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Jüdische Zeitung · 1919-05-23 · 21 (23.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
21 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■tf* -\\V" XIII. Jahrgang — Nr. 21. Bedaktion and Administration: WIsd II.,, Taborstraße I Fernsprecher Br. 45-325 I Nafional-jüdifches Organ Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds“ W«R| Fraitagi iea 23. Hai 1919 rr- -4 Bezog*preis: Vierteljährig 6 S. ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postaparkassenkonto 133.404 Der erste Schritt Der Fritedensverrtrag mrt Deutschland, dessen "Wonhaart in den französischen Zeitungen wäedergegeben wird, enthält audti däe Bestimmungen Ober das neue Polen. Dem poetischen Reich wtir-d ein Gebiet zugebilligt, das selbst kühne polnische Erwartungen übertreffen dürfte. Mit diesen Gebfeten wird Polen, eine große Zahl von Einwohnern umfassen, die nicht polnischer Nationalität ’wnkL Der Frifedensvertnag bestimmt ferner, „daß Prrien mit den Großmächten einen Vertrag zu schließen bereit ist. welcher jene Bestimmungen enthalten wird, däe die Mächte für notwendig kalten-, um irr Polen die Interessen jener Einwohner zu schützen, welche sich von der Majorität durch Passe, Sprache odlex Religion unterscheiden.“ Dieser Passus hat in einem Teü der potnsschen Presse lebhafte Entrüstung hervorgerufen. Obwohl mit keinem Wort die Juden erwähnt sind, sprechen die Zeitungen doch vom einem „jüdischen Punkt/* des Fräedensvferhragies. Die Aui- ‘ Dahme dieser Bestimmung über den Mmoriitäten- . Schute w$rd ats ein Resultat jüdischer Machenschaften hcmgestellt und; dagegen Verwahrung eingelegt, daß gerade Polen einem derartigen Mißtrauen bei der Entente begegnet Anis der ForaiuEemmg dies Punktes, der von „Rasse,. Sprache Oder Religion“ spricht, scheint:allerdings hervorzugehen,' daß dabefi vor allem an die Juden gedacht wurde. Dies; ist aiuch : giar nicht verwumäerfildi. Die entsetelichen Nachrichten über unaufhörliche bestöaääsche Judenpogrome in Polen '•und Galizien.: überall dort wohin dfe polnische . ÄTn^' voTtfrin^t; .erfülleä i§^;e%iein.hanjen' Jahr. -ifcesViielß 2Dfe Entetibehat sähst mehrmals Untersnehungskommissionen hach Polen gcsateckt (Ausländische Blätter, darunter die „Times“, u. a. haben ausführliche Schffldenwigen der Ereignisse . gebracht, auch die Presse der neutralen Länder - entsandte Spezäalkorrespondenten an die Stätten des Mordens. Von. zafiireßchen namhaften Per- . SönÜchkeiten. Parteten. und Gruppen wurden flammende Proteste gegen die polnischen Jiuidenverfoßgungen verlamtbart Das alles soll ohne ' Eindruckgeblieben sein oder durch däe schönrednerischen polnischen Fälschungen verwischt? & ist wahrhaftig wenig genug, wenn die Friedenskonferenz sich jetzt erst entschlossen ha, zum Schutze der Minoritäten, vor allem der Juden in f Polen ebizugreifen. Die zitierte Bestimmung Ist aber' erst der allererste Schritt zur Lösung der polnischen Judenfrage. Es wurde damit nur prinzipiell die Existenzberechtigung der Minoritäten anerkannt und es ist nun 'abzuwarten, welche Maßregeln die Großmächte zum Schutz der Minoritäten für erforderlich halten werden. Wir haben uns niemals einer Täuschung darüber hingegeben, daß diese Frage eine der schwierigsten ist. Sie wird am1besten dm gegenseitigen Einvernehmen zu lösen sein, wozu allerdings guter Wille notwendig ist.Bei den Polen ist bisher von diesem guten Wißen wenig zu merken. Gerade die letzten Tago brachten wieder Hiobsposten über grauenhafte Judenmorde. Als ein erfreuliches Symptom wird man es jedoch begrüßen, daß, wie verlautet die Mitglieder der polnischen Friedensdelegation in Paris mit den Delegierten der jüdischen Nationalräte zu Beratungen und unverbindlicher Aus- * spräche zusammengetreten sind.--Die. Polen haben bisher der Welt schon öfter., die.^Absicht vorgetäuscht. die Judetifrage durch „Enqueten“ und ähnliche Schauspliele zu lösen. Die Besprechung in Paris ist jedenfalls ganz anderer Art Hier sitzen einander gzum ersten - Male die bevollmächtigten Mandatare der Völker in furchtbar ernster Stunde gegenüber und man muß erwarten, daß sie eie ganze Schwere der Verantwortung empfinden. Die/Delegierte» cler jüdischen Nationalräte sind, in der Lage, auf. Grund der .genauen Kenntnis des gesamten Materials und auf Grund jahrelangen Studiums und Nachdenkens Wege vorzuschlagen, welche das Problem zu löse» geeignet sind. Die Vertreter der Großmächte werden durch das vargelegte Memorandum der jüdischen Nationalräte . über die Frage informiert Sie werden aus den jüdischen Vorschlägen erkennen, daß die Juden in Polen ebensowenig wie in irgend einem andern Lande etwas erstreb«:, was dem Staate gefährlich werden könnte, daß im Gegenteil der Zustand der nationalen Rechtlosigkeit der Minorität dem Staate verderblich ist Erst der in den letzten Jahren ins Maßlose gesteigerte polnische Antisemitismus, der in der Boykottbewegung und schließlich in den Pogromen seine, Krönung fand, bat die Spannung zwischen den beiden Völkern bis zu einem unerträglichen Grad verschärft Wenn die Großmächte nicht der Ansicht sind, daß zur Lösung der polnischen Judenfrage jenes russische Prinzip anzuwenden ist, daß ein Drittel der Juden verhungern, ein Drittel auswandem und ein Drittel erschlagen werden soll, dann müssen sfe den einzigen andern Weg, den von den jüdischen Nationalräten vorgeschlagenen, der Erteilung nationaler Rechte an die Minoritäten, einschhgen. - Im Friedensvertrag steht nichts davon, wann der „Vertrag“ über den Minoritätsschutz geschlossen werden .solL Wir können eine leise Furcht nicht unterdrücken, daß es mit diesem Punkt ebenso gehen könnte, wie mit dem berüchtigten Artikel 44 des Berliner Vertrages von 1878. dessen Nichtbeachtung durch Rumänien von den Großmächten durch vierzig Jahre stillschweigend toleriert wurde. Diese Besorgnis wird dadurch vergrößert, daß der Versailler Friedensvertrag den Minoritätsschutz nicht als allgemeinen Grundsatz des .Völkerbundes aufsteift, sondern als Spezialvprschrift für PcJHL Dieser Umstand ' wird von den Polen beanstandet, weil sie vom Mineritätenschutz überhaupt nichts wissen wol- len. Aus dem entgegengesetzten Grunde sind w t r davon befremdet, weil wir den Minoritätenschutz nicht nur in Polen, sondern in allen Ländern und . insbesondere in allen neuentstandenen Staaten für uns fordern, darüber hinaus aber, weil wir für das ethische Prinzip des Mmoritätsschutzes überhaupt eintreten. aus tiefster Ueberzeugung. daß. auf andere Weise der Beute herrschende, die Welt zerrüttende Völkerhass nicht beseitigt und eine Völkergemeinschaft nicht geschaffen werden kann. Der Völkerbund, der ln Versailles begründet wird, ist für die so Denkenden eine schwere Enttäuschung. Er ist nur ein Staatenbund, gestützt auf diplomatische Verträge und politische Interessen, ein solcher Vertrag wird niemals imstande sein. Völker zu verbinden. Wir sind skeptisch bezüglich der Durchführung des Minoritätenschtrtzes, wefl wir eine wahre Völkerbund-Gesinnung nicht sehen. Es ist mehr als eine Aktion für unsere nationalen Interessen; es Ist der Dienst einer großen moralischen Idee, wenn wir den Gedanken des Mmoritätenschutzes propagieren. Das Komitee der jüdischen Nationalräte in Paris hat eine weltgeschichtliche Aufgabe. Darum wollen wir nicht daß die polnische Judenfrage gesondert betrachtet wird. Die Juden in Polen leben gegenwärtig in einer Hölle. Aber im Wesen ist die Judenfrage in Jedem Land die gleiche. Wir fordern die Anerkennung des Grundsatzes. daß die Judenfragd eine internationale Frage ist Das Prinzip der Nichteinmischung in die Innere Politik der Staaten muß fallen gelassen werden. De .Judenfrage wird komplizierter noch dadurch, daß die definitiv nur durch die Errichtung der jüdischen Heimstätte in Palästin gelöst werden kann. Zum Aufbau dieses nationalen Zentrums müssen die gegenwärtig zerstreut lebenden Volksfeile zusammengefaßt werden. Auch innerhalb der einzelnen Staaten werden die. Juden ihr.en .Siedlungsverhältnissen entsprechend nationale" und kulturelle Rechte haben müssen, die nur durch ein internationales Forum gesichert werden körnten Die Anerkennung der Judenfrage als internationaler Frage ist bisher von der Friedenskonferenz nicht erfolgt, sie findet sich iedoch in den Deklarationen von Gesellschaften, die heute noch politisch machtlos sind. iedoch von der moralischen Kraft einer Idee getragen werden uud denen vielleicht die Zukunft mehr Einfluß geben wird. Dazu gehört die „Völkerbundsliga“. die unlängst in Bern tagte, der Internationale Frauenkongreß in Zürich usw. Auch die sozialdemokratische IntemationaIe_hat durch ihren Amsterdamer Beschluß volles Verständnis für das Wesen der Judenfrage an den Tag gelegt was vor allem der verdienstvollen ‘ Aufklärungsarbeit der poalezionistischen Vertreter Chasanowitsch und Locker zu danken ist Es gibt nur eine Lösung der Judentrage: Schaffung der nationalen Heimstätte in Palästina und Sicherung der nationalen und bürgerlichen Rechte in den gegenwärtigen Wohnlämlem sowie Schutz vor jeder Vergewaltigung durch internationale Garantien. Nur durch diese Taten können ehe Juden aus ihrer unerträglichen Lage erlöst und die Welt von der Last der Judenfrage befreit werden. Die Friedenskonferenz wird den Juden die Möglichkeit geben, die Heimstätte in Palästina aufzubauen. Zum Schutz der Minoritätsrechte hat sie im Versailler Vertrag im „Jüdischen Punkt“ des Abschnittes über Polen den ersten Schritt getan. Es wird noch eine' gewaltige Arbeit der jüdischen Vertretung erfordern, an diesen Punkt anzuknüpfen und ihn zum Ausgangspunkt einer ■ neuem glücklichen Zeit für das jüdische Volk zu machen. ■ Die Pogrome Das jüdische Preßbureau in Stockholm veröffentlicht folgende übersichtliche Zusammenstellung der jüngsten polnischen. Schandtaten in Polen und Galizien: In Lublin fanden am 1. Mai Axj^chreiljmr gen gegen die Jude»'durch Re'krufen.'Reäi-und Handeisschüler statt. Die Juden leisteten anfangs Widerstand, kamen aber gegen den Mob nicht auf. Die Polizei schaute passiv zu, bis endlich die .Volksmiliz entschritt. Krakauer Zeitungen veröffentlichten lange Verzeichnisse von verwundeten Juden, worunter sich viele Sch wer verwundete befinde». Der Schaden ist mehrere Millionen Kroß. Die Schuld anden Pogromen trägt die Hetze in der Krakauer Presse. Der Klub der polnischen Sozialdemokraten intervenierte in Warschau und sagte unter anderem über den Lubliirer Pogrom, daß die Polizei den Räubereien und Schlägereien nicht entgegengetreten ist und daß die Gendarmerie noch zu Mißhandlungen der Juden aneiierte. Die Volksmßiz hatte Befehl erhalten, die Kasernen nicht zu verlassen. In Rzeszow fand am 3; u. 4. Mai ein großer Pogrom statt. Große Menschenmengen; klagten beim Magistrat und bei der Bezirkshaupfmanmschaft über die Verpflegungsverhältnisse. Die Beamten erwiderten, daß Lebensmittel b ei den Juden reichlich vorhanden seien. Darauf plündertendie Patrouillen systematisch die Geschäfte und Wohnungen der Judea Kein Geschäft zwischen dem Bahnhof und der Grunewaigasse blieb ungeptündert. Die Juden wurden blutig geschlagen und beraubt Bisher zählt man 60 Verwundete. darunter viele Sfchwetrverwumtete. Die Befhäuser wurden mit Aexten erbrochen und die anwesenden Juden furchtbar mißhandelt Die Synagoge wurde zum Teil zerstört, die Thorarallen in Fetzen gerissen. Eine schwächet einsebreitende Militär Polizei blieb von der Menge unbeachtet Die Kompagnie des 18. Infanterieregimentes beteiligte sich an den Plünderungen. Erst »ach vferundzwanzigstündiger Dauer des Pogroms wurde der Ausnahmszustand verhängt In Niebysec. Bezirk Strzyow. wurde am 28. April während des Jahresmarktes ein Pogrom durch die Bauern veranstaltet. Die Juden Schaffer, Rat, Pinkus und Strahl wurden getötet 16 Juden schwer verwundet. In Strzisow üelen am 21. April 3 Menschen einer Ritualmordhetze zum Opfer. In Miele c wurden am 1. Mai jüdisch* Kaufläden und Wohnungen von Bauern geplündert; sie brachten Wagen mit. um die geraubt«* Waren wegzuführen. Die Garnison blieb untätig: In Sutyoze wurden während des Pogroms Moische und Menasche Schwalbe, sowie Isaak Felber getötet während Selig Felber schwer verwundet wurde. In Wysoka wurden Simke Neumana und seine Frau schwer verwundet In Lenka wurde David Schiff schwer verwundet In Koibuszowa fand ein furc Pogrom und allgemeine Plünderung statt sonen wurden getötet Dte Stadtl soll in1 men stehen.

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