Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 19 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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•r:i*w XU1. Jahrgang — Nr 19. Nalional-jüdifches Organ Redaktion und Administration: Wie» II., Taborstraße I Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wf«nv Freitag! dea >9. Bai 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 Ä ganzj. 24 K, Einzelnammer 60 h Postsparkassenkonto 133.404 Jüöisdie Vertreter im Wiener Gemeinöerat Zum erstenmale werden in die Wiener Gemedndestube jüdische Vertreter einziehen. Es hat schon früher Juden im Gemeinderat gegeben, aber sie waren nicht Vertreter der Judenschaft, sie waren „Auchjuden“, sie haben fremde Aecker gepflügt und bei anderen ihr Heil gesucht, sie haben der Bigenkraft des jüdischen Volkes nicht •vertraut. Und die jüdische Wählerschaft hat sich begnügt, ihre Stimme einem Kandidaten zu geben, der irgend ein verschwommenes „freiheitliches“ Programm hatte und versprach, nicht gerade iudenfeindlich zu sein. Wirklich lüdische Vertreter, die als Juden von der jüdischen Wählerschaft mit dem Schutze der jüdischen Interessen beauftragt sind, gibt es erst seitdem die nationaljüdische Partei in den politischen Kampf eingetreten ist. Die jüdische Bevölkerung Wiens hat auch schnell die einfache Wahrheit begriffen und erkannt, daß es im gegenwärtigen kritischen Zeit- “ Punkt kein vitaleres Interesse gibt als das jüdische. Wien, die Hochburg der Assimilation, die typische Stadt des jüdisch-liberalen Bürgertums, die Stadt der Literatencafes und der assimilatorischen Judenpresse, hat sich nunmehr vor aller Welt als eäne der stärksten Burgen des jüdisch- , nationalen Gedankens erwiesen. Das jüdische Wien hat mit seiner Vergangenheit gebrochen, es hat sich losgesagt von seinen alten Führernt die es so falsch geführt1 und an den Rand des Abgrundes gebracht haben. Das Wiener Judentum hat,-begriffen, daß die Politik von gestern Schiifbrudhi gelitten hat, es hat die-Symptome der an- < v; , - bfecheuden heuen ZeiLverstanden; Darum hat es Sonntag jüdischnational gewählt. * In beiden Bezirken, in welchen einigermaßen aussichtsreiche Kandidaturen ‘ aufgestellt worden waren,. im zweiten und neunten- Bezirk, wurden lüdischnationale Vertreter gewählt. Die liberalen Gegenkandidaten sind durcbgef allen und nur Dr. SchwaTZ-Hiller vermochte als Kandidat der „Vereinigten Demokraten“, allerdings — wie er selbst in der „N. Fr. Pr.“ gesteht — nur durch Anwendung von „exotischen, nicht landesüblichen“ Wahlpraktiiken durchzudringen. Man muß bedenken, daß diese Wahlen «keine ituterjüdischen Angelegenheiten sind, daß es sich nicht hur tun eine Auseinandersetzung zwischen Juden -.handelte, sondern-daß-die Gesamtheit der Juden eine kleine Minorität der Gesäintwählerschaft bildet, dann kann man ermessen, welche Leistung es ist, daß drei jüdische Mandatare gewählt wurden. Das jüdische Volk, dem man bis heute in diesem neuen Staate, der in die Fußstapfen des alten Oesterreich tritt, die Anerkennung seiner Nationalität versagt, hat so durch festen Willen und tatkräftiges Zusammenstehen eines der wichtigsten Postulate nationaler Autonomie bereits faktisch durchgesetzt: Es hat sich eigene Vertreter in den repräsentativen Körperschaften - gesichert Die jüdischen Vertreter im Gemeinderat werden einen schweren Stand haben. Sie stehen einem kompakten Block . von Sozialdemokraten und .Christlichsozialen, also der beiden koalierten antisemitischen Parteien, gegenüber Die Sozialdemokraten haben am 4. Mai die-Macht in der Gemeinde erobert und treten nun das schwer .belastete christlichsoziale Erbe ohne die Wohltat des Inventars an. Dep jüdischen, Forderungen gegenüber sfncT sie noch unduldsamer als die (Chauvinistischen Parteien. Die jüdischen Forderungen . bedeuten sicher nicht die Gefährdung der Wohlfahrt des Staates in wirtschaftlicher , und kultureller Beziehung: die Nationaliuden haben kein Kampfprogramm und verlangen nur. ihre eigenste, die jüdische. Domäne, fürsieb. Damit wird der deutsche Charakter von Stadt und Land wfeder gefährdet, noch einem Staatsinteresse Abbruch getan: im Gegenteil, es liegt auch im Interesse des Staates, daß die Juden mit aller Verantwortung auch die Macht über jüdische Dinge bekommen. Aber solche Gesichtspunkte kennt der beschränkte Horizont der deutschösterreichischen Sozialdemokratie nicht. Er kennt nur den egoistischen Parteistandpunkt, der den Verlust von ein paar Stimmen fürchtet. Die sozialistische Internationale hat auf ihrer soeben tagenden Konferenz in Amsterdam einstimmig die Resolution angenommen. die dem jüdischen Volke die nationale Heimstätte in Palästina und nationale Minderheitsrechte überall, wo sie leben und wohin sie ziehen, zuerkennt, dlfe deutschösterreichische Sozialdemokratie ist. soweit bisher. bekannt wurde, in Amsterdam nicht vertreten, aber sie hält sich auch nicht an den Beschluß. Sie versäumt keinen Anlaß, die jüdiscbnationale Partei, deren Ziele die Konferenz zu unterstützen erklärt hat. anzupöbeln und mit den unanständigsten Mitteln zu bekämpfen. Das eine verlorene Mandat in der Leopoldstadt, das gerechter jüdischer Besitzstand ist, ist ihnen wichtiger als alle Prinzipien. Sie konstruiert sich schlagfertig aus wahltaktischen Floskeln neue Programme und verletzt den primitivsten Grundsatz der Gerechtigkeit und Objektivität. Die jüdischnationalen Vertreter im Gemeinderat werden unbeirrt inmitten eines Meeres von Gegnerschaft standhälten. Sie haben eine Fülle von Aufgaben. Sie werden die Würde des jüdischen Volkes wahren und Kraft schöpfen aus dem Bewußtsein, daß hinter ihnen das ganze Volk steht wo immer auf der Welt es lebt und daß sie eine gute und gerechte Sache zu vertreten haben. lerPoale-Zion ..... Von Adolf Bp£un. Der Austritt der Poale-Zion aus dem Jüdischen Nationalnit für Deutschösterreich ist eines der wichtigsten Ereignisse In der nationaljüdischen Bewegung unseres. Landes. Sie ist erfolgt, weil sich die deutschösterreichische Partei auf ihrer Tagung vom 20. April zum Anschluß an die Kommunistische,. die „dritte“ — Internationale entschieden hat. Dieser Beschluß bat die Stellung der Partei zionistischen Gesamtorganisation, zu der zur zur nätionaljüdischen Landesörganisation und sozialistischen Organisation-hin verändert \ Uns bekümmert nur die Frage, wie sich das Verhältnis der Poale-Zion zur .zionistischen üesaratbewegung und zum Nationalrat gestaltet hat Diese beiden Körperschaften müssen notgedrungen zu der Schwenkung der Poale-Zion ihrerseits Stellung nehmen. In der zionistischen Weltorganisation bildeten die Poale-Zion einen eigenen Weltverband, der nur zum Kongreß Delegierte wählte, sonst aber selbständig handelte. Es. ist zweifellos, daß die Teile des Poale-Zion-Verbandes, die zum Kommunismus abgeschwenkt sind, auch dies nicht mehr tun werden. Damit schaltep sie sich selbst aus der Mitbestimmung der. zionistischen Angelegenheiten aus. Das ist ihre Sache, nur wirdmian nicht recht verstehen, was ihr „Zionismus“ dann noch bedeuten kann. Die zionistische Weltorganisation hat aber soeben den Führer der Zentrale des Weltverbandes der Poale-Zion, Saiomon Kaplansky, ins Aktionskomiteer\kooptiert, und er hat den Eintritt in diese „bourgeoise“ Körperschaft auch angenommen. Die zionistische Organisation wird darauf dringen müssen, daß darüber Klarheit geschaffen wird, wen er eigentlich vertritt. Denn nachdem durch das Abschwenken der russischen und' österreichischen Poale-Zion zum Kommunismus der Weltverband der Poafe- Zio» eigentlich gesprengt erscheint, diese Gruppen jedenfalls den Eintritt Kaplänsky's ins Aktionskomitee bekämpfen werden, so liegt eine höchst unklare Situation vor. Die zionistische Organisation-wird darauf bestehen müssen, daß ehest eine Verbandskonferenz der Poale-Zion eindeutig die Haltung der Partei gegenüber dem Zionismus festlegt, denn davon hängt es ab. ob ihrerseits ein Zusammenarbeiten miKdem Weltverband der Poale-Zion möglich ist oder nicht. Das Wiener zionistische Landeskomitee wird sicher darauf dringen, daß diese Klärung baldigst erfolge. Die zweite. Frage ist die der Folgen des Beschlusses der Poale-Zion auf die nationaljüdische Landesvertretung. Der Nationalrat ist gegründet worden, um. die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes in Dentschösterreich — des Volkes und keiner Einzelpartei — auf Anerkennung der Juden als Nation und Zuerkennung nationaler Minderheitsrecbte an diese durctizusetzen. Darin liegt nichts, was man als parteimäßig bestimmt bezeichnen könnte, 'tatsächlich sind in anderen Ländern die Poale-Zion nicht nur im Jüdischen Nationalrat verblieben, sondern sie stellen sogar mit den „Bürgerlichen“ gemeinsame Listen zu den Wahlen in die territorialen Vertretungskörper auf. Der Austritt der Poale-Zion aus dem Nationalrat für Deutscbösterreich bedeutet wahrscheinlich, daß im Falle eines Umsturzes die Partei Poale-Zion — diese verschwindend kleine Minorität im Nationaljudentum — die Herrschaft über das nationale Judentum an sich reißen will (wie dies ähnlich von den Poale-Zion in der Ukraina und in Rußland versucht wurde, welche die Kultusgemeinden zu enteignen versuchten). Ein solches Beginnen würde allen Begriffen wahrer Volksherrschaft und allen jüdischen Traditionen von Recht und Gerechtigkeit entgegen sein und bei den im jüdischen Nationalrat vereinigten jüdischen Gruppen Widerstand begegnen. Der Wille des jüdischen Volkes hat schon in der Ukraina sich gegen solche Versuche mit Erfolg aufgelehnt, er wird auch in Deutschösterreich sieb nicht minder entschieden zur Geltung bringen. ln jedem Fall: Ob es zum Umsturz kommt oder nicht, bedeutet der Austritt der Poale-Zion aus dem Nationalrat eine Schwächung der Position der üesamtjudenschaft in Bezug auf die Möglichkeit der Durchsetzung ihrer nationalen Forderungen in unserem Staate. Kommt es nicht zum Umsturz, so erscheint die nationaljüdische Front nicht mehr als einheitliche: Eine noch viel weiter gehende Schwächung erfährt aber die nationaljüdische Position durch den gleichzeitigen Austritt der Poale-Zion aus der zweiten sozialistischen Internationale. In dieser wurden soeben (auf dem Weltkongreß in Amsterdam) alle nätionaljüdischen und zionistischen Forderungen restlos anerkannt, was das Verdienst derjenigen poale-zionistischen Gruppen ist, die in der zweiten Internationale verblieben sind und die unter Führung von Kaplansky, Chasanowitsch, Locker u. a. in rastloser zäher Arbeit dies durchgesetzt haben. „Der.. Beschluß ihrer „Intenjaüqjjale .müßte auch föF die deutschösterreichische. Sozialdemokratie bindend sein, so unangenehm dies auch ihren assimilatorischen Führern wäre. Die deutschösterreichische Sozialdemokratie hat heute die Macht im Staate. Wer anders könnte sie leichter dazu bringen, die von ihrer Internationale beschlossene Anerkennung der nätionaljüdischen Forderungen nunmehr in dem von ihnen beherrschten Staate zur Tat zu machen, wenn nicht die jüdische Gruppe der Internationale! Und ansgerechnet in diesem Momente, wo die Sozialdemokratie in Oesterreich die Macht erringt und ihre Internationale die nationaljüdischen Forderungen akzeptiert — treten die Poale-Zion aus der Sozialdemokratie aus! Unermeßlicher Schade ist dadurch für die Durchsetzung der nationaljüdischen Forderungen hierzulande angerichtet worden. Dies konstatieren wir als Nationaljuden — die ja keine Ingerenz auf die Beschlüsse der Poale-Zion haben — mit größtem- Bedauern and man wird es uns nicht verdenken, wenn wir, denen die nationaiiüdischen Prinzipien die primären sind, jene Beschlüsse als einen schweren Schlag gegen den jüdischen Nationalismus atrsehen müssen. Man könnte nun die Hoffnung hegen, daß bei einem eventuellen Umsturz, für den hierzulande die Chancen allerdings geringer geworden zu., sein scheinen, durch die Tatsache, daß die Poale-Zion der dritten Internationale angehören, die Durchsetzung der nätionaljüdischen und zionistischen Forderungen gewährleistet sein würdet Leider wäre auch diese Hoffnung nach den Erfahrungen. die diesbezüglich in Rußland gemacht wurden, wo gleichfalls die Poale-Zion zu den Kommunisten abgeschwenkt sind, eine sehr wenig begründete. Zunächst ist es ganz aussichtslos, daß die dritter Internationale jemals die zionistischen Forderungen anerkennen könnte. Das folgt ganz eindeutig aus ihrer Gesellscbaitsauffassung, wie aus der programmatischen Fundierung des Zionismus seitens der Poale-Zion. Was zunächst die letztere anbelangt, so besteht sie bekanntlich darin, daß die „Exterritorialität der jüdischen Wirtschaft“ betont wird, der durch den Aufbau einer „territorialen" jüdischen Wirtschaft in Palästina abgeholfcn werden solL In einer kommunisierten Gesellschaft gibt es aber keine „Exterritorialität der jüdischen Wirtschaft“, sondern es gibt nur eine von der gesamten (einschließlich der jüdischen) Arbeiterschaft des betreffenden Landes organisierte Erzeugung und Verteilung der Güter. Die Forderung auf Schaffung eines speziell jüdischen Wirtschaftsterritoriums wird dann vollkommen sinnlos. Es ist daher begreiflich, wenn der bolschewistische Volkskommissär für jüdische Angelegenheiten in Rußland,