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Jüdische Zeitung · 1919-04-18 · 16 (18.4.1919) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG iai fil /m Das Lied ♦♦<»■ . S»Id ihr einmal Nachts durch die Gärten gegangen und habt ein hebräisches Lied von. einem Dach* herüberschweben hören? Nicht aber ein Lied meine ich, dessen Worte nur hebräisch sind, sondern ein wirkliches jüdisches Lied. Wenn ihr da* nicht gehört habt,, dann schweigt, wenn von wunderbaren Dingen gesprochen wird. Lin hebräisches Lied ist wie eine ausgesternte Wüstennacht, wie singende Sanawirbel itn Mändticht, wie ' rasende Sehnsucht, wie schmerzzerrissene, aufopfernde Liebe, wie zum Himmel lispelnde Palme, Hoffnung, Tod, Erkenntnis, Erde, Land, sandige, fruchtbare Erde. Ein Lied, ich weiß nicht, wie es heißt, erinnere mich nicht seiner Worte, nicht seiner Töne, folgt mir durch alle Welt.. Alle Sehnsucht nach dem Osten rast durch mich, wenn es mein Fühlen durchschwingt, keucht Blut. aus meinem. Herzen in den Kopf und wirft einen Schrei, in mir hoch, der wie ungeheure Flamme schwillt Aus-diesem Liede wird einmal ein Ruf durch die Welt sich schwingen, furchtbarer denn die Posaunen von Jericho, blutzerbrechend, Schrei, der nichts von den Hirnpn will, sondern, das Letzte aus den Herzen, die harte; hingehende und hassende Liebe. Dann werden wir uns wieder der aufgehenäen Sonne zuwenden. Dann werden wir gehen, woher wir kamen. Unsere Herzen werden nach dem Osten gehen und unsere Lehre wird wieder aufstehen unter den Lehren des Ostens. Geht durch die Gassen Jerusalems, vielleicht hört ihr das LieiL Doch schwört, ehe ihr geht, 'ihr. die ihr mein Blut tragt, daß ihr dem Liede folgen werdet, wohin es euch führt, denn wie in der. Wölke schwebt Gott in dem Liede vor •ach her. Eugen Hoeflieh. (Auseinem in Vorbereitung befindlichen Buche.) - Von S., j. Agnon.*) < Als. J echiel-Michal, der Schuldiener, . mit gebier heiligen Arbeit fertig war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu’ sehoh. ■ war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun könnte auch er etwas von der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie jeder Mann in. Israel. . - , Aber als er so stand und die Tür des Beth- Hämidrasch verschloß — über ihm leuchtete, das Licht dieses Abends — da erfaßte ihn eine leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu: zittern. Und J echiel-Michal versuchte das Schloß,. sperrte auf und zu, zu und ■ auf, um■ zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel in die Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Dehn er hatte sich erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam w(ürde.er in seihen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen; und so wie vorm Jahre würde er in der Hägadah lesen,' deren Blätter von Wein befleckt sind -— der. Wein aber war an jenem Peßachabend aus seinem Becher-getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würde halbgare Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist! Zwar hatten ihn viele wohlhabende und angesehene Leute eingeladen, an den Peßachabenden zum Seder bei ihnen zu bleiben. Seit Schuschan- Purim, dem -Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt; „Wie kann nur ein Jude am Festtag •Insam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel- Michal, daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht, haben; trotzdem aber rolltet Ihr die Treude ^unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie, ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn . Trauer ein, Gott bewahre uns vor ihr! Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Chamez. Und , Chamez am Peßach: davor.beschütze uns Gott!“ Nicht so aber war es mit Jechiel-Michal. Er ist ja nurein Schuldiener, ein einfacher Schuldiener, macht Botengänge für Fremde: aber doch ist er ein-Mam^ in Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er an •) Wir entnehmen die nachfolgende Erzählung dem 1914 von Hugo Herrmann im „Jüdischen Verlag“, Berlin, herausgegebenen Pessach- Buch, „Chad Gadja'VAgnon Ist einer der. bedeutendsten Dichter ans der jüngeren Generation der hebräischen Literatur. Jüngst" erschien im „Jüdischen Verlag“ in deutscher Uebersetzung seine Erzählung „Und das Krumme wird gerade . . .“ einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude, und auch er war unter denen, die aus-Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß Gott, stammt sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten hängte. Nur aber — die Hausfrau fehlte ihm. Den ganzen Tag ist er im Dienste der Gemeinde beschäftigt, heizt den Ofen im Bethiiamidrasch, zündet die Kerzen an und ordnet die Bücher: so geht der Tag vorüber und die Nacht kommt. Und "am Abend, wenn-er heimgeht, hungert ihn, ehe er sich etwas zum Abendbrot gekocht hat; denn er hat den ganzen Tag nichts gegessen, außer trockenen Dingen — höchstens einen Apfel. Und ein Jude soll ja jeden Tag etwas Gekochtes essen! Aber ehe er sich ein Gericht bereitet hat, vergeht ihm die Eßlust, und er ißt niemals mit Behagen. So grübelte er im Gehen und litt darunter. Denn es ist ja ein gottgefälliges Werk, am Peßach, dem Feste der Befreiung, froh zu sein. Und er wußte, daß der Böse all diese Bitternisse über ihn gebrächt hatte, nur um ihn in Traurigkeit zu versetzen. Und Jechiel-Michal spie aus, als ob — . Gott bewahre! — ein Stäubchen Chamez in seinen Mund gekommen wäre und er es ausspucken wollte, noch während er es im Munde hatte. Es war so. Die Hausfrau fehlte ihm, die Hausfrau. Und als er zu diesem Schluß gekommen war, nahm er die Schlüssel fest in die Hand und schritt rasch dahin, wie der Königssohn, der auf den Palast zueilt, wo seine Braut, die ailerschönste Prinzessin, ihn erwartet. Auf einmal aber öffnete sich vor ihm ein Fenster. und: er hörte die Stimme einer Frau: „Guten Abend, Reb Jechiel-Michal!“ und er erwiderte: „Guten Abend, Sara-Lea!“ Er dachte, sie wolle ihn nach dem Jahrzeittage ihres Mannes fragen. So blieb er ihr gegenüber selten. Unmerklich aber gerieten sie . ins Plaudern. Sie erzählte ihm. wie schwer das Peßachfest für sie sei'. Sie habe ja zwar alle Vorbereitungen getroffen, es fehle nichts; aber schließlich sei sie ja doch bloß eine Frau. Sie besitze ja alles, was zur richtigen Feier des Seder gehöre; jetzt aber sei sie doch genötigt, sich an Fremde zu wenden. Und doch sei es genug, wenn sie das ganze Jahr ihre Nachbarn bemühe, .wenn sie zu ihnen komme, um von ihnen, in ihren Häusern, Kiddusch und Hawdalah zu hören. „Ich bitte Euch“, begann Jechiel-Michal, „es ist doch eine Mizwah, eine gottgefällige Handlung, es ist eine verdienstliche Tat um Lebende und Tote.“ „Ach,“ sagte Sara-Lea, „Mizwah! Glaubt Ihr, solche fromme Handlungen seien so leicht? Ein Jude steckt den ganzen Winter über in seiner Arbeit, sieht Frau und Kinder keinen Augenblick; da kommt Peßach, da kommt ein bißchen Ruhe und Muße, da will er beisammensitzeri mit Frau und Kind; niemand stört ihn — und plötzlich, am Seder, überfällt ihn eine elende Witwe. Gott bewahre mich davor, mit den Lippen zu sündigen r~ über was soll ich sagen? Die Zeiten sind schlecht geworden, eine Schwäche ist über die 'Weit gekommen. Früher, in der alten Zeit . .". 0, in der alten Zeit brachte ein Jude viele Gäste mit heim, gab ihnen zu essen und zu trinken und niemandem wäre es eingefallen zu sagen: J£s wird uns zu eng hier/ Bei meinem seligen Vater war immer eine ganze Gemeinde zum Sederabend. Und hat denn in meinem Hause je ein Gast zum Sederäbend gefehlt? Mein seliger Mann ist nie ohne einen Gast aus dem Beth-Hamidrasch heimgekommen.' Und was fehlt mir jetzt? Wein ist, Gott sei Dank, da, sogar ein Becher mehr als nötig, Mazzoth und sogar Mazzah-Sch'murah, Fleisch und Charoßeth genug für alle Gottesfürchtigen. Was fehlt mir aber? Einen Truthahn habe ich •für Peßach geschlachtet, die Flügel hingen ihm vor Fett zu Boden. Seit Purim schon sagten die Leute: „Sara-Lea, bindet ihn um Gott nicht an einen Fuß Eures Bettes; wer weiß sonst, wohin Euch. dieser Hahn verschleppt?“ Aber was fehlt mir? Ein Maiin m IsraeL Ja, wenn die Frau im Hause ihres Mannes ist .-. .1 Aber mein seliger Mann sitzt in der himmlischen Wonne und genießt die Herrlichkeit Gottes; ich dagegen muß mich von Sabbath zu Sabbath. von Ort zu Ort drücken, nur um ein Jüdisches Wort zu hören. Ich dachte daran, den Schulleiter zu ersuchen, er möchte mir einen guten Schüler besorgen, der bei mir zu Hause den Seder gäbe —aber ich bin doch nur eine Frau, eine elende Witwe: wie könnte ich so etwas verlangen?“ Bei diesen Worten Sara-Leas seufzte Jechiel- Michal und zitierte aus dem Talmud: „Besser ist‘s, es sitzen zwei beisammen als eine Witwe sitzt allein.“ , Und obgleich diese Worte aramäisch gesprochen wurden, in einer Sprache, die Sara-Lea nicht verstand, fühlte sie sich doch erleichtert; denn sie wußte, daß ] Jechiel-Michal in seinem Herzen nicht böse von ihr dachte. Sie las ihm ]a die gute Gesinnung aus den Augen. Und auch, sie seufzte, sah ihn mit freundlichem Gesichte an und sagte in beistimmendem Tone: „Alles ist da; aber wenn der Hausherr fehlt, was hilft darin alles übrige?“ . Und nach einem zweiten Seufzer fuhr sie fort: „Ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb ich hier bin. Meine Kinder habe' ich aufgezogen, sie sind groß geworden und haben mich verlassen. Einer ist in Amerika, einer in Argentinien, und ich bin allein geblieben. Einsam und allein, len wollt» nach Erez-lsrael gehen, dort ist man nicht s» verlassen und verloren. Aber immer wieder: wi» kann eine. alleinstehende Frau an einen Ort ziehen, wo man sie nicht kennt, wie kamt sie ta *te fremdes Haus treten?" Jechiel-Michal war voll Mitleid; er drehte seine rechte Schläfenlocke und sprach ihr begütigend zu. „Ist denn mein Schicksal besser als das Eure, Sara-Lea? ihr seid, Gott sei Dank, geschmückt wie eine Braut und eßt gute Speise«; ich aber bin verbannt und traurig, wie ein Witwer eben isL Ja, so ist es auf. dieser Weit! Ein Jud» — ach, wir haben auf dieser Welt nichts als Gottes Gunst. Aber man soll am Feiertag triebt traurig sein!“ Während er sich aber trösten wollte;, ktu» ihn ein Erbarmen über sich selber an. und er sprach: „Was ist denn em. Mann Großes? ich danke alle Tage Gott, daß er mich nicht als Frau geschaffen hat; ich weiß genau, wie der Soder zu machen ist; aber geht nun in eine ungetünchta Wohnung ohne Festtagsstimmung, in ein Zimmer, erfüllt mit Alltag! Wärmt Euch halbgargekocht» Gerichte an und setzt Euch wie ein König auf das zerbrochene Bett! O Sara-Lea, nicht umsonst sagt der Jalkut: Alle Leiden sind schwer, aber Armut ist schwerer als alles andere. All* Leiden kommen und gehen; gehen sie aber, &• wird alles wieder, wie es zuvor gewesen. Nur die Leiden der Annut verdunkeln die Augen des Menschen.' Glaubt nicht . etwa, daß ich. auch kränke, weil ich am Stolze keinen Teil habe. Gott bewahre mich! Ich sage dies nur. um Euch zu erwidern, die Ihr klagt, daß Ihr eine Frau seid. Ja, noch mehr: in diesem Winter habe ich mich erkältet und mein Hals schmerzt mich. Was soll ich da noch sagen?“ . Als Sara-Lea dies hörte, sagte sie: „ihr solltet doch -lieber ins Zimmer treten. Zwar ist der Winter vorbei und die Kälte, zu Endet aber man kann sich noch immer leicht eine Krankheit zuziehen.“ ihre Worte feuchteten ihm ein, er verkroch sich tief in sein dickes Halstuch and folgte ihr dann in ihre Stabe. Da sah er: die Wände waren nach Vorschrift getüncht, der Lehmböden war rein und braun, aus jedem Winkel blinkte der Feiertag. Ueber allem lag die heilige Ruhe, die am Peßach geboten ist Da kam das Wort über ihn und er pries ihr Haus: „Ach, wie schön ist die Stelle, wo die Hände einer Frau geruht haben!“ Sogleich nahm sie eilends die Tischdecke ab und lieh alles sehen, was dort stand. Lauterer Wein, Mazak, Eiermazah, Petersilie Eier, ein Flügel; ein» Schüssel voll Fleisch und viele köstliche Leckerbissen. Und sie sprach: „Solch ein Seder — uni wozu? Ich nehme doch alles fort und bring« die Sachen einem Nachbarn ins Haus. Ich hin doch nur eine Frau. Man vergißt schwer, daß aiaa einmal eine Hausfrau war. So sagte ich mir: Ich will mir für ein Weilchen einen Seder mache», als ob ein Hausherr da wäre und man den Seder zu Hause hielte, wie bet jedem Manne ta Israel" Jechiel-Michal wurde ganz warm und «r wollte etwas sagen. Aber da befiel ihn ein schweres Husten und Räuspern, so daß Sara-Lea ihs ganz erschrocken ansah und ihn mahnte: „Reb Jechiel-Michal, eßt nur heute um Gottes willen nicht zuviel bittere Kräuter! Ihr hustet ja, Ihr hustet! Ein bißchen Tee mit viel Zucker würde Euch guttun. . Wer wird Euch denn au Haus» etwas Warmes vorbereiten?“ Sara-Lea schwieg und seufzte. Auch Jechiel- Michal seufzte und dann seufzten noch einmal beide zugleich. Dann fragte sie: „Vielleicht bleibt Ihr ei* Weilchen hier, Reb Jechiel-Michal. and ich bereit» Euch einen wannen Schluck, ein Glas? — Ach, ich vergesse ja, daß heute Feiertagist, daß m«a zuerst1 Kiddusch machen muß, -Seder mache» muß . . . Wollt Ihr vielleicht hier den Seder machen?“ Und wie der höhere Wille aus der innere» Stimme zum Worte ward, wiederholte sie: „Wahrhaftig, wollt Ihr den Seder hier machen?“ Jechiel-Michal scharrte hin und her und sah doch überall die Herzensgute der Frau; er könnt* sich nicht losreißen. Ihm war, als wären all» seine Glieder an dem Orte festgewurzelt, wo er saß. Er verlor die Empfindung seiner Hände und seiner Füße und seine Lippen verschluckten di» Antwort. Während er aber noch nach Worten rang, nahm Sara-Lea eine Unmenge von Kissen, Polstern und schönen weißen Decken, die sie zu -Ehren des Peßachfestes gewaschen und geplättet .hatte. Damit bereitete sie ein Hessebett, wie in der alten Zeit. Und Jechiel-Michal nahm, ohne Absicht und ohne sich zu besinnen, die Schlüssel und legte sie hin; dann blickte er* die weißen Kissen an, als ob die Gottesherrlichkeit selbst darüber ruhte. Dann stand er auf und wechselt» den Platz, von einem Stahl zum andern, bis «r an das Hessebett kam; er setzt«r steh ob»» a»

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