. da sowohl Juden wie Araber für die Befreiung vom türkischen Joch unter englischer Führung gekämpft haben. Weitzmarin hat als eine seiner wichtigsten Aufgaben während seiner Kommission in Palästina angesehen, eine Verständigung und ein freundschaftliches Verhältnis zu den Arabern anzubahnen. Die Feinde des Zionismus haben nun alles darangesetzt, die . jüdisch-arabischen Beziehungen zu vergiften; und? fti efriem-H&tössemTJrii»ä«g>im&e» habt. Vor mehreren Wochen ist in Jerusalem eine Delegiertenversammlung der arabischen Organisationen zusammengetreten, welche gefordert hat. daß Palästina unter der Bezeichnung ..Südsyrien“ an Syrien anzugliederu ist. Dabei hat es natürlich nicht an Protesten gegen den Zionismus gefehlt und es wurde beschlossen, den arabischen Landwirten wirtschaftliche Uiwerstiitzung zu gewähren. damit sie nicht gezwungen sind, ihren Boden an Jude« zu verkaufen Es ist nicht klar, inwieweit diese ganze Versammlung ein von irgendeiner Seite arrangiertes Manöver war und wie weit sie wirklich den arabischen Empfindungen entspricht. Eine gewisse Rolle mag dabei die Furcht der Effendis vor der Expropriation und vor den von den Zionisten ins Land gebrachten Agrarreformen spielen. Die Fellachen würden jedenfalls gegen ihr eigenes Interesse handeln, wenn sie sich dieser Bewegung anschlössen, die nicht nur nationale, sondern vor allem ökonomische Motive zu haben scheint. De« Fellachen wird es bei systematischer Aufklärungsarbeit immer klarer werden, daß sie durch die Jüdische Einwanderung nur gewinnen können, weit das Land auf ein höheres ökonomisches Niveau gebracht wird, weil die neuen agrikuiturelien Methoden und die öffentlichen Anlage« nicht nur den Juden, sondern auch den Arabern zugute kommen, die int übrigen in ihren' nationalen Gefühlen nicht beeinträchtigt werden sollen. Dieser Argumentation hat sich auch die arabische Intelligenz zugänglich gezeigt und es ist bekannt, daß der König von Hedschas und insbesondere dessen Sohn Emir Feysul. der die arabische Delegation beim Pariser Friedenskongreß führt, sich wiederholt sehr freundschaftlich über den Zionismus und über die Interessengemeinschaft zwischen Juden und Arabern in Palästina ausgesprochen hat. Nachdem der „Matin ein für die Zionisten ungünstiges Interview mit Emir Feysul veröffentlicht hatte.. hat Feysul die dort vom dem französischen Blatte tendenziös wiedergegebenen Äeßetrungen in solenner Form dementiert und jenen bekannten Brief an den amerfikianisahen ZLonästenrübrer Professor Frankfurter geschrieben, in welchem er sich in sehr herzlichen Worten über die durch die Bande der Rassenverwtandt-, schalt bestärkte SoüMamütät der beiden Nationen, ihren Willen zu gemeinsamer Zukunft äußert und den Juden den Wiükcmungruß bei der Rückkehr in die aite Heimau entbietet. Allerdings

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