Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438727-2438745--6246-2446305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Xi II. Jahrgang — Nr 18. Nalional'j&difches Organ Redaktion imd Administration: m der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wie» II., Taborstraße I ■■ .. - gemapraeher Kr. 45-325 j Wa», Freitag, de» 2. *ai 1913 BezHQtpMs: Vierteljährig 6 X gaszj. 24 K, Einzelnummer 50 h?ostsparkaaaenkonto 133.404 T Jüdische Wähler und Wählerinnen Wiens! Wählet im II., VI., VII., IX., XX. Bezirk am 4. Mai Der Geist des. Ghetto stirbt nidit Wenn das jüdische Volk bei Wahlen in «ne öffentliche Körperschaft in den Wahlkampf einiritt, so ist dias mit der Wahlbewegung anderer Völker oder Parteien nicht zu vergleich«!. Während das Ziel anderer Parteien immer darauf gerichtet ist, durch mögKchst viel Mandate eine möglichst große Macht zu bekommen und dadurch seine Forderungen durchzusetzen, wissen die Juden von vornherein, daß sie immer nur, Minorität bleiben und daß sie durch ihre Vertreter keinerlei Macht oder Gewaltpolitik gegenüber der .übrigen Bevölkerung durchzusetzem haben. Jüdische Vertreter haben eine ganz andere Aufgabe. Säe steben vor der bitteren Notwendigkeit, schützet! und gegen Uebergriffc zu veroeäägen. Sie haben die Aufgabe, unerschrocken und unermüdlich die -Ehre und die Rechte ihrer Volksgenossen. gegen übermütige Angriffe und Verständnislosigkeit zu schützen. Sie haben die Aufgabe, vor' aller Weh durch Wort und Arbeit darzutun, daß die Juden die Achtung .ihrer hi- ' sterischen Eigenart fördern, ohnedarum in ihren Freiheiten^ irgendwie eingeschränkt werden zu dürfen,- daß nur auf der Basis dieser Achtung •eine Lösung der von .allen. Teilen als unfehBich empfundenen Judenfrgge herbeigeführt wierden - kann. Die jüdischen Vertreter kämpfen für die primitivsten und elementarsten. Rechte ihres. -Volkes, die bis heute nicht anerkannt worden sind. Wenn irgend ehe Politik, so Ist diese jüdische Politik -durch ihr Wesen geheiligt. Niemate war Polräfc so sehr entfernt von einseitiger persönlicher Ruhmsucht oder Machtgier. In der heutigen Lage des jüdischen Vcfflees kann es kein Interesse gehen, das für den Juden höher. steht als das jüdische. - Bevor sich das Judentum nicht die.Achtung und die Anerkennung seiner Rechte erzwungen hat, äst jeder Jüde gleichsam persönlich deklassiert. Wir empfinden mit Empörung, daß man das Judentum zu einem Makd gestempelt hat und wir sehen , mit tiefer Scham, daß (fiese Anschauung sich in die Herzen der Juden selbst eingefressen hat. Beinahe das ganze vergangene Jahrhundert waren die Juden von dem Gedanken beherrscht, daß das Judentum eine Minderwertigkeit 'ist und daß man es als ein Uebel hämehmen, womöglich verstecken, so schnell als tunlich aber durch die Anpassung ' an die maßlos bewunderte . Kultur der anderen Völker überwinden müsse. "Die Politik der liberalen Aera gipfelte denn auch- 1 in; dem Bestreben, - das Judentum möglichst geheimzuhalten, Inder Öeffentüchkeit peinlich zu. verleugnen, und mit; ängstlicher Gebärde immerfort überlaut, zu be~ , tönen, daß.wsr gleich'aufgeklärt, gebadet und ■ fortgeschritten sind wie .die: anderen. Durch (fieses iämerlicbe Verhalten eines veischüchter- ‘ teil,:‘in. seiner Selbstachtung geknickten Volkes; wunde natürlich bei den anderen Völkern 'der Eindruck der von den Juden selbst zugestandenen Minderwertigkeit des Judentums nur noch verstärkt Es ist das traurigste Kapitel der jüdischen Geschichte. Erst®nie jüdisch-nationale Idee hat die jüdische Würde wieder aufgerichtet Erst sie vermochte den Juden aus der Umnebelung durch den maßlosen Fremdenkult zu sich selbst zurückzuführeni ihm wieder Charakter und Selbstbewußtsein zu geben, gleichzeitig aber zeigte säe ihm auch die tiefe Schmach, ans der sein Volk zu erlösen seine Aufgabe ist Die jüdischnationale Bewegung mußte daher sofort in schärfsten Gegensatz zu der bisherigen jüdischen Politik treten. Sie erkannte aber auch die Wahrheit, daß durch das Versteckenspielen niemals die jüdische Frage gelöst Werden kann, nicht einmal in; der Richtung, weiche die liberalen Juden ersehnten,^ Und gleichzeitig hat! die Er- -iahrung bewiesen, daß der Antisemitismus als Frucht der liberalen Politik stärker geworden ist als je zuvor. Die jüdisch-nationale Politik hat daher als ihr oberstes Gesetz das ehrliche und\ offene Bekenntnis zum Judentum, als ihres -erste . - Aufae^i'Ste- SanMjäaig^des entartetj^pafechep- GemefaSchaftslebei^ rusjinre 'böstewafte das Hinaustreten in die volle QeffehtKchkeit erkannt. Sie hat sieb aus der Aengstiichkeit und der Enge des Ghetto freigemacht und kann frei nnd unbefangen auf -Basis der Gleichheit einen Weg zu den anderen Völkern finden. Aber der Geist des Ghetto stirbt nicht. Immer wieder, bei allen politischen delegenheiten. hebt er sein verrunzeltes Haupt und bietet der Wplt das klägliche und beschämende Schauspiel jüdischer Würdelosigkeit.. In Wien ist eine der fruchtbarsten Brutstätten dieses Geistes, die israelitische Urnoo. In dieser Union haben sieb unbeBreäfix&erweiise Israeliten; zusammengefunde% um ihr Judentum irgendwie zu verstecken und verschwinden zu machen, denn sie halten seine Betonung für eine Gefahr. Aber sie bedenken nicht, daß. um unbemerkt zu bleiben, man viel lieber allem bleibt, :<la jedes Zusammentun und jede Organisation auf jüdischer Basis das Verstecken des Judentums erschwert Wir haben hier das groteskeste Paradox unserer jüdischen Gegenwart; allenthalben organisieren sich Juden, um -als Juden zu verschwinden. In Wien gibt es die ’ „Israelitische Unten*': in Prag gibt es den „Verband tschechischer- Juden“, in Budapest gibt es den „Verband ungarischer Juden“, in Deutschland den „Zentralverein“ osw. Alle diese Vereine schreien fortwährend in die Welt, daß die Juden der deutschen, tschechischen, magyarischen usw. Nation angeboren- Am lächerlichsten hat sich diese PoEtik in den letzten Monaten g ^t- -.wo manche Gebiete plötzlich die Staai. ^, .... tjteif~ wechselten und blitzsahnell aus dem Israeliten, der noch vor kurzem zur magyarischen oder deutschen Nation ge- ’ schworen I hat, ein eingefleischter S’owak oder Franzose wurde. Der Sekretär der „Union** hat . in seiner. Monatsschrift unlängst versöhnliche, - wohlwollende Worte für die jüdisch-nationale Politik gefunden. Er ist aber sehr im Irrtum, wenn _er_mem^_daB_«n_ Ausgleich jemals ge^ schaffen. werde» kaum,- Partei«! können Kompromisse schließen, Weltanschauungen niemals. Der jüdische NationaBsmus kann, wem* er sich nicht selbst auigeben will, niemals onfhören, den . Geist des Ghetto zu; bekämpfen,. den Ausrottnngsfcrieg gegen ihn-zu führen. , Eine würdige Großtat hat die „Union“ anläßlich der Wiener Gememderatswahlen vollbracht Sie hat, ein Flugblatt an die Wähler des 9. Bezirkes verschickt in dem sie zur .Wahl des Baumeisters Melcher auffordert Das Ist ihr gutes Recht, wofern es überhaupt noch Wähler gibt, die sich von der „Union“ beraten lassen*, Aber sie hat diesen Anlaß wieder mit einem;/ dreisten und verleumderischen Angriff auf dBe jüdisch-nationale Partei verbunden, der so recht jenen jämmerlichen Geist der zusammsngebrochenen Ghettopolitik atmet Es verlohn* sich nicht gegen dieses Flugblatt zu polemisieren. Jeder halbwegs urteilsfähige Empfänger wird wohl-selbst gewußt haben, was er damit anfangen soB. Aber es ist wirklich erstaunlich, daß man heute noch wagen darf, einer Partei, die als einzige auf ein jüdisches Programm kan- ' didierr, ..überlaute Betonung des Judentums“ zum; Vorwurf zu machen, sie anzugreaen weit sie — -mau höre und .entsetze, sich. — „verdiente -Mandatwerber gefährdet“ und. überdies wieder das alle Mäfcfien’ 'töte Juden« verlaugten irgend welche Sonderrechte, welche die : politische oder wirtschaftliche Stellung gefährden könnten Als ob die politische und wirtschaftliche Stellung nicht auch bei der unumschränkten Herrschaft der „Union“pofitiker am schwersten beeinträchtigt gewesen wäre. Dieser Vorwurf steht auf einer Stufe mit dem Vorwurf des der „Union“ geistesverwandten Karlsbader Rabbiners Dr. Ziegler, der jüngst in der Zeitschrift „Der Friede“ behauptet hat, die Nationaljtuten wollen die Judikatur des Talmud und Schulcbam aruch wieder herstelten. Aus dem ganzen Pamphlet der „Union** spricht nichts als . die Angst, man könnte vor der Oeffentiichfceit des Judentums geziehen werden. Ste empfiehlt den jüdischen Wählern , daher, sie mögen den , Architekten wählen, der „eine Autorität auf dem . Gebiete des Bauwesens“ sei, nicht aber den Kandidaten, der aut ein jüdisches Programm kandidiert und seine Arbeit in erster Linie jüdischen Interessen widmen wfirdL Zu aßen Zeiten sind sie. gegen tms aufgestaiKfern, die Feinde von außen und von innen. Die Judenschaft aber ist reifer geworden und ha* auch Erfahrungen gesammelt Ehe Wahrheit der jüdisch-nationalen Idee setzt sich mit elementarer Gewalt durch. Der 4. Mai wird beweiset^ da« auch die Wiener Juden viel gelernt haben, daß sie in dieser ernsten Stunde nicht gewillt sind; sich zum lächerlichen Objekt des Spottes zu machen. Die .Juden, welche den Geist! der Zeit verstehen und welche auf sich selbst etwas halten, die werden am 4 Mai jüdisch-national wählen Die Wahlen Die jüdischnationalen Listenführer in Wien f. Landtag. Nordost. Dr. Isidor Scfealit, Zahnarzt IX.. Wäbringerstraße 3. IX. Bezirk. 1. Dr. Bruno Po Hack. Fabrikant HL. Heumarkt 39. II. Gemeinderat H. Bezirk. Dr. Jakob Ehrlich. Rechtsanwalt. I.. Helferstorierstraße 9. VI. Bezirk. I. Adolf Böhm. Kaufmann. XVI.. WübeJmincBstraße 2S.